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Full text of "W. Wundt, seine Philosophie und Psychologie"

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Fromm anns Klassiker der Philosophie 

herausgegeben 

von 

Richard Falckenberg 

Dr. u. 0. Professor der Philosophie an der Universität Erlangen. 
C G) 7o\ to ) 



XIII. 



W. Wundt 



Edmund König. 



Digitized by the Internet Archive 

in 2010 witii funding from 

University of Ottawa 



littp://www.arcliive.org/details/wwundtseinepliiloOOkn 




-/ . (J/J >^Pr-rr 



W. Wundt. 



Seine Philosophie und Psychologie. 



Vou 



Edmund König. 



Mit Bildnis. 



STUTTGART 
FR. FROMM ANNS VP]RLAG (E. HAUFF) 

1J)01. 



B 

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Vorwort. 



Wir haben uns im folgenden auf die zusammenfassende 
Darstellung der Wundtschen Philosophie und Psychologie 
und die Hervorhebung ihrer leitenden Ideen beschränkt. 
Für die objektive Kritik eines Systems kann immer erst 
der Fortgang der Wissenschaft selbst den richtigen Mafsstab 
liefern. Im vorliegenden Falle hätten daher kritische 
Urteile nur den Wert subjektiver Meinungsäufserungen 
gehabt, oder die Kritik hätte sich zu einer Erörterung fast 
aller schwebenden philosophischen und psychologischen 
Fragen erweitern müssen, wovon innerhalb der unserer 
Arbeit gezogenen Grrenzen keine Rede sein konnte. 

Bei den (Jitaten wolle man die folgenden Abkürzungen 
beachten : 

S. = System der Philosophie, 2. Aufl., Leipz. 1897. 
L. = Logik, 2. AuH., Stuttgart 1(S93 95. 
E.=^ Ethik, 2. Aufl., Stuttgart 1892. 
Ph. Ps. = Grundzüge derphysiolog. Psychologie, 4. Aufl., 
Leipz. 1898. 
Gr. := Grundriss der I'sychologie, H. Auti., Leipz. 
1898. 
M. T. = Vorlesungen über die Menschen- und Tier- 

seele, 2. Aufl., Hanib. 1892. 
N. R. = Über naiven und kritischen Ixealismus, 
Philos. Studien Bd. 12. 



K. = Was soll uns Kant nicht sein ? Philoe. 

Studien Bd. 7. 
P. C. = Über psychische Kausalität u. s. ^\^ Philos. 

Studien Bd. 10. 
D. = Über die Definition der Psychologie. Philos. 

Studien Bd. 12. 

Sondershausen. 

Gdmund König, 



Inhalt. 



Seite. 



Wimdts philosophische SteJliiiig im all- 
Wiindts wissenschaftlicher Entwickehings 



Erstes Kapitel. 

gemeinen 
Zweites Kapitel 

gang 

Drittes Kapitel. Die Theorie des Erkennens 

1. Vorstellung und Gegenstand .... 

2. Erfahrung und Denken, Aposteriori und Apriori 

3. Die Genesis der Erfahrungsbegriffe 
Viertes Kapitel. Die Prinzipien der Naturwissenschaft 

1. Materie und Kraft 

•2. Die physikalischen Axiome .... 

3. Die physikalischen Hypothesen 

4. Der Zweckbegriff in der Naturwissenschaft . 
Fünftes Kapitel. Die Prinzipien der Psychologie 

1. Allgemeines 

2. Das Objekt der Psychologie 

3. Der Begriff' der Seele 

4. Die psychische Kausalität 

5. Der Voluntarismus . 

6. Der psychophysische Parallelismus 
Sechstes Kapitel. Die Ergebnisse der Psychologie 

1. Die psychologischen Beziehuugsgesetze . 

2. Die Apperzeption 

3. Das Wollen 

4. Die abnormen Seelenzustände, das tierische und kindlicl 
Seeleuleben 

Siebentes Kapitel. Die Prinzipien der Geisteswissenschaften 

1. Gegenstand und Aufgabe der Geisteswissenschaften 

2. Die gegensätzlichen Richtungen innerhalb der einzelnen 
Geisteswissenschaften 

3. Der Begriff des Gesetzes in den Geisteswissenschaften 



21 

50 

50 

58 

65 

74 

74 

79 

84 

87 

92 

92 

95 

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103 

107 

110 

120 

120 

127 

134 

141 
145 
145 

150 
156 



Achtes Kapitel. Die Metaphysik . 

1. Das Wesen der Vernunfterkenntnis 

2. Die kosmologischen Ideen 

3. Die psychologischen Ideen 

4. Die ontologischen Ideen 

5. Die religiösen Ideen . 
Neuntes Kapitel. Die Ethik 

1. Die Grundlagen der Ethik 

2. Die sittlichen Zwecke 

3. Die sittlichen Motive 



Seite. 
161 
161 
164 
165 
171 
185 
189 
189 
198 
204 



-0-<5«Sk5— O- 



Erstes Kapitel. 

Wundts philosophische Stellung im 
allgemeinen. 

Wie oft auch über die innere Zerfahrenheit unseres Zeit- 
alters geklagt werden möge, so tritt doch, wenn man den 
Blick nicht am Einzelnen haften lässt, in den geistigen 
Strömungen und Bestrebungen der ganzen zweiten Hälfte 
unseres Jahrhunderts ein einheitlicher Grrundzug deutlich 
hervor. Hatte in dem vorangehenden Hall)jahrhundert ein 
hochfliegender Idealismus die Gemüter beherrscht, so beginnt 
mit den fünfziger Jahren ein entschieden realistischer Geist 
auf allen Gebieten sich geltend zu machen, unter dessen 
überwiegender Einwirkung wir auch heute noch stehen. 

Nicht mehr die „Idee'', sondern die „Thatsache'' wird 
jetzt am hiichsten gewertet. Der Glaube, dass unser Denken 
die Kraft habe, das innerste Wesen der Dinge zu erfassen 
und so von einem Punkte aus die ganze Mannigfaltigkeit 
ihrer Eigenschaften und Erscheinungsweisen als ein System 
notwendig verknüpfter Bestimmungen zu überblicken, ist 
geschwunden; damit aber ergiebt sich von selbst füi- die 
Wissenschaft die Aufgabe, vor allem nach eijier möglichst 
genauen und umfassenden Kenntnis der äussern Eigen- 
schaften und Bezii^hungen der Dinge zu streben, um sodaiui 
erst zu versuchen, wie weit sich die einzehum Thatsachen 
in einen einheitliclum Zusammenhang bringen hissen. Also 
nicht die Spekulation, sondern die Erfahrung ist die ( Grund- 
lage der Erkenntnis, und ihre Methode nicht die Deduktion, 
sornh'rn die Induktion. Wenn man dahci- das ffanze 19. 
.lahrhundert gern das naturwissenscliaftliche nennt, so trifft 
<loch diese Bezeichnung vorzugsweise für seine zweite Hälfte 



10 Erstes Kapitel 

zu. Nicht sowohl wegen der Menge und der Bedeutung 
der in diesen Zeitraum fallenden naturwissenschaftlichen 
Entdeckungen oder wegen des Torzugsweisen Betriebes der 
naturwissenschaftlichen Forschungen, sondern wegen der 
fast unbestrittenen Alleinherrschaft der naturwissenschaft- 
lichen Forschungs- und Denkweise; und zwar sind es 
weniger die Prinzipien und Methoden der theoretischen 
(rationellen), als die der empirischen Naturwissenschaften, 
die die Richtung des Zeitgeistes bestimmen. Um die Fehler 
der idealistischen Periode zu vermeiden, will man den 
Wissenschaften eine möglichst umfassende empirische Grund- 
lage geben. Daher gilt das Sammeln von Thatsachen für 
wichtiger, als ihre theoretische Bearbeitung, die Beschreibung 
und Zergliederung der Erscheinungen für wichtiger, als ihre 
Erklärung, die ganze Forschung geht mehr in die Breite, 
als in die Tiefe. Eine grosse Zahl neuer, teilweise eng be- 
grenzter Disziplinen scheidet sieh von den traditionellen 
Hauptfächern ab, es entwickelt sich jenes Spezialistentum, 
dem über der Beschäftigung mit einem kleinen Ausschnitte 
der Wirklichkeit der Blick für das Ganze und die grossen 
Zusammenhänge vollständig verloren gegangen ist. Der 
gleiche Umschwung der Anschauungen ist auf dem prak- 
tischen Gebiete zu beobachten. Das Yerfahren, welches die 
Menschen und Dinge an einem idealen, von vornherein 
feststehenden Mafsstabe niisst, wird verworfen ; nicht was 
sein und geschehen sollte, sondern was wirklich ist und 
geschieht, soll vor allem festgestellt und die so gewonnene 
Hinsicht in die Bedingungen und Gesetze des menschlichen 
Daseins zur Richtschnur unseres Handelns im privaten und 
(iffentlichen Leben gemacht werden. So tritt an Stelle der 
idealistisch-doktrinären Auffassung der praktischen Auf- 
gaben, die allein die letzten und höchsten Ziele im Auge 
hat, die realistisch-technische, der es um die thatsächliche 
Beherrschung der Verhältnisse zu thun ist, und die freilich 
über der Beschäftigung mit den Mitteln nur nllznioieht ver- 
gisst, dass es Endzwecke geben muss. 



Wuudts philosophische Stellung iin allgeiiieiueii 1 ] 

In dem Schicksale der Philosophie kommt, wie immev. 
so auch im vorliegenden Falle, der Wechsel des Zeitgeistes 
zum deutlichsten Ausdruck. In der That sehen wir die 
-Königin der Wissenschaften", die länger als ein halbes 
Jahrhundert hindurch im Mittelpunkte des allgemeinen 
Interesses gestanden hatte, seit den fünfziger Jahren der 
Yernachlässigung, ja der ausgesprochenen Missachtung ver- 
fallen. Die an sich nicht geringe Zahl von Schellingianern 
und Hegelianern, die sich noch auf den philosophischen Lehr- 
stühlen der Hochschulen befand, übte auf die Zeitgenossen 
keinen nennenswerten Einfiuss aus ; die Lehre Herbarts mit 
ihrem trockenen Scholastizismus gewann nur innerhalb eines 
engbegrenzten Schülerkreises festen Boden, und wenn 
Schopenhauer im lesenden Publikum viel Beifall fand, so 
galt dieser doch mehr dem geistvollen Schriftsteller als dem 
Metaphysiker. Im allgemeinen machte sich sowohl bei den 
P^'achgelehrten wie liei den Gebildeten überhaupt mehr und 
mehr die Ansicht geltend, dass die Philosophie ihre Rolle 
ausgespielt halje. Denn worin soll denn, so fragt man. 
ihre Aufgabe eigejitlich l)estehen';' Will sie uns Aufschlüsse 
geben über die Beschaffenheit der Sinnenwelt? Hier sind 
die Einzelwissenschaften schon am Werke, und da es zur 
Erkenntnis der Wirklichkeit nur den einen Weg der Er- 
fahrung und Induktion giebt. den diese verfolgen, so bleibt 
für die Philosophie kein j'latz übrig. Will sie uns etwa 
die Kenntnis einer übcrsiiuüichen Welt vermitteln y Dann 
ist sie nicht Wissenschaft, sondern Dichtuna-, denn nui"' 
eine solche Welt existieren oder nicht, so ist sie jedenfalls 
unserer Einsicht verschlossen, da wir die Schranke unserer 
Sinnlichkeit nicht überfliegen krmnen. Man ist gern bereit 
zuzugestehen, dass die Philosophie in der N'ergangenheit 
als Hüterin und Pflegerin des wissenschaftlicdien (ieistes 
eine wichtige Mission erfüllt habe, nachdem aber im Liuifc 
der Zeiten die „Allgemeinwissenschaft" von ehedem sieh 
in eine Vielheit einzelner Disziplinen aufgelöst habe, sei 
ihre Funktion auf diese übergegangen. 



12 Erstes Kapitel 

Bei dieser Beweisführung des philosophieteiiidlichen 
Positivismus wird indes übersehen, dass den Ergebnissen 
der Einzelwissenschaften jene durchgängige Verknüpfung 
abgeht, die von jeher als das wesentlichste Merkmal philo- 
sophischer Erkenntnis gegolten hat. Weit entfernt, sich 
zu einer einheitlichen Gresamtauffassung der Wirklichkeit 
zusammenzuschliefsen , stehen sie vielmehr zum Teil ge- 
radezu in unversöhnlichem Gegensatze zu einander. Dieser 
Umstand hat nun zwar auch die grundsätzlichen Gegner 
der Philosophie nicht davon abgehalten, sich eine einheit- 
liehe Weltanschauung zu bilden und so wider ihren Willen 
zu philosophieren, aber indem ihnen dabei das Begrift's- 
systeni irgend einer Einzelwissenschaft als Grundlage und 
Vorbild diente, entstanden notwendig mehr oder weniger 
einseitige und schiefe Theorien. So führte die Verall- 
gemeinerung der von der Naturwissenschaft seit Galilei und 
Descartes angenommenen Erklärung des Geschehens aus 
blind wirkenden T^rsachen zu der sogenannten mecha- 
nischen Weltanschauung, die auch auf geistigem Ge- 
biete die Wirksamkeit von Zwecken leugnet. Ihrem ersten 
Ursprünge nach in eine ältere Zeit zurückreichend, hat sie 
in der Periode, welche uns hier beschäftigt, in der zwei- 
fachen Form des Materialismus und des mechanischen 
Evolutionismus zeitweilig fast uneingeschränkt geherrscht. 
Während der Materialismus, dessen Glanzzeit in die Jahre 
1850 70 fällt, sich vorzugsweise an die theoretische Physik 
anlehnt, indem er den von dieser Wissenschaft zur Er- 
kläruni'' der Erscheinungen benutzten Beo-rifl" der bewegten 
Masse zum Range eines llniversalprinzips erhebt, wurzelt 
der Evolutionismus, der seit Beginn der siebziger Jahre an 
seine Stelle trat, in der modernen Biologie. Die Begriffe 
<ler Entwickelung, der Differenziierung, der Anpassung, des 
Kampfes ums Dasein u. s. w., mit denen er operiert, sind 
zunächst rein biologische Kategorien ; wurde nun durch das 
Aufblühen der biologischen Studien an sich schon die 
Neigung begünstigt, die Dinge überliauj)t unter dem bio- 



Wundts philosophische Stellung im allgeineineu 13 

logischen (Tesichtspunkte zu betrachten, so gewannen jene 
Begriffe durch ihre Fruchtbarkeit und ihre leichte Über- 
tragbarkeit auf die verschiedensten Erscheinungsgebiete in 
den Augen vieler den Wert allgemeingültiger letzter Prin- 
zipien. Auch hier aber haben die anfangs gehegten über- 
schwänglichen Erwartungen längst begonnen, dem Zweifel 
an der Allgemeingültigkeit der Grundanschauungen der 
mechanischen Entwickelungslehre zu weichen, zum min- 
desten aber ist man wohl zu der Einsicht gelangt, dass es 
sich bei ihr nicht um eine auf sicherer empirischer Grund- 
lage aufgebaute Theorie, als vielmehr um einen Versuch 
handelt, die Thatsachen einem hinzugebrachten begrifflichen 
Schema einzuordnen. Damit ist der Positivismus durch sich 
selbst ad absurdum geführt, und es ist zugleich erwiesen, 
wie wenig innere Festigkeit und Dauerhaftigkeit eine W-elt- 
anschauung besitzt, deren Elemente nach Zufall oder Zeit- 
geschmack dem einen oder dem anderen speziellen Er- 
fahrungskreise entlehnt sind, dass also, um zu einem 
einigermafsen sicheren Resultat zu gelangen, eine Instanz 
erforderlich ist, die den Ergebnissen der einzelnen Wissen- 
schaften ihren Platz im Rahmen des aus ihnen zusammen- 
zufügenden Weltbildes anweist. 

Dem Positivismus in einer Hinsicht verwandt, in an- 
derer Hinsicht aber diametral entgegengesetzt ist der Neu- 
kantianismus, der seit Ende der sechziger Jahre fast bis 
zur Cregenwart einen dem Umfang und der Stärke nach 
wachsenden Einfluss auf das allgemeine Denken ausgeübt 
hat. Die Neukantianer sind, wie die Positivisten, abgesagte 
Feinde aller Metaphysik, die ganze nachkantischo Philo- 
sophie von Fichte bis Herbart und Schopenhauer gilt ihnen 
als ein grofser Rückschritt, als Rückfall in den „Dogma- 
tismus'' früherer Zeiten, sie fordern daher, dass man. um 
wirklieb voiwärts zu kommen, von neuem bei Kant in die 
Lehre gehe. Nun wird in der Kritik der rcMnen Vcrnunfi 
zwar nachgewiesen, dass all unser Erkennen (hirchaus auf 
die Gegenstände der F^rfabrung beschränkt sei, dass es also 



14 Erstes Kapitel 

ein Wissen vom Übersinnlichen nicht gel)en könne, aber 
Kant ist doch weit entfernt davon, in der Erfahrung die 
einzige Quelle der Erkenntnis zu sehen, betrachtet vielmehr 
die Entdeckung der ,, reinen Verstandesbegriffe", mittelst 
deren der Intellekt der Natur ihre Gesetze apriori vor- 
schreibt, als seine wichtigste Leistung. Auch die Neu- 
kantianer haben ihrer grofsen Mehrzahl nach auf diese 
positive Seite des Kritizismus, d. h. auf die Lehre von den 
apriorischen Erkenntnisformen und die daraus folgende 
idealistische Auffassung der Erfahrungswelt das Haupt- 
gewicht gelegt und sich dadurch nicht nur zum Positivismus, 
.sondern zu der realistischen Denkweise der Zeit überhaupt 
in Gegensatz gestellt. Denn diese ruht in letzter Linie auf 
<ler Yoraussetzung, dass die Objekte dem denkenden Geiste 
als etwas Aufsferliches und Fremdes gegenüberstehen und 
von ihm mehr oder minder treu abgebildet werden; nach 
Kant dagegen giebt es ein vom Denken unabhängiges in 
sich selbst ruhendes Sein überhaupt nicht, die Aufsenwelt 
hat nur „empirische" keine absolute („transcendentale") 
Kealität, denn sie ist ein p]rzeugnis der die sinnlichen Daten 
verknüpfenden intellektuellen Funktionen und löst sich nach 
Abzug dieser in ein völliges Nichts auf. Yon dieser Grund- 
anschauung ausgehend, hat der Neukantianismus an den 
Trugbildern des naiven Realitätsglaubens eine sehr heilsame 
Kritik geübt, indem er z. B. zeigte, dass die Atome, in 
<lenen viele Naturforscher das letzte reale Substrat der 
Erscheinungen gefunden zu haben vermeinten, in Wahrheit 
keinen höheren Realitätswert besitzen, als die verschrieenen 
übersinnlichen Wesenheiten der Philosophie, und dass die 
naturwissenschaftliche Auffassung der Wirklichkeit, sofern 
sie über die blofse Heschreil)ung des Gegebenen hinausgeht, 
•der Sache nach nicht weniger metaphysisch ist, als es die 
Weltbilder der spekulativen Philosophie sind. Hieraus 
könnte man nun freilich den Schluss ziehen, dass auch die 
Naturwissenschaft sich strenger, als es gewöhnlich geschieht, 
an <l(Mi nninittelbaren Thatbestand der Erfahrun««- zu halten 



Wundts philosophische Stellung im allgemeinen 15 

habe, und das ist in der That die Meinung- derjenigen, die 
nur das negative Ergebnis der Kantschen Kritik berück- 
sichtigen; der Phänomenalismus dieser Richtung be- 
gegnet sich mit dem Positivismus, ja er übertrumpft ihn 
sogar noch. Dagegen führt der positive Satz der Vernunft- 
kritik, dass die Erfahrung selbst nur unter Mitwirkung von 
Begriffen zu stände kommt, die selbst nicht der Erfahrung 
entstammen, nach der entgegengesetzten Seite über den- 
selben hinaus, indem er die dem Positivismus eigene em- 
pirische Auffassung des Erkenntnis Vorganges umstöfst und 
damit auch das Vorurteil von der Gegenstandslosigkeit der 
Philosophie aufhebt. Denn wenn diese auch keine be- 
sonderen, nur ihr eigentümlichen Objekte hat^ so bildet 
doch die kritische Erörterung der „reinen'', im Verstände 
wurzelnden Begriffe, denen alle Erfahrungsobjekte ent- 
sprechen müssen, und die Feststellung der Bedingungen 
ihres richtigen Grebrauches eine selbständige und eigenartige 
Behandlung erfordernde Aufgabe. 

Allerdings wird die Philosophie bei dieser Fassung zu 
einer rein formalen Wissenschaft gemacht, die uns nur über 
die Bedingungen unserer Erkenntnis von Gegenständen, 
nicht aber über Gegenstände selbst etwas lehrt. Letzteres 
ist, wie der Neukantianismus übereinstimmend mit dem 
Positivismus behauptet, ausschliefslich Sache der Einzel - 
Wissenschaften. Das Einheitsbedürfnis der menschlichen 
Vernunft findet also auch auf diesem Standpunkte nur in- 
sofern eine Befriedigung, als bei aller Mannigfaltigkeit der 
Dinge und Erscheiimngen die Anschauungs- und Denk- 
formen, in denen wir sie erfassen, überall die gleichen 
sind ; dagegen bietet die kritische Philosophie für das 
Verständnis der materiellen Unterschiede der Dinge, ihres 
So- und nicht Andersseins keinen Schlüssel dar , ja sie 
liehauptet geradezu, dass es vergebens sein würde, in der 
Mannigfaltigkeit der konkreten Bestimmungen und Be- 
zi(duing(Mi, welche uns in der Wirklichkeit entgegentreten, 
nach iraend einer Einheit zu suchen. Ist aber einmal im 



16 Erstes Kapitel 

Gegensätze zum reinen Positivismus das Denken als ein 
wesentlicher Erkenntnisfaktor anerkannt , ohne den die 
Erfahrung für sich allein nichts ist, so liegt es nahe, auch 
das Dogma der Kantianer, demzufolge das Denken nur in 
seiner unmittelbaren Anwendung auf die Erfahrungsthat- 
sachen zu gehaltvollen Resultaten führt, einer erneuten 
Prüfung zu unterziehen und zu versuchen, oh das begriff- 
liche Erkennen nicht durch seine eigene innere Konsequenz 
über die Erfahrung hinausgetrieben wird, ob es also neben 
dem formalen nicht auch ein materiales philosophisches 
Wissen, neben der Erkenntnistheorie eine Metaphysik giebt. 
Dieser Yersuch ist von drei hervorragenden Denkern 
gemacht worden, deren Systeme eine typische Bedeutung 
für die Philosophie der Gegenwart besitzen, wür meinen 
Lotze, E. V. Hartmann und W. Wundt. Alle drei stimmen 
darin überein, dass sie nicht blind darauf los philosophieren, 
sondern mit einer sorgfältigen Untersuchung der Erkenntnis- 
prinzipien beginnen, sie sind kritische, nicht dogma- 
tische Philosophen. Alle drei sind ferner in gleicher 
Weise bestrebt, die Resultate der empirischen Forschung 
für den Aufbau ihrer philosophischen Weltanschauung in 
umfassender W^eise zu verwerten ; sie verwerfen die Me- 
thode der abstrakten BegrifFsdialektik und fordern, dass die 
Spekulation an die Erfahrung anknüpfe und sie fortdauernd 
im Auge behalte. Diese übereinstimmenden Grundsätze 
lassen deutlich den Einfluss erkennen, den einerseits Kant, 
andererseits die Erfahrungswissenschaften auf die ganze 
Richtung des modernen Denkens ausgeübt haben, und sie 
offenbaren zugleich den gewaltigen Unterschied zwischen 
der heutigen Art zu philosophieren und der in der ersten 
Hälfte des 19. Jahrhundorts üblichen, aber sie schliefsen 
dabei doch tiefgreifende Differenzen nicht nur in den Er- 
gebnissen, sondern auch in der Methode keineswegs aus. 
Tn der That sind schon die Ziele, welche die genannten 
Forscher verfolgen, erheblich verschiedene. Lotze geht, 
ähnlich wie Leibniz, darauf aus, die Bedürfnisse und Wünsche 



Wundts pLilosophiscbe Stellung im allgemeinen 17 

des Gemüts und die Forderungen des wissenschaftlichen 
Denkens miteinander zu versöhnen: Hartmann will die 
spekulative Gedankenarbeit eines Hegel und Schelling 
weiterführen und den von diesen Denkern durch geniale 
Intuition erfassten Ideen eine empirische Begründung geben. 
Für beide Männer ist demnach die Erfahrung nicht sowohl 
der Ausgangspunkt ihres Philosophierens, sondern vielmehr 
eine Instanz, mit der sie sich auseinandersetzen, und die 
sie zur Rechtfertigung ihrer anderweitig gewonnenen meta- 
phvsischen Anschauungen heranziehen. In dieser Hinsicht 
stehen daher Lotze und Hartmann der rein spekulativen 
Philosophie noch weit näher als Wundt, der zuerst den 
Satz, dass dem philosophischen Denken alleiii die Ergeb- 
nisse der empirischen Einzelwissenschaften unter Ausschlufs 
aller anderswoher geschöpften Voraussetzungen zur Grund- 
lage zu dienen haben, zur uneingeschränkten Anwendung 
brachte. 

Darin , dass die Philosophie früherer Zeiten be- 
sondere, von der Erkenntnisweise der übrigen Wissen- 
schaften verschiedene Wege des Erkennens für sich in 
Anspruch nahm, „statt den That best and dieser Wissen- 
schaften rückhaltlos als die Basis anzuerkennen, 
von der sie auszugehen habe", liegt nach Wundt die 
Hauptursache des Zwiespaltes der Systeme, auf den die 
(legner der Philosophie so gern hinweisen. Will man zu 
unanfechtbaren Resultaten gelangen, so darf man sich also 
weder durch irgendwelche intellektuellen Motive, die nicht 
bereits in der Sphäre der Einzehvissenschaften wirksam 
sind, noch auch durch Gemütsbedürfnisse leiten lassen, 
sondern hat einfach mit der Arbeit da einzusetzen, wo die 
I'inzelwissenschaften aufhören, und abzuwarten, zu welchen 
Frgcbnissen man an der Hand der allgemeingültigen Me- 
thoden des wissenschaftlichen Denkens durch die Betrach- 
tung der Sache selbst geführt wird. 

Während daher Lotze der positivistischen 'renden/. des 
Zeitalters von vornherein misstrauisch gegenübersteht, weil 

K-inis, W. Wuiifit. 2 



18 Erstes Kapitel 

er schwerwieg'ende sittliche und religiöse Interessen ge- 
fährdet glaubt, und Hartmann keinen Hehl daraus macht, 
dass ihm die Induktion nur als Mittel zum Zwecke gilt, 
sucht AVundt den Positivismus von innen heraus zu über- 
winden, indem er vollständig auf dessen Forderungen ein- 
geht und nur der ]\[einung entgegentritt , dass die Be- 
arbeitung der Erfahrungsthatsachen bereits innerhalb der 
Einzelwissenschaften ihren Abschluss finde. 3Iit der em- 
pirischen Einzelforschung beginnt alles wissenschaftliche 
Erkennen, aber es braucht deswegen noch nicht in ihr zu 
endigen, vielmehr stellt sich gerade bei der eingehenden 
Beschäftigung mit den Problemen der Einzelwissenschäften 
die Notwendigkeit einer philosophischen Ergänzung heraus, 
indem sich Fragen aufthun, die auf den Boden jener und 
mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln nicht be- 
antwortet werden können. Auch Wundt erstrebt somit den 
Ausgleich eines (regensatzes, aber es ist dies nicht, wie 
bei Lotze, der Gegensatz zwischen den Fostulaten der 
Wissenschaft und denen des Gemüts, sondern der zwischen 
zwei verschiedenen Richtungen des wissenschaftlichen 
Denkens, der positivistischen und der spekulativen, und er 
bewerkstelligt den Ausgleich dadurch, dass er die in ihrer 
Überspannung unvereinbaren Ansprüche der Positivisten 
und der spekulativen Philosophen gleichmäfsig einschränkt, 
so dass nun Empirie und Spekulation statt sich auszu- 
schliefeen, vielmehi- als zwei zusammengehörige und ein- 
ander ergänzende Stufen dos Erkenntnisprozesses er- 
scheinen. 

Ein Kompromiss, bei dem beiden strc^itenden Parteien 
genommen wird, ])tlegt freilich zumeist keine von beiden 
so recht zu befriedigen. Die Aufnahme, die die Wundt- 
sche Philoso])hie hei den Zeitgenossen gefunden hat, be- 
stätigt diese Regel. Obwohl unser Denker schon im Be- 
ginn seiner wissenschaftiiclien Laufhaim in den beiden 
Schriften „TcIkm- die Aufgabe dei- Philosophie in der Gegen- 
wart'* und „l'her den EinHuss der l*hil()so])hie auf die Er- 



Wnndts philosophische Stellung im allgemeinen 19 

fahrungswissenschat'ten'' (1874 und 1876) seine allgemeinen 
Anschauungen deutlich genug zum Ausdruck gebracht hatte, 
so sah man doch zunächst in ihm nur den „Erfahrungs- 
philosophen", dessen Bemühungen, im Sinne der positivisti- 
schen Zeitrichtung, darauf auszugehen schienen, die Philo- 
sophie zu entthronen, und den deswegen die Verfechter 
des Prinzips der „reinen Erfahrung" als einen Mitstreiter 
mit Beifall begrüfsten, während die Anhänger der über- 
lieferten Systeme ein kühl ablehnendes Verhalten beobach- 
teten. Im Laufe der Zeit ist aber hierin ein vollständiger 
Umschwung eingetreten. Das Erscheinen des „Systems 
der Philosophie" (1889) bestätigte die Befürchtungen, die 
bei jenen schon durch einzelne vorhergegangene Äusse- 
rungen des Leipziger Philosophen wachgerufen worden 
waren; mit Bedauern bemerkte man, dass der Mann, den 
man für einen Vorkämpfer des philosophiefeindlichen Ra- 
dikalismus gehalten hatte, ,,auf halbem Wege stehen blieb", 
ja geradezu in „reaktionäre'' Bahnen einlenkte, währen<l 
man auf der andern Seite mit l^efriedigung konstatierte, 
dass aus dem die spekulative Metaphysik verfolgenden 
Saulus nunmehr ein Paulus geworden sei, der, unbefriedigt 
von der Erfahrung, sich dem Reiche der Ideen zuwandte. 
P>ei einiger I iibefangenheit hätten indes die Kritiker 
aus dem einen wie aus dem anderen Lager bemerken 
müssen, dass die vermeintliche Schwenkung in Wahrheit 
ein geradliniger und folgerichtiger Kntwickelungsvorgang 
war. Wenn die Philosoj)iiie, wie Wundt anninunt, ihren 
Ausgangspunkt und ihre (frundlagen in den Ergebnissen 
der Einzelwissenschaften zu suchen hat, so ist es 8ell>st- 
verständlich, dass eine möglichst eingehende Beschäftigung 
mit den letzteren die Vorbedingung für eine erfolgreiche 
Bearbeitung j)hil(isophischei' Proltlenie ist. Gerade darin 
unterscheidet sich ja, nach W'undr. die wissenschaftliche 
von der nichtwissensfihaftlichen Philoso])hie , dass diese 
J'rohleme aufgreift und sie zu lösen sucht, ohne hinlän<i- 
liche Kenntnis dci' zu (i runde liegenden 'riuitsachen, und 

2* 



,^p. Erstes Kapitel 

Ohne zu fragen, ob und wie weit etwa der Lösung durch 
die Einzelwissenschaften yorgearbeitet sei, während jene 
den Ursprung der Probleme in der Erfahrung aufsucht und 
mit ihrer Arbeit erst da einsetzt, wo die Einzelwissen- 
schaften mit der ihrigen aufhören. 



Zweites Kapitel. 

Wundts wissenschaftlicher Entwickelungs- 

gang. 

Es kann nicht unsere Aufg-abe sein, auf die äusseren 
Lebensverhältnisse eines Denkers, dessen Wirken in die 
Gegenwart fällt, hier näher einzugehen. Wir beabsichtigen 
in folgendem lediglich einen Überblick über das Ganze 
seiner wissenschaftlichen Thätigkeit zu geben, deren Er- 
g-ebnisse in den weiteren Kapiteln ausführlicher dargestellt 
werden sollen. 

Geboren den 16. August 18.82 zu Neckarau bei Mann- 
heim widmete sich Wundt seit 1851 dem Studium der 
Medizin, dem er in Heidelberg, zeitweilig auch in Tübingen 
und Berlin oblag. In Heidelberg waren es hauptsächlich 
der um die Erforschung des Gehirns und Nervensystems 
verdiente Anatom Fr. Arnold und der Patholog und Kli- 
niker E. Hasse, die einen bestimmenden Einfluss auf den 
jungen Mediziner ausübten ; in Kerlin machte die imponie- 
rende Persönlichkeit Joh. Müllers, des Altmeisters der bio- 
logischen Disziplinen, in dessen vergleichend-anatomischem 
Laboratorium Wundt noch im Sommer 1856 arbeitete, auf 
ihn wie auf alle anderen Jünger der medizinisch-natur- 
wissenschaftlichen Fächer einen mächtigen Eindruck. Xach 
beendigter Studienzeit konzentrierte sich sein Interesse zu- 
nächst auf die pathologische Anatomie; er war eine Zeit 
lang unter Hasse als klinischer Assistent thätig uiul be- 
handelte in seiner Promotionsschrift vom Jahre 1856 die 
Frage „l'ber das Verhalten der Nerven in entzündeten 
und degenerierten Organen'*. Doch habilitierte er sich im 
folgenden .lahre für das Fach der IMiysiologie, als dessen 



22 Zweites Kapitel 

ordentlicher Vertreter 1858 bekanntlich Helmholtz nach 
Heidelberg; berufen M'^urde. Unter ihm leitete Wundt einige 
Jahre als Assistent im physiolog-ischen Laboratorium die 
übung-en der Anfänger, ohne dass sich indes daraus ein 
näheres persönliches oder wissenschaftliches Verhältnis zwi- 
schen den beiden Männern ergeben hätte. Als Früchte 
der wissenschaftlichen Arbeit in diesen ersten Dozenten- 
jahren sind die „Beiträge zur Lehre von den ]\Iuskelbewe- 
gungen" (1858) und weiterhin die „Beiträge zur Theorie 
der Sinneswahrnehmung" (1859 — 62) zu nennen. 

Mit den letzeren begab sich der junge Gelehrte zum 
erstenmale auf das Gebiet, dessen Bearbeitung einen Teil 
seiner Lebensaufgabe bilden sollte, und das den Übergang 
von den rein naturwissenschaftlichen Studien der Anfangs- 
jahre zu den philosophischen Arbeiten der späteren Zeit 
vermittelte. Die Beschäftigung mit den sinnesphysiologi- 
schen Fragen ist es offenbar gewesen, die das Bedürfnis 
nach philosophischer Orientierung bei Wundt zuerst erweckte. 
Hatte er als Student, von einem gelegentlichen Besuche 
des Vischerschen Hörsaals in Tübingen abgesehen, nie eine 
philosophische Vorlesung gehört und auch sonst sich kaum 
um die Philosophie gekümmert, so fing er jetzt an „ziem- 
lich ziel- und planlos" Kant, Herbart, Leibniz und andere 
Philosophen zu lesen, wovon zahlreiche (Jitate in den „Bei- 
trägen" Zeugnis ablegen. Nur die Schriften Schopenhauers, 
die freilich erst damals nach langer Vergessenheit wieder 
bekannt zu werden begannen, gerieten ihm durch eine selt- 
same Fügung so wenig in die Hände wie seinem Fachge- 
nossen Helmholtz, obwohl gerade dieser Philosoph als der 
erste sich bemüht hatte, die physiologischen Thatsachen für 
die Theorie der Simu'svvahrnehmung zu verwerten und zu 
Anschauungen gelangt war, mit denen sich die später von 
Helmholtz, Wundt u. a. aufgestellten Hypothesen vielfach 
berührten. 

Dass für die Physiologen der neuen, durch Job. iMüller 
begründeten Schule, das Problem der Sinneswahrnehmung 



Wundts wissenschaftlicher Entwickeluugsgaug 23 

eine besondere Anziehungskraft besass, ist leicht verständ- 
lich. AVar doch hier die beste Gelegenheit gegeben, die 
Leistungsfähigkeit der Alethode der exakten (experimen- 
tellen) Analyse der Erscheinungen zu erproben, indem man 
sie auf einen Vorgang anwandte, mit dessen Erklärung sich 
die Philosophen seit Jahrhunderten vergebens abgemüht 
hatten, obwohl wir ihn doch beständig unmittelbar erleben. 
In der That hatte schon Joh. Müller dem Wahrnehmungs- 
problem ein lebhaftes Interesse zugewandt, wie seine be- 
rühmten Abhandlungen „Zur vergleichenden J*hysiologie 
des Gesichtssinnes" und „Über die phantastischen Ge- 
sichtserscheinungen " (1826) bekunden, und fast gleichzeitig 
hatte Purkinje seine „Beobachtungen und Yersuche zur 
Physiologie der Sinne" veröft'entlicht. Ihnen folgten Yolk- 
mann, Brücke und Wheatstone (der Erlinder des Stereoskops), 
die sich teils im Dienste der Augenheilkunde, teils in rein 
theoretischer Absicht mit dem Vorgänge des Sehens be- 
schäftigten. Zu Beginn der fünfziger Jahre erschienen dann 
die klassischen rntersuchungen von E. H. Weber über den 
Tastsinn und das Gemeingefühl (1851), denen sich 1855 
Helmholtz' Abhandlung „Über das Sehen des ^lenscheu" 
anschloss. Bereits versuchten auch zwei namhafte Forscher, 
Lotze und Bain, ersterer in seiner „Medizinischen Psycho- 
logie" (1852), letzterei' in dem Werke „The senses and 
the intellect" (1855) die bisher gewonnenen Resultate zu- 
sammenzufassen und in systematischer Weise für die l*sy- 
chologi(> nutzbar zu machen. lls bestätigte sich freilich 
auch hier wieder die Kegel, dass die nähere Heschäf- 
tigung mit einer Sache zunächst die Zahl der zu lösenden 
Probleme vergröfsert, statt sie zu vermindern, .le besser 
man die Struktur der Sinnesorgane und die ElenuMite d(M" 
Sinneswahrnehmung (die auf die Organe wirkenden Reize 
und die <hirch sie erregten „einfachen" Fjm])findungen) 
kennen lernte, desto unverständlicher wurde der Wahr- 
nehmungsvorgang selbst, da mit den Hmpfinduugen als 
solchen durchaus noch nicht icne manni2:falti<''en und viel- 



24 Zweites Kapitel 

seitigen Beziehungen gegeben sind, welche es bewirken, 
dass hunderte von Eindrücken sich zu dem einheitlichen 
(ranzen eines Wahrnehmungsbildes zusammenschliefsen. 
Die wichtigsten unter ihnen sind die räumlichen Beziehungen; 
die Sinneseindrücke, welche an sich selbst keine anderen 
als qualitative und intensive Bestimmtheiten und Unter- 
schiede aufweisen, erscheinen uns in der Wahrnehmung als 
eine räumlich geordnete Mannigfaltigkeit, und so entsteht 
die Frage, wie diese Ordnung zu stände kommt. AVer 
überhaupt auf das Problem der Sinneswahrnehmung ein- 
geht, der muss daher vor allem über den Ursprung der 
Raumanschauung Rechenschaft zu geben suchen, wie dies 
auch seitens der genannten Forscher geschehen ist. Hier 
entspann sich nun sehr bald ein Streit verschiedener Hypo- 
thesen und Theorien, der auch heute noch nicht endgültig- 
entschieden ist. Nach der von Müller und Weber ver- 
tretenen sogenannten nativistischen Ansicht, die die 
Aprioritätslehre Kants ins Physiologische überträgt, haftet 
den Empfindungen des Gesichts- und Tastsinnes vermöge 
einer nicht weiter zu erklärenden Eigenschaft des zu- 
gehörigen Nervenapparates der Charakter der Räumlichkeit 
ursprünglich an. Nach der empiristischen Ansicht von 
Helmholtz und Bain gelangen wir erst auf Grund der Er- 
fahrung dazu, die Empfindungen im räumlichen Sinne zu 
deuten, die Raumanschauung ist also das Produkt einer im 
Subjekt erfolgenden Verarbeitung der Sinneseindrücke. 
Beide Forscher weichen nur wieder darin von einander ab, 
dass Helmholtz diesen Prozess als einen (unbewusst) lo- 
gischen, Bain als einen rein mechanischen auffasst. Auf 
einen mittleren Standpunkt stellte sich Lotze, der die Fähig- 
keit räumlich anzuschauen für einen ursprünglichen Besitz 
der Seele erklärt, aber die Lokalisation der einzelnen Sinnes- 
eindrücke durch l)esondere sie begleitende Nebenempfin- 
dungen („Ijokalzeichen") bestinnnt werden lässt. 

Auch in den Untersuchungen Wundts spielt die Kauiii- 
frage eine hervorragende Rolle, und zwar wendet er sich 



Wundts wissenschaftlicher Eiitwiclielmigsgajig 



Idö 



entschieden geo-en den Nativisnius, indem e*" durch Versuche 
nachweist, dass nicht nur die Vorstelhmg' des Abstandes 
der Geg-en stände A'on uns, sondern auch unsere Auffassung- 
der Lao;e und des gegenseitigen Abstandes zweier Puidvte 
im Gfesichtsfelde durch die mit den Bewegungen des Aug- 
apfels verknüpften Empfindungen bestimmt wird und mit 
diesen variiert. Er giebt aber auch dem Empirismus nur 
soweit Recht, als dieser die Entstehung der Kaum- 
anschauung im Subjekt behauptet, während er die An- 
nahme, dass wir die räumliche Bedeutung der Sinnesein- 
drücke aus der Erfahrung kennen lernen, verwirft, da ja 
in der Erfahrung die Raumanschauung schon enthalten sei. 
Wenn er daher auch geneigt ist, mit Helmholtz die Wahr- 
nehmung auf unbewusste Schlüsse zurückzuführen, so betont 
er doch die wesentliche Verschiedenheit dieser Funktion 
von dem gewöhnlichen bewussten Schliefsen, welche darin 
besteht, dass aus der Verarbeitung des dem Subjekte ge- 
gebenen Materials etwas (pialitativ Neues, nämlich eben 
die Raumform, hervorgeht, und führt damit bereits hier 
den in seinen späteren Arbeiten über denselben Gegen- 
stand genauer bestimmten, für seine psychologische Gesamt- 
anschauung so bedeutsamen Begriff der „schiipferischen 
Synthese" ein. 

Wichtiger aber als die einzelnen Resultate sind die 
allgemeinen Gesichtspuidvte, die sich unserem Autor bei 
seiner Bearbeitung des Wahrnelunungsproblems ergeben. 
In erster Linie steht in dieser Hinsicht die Erkenntnis, 
dass der Wahrnehmungsvorgang aus der anatomischen Struk- 
tur und der physiologischen Funktion der Sinnesapparate 
allein nicht verstanden werden kann, dass vielmehr die 
Analyse der äufscM'en Bedingungen des Wahrnebmens er- 
gänzt \v(M'(len muss durch Rückschlüsse, die sieb aus der 
Zergliederung der Wahrneinnungsvorstellungen ergei)eii, 
dass also die objektive, physiologische Forschungsmetliode 
<1urch die subjektive, psychologische unterstützt wer- 
d(>ii niuss. Die Itekannten Erscheinungen des Glanzes, des 



26 Zweites Kapitel 

Wettstreits der Sehfelder, des Kontrastes lassen sich, wie 
Wiindt zu zeifjen sucht, aus anatomischen und physio- 
logischen Ursachen allein überhaupt nicht erklären. An- 
drerseits freilich tritt nicht minder klar hervor, dass ohne 
Kenntnis der Leistungen der Sinnesapparate alle psycho- 
logischen Hypothesen über das Wahrnehmen vollkommen 
in der lAift schweben. Wie die Phvsioloffie nur die An- 
fangsglieder, so vermag die auf innere Beobachtung ge- 
gründete Psychologie nur die Endglieder des ganzen Wahr- 
nehmungsprozesses zu bestimmen, erst die Yergleichung 
der am Anfange stehenden äufseren Data und des im Be- 
wusstsein enthaltenen Endergebnisses ermöglicht Schlüsse 
hinsichtlich der Zwischenglieder, und das einzige Mittel, 
die Richtigkeit dieser Schlüsse zu prüfen, ist die Beobach- 
tung der Veränderungen, welche die Wahrnehmungsvorstel- 
lungen bei veränderten äufseren Bedingungen erleiden. 
Damit erhellt, und das ist das Dritte, die AVichtigkeit und 
Unentbehrlichkeit des Experiments bei der Beantwortung 
aller auf den Wahrnehmungsvorgang bezüglichen Fragen, 
mag dasselbe nun von uns selbst willkürlich angestellt, 
oder (in pathologisclien Fällen, bei den Sinnestäuschungen 
u. s. w.) durch die T/mstände selbst herbeigeführt sein. 

Für die Anwendbarkeit der experimentellen ^lethode 
auf Vorgänge, die in die seelische Sphäre hineinreichen, 
hatte inzwischen auch Fe ebner in seinen „Elementen der 
Psychoijhysik" (1860) einen glänzenden Beweis geliefert. 
War seine Absicht auch zunächst nur darauf gerichtet, 
das Abhängigkeitsverhältnis zwischen der Reizstärke und 
Em])findungsstärke niathematisch genau festzustellen, so 
sind doch die zu diesem Zweck von ihm mit bewunderungs- 
würdigem Scliarfsinii ausgedacliten experimentellen Me- 
thoden von allgemeinerer Bedeutung und gehören noch 
heute zu dem unverlierbaren Besitzstande der Wissenschaft, 
obwohl die Voraussetzungen, von denen Fechner bei seiner 
l'^ragestellung ausging, gegenwärtig von Niemand mehr 
festffehalten werden. So war denn die Hrwartuiiii- wohl- 



Wundts wissenschaftlicher Eiitwickelungsgang 27 

begTÜiidet, die AVundt in der die „Beiträg-e'' einlei- 
tenden Erörterung über die Methode der Psychologie zum 
Ausdruck bring't, dass in Zukunft das Ton der Physiologie 
längest geübte Experiment von hier aus auch in allen Teilen 
der Psychologie Eingang finden werde: „sobald man einmal 
die Seele als ein Naturphänomen und die Seelenlehro als 
eine Naturwissenschaft auffasst, niuss auch die exj) cri- 
men teile Methode auf diese Wissenschaft ihre 
volle Anwendung finden können'', und er verspricht 
sich von dieser Reform der Methode einen ähnlichen Auf- 
schwung der Psychologie, wie ihn die Naturwissenschaften 
seit Galilei und Baeo genommen haben. Man kann daher 
die „Beiträge" g-eradezu als die Programmschrift der seit- 
dem zu glänzender Entfaltung gelangten experimentellen 
Psychologie bezeichnen. Die bis dahin vorliegenden ex- 
perimentellen Arbeiten waren ausschliefslich von Physio- 
logen ausgeführt worden und wollten in erster Linie der 
Physiologie dienen, und auch Fechner hatte sich nur die 
Erforschung des Zusannnenhangs zwischen Aufsen- und 
Innenwelt zur Aufgabe gemacht; erst Wundt dachte daian. 
das Experiment in den Dienst der eigentlichen l'sychologic 
zu stellen, um mit seiner Hilfe einen Einblick in den Zu- 
sammenhang und die Gesetze des Innenlebens zu gewinnen. 
Nun ist freilich der Verlauf der inneren Yorgänge der 
direkten exj)erimentellen Beeinflussung unzugänglich, und 
dies war es wohl, was Kant zu dem berühmten Ausspruche 
veranlasste, dass die empirische Seelenlehre „jederzeit von 
dem Range einei- eigentlich so zu nennenden Naturwissen- 
schaft entfernt bleiben'' werde, weil sich „das Mannigfaltige 
der inneren P)eoba('htuii<i- nur (Uirch Ijlol'se ({(Mlankcnteilunu- 
von einander absondern, nicht aber abgesondert autlKdialten 
und beliebig wiecUn'um verknüjjfen" lässt. Das KxpiMinuMit, 
auch das ])sychologische, muss also der Natur der Sache 
nacli immer bei den iiufseren Sinnesreizeji einsetzen, denn 
nui' diese sind direkt variierbar, aber es wird zu cincni 
psychologischen dadurch, dass wir unser Augemnerk auf 



28 Zweites Kapitel 

die psychischen und niclit blofs auf die physiologischen 
Folg-eerscheinungen richten; die Sinnesreizungen sind in 
diesem Falle nicht das Wesentliche, sondern sie werden 
nur als „experimentelles Hilfsmittel^ benutzt. 

Eine erste Probe eines rein psychologischen Experi- 
ments in dem angegebenen Sinne lieferte Wundt selbst in 
seinen Untersuchungen über die Zeitverhältnisse der Tor- 
stellungen, deren Ergebnisse er vor der Naturforscherver- 
sammlung zu Speier (1861) mitteilte. Die zu Ende der 
fünfziger Jahre von neuem zur Diskussion gestellte Er- 
scheinung der konstanten Dift'erenzen, die bei astrono- 
mischen Beobachtungen zwischen den Angaben ver- 
schiedener Beobachter hervortreten, liefs vermuten, dass 
zur Auffassung eines äufseren Vorganges Zeit und zwar 
von verschiedenen Menschen verschiedene Zeit gebraucht 
wird, und so stellte sich Wundt die Aufgabe, die Zeit- 
dauer der einfachsten Sinneswahrnehmungen und weiterhin 
überhaupt die Bedingungen, von denen die Auffassung 
gleichzeitiger oder aufeinanderfolgender p]indrücke abhängt, 
zu ermitteln. 

Diese Anregung bleibt freilich vorläufig ohne unmittel- 
baren Erfolg. Dagegen entwickelte sich auf dem Gebiete 
der Sinnesphysiologie in dem folgenden Jahrzehnt eine 
aufserordentlich rege Thätigkeit, deren Früchte sich die 
Psychologie nur anzueignen und in ihren Besitzstand syste- 
matisch einzureihen brauchte. Als die hervorragendsten 
Leistungen aus dem Anfang der sechziger Jahre seien nur 
die Untersuchungen von Helmholtz über „die Tonempfin- 
dungen" (1S62) und die „l'hysiologische Optik" desselben 
Gelehrten (185(5 — 6(5) genannt. Obwohl auch Helmholtz 
nicht undiin konnte, zur Erklärung der Erscheinungen ge- 
legentlich psychische Thätigkeiten heranzuziehen, so waren 
doch Fechner und Wundt in dieser Zeit noch ziemlich die 
einzigen, die den psychologischen Gesichtspunkt in den 
Vordergrund stellten und planmäfsig darauf ausgingen, auf 
den neu erschlossenen Meyen tiefer in di<' Geheimnisse 



■\Vuudts wissenschaftlicher Entwickelungsgang 29 

des Seelenlebens einzudringen. Aus dieser Absicht erwuch- 
sen die „Yorlesnngen über die ^lenschen- und Tier- 
seele" (1863), in denen das vorhandene empirische Material 
zusammengefasst und zu einem Gesamtbilde der Bedingungen 
und Aufserungsfornien des Seelenlebens verarbeitet wird. 
Bemerkenswert ist an diesem Werke, dass in ihm dem 
Experiment die ethnologische Beobachtung als eine 
eigenartige (Quelle psychologischer Erkenntnis an die Seite 
gestellt wird. Schon in den Beiträgen ist zwar davon die 
Eede, dass „die Naturgeschichte der Menschheit als Hilfs- 
wissenschaft in den Dienst der psychologischen Forschung 
zu stellen sei, es wird aber dabei eigentlich nur an die 
statistische Methode gedacht, mittelst deren es möglich ist, 
Gesetzmäfsigkeiten in dem Verhalten von Massen zu kon- 
statieren ; die Frage, ob diese Gesetzmäfsigkeiten einen selb- 
ständigen Thatsachenkreis bilden, der seiner Xatur nach 
eine eigenartige Forschungsmethode erfordere, bleibt offen. 
In den „A'orlesungen'' wird ausdrücklich anerkannt, dass 
das Zusammenleben der Menschen Erscheinungen hervor- 
bringt, die, obwohl sie unzweifelhaft psychischer Natur 
sind, doch aus den Bedingungen und Gesetzen des indi- 
viduellen Seelenlebens nicht erklärt werden können, weil 
sie über dasselbe hinausgreifen, und demgemäfs wird der 
Tndividualpsychologie, deren wichtigstes Hilfsmittel das 
Experiment ist, die Völkerpsychologie als ein besonderes 
Forschungsgebiet an die Seite gestellt, innerhalb dessen 
auch besondere Methoden in Anwendung zu bringen sind. 
Der erste Anstofs zu dieser erweiterten Fassung der Auf- 
gaben der Psychologie war bekanntlich von Lazarus und 
Steinthal ausgegangen, die 1859 eine „Zeitschrift für Xi'A- 
kerpsychologie und S])rachwissenschaft" ins lieben riefen, 
wobei in<k's das Wesen und die Bedeutung der Vülker- 
])8Ychologie zunächst noch zicndich unklar Itlieb. Ih'st 
allmählich erfolgte im Verlaufe der darüber geführten 
Kt)ntroversen eine Klärung der Begriffe imd trat zuiileich 
iinnuM- deutlicher der (legensatz zu Ta,ü;(', der zwischen 



30 Zweites Kapitel 

den Anschauungen der g-enannten Forscher und derjenigen 
Wundts von vornherein bestanden hatte. Im Sinne von 
Lazarus und Steinthal hat die Y()lkerpsychologie die ob- 
jektiven geistigen Erzeugnisse, die durch das Zusammen- 
wirken einer Mehrzahl menschlicher Individuen entstehen, 
und deren wichtigstes anerkanntermafsen die Sprache ist, 
psychologisch zu interpretieren; sie ist also ein Anwen- 
dungsgebiet der allgemeinen Psychologie, welche ihr die 
Erklärungsprinzipien liefert. Nach Wundt kommt der 
A'ölkerpsychologie eine selbständigere 1 Bedeutung zu. Sie 
hat in den Erscheinungen der Sprache, des Mythus und 
Sitte ihr klar bestimmtes und fest begrenztes Forschungs- 
objekt, und wenn sie auch naturgemäfs die Ergebnisse der 
Individualpsychologie mit verwertet, so lassen sich doch 
die psychischen Yorgänge hiiherer Stufe, mit denen sie es 
zu thun hat, aus den psyehischeji Elementargesetzen allein 
nicht ableiten, sondern weisen vielmehr auf eine ihnen 
innewohnende eigene Gesetzmärsigkeit hin. Indem sie diese 
durch Analyse und Vergleichung der Erscheinungen fest- 
stellt, liefert die A'ölkerpsychologie sell)st einen wichtigen 
Beitrag zur vollständigen Kenntnis des psychischen Lebens. 
Im übrigen hat der Verfasser von vielen in den Vor- 
lesungen entwickelten Anschauungen sich später losgesagt, 
oder sie wenigstens in der 1S92 erscliienenen 2. Auflage 
ganz wesentlich modifiziert; immerlun behält das Buch als 
erster, mit jugendlicher Frische unternonnnener Versuch 
einer systematischen Darstellung der Psychologie auf der 
neu gewonnenen (Grundlage ein gewisses Interesse, wenn 
('S auch in vielen Einzelheiten seines Inhalts natürlicli sehr 
bald veraltete. Denn die fortgesetzte A'erfeinerung und 
weitere Ausbreitung (U^i" exjjerimentellen Methoden lieferte 
eine inuner zuiielnnen(U' l'^ülle neuer Thatsachen. Unter 
den l'h'scheiiningen, deren sicli die e\perinientelle l'\)rschnng 
in der nächsten Zeit l)emä(ditigt(', sind vor allen Dingen 
die sogenannten Keaktiojisvorgänge zu nennen. Nachdem 
Ifelmboltz bereits in den .lahren lSr)0 — 54 die (leschwindig- 



Wundts wissenschaftlicher Entwickelungsgang 31 

keit ermittelt hatte, mit der ReizungsTorg-änge in den 
Nerven sich fortpflanzen, lag- es nahe, auch die Zeitdauer 
jener zusammengesetzten Prozesse zu bestimmen, bei denen 
ein ein Sinnesorgan treffender Reiz Ursache einer, sei es 
willkürlichen, sei es unwillkürlichen Bewegung wird. Der 
physiologische Verlauf ist hierbei offenbar der, dass die 
Reizung sich in den betroffenen Sinnesnerven bis zu einem 
Zentrum fortpflanzt, hier auf einen Bewegungsnerven über- 
geht und von diesem zum Muskel weiter geleitet wird. 
Psychologisch zerfällt der Vorgang iu einen Wahrnehmungs- 
akt und eine durch ihn veranlasste Willensthätigkeit. Die 
zu der physiologischen Reizleitung und Reizübertragung 
erforderliche Zeit lässt sich an den sogenannten Reflex- 
thätigkeiten, bei denen der psychische Anteil' sich nahezu 
auf Null reduziert, ermitteln. Nach Abzug dieser „physio- 
logischen Zeit" erhält man die Zeitdauer der psychischen 
Glieder des ganzen Vorgangs, und aus den Änderungen, 
welche diese unter wechselnden Bedingungen erfährt, je 
nachdem z. B. der zu erwartende Sinneseindruck bekannt 
oder unbekannt ist, das Versuchssubjekt nur eine ])estimnite 
Bewegung auszuführen oder zwischen verschiedenen zu 
wählen hat u. s. w., lassen sich Schlüsse hinsichtlich der 
in Frage kommenden psychischen Funktionen ziehen. Auch 
auf diesem Gebiete wurden die Versuche zunächst im physio- 
logischen Interesse von Donders, Vierordt, Baxt, Iv\ner u. A. 
unternommen, bis ^^'ull(lt ihre heivonageiule Wichtigkeit 
für die Psychologie erkannte und genauere .\n\veisung für 
ihre planmäfsige Ausnutzung zu diesem Zwecke gab. Die 
„Reaktionsversuche " bilden seitdem eine der wichtigsten 
Formen des psychologischen Experiments. 

Bei so raschem Fortschreiten der Wissenschaft stellte 
sieb bald das Bedürfnis nach einer zusannnenfassenden Dar- 
stellung heraus, und so entstanden im .lalirc 1874 die 
„Grundzüge der ph y s i o Idgi sehe n Ps vclKilogie", 
deneji in dem „Lebrbuche der Physiologie", das von 
1864 bis IHTS vier Auflaj^en erlebte, und den „1 iiter- 



32 Zweites Kapitel 

siichungeii zur Meehaiiik der Nerven" (1871 — 76) 
zwei Arbeiten aus dem Bereiche der Physiologie voran- 
geg-ang-en waren. 

Die „Grundzüge" sind weniger ein Kompendium 
fertigen Wissens, als ein Lehrhuch der 3Iethode. Nur 
die für das A^erständnis des Folgenden erforderlichen 
anatomischen und nervenphysiologischen Voraussetzungen 
werden im 1. Bande in doktrinärer Form vorgetragen; 
im übrigen will das AVerk lediglich ^ttber den Thatbestand 
einer im Entstehen begriffenen Wissenschaft orientieren" 
und „das Gebiet derselben abgrenzen". Das Objekt dieser 
Wissenschaft bilden, wie in der Einleitung ausgeführt wird, 
diejenigen Lebensvorgänge, welche der äufseren und der 
inneren Wahrnehmung gleichzeitig zugänglich sind, die also 
eine physiologische und eine psychologische Seite darbieten, 
und demnach weder von der Physiologie noch von der 
Psychologie allein vollständig erfasst werden können. Yon 
den bei der Untersuchung dieser Vorgänge gewonnenen 
Gesichtspunkten aus, sei sodann die Gesamtheit der Lebens- 
erscheinungen zu beleuchten, um auf solche AVeise wo- 
möglich eine Totalauffassung des menschlichen Seins zu 
vermitteln. Vorgänge der bezeichneten Art aber giebt es zwei : 
„Die Empfindung, eine psychologische Thatsache, welche 
unmittelbar von gewissen äufseren Grundbedingungen ab- 
hängt, und die Bewegung aus innerem Antrieb, ein physio- 
logischer Vorgang, dessen Ursachen sich im allgemeinen 
nur in der Selbstbeobachtung zu erkennen geben." Die 
])hvsiologischp Psychologie verfolgt zunächst den Weg, 
welcher von aufsen nach innen führt: „sie begiimt mit den 
])hvsiologischen A^orgängen und sucht nachzuweisen, wie 
diese das Gebiet der inneren Beobachtung beeinflussen," erst 
in zweiter Linie stehen ihr die Rückwirkungen, welche das 
äufserc (hiicb «bis innere Sein cmjjfängt. So sei denn auch 
der Ausblick, welchen sie nach den beiden Grundwissen- 
schaften, zwischen die sie sich eingeschoben liat, wirft, 
vorzugsweise nach der psychologisclicii Seite g('ri(dit(>t. 



• Wuudts wissenscbaftlicher Entwickelungsgang 33 

Sie behandelt Probleme, die bisher gröfsteiiteils zur Domäne 
der Psychologie gehörten, entlehnt jedoch das Rüstzeug 
zur Bewältigung dieser Probleme gleichzeitig beiden 
Mutterwissenschaften, indem in ihr die psychologische 
Selbstbeobachtung Hand in Hand geht mit der Methode 
der Experimentalphysiologie. 

Thatsächlich ist die hier angedeutete Tendenz, wonach 
die physiologische Psychologie eine einheitliche Auffassung 
der Lebenserscheinungen eine Yerschmelzung der physio- 
logischen und dei- psychologischen Betrachtungsweise des 
Lebens anbahnen soll, in der Ausführung kaum zur Geltung 
gekommen; ihr nachzugeben wäre auch mehr Sache der 
Philosophie als einer empirischen Wissenschaft. Die physio- 
logische Psychologie ist also der Hauptsache nach Psycho- 
logie, und sie unterscheidet sich von anderen Psychologien 
wesentlich durch die von ihr geübte experimentelle Methode ; 
])hysiologisch aber ist sie, sofern sie, wie dies schon 
Lotze in seiner „Medizinischen Psychologie" gethan hatte, 
die körperlichen Grundlagen und Bedingungen des Seelen- 
lebens eingehend berücksichtigt, und sofern weiter bei 
jedem psychologischen Experiment physiologische Faktoren 
mit in Betracht zu ziehen sind. Übrigens hat Wundt 
selbst späterhin die verschiedenen Missdeutungen ausgesetzte 
BezeichiRing „physiologisch" mehr und mehr fallen bissen 
und an ihre Stelle das Prädikat „experimentell" gesetzt, 
welches das eigentlich Neue der Sache besser zum Aus- 
druck bringt. 

Es genügt einen Süchtigen IHick auf die bis dahin in der 
I'sychologie herrschenden ^lethoden zu werfen, um den tief- 
greifenden Unterschied zwisrlicn ihnen und der cxjjerimen- 
t(dlen .Alethode zu erkennen. Zwei lliuiptii(ditnngen stehen 
hier einander gegenüber, eine empirische (in<luktive), die auf 
dem Wege t\oy „iinieren Erfahrung" (Selbstbeobachtung) 
einen Einblick in das Seelenleben zu gewinnen sucht, und 
eine rationale (deduktive), die nach dem A'orbihle der 
mathematischen Tliysik die einzelnen Erscheinungen aus 

K(')iiiK, W. Wnmli. 3 



34 Zweites Kapitel 

wenigen zn Grrunde gelegten (hypothetischen) Annahmen ab- 
leiten nnd so in ilireni inneren Zusammenhange erklären 
möchte. Nim ist aber, wie Wundt schon in den Vor- 
lesungen betont, zu den Thatsachen des liewusstseins, die 
sich aus der Selbstbeobachtung schöpfen lassen, seit 
Menschengedenken keine wesentlich neue hinzugekommen, 
und man hat daher auf dem ersten Wege niemals mehr 
erreicht als eine Beschreibung und Klassifikation der 
psychischen Phänomene, weil jedes Mittel fehlt, um die 
zusammengesetzten unter ihnen in ihre einfachen Bestand- 
teile zu zerleg-en und (hirch Ausschaltuno- des einen oder 
anderen Bestandteils den ursächlichen Zusammenhang der 
Erscheinungen aufzudecken. Die physiologische Psycho- 
logie besitzt dies Mittel im Experiment, sie hat daher den 
Charakter einer erklärenden Wissenschaft, ihr 
Streben „ist ganz und gar auf die Nachweisung der 
psychischen Elementarphäiiomene und ihrer ursächlichen 
Beziehuno-en o:erichtet'\ Nähert sie sich hierin der 
rationalen Psychologie, so weicht sie von ihr darin ab, 
dass sie die Erscheinungen auseinander und nicht aus 
metaphysischen Voraussetzungen über das Wesen und die 
Thätigkeitsweise der Seele zu erklären sucht, wie dies 
zuletzt noch Herbart unternommen hatte. Das Experiment 
führt eben nirgends über die Sphäre der Erscheinungen, 
des immittelbar Cxegebenen, hinaus, und umgekehrt sind die 
metaphysischen Hypothesen, von denen die rationale 
Psychologie ausgeht, der experimentellen Prüfung unzu- 
gänglich. Daher kann selbst der BegrifP (\ov Seele in der 
experimentellen Psychologie nur als zusammenfassende 
Bezeichnung für „das ganze Gebiet der inneren Erfahrung'' 
vorkommen, die Seele als reales Wesen, das hinter den 
Erscheinungen steht und sich in ihnen imr äufsert, ist auf 
keinen l-^all Oltjekt der empirischen Forschung. 

^ Oll gegneriselier Seite hat man nun freilicli den Spiels 
iHiigedreht und (lurch Betonung des Widersinns, der in 
dem (»edankeii einer „ I*svcboloi'ie ohne Seele" lieü-e, die 



Wimdts wisseuschaftliclier Entwickelungsgaiig- 35 

Auffassung- Wuiidts ad absurdum zu führen g-esucht. Und 
wie schon früher geg-en das Programm der Fechner'sohen 
Psychophysik der Einwand erhoben worden war, dass Em- 
pfindungen als innere Zustände eine exakte .Mafsbestimmung 
überhaupt nicht zuliefsen, so machte man jetzt g-egen Wundt 
geltend, dass das Experiment zwar auf die seelischen \'or- 
gänge, die, wie die Sinneswahrnehmung', unmittelbar von 
äufseren Ursachen abhängen, anwendl)ar sein möge, dass 
es aber nimnierinehr gelingen werde, auf diesem Wege bis 
zum Zentrum des seelischen Lebens vorzudringen und das 
flüchtige Spiel unserer Gedanken, die zarten Modifikationen 
des Grefühls zu erfassen. Der lebhafte Streit der Meinungen, 
der unter Beteiligung Berufener und Unberufener über 
diese Dinge geführt wurde, hat wenigstens das Gute ge- 
habt, dass das Interesse für die Probleme und Methoden 
der psychologischen Forschung lebhaft angeregt und ver- 
allgemeinert wurde; entschieden konnte er nur werden 
durch die That, d. h. durch unbestreitbare Erfolge der 
neuen, experimentellen Methode. Der Natur der Sache 
nach gehören ja nun freilich längere Zeiträume dazu, um 
auf dem Wege mühsamer experimenteller Detailforschung, 
für die geeignete technische Hilfsmittel erst zu ersinnen 
waren, in den Znsammeidiang der ErsclKunuiigen einzu- 
dringen und umfassendere (lesetzmäfsigkeiten zu entdecken, 
innnerhin kann bereits heute an der ])rinzi])ielleii Berech- 
tigung und der unbegrenzten Ausdehnungsfähigkeit des 
experimentellen Verfahrens bei Urteilsfähigen und I'njjiir- 
teiischen kaum noch ein Zweifel bestehen. 

Auch dei' verdiente äufsere Erfolg blieb unserem For- 
scher nicht versagt. Nachdem er im Herbst IS74 auf i\vn 
durch den Weggang A. Ijanges frei gewordenen Lehrstuhl 
der „induktiven IMiilosophie" in Zürich berufen worden war. 
wurde ilini schon im folgenden Jahre ein < )r(|in;iiiat an 
der in miichtigem Aufschwung begrifi'enen Leipziger Jloch- 
schuk; übertragen, die ihn heute noch zu iliien Zierden 
zählt. ])iese \'er;inderung des äulseren Wirkungskreises 



3ß Zweites Kapitel 

entsprach der veränderten Richtung-, welche die Studien 
Wundt's allmählich angenommen hatten. Seine Bemühungen 
zielten zwar gerade darauf hin, die Psychologie von der 
Philosophie unabhängig zu machen und zum Eange einer 
selbständigen Einzelwissenschaft zu erheben, indes war doch 
Torläufig der Einfluss philosophischer Lehrmeinungen auf 
diesem Gebiete noch zu mächtig, um ganz ignoriert werden 
zu können. Und überdem, wenn bisher Fragen, die in das 
Bereich der empirischen Einzelforschung fallen, vielfach 
von der Höhe des einen oder des anderen philosophischen 
Standpunktes aus entschieden worden waren, so lag es nahe, 
nun einmal umgekehrt zu sehen, welche Konsequenzen sich 
aus den Resultaten der Erfahrungswissenschaften in philo- 
sophischer Hinsicht ergeben. Die Psychologie, auf welche 
die Philosophie am unmittelbarsten eingewirkt hatte, war 
naturgemäfs auch wieder am geeignetsten, den Aufstieg von 
den Einzelwissenschaften zur Philosophie zu vermitteln. 

Die Antrittsvorlesungen Wundt's „Über die Aufgaben 
der Philosophie in der Gegenwart" (1874) und „Über den 
Einfluss der Philosophie auf die Erfahrungswissenschaften" 
(1876) entwickeln das Programm einer an die empirischen 
Einzelwissenschaften sich anlehnenden Philosophie. Die 
Wissenschaft unserer Zeit strebt, wie hier ausgeführt wird, 
nach einer einheitlich zusammenhängenden Weltanschauung, 
aber dies Streben werde durch keines der vorhandenen 
Systeme befriedigt, da ihnen „jene umsichtige Benutzung 
der wissenschaftlichen Erfahrung mangelt, welche die ein- 
zelnen Wissenschaften und namentlich die Naturwissen- 
schaften verlangen dürfen." So sei denn die Aufgabe, die 
im Anfange des Jahrhunderts die deutsche Philosophie 
schon gelöst zu haben glaubte, von neuem in Angriff' zu 
nehmen, und nicht leichter sei . Jetzt der Weg, sondern 
schwieriger, denn man habe ihn zurückzulegen, „belastet 
mit der ganzen Fülle wissenschaftlicher Erfahrunu". Tor- 
läufig befinde num sich freilich eben „in jenem vorbereiten- 
den Stadium, in welchem, während sich fortan (Um- Stoff" 



Wuiults wisseuscbaftlicher Eiitwickeluugsgaiig- 37 

im einzelnen sammelt, die allg-emeinen flesiehtspunkte all- 
mählich aus dem Streite der Meinungen sich emporarbeiten" ; 
immerhin habe auch jetzt schon die Philosophie „in der 
Prüfung- der allgemeinen Ergebnisse der Wissenschaften, 
in der Entwickelung der wissenschaftlichen Methoden und 
ihrer I^rinzipien" ein immer wachsendes Feld der Arbeit 
vor sich. Grenauer wird das gesamte Arbeitsgebiet der 
Philosophie in dasjenige der Logik bezw. Erkenntnis- 
lehre und das der Metaphysik eingeteilt. Der ersteren 
komme es zu, „die Grenzen abzustecken zwischen dem, 
was unserem Denken gegeben wird, und dem, was es selber 
hinzubringt, nachzuweisen, bis wohin die logischen Einflüsse 
innerhalb der Erfahrung berechtigt sind, und von wo an 
sie beginnen, sich ein Recht anzumafsen" ; die Metaphysik 
ihrerseits habe den durch die Erfahrungswissenschaften ge- 
lieferten Inhalt der Erkenntnis zu einem systematischen 
Ganzen zn verarbeiten. Die Psychologie wird zwar aus 
der Reihe der rein philosophischen Disziplinen ausgeschie- 
den, aber es wird ihr doch insofern eine hohe philosophische 
Bedeutung zuerkannt, als sie berufen erscheine, zwischen 
den beiden Hauptgruppen der Erfahrungswissenschaften, 
den Natur- und den Geisteswissenschaften, die Vermittlerin 
zu bilden. Insonderheit leite sie zu der grundlegenden 
philosophischen Einsicht, dass alle Erfahrung zunächst innere 
Erfahrung ist: „was wir äufsere Erfahrung nennen, ist von 
unseren Anschauungsformen und Begriffen beherrscht", und 
wenn wir zur Bildung der letzteren auch der Anstöfse von 
aufsen bedürfen, so sind darum sie selbst doch in uns ; 
hieraus aber folge unabweisbar, dass die von den Wissen- 
schaften erstrebte eiuheitliche Weltansciiauung notwendig 
eine idealistische sein nn'issc. 

Diese Sätze enthalten im Keime die philosophischen 
(irundanscbauungeu, die Wandt in seinen späteren [)hilo- 
sophiscben Werken ausführlicher entwickelt hat, und sie 
bestinunen zugleich den JMan seiner zukünftigen Thätig- 
keit, die sich von da ab auf die l*svchologi(> einerseits, 



38 Zweites Kapitel 

auf* die rein philosophischen Disziplinen andrerseits verteilte. 
Im Gebiete der ersteren kam es vor allen Dingen darauf 
an, die Forschungsarbeit zu organisieren und eine nifig- 
lichst grofse Zahl von Mitarbeitern heranzuziehen, denn 
wenn auf dem Felde des spekulativen Denkens alles durch 
die intensive Gedankenarbeit des Einzelnen geleistet werden 
muss, so kann eine empirische Einzelwissenschaft nur durch 
das Zusammenarbeiten zahlreicher geschulter Kräfte ge- 
fördert werden. Ob sich solche in genügender Zahl finden 
würden, konnte zunächst zweifelhaft erscheinen', denn die 
Beschäftigung mit psychologischen Experimenten setzt einer- 
seits Interesse und Verständnis für psychologische Fragen, 
zugleich aber auch ein grofses Mafs naturwissenschaftlicher 
Kenntnisse und Vertrautheit mit der Methodik des Experi- 
ments voraus, also Eigenschaften, die in der Regel nur 
selten vereinigt sind. Aufeerdem waren die äufseren Ein- 
richtungen und technischen Hilfsmittel zu beschaffen, deren 
eine Experimentalwissenschaft bedarf. So war denn das 
psychologische Laboratorium, welches AVundt in 
Eeipzig zu Ende der siebziger .lahre ins Leben rief, zu- 
nächst eine ganz bescheidene, rein private Veranstaltung, 
aber wider Erwarten sammelte sich aus der Zahl der Stu- 
dierenden bald eine Schar eifriger Schüler und ^lithelfer 
um den Meister, so dass dieser sich schon nach wenigen 
.lahren veranlasst sah, zum Zwecke der Sammlung und 
VeröfFentlichune- der unter seiner Tjeituns' ausgeführten 
experimentellen Arbeiten in den „Philosophischen Stu- 
dien" eine eigene Zeitschrift zu begründen. Nachdem so 
die Daseinsberechtigung der neuen Disziplin erwiesen war, 
konnte sich auch die Universitätsverwaltung der l'flicht, die 
erforderlichen Mittel bereit zu stellen, nicht länger entziehen, 
wenn auch der für die Zwecke des psychologischen Tjabo- 
ratoriums ausgesetzte Etat anfänglich noch ein recht be- 
scheidener war und erst im Laufe der -lahre auf eine an- 
gemessene H()he gebracht wurde, hnmerhin ist die Leip- 
ziger Hochschule <lie erste gewesen, die ein „Institut für 



Wundts wissenschaftlicher Entwickelungsgang 39 

experimentelle I*sychologie" auf'zii weisen hatte, das heute 
eine stattliche Reihe von Zimmern im Universitätsgebäude 
einnimmt. Die Zahl der Studierenden aus dem In- und 
Auslande, die hier in regelmäfsig- sich wiederholenden 
praktischen Kursen in die neue Wissenschaft eingeführt 
wurden, stieg besonders in den achtziger Jahren rasch an, 
und gegenwärtig wirken bereits viele ehemalige Schüler 
Wundts an anderen Hochschulen in Deutschland, Frank- 
reich, England und Amerika. Hauptsächlich in dem letz- 
teren Lande ist man mit der Einrichtung psychologischer 
Laboratorien sehr energisch vorgegangen, aber auch für 
Deutschland ist alle Aussicht vorhanden, dass die Hoffnung, 
die Wundt vor Jahren einmal ausgesprochen hat, er mr»chte 
es vor Abschluss seiner akademischen Laufbahn erleben, 
dass es keine Universität im deutschen Reiche g"iebt, die 
nicht über ein psychologisches Laboratorium und über einen 
Psychologen verfügt, der damit umzugehen weifs, in Er- 
füllung gehen wird. 

Literarisch l)ekuiidete sich der Aufschwung und die 
Ausbreitung der neuen psychologischen Schule darin, dass 
die Grundzüge der physiologischen Psychologie in verhältnis- 
mäfsig kurzer Zeit in vier Auflao-en sowie in französischer 
und englischer l^bersetzung erschienen; zu den philoso- 
phischen Studien, in deren bisher vorliegenden 1(5 Bünden 
eine reiche Fülle thatsächlichen Materials aufgespeichert 
ist, sind seitdem noch (>inige Zeitschriften ähnlicher 
Richtung teils in Deutschland teils im Auslande hinzu- 
getreten, ganz zu schweigen von der grofsen Anzahl 
kleiner und grcifserer selbständiger Schriften, in denen 
Fragen aus dem (rebiete der neuen Wissenschaft behamlelt 
werden. Wundt selbst hat aufser einer langen Reihe von 
Beiträgen zu den „Studien", sowie einer Anzahl gnifsten- 
teils psychologischer „Essays" (Leipzig 1895) o'uw Xeu- 
bear])eitung seiner „Vorlesungen über die ]\renschen- und 
Tierseele" (1892), sowie einen kleinen „(irundriss der 
l*sychologie" (8. AuH. 1898) geliefert, in deni in knajjper. 



40 Zweites Kapitel 

aber durchsichtig-er und allgemein verständlicher Dar- 
stellung die allgemeinen Gesichtspunkte und die wichtigsten 
Resultate der experimentellen Psychologie zusammengefasst 
werden. Endlich hat er in der jüngsten Zeit den ersten 
Band eines umfassend angelegten Werkes veröffentlicht, in 
dem die Probleme der Völkerpsychologie, die ja, wie wir 
g-esehen haben, seiner Auffassung nach die Anwendung 
eigenartig'er Methoden erfordern, behandelt werden sollen. 
(„Völkerpsychologie'', Bd. I, 1900.) Den zuletzt genannten 
Untersuchungen hatte in gewissem Mafse die „Ethik'' 
(1886, 2. Aufl. 1892) vorgearbeitet. Denn während die 
spekulativen philosophischen Systeme die ethischen l*rin- 
zipien aus der Metaphysik ableiten und die empiristischen 
Ethiker zumeist von gewissen Thatsachen des individuellen 
Seelenlebens (z. B. von dem Gegensatz der Lust- und 
Unlustgefühle und davon abhängigen Strebungen) ausgehen, 
betrachtet Wundt die Völkerpsychologie als die „Vorhalle 
der Ethik", d. h. er schöpft seine ethischen Grund- 
anschauungen aus der Betrachtung und der psychologischen 
Analyse der objektiven Erscheinungsformen des sittlichen 
Lebens, indem er dabei im Sinne des Entwickelungs- 
g-edankens von den ursprünglichsten und einfachsten Ge- 
staltungen desselben ausg-eht. Lisofern stellt sich die 
„Ethik" als eine weitere Ausführung der bereits in der 
ersten Auflage der Vorlesungen enthaltenen Ideen dar, wie 
andererseits die einleitenden Kapitel derselben als Vorarlx'it 
zur V()lke.rpsychologie betrachtet werden können. 

Auf dem Felde der reinen Philosophie waren es die 
Gebiete der L o g i k und E r k e n n t n i s 1 e h r e , denen 
Wundt zuerst seine Aufmerksamkeit zuwandte. Schon 
längst konnte ja die traditionelle Schullogik nicht mehr 
als eine erschöpfende Darstellung der Formen gelten, in 
denen sich das Deidcen, insbesondere das planmässige 
wissenschaftliche Denken bewegt. Der Syllogismus oder 
subsumierende Schluss, der ihr Hauptobjekt bildet, kommt 
in der Praxis des Denkens thatsächlich nur in sehr be- 



Wuiults wisseuscliaftlicher Entwickeluugsgang 41 

schränkteiu Unifancre vor, umgekehrt bleiben die Ope- 
rationen, durch welche die Wissenschaften in Wirklichkeit 
zu ihren Begriffen und Sätzen g-elangen, in der „formalen'" 
Logik fast ganz unberücksichtigt. So kam Stuart Mill 
einem dringenden Bedürfnis entgegen, als er in seiner 1843 
erschienenen Logik eine umfassende Theorie der wissen- 
schaftlichen Induktion aufzustellen versuchte. Dieses be- 
rühmte und in seiner Art meisterhafte Werk o-ab indes 
nach 30 Jahren kaum noch ein vollständiges Bild der in- 
zwischen in der Anwendung auf andere Gegenstände viel- 
fach abgeänderten und verfeinerten empirischen Forschungs- 
methoden; aufserdem waren die Anschauungen des Ver- 
fassers über die letzten (Quellen der Erkenntnis so einseitig 
durch die Dogmen des englischen Empirismus beeinflusst, 
dass sie eine Berichtigung herausforderten. An sich war 
es ja als ein Fortschritt zu bezeichnen, dass Mill die 
Frage nach dem Ursprung der Erkenntnis überhaupt mit 
in seine Untersuchung hereinzog, während die Schullogik 
um dies Problem vollständig herumging und Begriffe und 
Urteile einfach als gegeben annahm. Kant z. B., der die 
Frage nach den Bedingungen des Erkennens überhaupt, 
zur Grundfrage der ganzen Philosophie erhoben hatte, 
unterschied doch noch streng zwischen der diese Be- 
dingungen aufsuchenden „transcendentalen'" und der 
„formalen'' Logik. Dieser Unterschied war aber doch 
nur solange aufrecht zu erhalten, als man die licschreibung 
und Zergliederung der i'rodukte des Erkennens als die 
eigentliche Aufgabe der Logik ansah: sobald dagegen das 
Augenmerk auf das Zustandekommen dicscM- Produkte ge- 
richtet wurde, war auch die Fraije nach den letzten l'rin- 
zipien der Erkenntnis gar nicht zu umgehen: die wissen- 
schaftliche Methodenlehre vertieft sich ganz von selbst 
zur philosophischen Erken ntni sichre. 

Auch iiufsere (fründe triel)en daneben s(Mt .Viifang der 
sechziger .fahre die [jogiker zur i^eschäftigung mit den 
erkcniitiiisthcoretischeii ( JnuuHVau-eii an. Noch hatten di»^ 



42 Zweites Kapitel 

Yerteidiger der auf ^reines Denken" gegründeten Speku- 
lation den Kampf gegen die mächtig anstürmenden Ver- 
treter des Erfahrungsprinzips nicht aufgegeben, zugleich 
machte sich aber innerhalb der Erfahrungswissenschaften 
selbst das Bedürfnis nach einer scharfen Fnterscheidune: 
der begrifflichen und der thatsächlichen Bestandteile der 
Erkenntnis und nach Kriterien für die objektive Giltigkeit 
der nicht direkt an der Erfahrung kontrolierbaren hypo- 
thetischen Yorstellungsweisen immer dringender geltend? 
und die I^eukantianer, obwohl in der Verurteilung der 
Tendenzen der spekulativen Metaphysiker mit dem Empi- 
rismus übereinstimmend, brachten doch gegen diesen den 
Fundamentalsatz ihres Meisters, dass zwar alle Erkenntnis 
mit der Erfahrung „anhebe'^, aber darum doch nicht allein 
„aus ihr entspringe", energisch in Erinnerung. So wurde 
die Streitfrage des Empirismus und des Apriorismus 
zum Mittelpunkte aller erkenntnistheoretischen Erörterungen. 
Die neuere Entwickelung der Physik, deren Methoden 
als typisch für die naturwissenschaftliche Erkenntnisweise 
überhaupt angesehen werden, schien übrigens eher für die 
aprioristische als für die empiristische Theorie zu sprechen. 
Die mechanische AVärmetheorie und in Verbindung mit 
ihr die kinetische Theorie der Gase lieferten überraschende 
Beweise von der Kraft der mathematisch-mechanischen 
Deduktion, welche von wenigen axiomatischen Voraus- 
setzungen ausgeht, und das Gesetz der Erhaltung der 
Kraft liefs, wenn man die von Helmholtz gegebene mecha- 
nische Deutung desselben annahm, vormuten, dass jene 
Voraussetzungen thatsächlich eiii(> universelle Geltung be- 
sitzen; hierdurch aber wurde die Frage nahe gelegt, ob 
die Wurzel jener Axiome nicht vielmehr in den Be- 
dingungen unseres Denkens statt in der Erfahrung zu 
suchcji ist. Von diesem Gesichtspunkte aus hatte AVundt 
schon im .)ahr<> IHüi) die physikalischen Axiome einer 
logisehen Prüfung unterzogen, die in dem Nachweis gipfelt, 
dass die (irundvoi-aussetzungen der mechanischen Natur- 



Wuudts wissenschaftlicher Entwickelmigsgaug 43 

lehre aus der Anwendung' des Kausalprinzips auf die That- 
sachen der Erfahrung- hervorgehen, und dass also an den- 
selben die Erfahrung' und das Denken o-leicherweise beteiligt 
sind; in umfassenderem Zusammenhange behandelte er dann 
die log-ischen und erkenntnistheoretisehen Fragen in der 
1880 — 83 in erster, 1893 — 95 in zweiter bedeutend er- 
weiterter Auflage veröffentlichten zweibändigen „Logik'". 
Dies monumentale Werk bildet ein würdig-es rTeo:en- 
stück zu den „Grundzügen" und darf wohl unbedenklich 
zu den klassischen Erzeugnissen der neuesten philo- 
sophischen Litteratur gezählt werden. Von den zahlreichen 
neueren l^earbeitungen der Logik lassen sich nur diejenigen 
von Lotze, Sigwart und Schuppe mit der Wundtschen 
vergleichen; aber keines dieser Werke enthält doch eine 
so vollständige, das wissenschaftliche Denken bis in die 
feinsten Verzweigungen verfolgende Darstellung der Methoden 
und der Trinzipien der einzelnen Wissenschaften. In dieser 
Hinsicht nähert sich Wundts Logik fast einer Encyklopädie, 
die über den Stand der Arbeit auf jedem einzelnen der so 
zahlreichen modernen Forschunü'sg'eV)iete Auskunft fficbt. 
Gelegentlich ist freilich gerade diese weitgehende Speziali- 
sierung getadelt worden, weil sie von den Hauptfragen der 
Logik zu weit abseits führe; man sollte aber dann rich- 
tiger sich gegen die Wundtsche Auffassung der logischen 
Aufgabe überhaupt wenden, in der jener encyklopädische 
Charakter des Werkes begründet ist. ^^'ill die TiOgik den 
Vorwurf der rnfruchtbarkeit vermeiden, der ihr von selten 
der Fachgelehrten so oft gemacht wird, so darf sie sich, 
im Sinne Wundts, eben nicht darauf lieschränken. die 
selbstverständlichen Regeln (h^s gesunden Menschenver- 
standes deduktiv zu entwickeln, sondern sie muss das 
wissenscluiftliche Denken in der ganzen Fülle seiner Be- 
thätigungen zum rntcrsuchungsobjekt machen, um an ihm 
die „thatsäclilicb geül)ten Gesetze des Krkennens" aufzu- 
zeigen und die „von den positiven, insonderheit den exakten 
Wissenschaften stillschweig-end ano:enommene Firkenntnis- 



44 Zweites Kapitel 

theorie in ihrer logischen Eigentümlichkeit zu entwickehi 
und zu begründen". Nur bei einem derartigen Verfahren 
werde sie dann auch mit dazu beitrao:en können, -ffeg-enüber 
der Zersplitterung- der Einzelforschungen und der mit ihr 
so oft verbundenen Unterschätzung fremder Arbeitsgebiete 
das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit der Wissen- 
schaften wach zu erhalten und die Gleichberechtigung der 
wissenschaftlichen Interessen zu wahren". 

Beschäftigte sich die „Logik" nur mit einem Teil- 
gebiet der Philosophie, so werden in dem „System der 
Philosophie" (1889, 2. Autl. 1897) die philosophischen 
Probleme in ihrer Clesamtheit behandelt: das System um- 
fasst also, gemäfs der schon in den Antrittsvorlesungen 
gegebenen Definition der Philosophie, Logik u n d Meta- 
physik, doch so, dass auf den zweiten Teil das Haupt- 
gewicht fällt. Aus dem Bereiche der Logik werden hier 
nur einzelne Fragen, die . in dem logischen Hauptwerke 
mehr zurückgetreten waren, insbesondere die erkenntnis- 
theoretischen Prinzipienfragen, eingehender erörtert. 

Von der alten (rationalistischen) ]\retaphysik unter- 
scheidet sich diejenige unseres Philosophen, wie wir schon 
sahen, grundsätzlich durch ihre Methode, wenn auch das 
Ziel, das sie verfolgt, wesentlich dasselbe ist. Hier wie 
dort handelt es sich darum, eine einheitliche Weltanschauung 
zu stände zu bringen; während nun aber jene sich auf 
das reine Denken stützt, dem die Kraft zugeschrieben wird, 
unabhänii:ig von der Erfahruno- das Wesen der Dino-e zu 
erfassen, will Wundt von der Erfahrung ausgehen und sein 
Ziel dadurch erreichen, dass er die Ergebnisse der empiri- 
schen Einzelwissenschaften zu einem „widerspruchsfreien 
Ganzen" verknü])ft. Die (i runde, mit denen der moderne 
Kritizismus seit Kant die ^löglichkeit der ^letaphysik be- 
stritten hat, fallen hiermit hinweg, denn sie beruhen auf 
der Voraussetzung, dass von ihr eine Erkenntnis der „Dinge 
an sich" mittelst der „reinen Vernunft" erstrebt werde; 
dagegen scheint der Zweifel berechtigt, ob die Aufgabe 



Wundts wissenschaftlicher Entwickelnngsgaiig 45 

der Metaphysik nicht mit der der Einzelwissenschaften zu- 
sammenfällt, und ob es also einen Sinn hat, sie von diesen 
zu trennen oder gar ihnen überzuordnen. In der That 
hat man Wundt den Einwand entgegen gehalten, dass die 
Thätigkeit des Metaphysikers , falls sie sich darauf be- 
schränke, ans den Erfahrungsthatsachen die Schlüsse zu 
ziehen, die rechtmäfsiger Weise aus ihnen gezogen werden 
können, ein Hineinpfuschen in die Arbeit der Einzelforscher 
bedeute, das diese sich entschieden verbitten würden : falls 
sie aber darauf ausgehe, die Ergebnisse der Einzelwissen- 
schaften durch hypothetische Kombinationen zu ergänzen, 
höre sie auf wissenschaftlich zu sein und sinke zu einem 
wertlosen Phantasiespiel herab. Hier kommt es aber vor 
allem darauf an, welche Funktion man dem Denken oreffen- 
über der Erfahrung zuerkennt. 

Hätte der Empirismus Recht mit seiner Behauptung, 
dass alles Wissen blofse Abspiegelung der Erfahrung und 
der Begriff nur ein Hilfsmittel zur bequemen ( )rientierung 
in der an sich unübersehbaren Mannigfaltigkeit der Erschein- 
ungen ist, so k()nnte von Metaphysik allerdings keine Rede 
sein. Durch seine Analyse des wissenschaftlichen fh-kennens 
war jedoch Wundt zu dem Satze gelangt, dass die von 
allen begrifflichen Zuthaten „gereinigte" Erfahrung über- 
haupt nicht mehr Erkenntnis, sondern blofse, gar nicht zu 
verwirklichende Fiktion ist, weil schon die Aufgabe der 
Erfahrungswissenschaften „nur unter Zuhülfenahme von 
Voraussetzungen, die selbst nicht empirisch gegeben sind", 
gelöst werden kann. Daraus ergiebt sich aber von selbst, 
dass es nicht verboten sein kann, die von den Einzel- 
wissenschaften begonnene A^erarbeitung der Erfahrungs- 
thatsachen weiter fortzuführen, falls sich bei der Beschäf- 
tigung mit den einzeliu^n I'roblemen Antriebe dazu heraus- 
stellen. Wenn hierbei auch auf die jj-laiigung absolut 
sicherer unzweideutiger Resultate verzichtet werden niuss, 
so ist das doch noch kein lieweis "'efien die Wissenschaft- 
lichkeit eines derartiffen rnternehmens. Sieht sich doch 



46 Zweites Kapitel 

die Eiiizelforschuug- selbst in weitem Umfang-e g-enötigt, 
Hypothesen zu benützen, darunter solche, die der Natur 
der Sache nach niemals erweisbar und die deswegen als 
metaphysische im ursprünglichen Wortsinne zu bezeichnen 
sind. Die Frage kann also nur die sein, ob man es nicht 
den Einzelwissenschaften überlassen solle, derartige ihnen 
unterlaufende Annahmen zu erörtern und weiter auszuge- 
stalten. 

In der That gesteht Wundt zu, dass die Grenze 
zwischen den Einzelwissenschaften und der Metaphysik eine 
fliefsende ist. Der Naturforscher, der Psychologe oder 
Historiker wird zum Metaphysiker, sobald er sich mit Fragen 
beschäftigt, die an der Hand der Erfahrung nicht mehr 
beantwortet werden können, bei deren Entscheidung wir 
uns also ausschliefslich von den Forderungen des Den- 
kens leiten lassen müssen. Es empfiehlt sich aber nicht, 
die Erörterung dieser Fragen ganz und g'ar den Einzel- 
wissenschaften zu überlassen, denn der Gesichtskreis der- 
selben ist naturgemäfs ein beschränkter, infolgedessen werden 
auch die von ihnen ausgebildeten metaphysischen Hypothesen 
immer ein mehr oder weniger einseitiges Gepräge tragen, 
Ja sich gelegentlich direkt widersprechen. Derartige Inkon- 
gruenzen auszugleichen, die in den einzelnen Wissenschaften 
begonnenen metaphysischen Gedankenreihen zum Abschluss 
zu bringen und miteinander zu einem einheitlichen Ganzen 
zu verbinden, ist nun eben die spezielle Aufgabe der 
Metaphysik, die nur auf dem Wege gelöst werden kann, 
dass die denkende Betrachtung von den einzelnen Erfah- 
rungsgebieten auf die Gesamtheit aller gegebenen Erfahrung 
ausgedehnt wird. 

Entsprechend der Einteilung dvr Rinzelwissenschaften 
in formale (mathematische), Natur- und Geisteswissen- 
schaften zerfällt bei Wundt auch die metaphysisch(» I'rin- 
zipienlehre in die Philosophie der Mathematik, die 
Natur- lind die Geistes j)h i losophi e, wozu als vierter 
Hauprtcil die Ontologie bin/iitritt. Die Naturj)hilosophie 



Wundts wissenschaftlicher Entwickelungsgang 47 

umschliefst als Unterabteilungen die Kosmologie und die 
Biologie. Der Philosophie des Gleistes dient als Grundlage 
die psychologische Prinzipienlehre, ihre bedeutsamsten Ab- 
zweigungen sind Ethik, Rechtsphilosophie, Ästhetik und 
Religionsphilosophie; „durch Zusammenfassung dieser Teile 
unter dem Gresichtspunkte der Entwickelung sucht endlich 
die Philosophie der (beschichte eine Gresamtanschauung des 
geistigen Lebens der Menschheit zu gewinnen.'' Doch sind 
die hier unterschiedenen (lebiete im „System'' nicht alle 
o"leich ausführlich behandelt. Während die einzelnen 
Probleme der Naturphilosophie ziemlich eingehend erörtert 
werden, sind denen der Ethik, der Ästhetik und der Religions- 
philosophie verhältnismäfsig wenige Seiten gewidmet; umso 
eino^ehender beschäftifit sich aber der Verfasser mit den 
allgemeinen Prinzipien der Geistesphilosophie überhaupt 
und mit der ontologischen Kardinalfrao-e nach dem Ver- 
hältnis von Natur und Geist, und man kann wohl behaupten, 
dass gerade diese Untersuchungen den interessantesten und 
wertvollsten Teil seiner Metaphysik biblen. 

Es ist nämlich durchaus irrig, wenn man, wie dies 
noch vielfach geschieht, Wundt als den hervorragendsten 
Repräsentanten der spezifisch naturwissenschaftlichen Welt- 
anschauung bezeichnet: in Wahrheit ist sein Bestreben 
vielmehr darauf gerichtet, das philosophische Denken aus 
dem Banne der Xaturwissenschaften, unter dem es so lange 
gestanden hat, zu befreien und den Geisteswissenschaften, 
insonderheit der l'sychoiogie, den ihnen gebührenden EinHuss 
auf die Gestaltung der allg(Mneinen Weltanschauung zurück- 
zugeben und zu sichern. In (U'r That weisen die eigen- 
tümlichen uiul nuirs<i("l)en(l('n(frundgedanken der Wundtscdien 
Metaphysik deutlich auf die lAsychologie als ihre Ursprungs- 
stätte zurück: das geistige Sein und Geschehen dient als 
Vorbild für den IJcü-iifl' des Seins und Geschehens ül)er- 
haupt. Während z. B. in den naturalistischen Systemen 
die an den naturwissenschaftlichen Uegrift' der Materie sich 
anlehnende Idee dei' nn\ (M';ind('idi(di(Mi SuUstanz di(> oberste 



48 Zweites Kapitel 

Stelle einnimmt, sucht AVmidt gerade die Kategorie der 
8iibstanzialität aus der Ontologie zu eliminieren, um an ihre 
Stelle den aus der inneren Erfahruno^ abstrahierten Begriff 
der „reinen Aktualität'' zu setzen; während dort alles 
Geschehen aus Einzelwirkungen abgeleitet wird, die nach 
mechanischer Notwendigkeit erfolgen, fasst Wundt die 
Einzelvorgänge als Bestandteile eines universellen Ent- 
wickelungsprozesses auf, dessen Verlauf von Zwecken 
bestimmt wird. 

Damit nähert sich unser Philosoph, wie man sieht, in 
demselben Mafse dem Standpunkte des nachkantischen 
deutschen Idealismus, wie er sich von der herrschenden 
naturalistischen Weltanschauung des Zeitalters entfernt. 
Dass er sich selbst dessen vollkommen bewusst war, geht 
aus seiner ausdrücklichen eigenen Erklärung im Torworte 
der Ethik hervor. Einige Leser, so heisst es hier, werden 
vielleicht erstaunt sein zu finden, dass die Ansichten, die 
im dritten Abschnitte dieses Werkes niedergelegt sind, der 
Ethik des auf Kant gefolgten spekulativen Idealismus in 
gewissen (Trundgedanken nahe kommen. Aber auf die 
Gefahr hin, dieses Befremden zu mehren, will ich mit dem 
Bekenntnis nicht zurückhalten, dass nach meiner Über- 
zeugung das Ahnliche, was hier für die Ethik versucht 
wird, in der nächsten Zukunft noch für andere Gebiete der 
Philosophie sich wiederholen wird .... hat jene Zeit in 
vielem geirrt, so besitzt sie doch der heutigen Wissenschaft 
gegenüber die Bedeutung einer vorbereitenden Tdeenent- 
wickelung. Das unbrauchbare Gerüste der Systeme ist hin- 
fällig geworden, aber die lebensfähigen Ideen haben 
— mag man sich auch des Zusammenhangs nicht mehr 
bewusst sein — ül)erall in den Einzelwissenschaften Wurzel 
geschlagen. Die Philosophie wird der Rückwirkung dieser 
Entwickeluiig sirdi nicht entziehen können. Sie wird an 
(b'n allireineiiien Anschauuiiüen vieles, in dev einzelnen 
Ausführung alles zu ändern haben — aber es wird ihr 
doch die Aufgabe zufallen, diesmal geführt von deii 



Wimdts wissenschaftlicher Entwickelungsgang 49 

Einzelwisseiischaften und ihnen selbst wiederum 
als Führer dienend, die Arbeit zu vollenden, die 
dort ohne zureichende Hilfsmittel und mit ver- 
fehlten Methoden beo-onnen wurde. 



Konig, \y. Wmidt. 



Drittes Kapitel. 
Die Theorie des Erkennens. 

Das Problem der Erkenntnistheorie, so wie es Kant 
zuerst scharf formuliert hat, zerfällt in zwei miteinander 
zusammenhängende Fragen. Die erste, allgemeinere be- 
zieht sich auf das Verhältnis des Subjekts zum Objekt, 
der Vorstellung zum vorgestellten Gegenstände, die zweite, 
speziellere auf das Verhältnis zwischen der Erfahrung und 
dem Denken, zwischen den aposteriorischen und den aprio- 
rischen Elementen der Erkenntnis. 

1. Vorstellung und Gregenstand. 
Auf den ersten Blick scheint es selbstverständlich, 
dass unsere Vorstellungen sich nach den Dingen (ihren 
Objekten) richten, dass sie einfach Bilder der letzteren 
sind, und es mutet den der Philosophie ferner Stehenden 
seltsam an, wenn Kant im Eingange seiner Kritik der 
reinen Vernunft erklärt versuchen zu wollen, ob man nicht 
mit der Annahme, dass die Gegenstände sich nach der 
Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens richten, besser 
fortkonune, als mit der entgegengesetzten. In der That 
wird auch diesiM- Gedanke erst durchführbar (hirch die 
hinzukonnnende Unterscheidung des „empirischen'' vom 
„transcendentalen" Objekt, der Erscheinung vom Ding an 
sich, denn offenbar kann das Subjekt nur auf den Inhalt 
seines Wahrnehmens und Denkens, nicht aber auf das 
unabhängig von ihm an sich selbst bestehende (transcen- 
dentale) Sein einen bestimmenden Einfluss ausüben. Dies 
war aller auch der Sinn (Um' Kantischen licbre. Nur die 
Ersr'beinnnii'en, die empirischen ( )l)jekte, ricbt(Mi sich nach 



1. Vorstelliiug und Gegenstand 5]^ 

unserem Auschauuii<^s- und Denkverniüo-en, die I)ino-e an 
sich bleiben nach wie vor in jeder Hinsieht vom Subjekt 
unabhängig: wir haben es aber überall nur mit jenen zu 
thun, das Ding an sich, zu dem unser wahrnehmendes und 
denkendes Bewusstsein keinerlei Beziehung hat, kann eben 
deshalb niemals Clegenstand der Erkenntnis sein, es ist ein 
X, von dem wir h()chstens behaupten können, dass es ist, 
aber nicht, w a s es ist. 

;>Ian sieht leicht, dass dies System des ti'anscendentalen 
Idealismus die Kluft zwischen dem Subjekt und dem Ob- 
jekte nur erweitert, statt sie zu überbrücken. Denn einer- 
seits werden zwar die (ibjekte der sinnlichen Wahrnehnmng 
(die Erscheinungen) dem Subjekt so nahe gerückt, dass 
eine Yermittelung gar nicht mehr nötig erscheint (Erschei- 
nungen sind nach Kant „ ^'orstellungpn in uns''), dafür 
aber hören die eigentlichen (transcendentalen) Objekte über- 
haupt auf, erkennbai' zu sein. Xeue Versuche, zu einer 
mehr befriedigenden l^ösung des Erkenntnisproblems zu 
gelangen, konnten daher nicht ausbleiben. Wie sehr diese 
aber auch sonst auseinandergehen nnigen, so basieren sie 
doch alle auf der durch Kant eingeführten Annahme, dass 
uns unmittelbar nur Erscheinungen, nicht die Dinge selbst 
gegeben sind, und die liemühungen der Xachfolger Kants 
siiul entweder darauf gerichtet, das Ding an sich zu be- 
seitigen (konsequenter transcendentaler Idealismus) oder 
einen Weg von der Erscheinung zum Ding an sich zu 
finden (transcendentaler Realismus). 

Für die idealistische Theorie besteht aber die Schwie- 
rigkeit, zu erkhiren, wie Erscheinungen, \'iu-stellungen, die 
doch ganz <lem Subjekt angehören, den Wert und die IJe- 
deutung von Objekten gewinnen kriniicn: dem Idealismus 
bereitet es nicht geringere Xot, zu zeigen, wie die Dinge 
an sich, die zum Subjekt in keiner notwendigen Beziehung 
stehen, docli vom I)eidc(Mi erreicht werden k/inncn. So 
lag es denn nahe, einnuil die heitkMi n-(Mueinsame N'oraus- 
setzung einer gründlichen Prüfung zu unterziehen, um zu 

4* 



52 Drittes Kapitel 

sehen, ob sich die Alternative Idealismns oder Realismus 
nicht ganz umgehen lasse. Damit haben wir den erkennt- 
nistheoretischen Standpunkt Wundts erreicht. 

Nicht der Gegensatz von Subjekt und Objekt, Vor- 
stellung und Gegenstand, sondern die Einheit beider ist 
der ursprüngliche Thatbestand, von dem die Erkenntnis- 
theorie auszugehen hat. Wenn wir z. B. etwas sehen, so 
unterscheiden wir dabei durchaus nicht zwischen dem als 
Yorstellung „in uns'' befindlichen Gesichtsbilde und dem 
Gegenstande, auf den sich diese Vorstellung bezieht, son- 
dern wir glauben unmittelbar den Gegenstand im Bewusst- 
sein zu erfassen, der Wahrnehmungsinhalt vereinigt also 
in sich die Merkmale der Vorstellung und des Objekts. 
Man hat diese Anschauung von gegnerischer Seite als 
„naiven Eealismus" bezeichnet und damit sagen wollen, 
dass sie eigentlich eine unphilosophische sei; denn wenn 
auch der naive Mensch zwischen Vorstellung und Objekt 
keinen Unterschied mache, so sei es doch für den denken- 
den Menschen unmöglich, auf diesem Standpunkte zu A-er- 
harren, vielmehr werde er durch tausend naheliegende 
Gründe zu dem Schlüsse gedrängt, dass der Wahrnehmungs- 
inhalt nicht selbst das Objekt, sondern nur ein Zeichen 
für dieses sei. In der That liegt es nun aber unserem 
Philosophen durchaus fern, der Wissenschaft das Recht 
zur Berichtigung jener unmittelbaren (naiven) Auffassung 
des Sachverhalts zu bestreiten, im Gegenteil hat er selbst 
mit besonderer Sorgfalt die logischen Motive aufgezeigt, 
die uns dazu zwingen, eine grosse Afenge der ursprünglich 
für objektiv gehaltenen Bestinnnungen des Wahrnehnumgs- 
inhalts ins Subjekt zurückzunehmen; aber diese Zurück- 
nahme erstreckt sich, wie er betont, niemals auf die Ge- 
samtheit jener Bestimmungen, das „Vorstellungsobjekt" 
des naiven Menschen wird durch alle an ihm vorgenounne- 
iicn uaohträglichen Korrekturen niemals in eine blofse 
Vorstellung verwandelt, dem die Eigenschaft, Objekt zu 
sein, ganz abginge, und es ist deshalb falsch, wenn der 



1. Vorstelluug' mid Gegenstand 53 

transcendentale Realismus die Vorstellung als das allein 
und unmittelbar Gregebene hinstellt,' aus dem erst auf das 
<)bj'ekt gesfdilnssen würde. «Die zerstörte Wirklichkeit 
lässt sich mit Hilfe des blofsen Denkens nicht wieder her- 
stellen", sobald man daher einmal „aus dem primären 
Vorstellungsobjekt das ihm inhärierende Merkmal, Objekt 
zu sein, entfernt hat", sind keine riründe aufzufinden, 
welche das Subjekt dazu nötigen könnten, seine Vorstel- 
lungen auf Objekte zu beziehen, und „das Ergebnis solchen 
Bemühens bleibt daher ein fruchtloser Subjektivismus". 
„Nicht objektive Realität zu schaffen aus Elementen, die 
selbst solche noch nicht enthalten, sondern objektive Rea- 
lität zu bewahren, wo sie vorhanden, über ihre Existenz 
zu entscheiden, wo sie dem Zweifel ausgesetzt ist, dies ist 
die wahre und allein lösbare Aufgabe der Erkenntniswissen- 
schaft." (S. 9S f.) Gegenüber den Systemen des Idealis- 
mus und Realismus stellt sich die Erkenntnistheorie AYundts 
somit als eine monistische dar; ihr Ausgangspunkt ist 
die Einheit des Denkens und des Seins, aber nicht jene 
von Hegel u. a. angenommene metaphysische Einheit des 
Idealen und des Realen, sondern die thatsächliche Einheit 
von Vorstellung und Objekt, die wir alle in der Praxis 
des Lebens anerkennen. Ebensosehr wie von den genannten 
Theorien, weicht sie aber auch von den Anschauungen der 
sogenannten immanenten Philosophie ab, welche be- 
hauptet, dass Objekt und Subjekt in untrennbarer A'er- 
bindung mit einander gegeben seien, dass wir uns kein 
Objekt ohne Sul)jekt und kein Subjekt ohne Objekt denken 
könnten. „Die primitive Erfahrung ist nicht das im, son- 
dern das aufser dem Bewusstsein gelegene Objekt; dass 
dieses äufsere Objekt überhaupt im I^ewusstsein vorgestellt 
wird, ist eine erst auf Grund hinzutretender Reflexion ent- 
standene Erkenntnis" (X. R. S!)7), dagegen ist in allen 
den Momenten, wo unser Bewusstsein ganz in der Anschau- 
ung der Objekte aufgeht, die Vorstellung d(>r Objekte 
nicbr von (l('rieni<i'en (h's Subjekts beji'leitet. 



54 Drittes Kapitel 

Auf den ersten Blick erscheint es freilich als ein 
AYiderspruch , wemi Wundt einerseits behauptet, dass der 
Begriff eines Objektes, das nicht vorg-estellt wird, eines 
Dinges an sich, eine reine Fiktion sei, und wenn er andrer- 
seits doch die Lehre, dass alle Objekte in unaufhebbarer 
Beziehuno- zum Subjekt stehen, verwirft. Doch nniss man 
berücksichtigen, dass seine Stellung zum Erkenntnisprol)lem 
eine ganz andere ist, als diejenige der von ihm bekämpften 
Systeme. Diese Abweichung findet ihren Ausdruck in dem 
Grundsatze, dass die „auf dem Wege logischer Analyse 
entstandenen Unterscheidungen'' nicht in „ursprünglich" 
geschiedene Momente der Erkenntnis verwandelt werden 
dürfen. Demgemäfs erkennt AVundt den (legensatz von 
Subjekt und Objekt sowenig als einen ursprünglich ge- 
gebenen an, wie den von Yorstellung und ( )bjekt (richtiger 
Gegenstand), und wenn jedes Objekt ursprünglich Yor- 
stelluugsobjekt ist, so folgt daraus für ihn noch nicht, dass 
mit jedem Objekt zugleich auch das Subjekt gedacht oder 
vorg-estellt werde. Erst mit der fortschreitenden Ent- 
Wickelung und Ausgestaltung der Erkenntnis gelangen 
wir zum Subjektsbegriff und damit zur Gegenüberstellung 
von Subjekt und Objekt, den Ausgangspunkt dieser Ent- 
wickelung aber bildet die ungeschiedene Einheit oder In- 
differenz beider. 

Die Sache wird noch deutlicher werden, wenn wir die 
Stufen, in denen die Erkemitnis sich entwickelt, mit ^Yundt 
etwas näher betrachten. Der Inbegriff der ursprünglichsten, 
von der Thätigkeit des Denkens noch völlig unberührten 
Erkenntuisinhalte ist die „unmittelbare Erfahrung". Zu 
ihr gehört „alles, was uns überhaupt gegeben ist. ohne 
dass wir uns irgend welcher daran vorgenonuneiuM- Ände- 
rungen bewusst sind" (S. 8f)), also unser Fühlen und 
^Yoll('ll sowolil als die äufseren Objekte und ihre räunüich- 
zeitlicheii Beziehungen. Indem nun aber einige Bestand- 
teile t\rv unmittelbaren Erfahrung „weder erzeugt uoch 
willkürlii'li verändert werden k<innen". wäbrend andere 



- 1. Vorstelluug und Gegenstand 55 

„auf ein selbstthätiges Handeln sowie die Rückwirkungen, 
die dieses auf uns ausübt, bezog-en Averden" scheidet sich 
von den objektiven Erfahrungsinhalten, den Vorstellung;en, 
die Gruppe der subjektiven, welche wesentlich die (jrefühle 
und Willensthätigkeiten umfasst. Auf dieser Stufe bleibt 
aber die Entwickelung- nicht stehen, vielmehr werden 
weiterhin auch „alle diejenigen Bestandteile des Yorstel- 
lung'skreises, die in unmittelbarer Verbindung mit dem 
Willen stehen, dem Subjekt zugerechnet; so zunächst die 
Gedächtnis- und Phantasievorstellungen, dann aber auch 
der eigene Körper, der, ursprünglich als Vorstellungsobjekt 
neben anderen gegeben, dadurch sich von den übrigen kör- 
perlichen Objekten absondert, dass sich mit seinen Be- 
wegungen überall „Gefühle und Empfindungen verbinden, 
die ihnen teils vorausgehen, teils sie begleiten, teils als 
ihre Nachwirkungen zurückbleiben". Auf Grund dieser 
Verhältnisse entwickelt sich dann weiter der Gedanke einer 
durch den Körper vermittelten Wechselwirkung des Sub- 
jekts und der Objekte, welcher schliefslich auch zur Er- 
klärung der Erkenntnis selbst benutzt wird und die An- 
schauung entstehen lässt, „dass das Objekt auf das Subjekt 
wirken muss, um von diesem vorgestellt zu werden" (S. IHl). 
üas einheitliclic Vorstellungsol)jekt der unmittelbaren Er- 
fahrung ist also nunmehr vollständig in zwei Bestandteile 
aufgelöst, in die (subjektive) Vorstellung und den ihr ent- 
sprechenden Gegenstand aufserhalb des Subjekts. 

Dieses im X'erlaufe der natürlichen Entwickelung des 
Bewusstseins sich ergebende Resultat kann aber für die 
Erkenntnistheorie umsoweniger mafsgebend sein, als es 
„einen offenkundigen logis(dien Widerspruidi" einschliefst, 
denn, wenn alles unmittelbar (legebene nui' sn))jektiv ist, 
so ist nicht einzuselien, wie das Sul»jekt jemals aus sich 
selber herauskonnnen sollte. Auch dem Umstamle, dass die 
i^sychologie durch die Analyse des Wahrnehmungsvorgangs 
zu demselben Ergebnis g-eführt wird, leiit W'uudt keine 
entscheidende ISedeutunii' bei, weil sie daliei eine den \ov- 



56 Drittes Kapitel 

Stellungen entsprechende Wirklichkeit bereits voraussetzt; 
die Berechtigung dieser Yoraussetzung- kann also durch 
psychologische Erwägungen weder bewiesen noch widerlegt 
werden. Prüfe man aber die hier in Rede stehenden 
Anschauungen unabhängig von irgend welchen anderweitigen 
Annahmen auf ihren inneren logischen Wert, so zeige sich 
erstens, dass Subjekt und Objekt keineswegs untrennbar 
aneinander gebundene Elemente sind, da das Subjekt vermöge 
seiner Beziehung zum Körper ursprünglich nur „ein Yor- 
stellungsobjekt unter andern" ist. N^ur insoweit liege der 
Ansicht von der notwendigen und wesentlichen Korrelation 
von Subjekt und Objekt etwas Wahres zu Grunde, „als es 
kein Objekt giebt, dem die Eigenschaft fehlen könnte 
denkbar zu sein, und keine Denkhandlung, die nicht 
ein < )bjekt als unerlässlichen Bestandteil einschliefst." (S. 97) 
Es zeige sich zweitens, dass das Subjekt ebensowenig den 
Objekten vorangeht, so dass wir uns unmittelbar nur unserer 
selbst gewiss wären und erst mittelbar zur Erkenntnis 
äufserer (Jbjekte gelangten, da die Subjektsvorstellung selbst 
unmöglich wäre, wenn nicht äulsere Objekte unmittelbar 
als gegeben anerkannt würden. Wenn sich also auch im 
einzelnen Falle Motive ergeben mögen, die uns veranlassen, 
diesem oder jenem Bestandteile des Wahrnehmungsinhaltes 
objektive Realität abzusprechen, so sind wir doch durchaus 
nicht berechtigt, diesen Schluss zu verallgemeinern und zu 
behaupten, dass alle Erfahrungsinhalte an und für sicli 
nur subjektiv seien. 

Dei' so gewonnene Standpunkt des „kritischen 
Realismus'' deckt sich, wie Wundt hervorhebt, mit dem- 
jenigoji, (h^n die theoretische Naturwissenschaft thatsächlich 
einninunt. Die realen Objekte, deren Fjrforschung die 
Naturwissenschaft sieh zur Aufgabe macht, und die sie 
mit Recht als unabhängig vom Subjekt ansieht, weriU'n 
deswegen von ihr doch nicht als etwas von den Wahr- 
nehmungs- ( Yorstellungs-) Objekten toto genere Yerschiedenes 
gedacht, sondern sind gar nichts anch'res als diese Wahl- 



1. Vorstelle« g und Gegenstand 57 

nehnumg-sobjekte selbst nach Yornahnie aller der Berich- 
tigungen, die durch den Widerstreit der Wahrnehmung-en 
untereinander g-efordert werden. Die wichtigste dieser 
Berichtigungen besteht in der Zurücknahme aller qualitativen 
Bestimmungen ins Subjekt; infolgedessen ist das Objekt, 
das hier noch zurückbleibt, nicht mehr ein anschauliches, 
sondern ein gedachtes, aber dies gedachte Objekt ist doch 
nicht etwas neben dem Torstellungsobjekt Bestehendes, 
sondern eine blofse Umformung desselben. 

Somit reduziert sich der Gegensatz von Vorstellung 
und Gegenstand, Erscheinung und Ding an sich auf den 
des anschaulich und des begriffsmäfsig Erkannten, 
ein Ergebnis, das für die ganze Gestaltung der Wundtschen 
Philosophie, hauptsächlich für seine Auffassung des Ver- 
hältnisses von Innenwelt und Aussenwelt, Geist und Natur, 
von äusserster Wichtigkeit ist. Inneres Erleben und 
äusseres Geschehen sind im Sinne unseres Philosophen nicht 
zwei ursprünglich verschiedene Daseinsformen oder aus- 
einanderfallende Sphären der Wirklichkeit, von denen nur 
die eine uns unmittelbar gegeben ist, während die andere 
erst erschlossen werden muss, sondern es ist ein und der- 
selbe Erfahrungsinhalt unter verschiedenen Gesichtspunkten 
betrachtet. Die unmittelbare Erfahrung ist ein einheit- 
liches Erleben ; betrachten wir nun die Gesamtheit unserer 
Erlebnisse in ihrem unmittelbar gegebenen Zusammen- 
hange, so nennen wir das den Blick nach ,, Innen" auf die 
Zustände unseres Selbst richten, betrachten wir dagegen 
nur die Vorstellungsinhalte unter Abstraktion von den mit 
ihnen verbundenen Gefühlselementen, so sagen wir, dass 
unsere Aufmerksamkeit nach ,, Aussen" auf die realen Ob- 
jekte gerichtet sei, und der so entstandene Gegensatz ver- 
tieft sich dann iiocli weiter (hi(hirch, dass wir uns ge- 
niitigt seben, den Vorstellungen hegritfliche Symbole zu 
substituieren. Aber er wird docli deswegen nie zu einem 
absoluten; wie weit auch Aw naturwissenschaftliche Objekts- 
beffriff sich inhaltlich v(mi dci- sinnliduMi .Vnschauuiiii- (Mit- 



58 Drittes Kapitel 

fernen möge, so gewinnt doch das Objekt dadurch keine 
andere Bedeutung, als die es ursprünglich hatte, es kann 
also auch der ursprünglich vorhandene Zusannnenhang 
zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven, dem äusseren 
und dem inneren Sinn, nicht verloren o-ehen. Die Frag-e, 
wie dieser Zusammenhang 7a\ stände konnnt, wie es mög- 
lich ist, dass unsere Vorstellungen sich nach den Dingen 
an sich richten und dass überhaupt innere Vorgänge und 
Zustände mit äufseren in irgendwelchen Beziehungen stehen, 
fällt hiernach von selbst hinweg. Sie existiert nur unter 
der Voraussetzung, dass man unter dem Aufseren etwas 
jenseits aller möglichen Erfahrung Liegendes, absolut 
Transcendentes versteht, diese Bestinunung trifft aber für 
das, was im gewöhnlichen sowohl wie auch im wissen- 
schaftlichen Sprachgebrauch die reale Aufsenwelt genannt 
wird, nicht zu, denn damit ist nichts anderes gemeint, als 
der Inbegriff „der objektiven Erfalirungsinhalte. die sich 
nach vollständiger Elimination der als subjektiv erkannten 
Elemente und nach vollständig ausgeführter logischer Ord- 
nung der zurücko^ebliebenen Bestandteile ergeben." fN.R. 329.) 



2. Erfahrung und Denken, A])osteriori und Apriori. 
Der Begriff des Apriori hat bei Kant eine dreifache 
Bedeutung. Er bezeichnet erstens die Eigenschaft der 
notwendigen und streng allgemeinen Gültigkeit, durch 
die sich z. B. die mathematischen Wahrheiten von den 
lilofscn Erfahrungsthatsachen unterscheiden. Er bezeichnet 
zweitens die formalen Bestandteile der Erfahrung im Tuter- 
schiede von den materialen, und er bezeichnet drittens die 
Elemente der Erkenntnis, welche im Subjekt selbst ihren 
(Jrund haben, im Gegensatz zu denen, die ihm ,, gegeben" 
sind. Die zweite und dritte Definition sind im Sinne Kants 
voUkonnnen gleichwertig, weil er von der Voraussetzung 
ausii-chr, dass zwar die .Alatei'ie aller Krsclu'iinini,^eii mir 



2. Erfalirnny und Denken 59 

(aposteriori) ge<^ebeii sein könne, die Form aber im 
Gemüt (apriori) bereit liegen müsse ; hieraus zieht er dann 
bekanntlich die wichtige Folgerung, dass die formalen Be- 
stimmungen, weil vom Subjekt hinzugel)racht, nur für 
Erscheinungen, nicht aber für die Dinge an sich giltig sind. 
Das Apriori der /weiten und dritten Definition und das 
der ersten stehen nach Kant im Verhältnis von Grund und 
Folge: Erkenntnisse apriori sind nur möglich, weil es 
Anschauungs- und Begriffsformen giebt, die obwohl 
vor aller Erfahrung im Gemüt bereit liegend, doch für alle 
mögliche Erfahrung mafsgebend sind. 

Da AVundt, wie wir sahen, jede Auffassung des Er- 
kenntnisvorgangs, bei der ein ursprünglicher Gegensatz von 
Subjekt und (Objekt angenommen wird, verwirft, so fällt 
für ihn die dritte Definition des Apriori als sinnlos hinweg. 
Er erkennt also zwar mit Kant Raum und Zeit als ., for- 
male Bestandteile der Wahrnehmung'' an, teilt aber nicht 
die Ansicht des letzteren, dass diese Formen in den subjek- 
tiven Bedingungen imserer Sinnlichkeit begründet sind und 
demnach ,,den Dingen nur insofern beigelegt werden können, 
als sie uns erscheinen". Das Subjekt hat ja, wie er weiter 
ausführt, den Wahrnehnnmgsstoff durchaus nicht erst zu 
formen, sondern Stoft' und Form sind ihm von vornherein 
in untrennbarer Verlnndung gegeben, und es liegt deshaU» 
o-ar kein (Trund vor, den formalen Bestandteilen den C'ha- 
rakter der objektiven Realität abzusprechen; im Gegenteil 
sind es gerade sie, die nach Zurücknahme der (pialitativen 
Bestimmungen ins Subjekt als reale Prädikate der Objekte 
zurückbleiben. Auch der spezielle Beweisgrund, den Kant 
noch für die Idealität des Raumes nnd der Zeit anführt, 
ist nach Wundt nicht stichhaltig. AVenn es nämlich auch 
richtig sei, dass wir von jeder liestiminten Ausfüllung des 
Raumes und der Zeit abstrahieren, niemals aber diese scdbst 
hin wegdenken kiinnen, so folge daraus doch nni-, dass 
Kaum nnd Zeit form al e Bestandteile unserer Wahrnehm- 
ungen seien, (h-nn (bis AVesen der Form besteht gerade 



60 Drittes Kapitel 

darin, dass sie unverändert l)leiben kann, während der 
Inhalt wechselt. Dass die.se Formen aber iinabhäno:! «: 
vom Inhalt im Stibjekt l^eg-ründet sind, würde nur be- 
hauptet werden können, wenn es möglich wäre, sieh den 
leeren Raum und die leere Zeit vorzustellen, was Wundt 
bestreitet. 

So sieht denn unser Philosoph in der Lehre Kants von 
der Idealität der Anschauungsformen nur ein Beispiel jener 
falschen Richtung des Denkens, die ,,die Produkte einer 
nur durch Abstraktion vermittelten Unterscheidung" in ur- 
sprünglich geschiedene und erst nachträglich sich ver- 
einio-ende Faktoren verwandelt. Stoff und Form der An- 

o 

schauung- sind in untrennbarer Yerbinduno: ffeg-eben und 
können durch das reflektierende Denken zwar unterschieden, 
aber nicht geschieden werden. Raum und Zeit als so- 
genannte ,, reine Anschauungen", d. h. als jedes sinnlichen 
Inhalts bare Vorstellungen existieren nicht; der Raum der 
Cieometrie ist nur Anschauung, insofern wir dabei einen 
beliebigen Inhalt mit vorstellen, er ist aber Begriff", in- 
sofern sich damit die Yoranssetzung verbindet, dass der 
zur \'ergegenwärtigung der Form gewählte Inhalt ein 
gleichgültiger sei. und dass daher statt seiner jeder andere 
gewählt werden kcinne. Somit hat Kant zwar Recht, 
wenn er betont, dass die Raumvorstellung uns nicht in der 
Erfahrung gegeben ist, aber es ist dies nicht deshalb der 
Fall, weil sie als subjektive Anschauungsform der Er- 
fahrung vorhergeht, sondern weil sie erst durch die lo- 
gische Bearbeitung der Erfahrung gewonnen wird. 

Dieselben Erwägungen bestimmen auch die Stellung 
NN'undts zu der Kantschen Kategorienlehre. Ei' nimmt 
zwar die Definition der Kategorien als der logischen 
I-'iiiiktinncn, (lurch die das Mannigfaltige der sinnlichen 
Anschauung eiidieitlich zusamniengefasst wird, an, fordert 
aber nach zweifacher Richtung hin eine Ph-gänzung jener 
Lehre. Zunächst habe Kant die Kategorien nur klassifiziert, 
al»cr nicht wirklich deduzici't. es sei also ii<)tig, sie aus 



2. Erfahrung und Denken 61 

den Fuiulamontalgesetzeii des ])enkeiis heraus zu ent- 
wickeln. Sodann aber seien die Bedingungen und Daten 
der sinnlichen Anschauung aufzusuchen, welche die An- 
wendung: der Denkffesetze herausfordern und ihr die Eich- 
tung gehen, denn so wenig wie die Anschauungsformen, 
existieren auch die Denkfunktionen unabhängig von dem 
Anschauungsinhalt, sie setzen vielmehr ein sinnliches Substrat 
ihrer Bethätigung voraus und würden gar nicht zur Aus- 
übung kommen, wenn nicht in der Anschauung bereits 
gewisse Verbindungen des ^lannigfaltigen vorbereitet wären. 
In Summa sei an Stelle des von Kant geübten synthetischen 
Yerfahrens ein analytisches anzuwenden. Bei Kant er- 
scheine der reine Yerstandesbegriff ,,wie ein deus ex ma- 
china, der da ist, wo man ihn braucht;- ohne dass man 
weifs, wie uiul warum er da ist"; im Widerspruch mit 
seiner eigenen Definition des Denkens als einer ver- 
knüpfenden Funktion fasse er die Kategorien thatsächlich 
als fertige Schemata auf, die der Verstand der Erfahrung 
entgegenbringt, und in die er den Erfahrungsinhalt ein- 
ordnet. In Wahrheit handele es sich aber bei der An- 
wendung der Denkfunktion auf den Erfahrungsinhalt um 
einen in Stufen fortschreitenden Prozess, dessen Produkte 
einerseits durch die Natur des Denkens, daneben al)er auch 
durch die besonderen Bedingungen der sinnlichen An- 
schauung bestimmt werden. Indem Kant die Produkte 
dieser denkenden Bearbeitung des Erfahrungsinhaltes, die 
allgemeinsten Erfahrungsbegriftc , als ,, reine Verstandes- 
l)egritte" der Erfahrung vorhergehen liefs, beging er den- 
selben Fehler, der seiner Theorie der reinen Anschauungs- 
formen zu Grunde liegt. 

Wollen wir demiocli von einem apriorischen Faktor 
in der begrifi'licheii Erkenntnis reden, so dürfen wir da- 
runter nach M^mdt nicht ein System kategorialer Formen, 
sondern ,, lediglich die allgemeine Funktion des logischen 
Denkens'' verstehen d. h. ,,Jene Thätig-keit der beziehenden 
Vergleichung, die in den logischen Grundgesetzen ihren 



62 Drittes Kapitel 

abstrakten Ausdruck findet", die aber den Wahrnehmungs- 
inhalt als das adäquate Material ihrer Wirksamkeit voraus- 
setzt, fni Yergleich zu dem Apriorismus Kants stellt sich 
diese Lehre als eine rein empiristische dar, denn dass die 
begriffliche Auffassung des Erfahrungsinhaltes durch das 
vergleichende und beziehende Denken vermittelt wird, 
hat auch der Empirismus nie geleugnet. Bei näherem 
Zusehen treten doch aber auch nach dieser Seite hin er- 
hebliche Differenzen hervor, so dass man vom Standpunkt 
des gewöhnlichen Empirismus aus die Wundtsche Theorie 
ebenso gut als eine aprioristische bezeichnen könnte. Es 
kommt hier eben sehr viel, ja alles auf die genauere 
Bestimmung der Begriffe der ..Erfahrung'* und des 
,. Denkens'' an. 

Nach der landläufigen enipiristischen Ansicht ist das 
Denken zwar ganz und gar an die Erfahrung gebunden, 
die Erfahrung aber ist unabhängig vom Denken, d. h. das 
Denken ist nicht unbedingt nötig, um zu einer Erkenntnis 
von Gegenständen und ihren Beziehungen zu gelangen, 
vielmehr genügt hierzu sclion die rein passive Aufnahme 
und Aneignung des Cfegebenen, ja diese sogenannte reine 
Erfahrung ist es allein, die uns ein unverfälschtes Bild der 
Wirklichkeit liefert. Nach Wundt hingegen existiert die 
reine Erfahrung so wenig Avie das reine Denken: ,,es 
giebt keinen empirischen Inhalt, der nicht schon 
irgendwie durch das Denken verai'beitet ist", so- 
wenig wie es ein Denken giebt. das nicht an einen em- 
pirischen Inhalt gebunden wäre. (S. 210.) Wir kennen das 
Denken und die Firfahrung nur in Verl)indung mit ein- 
ander, und (^s ist uns ganz unmöglich, uns auf einen Stand- 
punkt zu versetzen, für welchen diese Beziehung noch nicht 
vorhanden wäre. Die sogenannten Erfahrungsthatsachen 
bedeuten den Produkten des Denkens gegenüber nicht ein 
absolut (»egebenes, sondern sie sind nur Denkprodukte nie- 
derer Stufe, und wie weit wii- auch zurücko:ehen mögen, 
so kommen wii- doch nie auf l'rkcnnmisinhalte, an deren 



2. Erfahrung- und Denken (J3 

Zustandekommen das Denken ülierhaupt nicht beteilio-t 
wäre. Aber auch das Denken ist im Sinne Wundts nicht 
ein hlofses Konstatieren von Uebereinstimmuno- und Ver- 
schiedenheit, sondern yiehnehr zerlegende und beziehende, 
also formende Thätigkeit. Alles Denken geht aus von 
der Anschauung; es beginnt damit, dass es eine anschau- 
lich gegebene Gesamtvorstellung in ihre Bestandteile zer- 
legt, um diese sodann in Beziehung zu einander zu setzen 
(„Primäre Urteile''), und geht dann weiter dazu über, auch 
unabhängig von einander gegebene Vorstellungen zu einer 
begrifflichen Einheit zu verbinden („Sekundäre rrteile"). 
Je nachdem nun das Granze und seine Teile oder zwei 
Glieder des Ganzen untereinander in Beziehung gesetzt 
werden, entsteht das logische Verhältnis der Identität 
oder das der Abhängigkeit. 

Die Identität und ihr Widerspiel, die Verschiedenheit, 
mag man als mit dem Erfahrungsinhalte selbst gegeben 
ansehen, die Abhängigkeit ist auf alle Fälle eine Beziehung, 
die erst durch die denkende Auffassung des Erfahrungs- 
inhaltes entsteht, und die zugleich als eine neu«» Bestim- 
mung zu dem Erfahrungsinhalte hinzutritt. Indem also 
Wundt diesen Begriff der Identität als selbständige logische 
Kategorie an die Seite stellt, eitrfernt er sich ebensoweit 
von der in der formalen Logik herrschenden Auffassung 
des Denkens und der auf ihr fufsendeii empiristiscdien Er- 
kenntnistheorien, wie er sicli der „transcendentalen Logik" 
Kants und dem logischen Apriorismus dieses Philosopbcii 
uähert. Dem Grundsatze Kants, dass wir uns Jiichts im 
Objekt verbunden vorstellen kiinncn, olme es vorher selbst 
verbun<len zu lialx'ii, stinnnt auch Wiindt im wesentlichen 
bei. Die sinnlicbe Anschauung für sich bietet, wie er 
anninnnt, nur eine Mannigfaltigkeit von Linzelheiten dar, 
welche erst durch (bis Denken einheitbCh zusanunengefasst 
werden, und gerade in dieser Zusanunenfassung und Auf- 
einanderbeziehung besteht die ursprünglich(» und eigen- 
tümliche Leistung des Denkens gegenüber (h-r ilrfahrung; 



64 Drittes Kapitel 

(las Denken ist also nicht ausschliefslich analytische, son- 
dern analytisch-synthetische Funktion. Da wir frei- 
lich nicht im stände sind, Erfahrung und Denken voll- 
ständig- von einander zu trennen und zur „reinen" Erfahrung 
zurückzugehen, so können wir diesen Vorgang der Synthesis 
nicht in seiner primitivsten Form, d. h. in seiner An- 
wendung auf die noch ganz zusammenhangslosen einfachsten 
sinnlichen Eindrücke, sondern nur auf jenen höheren Stufen 
beobachten, wo die bereits mannigfache Beziehungen und 
Verbindungen aufweisenden Data der Erfahrung im ge- 
wöhnlichen Sinne des Wortes zu Einheiten zusammen- 
gesetzterer Art verknüpft werden. In diesem Falle er- 
scheint dann natürlich die logische Einheitsform als etwas 
in der Anschauung bereits mehr oder weniger Vorgebildetes 
und der schöpferische Charakter des Denkens tritt mehr 
zurück. 

Trotz der hierdurch bedingten Mannigfaltigkeit der Be- 
griffsformen hält nun aber Wundt, und hierin liegt seine 
hauptsächlichste Abweichung von Kant, an der Voraus- 
setzung fest, dass das Denken in allen seinen Bethäti- 
gungen sich gleich bleibt. Die Begriffe der Substanz, der 
Kausalität u. s. w. deuten nicht auf ebenso viele spezifisch 
verschiedene Funktionen des Denkens hin, sondern es sind 
blofse Modifikationen der nämlichen Funktion nach Mafs- 
gabe der empirischen Bedingungen ihrer Anwendung; die 
allgemeinste und im Grrunde einzige Kategorie ist die Be- 
ziehung der Abhängigkeit, und die allgemeinste Norm 
des synthetischen Denkens , der oberste Grundsatz des 
Verstandes, ist das Prinzip des Grundes, demzufolge 
wir annehmen, dass die Bestandteile eines Vorstellungs- 
«ranzen in demselben \'erhältnis zu einander stehen, wie 
Grund und Folge im Denken. Die zweite Abweichung ist 
durch diese erste bedingt. AVenn die Begriffe, mittelst 
deren wir das Mannigfaltige der Anschauung zur Einheit 
zusannnenfassen, nicht apriori im Denken liereit liegen, 
sondern erst (lui'ch die Anwendung' des Sat/.es vom (irunde 



3. Die Genesis der Erfahriuigsbegriffe (35 

auf die Erscheinungen entstehen, so sind sie yeränderlich, 
entwickelungsfähig-, nnd die Aufgabe der ])hilosophischeu 
Erkenntniskritik wird sieh nicht darauf beschränken, sie 
einfach aufzuzeigen, sondern viehnehr dahin gehen, sie 
richtig zu bestimmen. Denn man wird kaum annehmen 
dürfen, dass schon das gewöhnliche unwissenschaftliche 
Denken, dem die kritische Reflexion fremd ist, hier die 
ganze Arbeit gethan und ein allen logischen Anforderungen 
genügendes Begriffssystem zu stände gebracht hat. Wenn 
also auch die philosophische Kritik die BegrifFsbildungen 
des gesunden Menschenverstandes naturgemäfs zum Aus- 
gangspunkte nimmt, so wird sie dieselben doch nach- 
prüfen, indem sie rückwärts gehend die logischen Motive 
aufsucht, aus denen sie hervorgegangen sind, und sie wird 
weiter vorwärts gehend jene Begriffe soweit nötig zu be- 
richtigen und zu logischer Vollendung zu bringen suchen, 
wobei sie sich auf das von den Einzelwissenschaften in 
dieser Richtung bereits Geleistete stützen kann. Damit 
ergiebt sich die Aufgabe einer logischen Eutwickelungs- 
geschichte der grundlegenden Erfahrungsbegriffe, die für 
Kant gar nicht in Frage kam, und deren erstmalige In- 
angriffnahme eines der hauptsächlichsten Verdienste Her- 
barts ist. 



H. Die fienesis der Erfahrungsbegriffe. 
Geht man in der Analyse der Erkenntnisbediugungen 
soweit, als es überhaupt möglich ist, auf die Ursprünge zu- 
rück, so zeigt sich, dass die Thätigkeit des beziehenden 
und verknüpfenden Denkens durch die l^eziehungen des 
r;i uniliclien Zusammenseins und der zeitliclion Auf- 
einanderfolge herausgefordert und bestinunt wird, die 
zwischen den einzelnen Bestandteilen des Warnehmungs- 
inhaltes bestehen, und die bewirken, dass schon auf der 
iiiedrio'stcn Stufe des sinnlich -anschaulichen Erkennens 

K (> n'iu: , W. WiuKlt. *' 



66 Drittes Kapitel 

das Gegebene in eine Vielheit zusammengesetzter Einheiten 
zerfällt. Hiren logischen Ausdruck findet diese Gliederung 
des Wahrnehmungsinhaltes in dem Begriffe des Dinges, 
dem sofort die Begriffe der Eigenschaft und des Zu- 
s tan des als ergänzende Korrelatbegriff'e an die Seite treten. 
,, Gegenstände oder Dinge sind von unserem Willen un- 
abhängige Komplexe von Empfindungen, denen räumliche 
Selbständigkeit und zeitliche Stetigkeit zukommt." (L. 1.467). 
Das Ding ist also einerseits mehr als die Summe der auf 
dasselbe bezogenen sinnlichen Wahrnehmungen, insofern 
der Gedanke einer Verbindung dieser Wahrnehmungen 
hinzukommt, aber es hat doch andrerseits auch nicht die 
Bedeutung eines von den wechselnden Attributen un- 
abhängigen, ihnen zu Grunde liegenden unveränderlichen 
Substrates, vielmehr wird es zunächst selbst als veränder- 
lich gedacht und eine gewisse „Beständigkeit" ihm nur 
insofern zugeschrieben, als alle Zustandsänderungen stetig 
ineinander übergehen. Ebenso schliefst auch der dem 
Dingbegriff' korrespondierende Begriff' des Vorganges, 
der die Teile eines zusammenhängenden Geschehens zu- 
sammenfasst, noch nicht die Forderung einer regelmäfsigen 
Abhängigkeit dieser Teile von einander ein: die verstandes- 
mäfsige (begriffliche) Erkenntnis der Wirklichkeit kommt 
also nicht etwa, wie Wundt gegenüber Kant betont, durch 
die Anwendung ■ der abstrakten Kategorien der Substanz 
und der Kausalität auf den Wahrnehmungsinhalt zu stände, 
vielmehr gehen umgekehrt diese letzteren erst aus der 
weiteren logischen IJearbeitung der Begriff'e des Dinges 
und des Vorganges hervor, zu der das Denken durch seine 
eigene immanente Gesetzmäl'sigkeit gedrängt wiid. 

Wie nämlich ,,kein Denkgesetz die Anschauung un- 
verändert bestehen lässt, so hat nicht inin(h'r ein jedes die 
Kraft in sich, über die (irenzen scinei' ursprünglichen Be- 
thätigungen hiniuiszustrelKMi, um sich alles zu unterwerfen, 
Avas Gegenstand des \'orstelleiis werden kann". (S. 1()6.) 
Demgcniäls l)eschi';iid\t sich die vcrkniii)i'(Mide i'^inktion des 



'6. Die Genesis der Erfabrungsbegriffe 67 

Denkens nicht darauf, dio Wahrnehmungsinlialte als Eigen- 
schaften und Zustände eines Dinges gruppenweise zu 
einander in Beziehung zu setzen, sondern sie schreitet zu 
weitergreifenden Synthesen fort, denn der Begriff des Zu- 
sammeidianges kann enger und weiter gedacht werden und 
findet „schliefslich nur in den Schranken des gesamten In- 
haltes aller unserer Wahrnehmungen und Vorstellungen 
seihst seine Schranken". (S. 168.) Die Forderung, dass 
alle einzelnen Thathestände als unter einander verknüpfte 
Bestandteile des Erfahrungsganzen aufzufassen seien, führt 
aber unvermeidlich zu einer Umgestaltung des Dingbegriffes, 
'^denn sie hat die bereits erwähnte Zurücknahme der wahr- 
nehmbaren Qualitäten ins Subjekt zur Folge, da ihre Ob- 
jektivierung zu Widersprüchen zwischen verschiedenen 
Wahrnehmungen führt, und nötigt also dazu, den Gegen- 
stand selbst von seiner sinnlichen Erscheinung zu unter- 
scheiden. Neben der geschilderten Bewegung des Denkens 
geht noch eine zweite einher. Das Denken „ist überall 
bemüht, die realen Abhängigkeitsbeziehungen, die sich in 
der Anschauung darbieten, der logischen Abhängigkeit 
(des (Irundes und der Folgej unterzuordnen" (S. 75); so 
entsteht der Begriff des notwendigen Zusammenhangs als 
eiiu' logische Forderung, die zwar durch die Beziehungen 
der Denkobjekte angeregt wird, aber an diesen niemals 
verwirklicht ist, und in analoger Weise sind die reinen 
Yerstandesbegriffe ül)erhaupt ^Beziehungsbegriff'e, die 
nicht wirkliche Beziehungen der Denkobjekte, sondern Be- 
ziehungen des logischen Deidvcns selbst zum Inhalte haben, 
um dann aus diesem auf (li(^ Denkol)jekte ül)ertragen zu 
werden". (S. 227.) NN'eit entfernt also im Sinne ivants 
Bedingungen jeder nuiglichen Erfahrung zu sein, stellen sie 
vielmehr l'ostulate des Denkens dar, die an den wirk- 
lichen Objekten niemals realisiert sind. Feberdem spielen 
diese Begriffe in den l'jnzelwissenschaften, insonderheit der 
Naturwissenschaft, eine wesentlich andere Rolle als in der 
spekulativen Philosophie. Diese gelaugte zu ihnen auf 

5- 



ßy Drittes Kapitel 

dem Wege der „begrifflichen Abstraktion", indem sie von 
dem gewöhnlichen Dingbegriff ausging und ihn in seine 
^Momente zerlegte; jene werden durch die „Forderung nach 
möglichst einfacher und widerspruchsloser Yerknüpfung der 
Erfahrungen" dazu getrieben, an Stelle des anschaulichen 
Zusammenhangs der Erscheinungen einen begrifflichen zu 
setzen. Die Voraussetzungen, deren sie dazu bedurften, 
wurden ihnen gemäfs dem historischen Gesetz der all- 
mählichen Abzweigung der einzelnen Wissensgebiete aus 
der Philosophie allerdings zunächst von dieser überliefert, 
aber wissenschaftlich brauchbar werden die von der Philo- 
sophie ausgebildeten allgemeinen Begriffe doch erst dadurch, 
dass die Einzel Wissenschaften selbst sie nach Anleitung der 
Erfahrungsbedürfnisse näher determinieren. 

Gehen wir mit Wundt zunächst einmal den Wegen 
des spekulativen philosophischen Denkens nach. Das em- 
pirische Ding vereinigt in sich, wie wir sahen, die Be- 
stimmungen der Beharrlichkeit und der Veränderung. In- 
dem das abstrahierende Denken sie trennt und aus rela- 
tiven zu absoluten macht, entstehen die oreg-ensätzlichen 
Begriffe des unveränderlich beharrenden Seins und des 
absoluten Werdens. Da indes sowohl der eine wie der 
andere auf die Wirklichkeit unanwendbar ist, sahen sich 
schon die ältesten spekulativen Systeme dazu genötigt, eine 
Synthese der Gegensätze zu suchen und in den Begriff 
des Seins Bestimmungen aufzunehmen, die das Werden, 
die Yeränderung am Seienden, nicht ausschliefsen, sondern 
verständlich machen; das l'rodukt dieser Bemühungen sind 
die Korrelatbegriffe der Substanz und der Kausalität. 
Die Substanz ist beharrendes Sein, aber iiulem ihr Kau- 
salität beigelegt wird, wird sie zugleich als Grund des 
Werdens gedacht, das nunmehr ein blofses Accidens der 
Substanz l)iblet. 

Zu den Prädikaten der Beharrlichkeit und Wirk- 
samkeit hat die Philosophie sodann als Drittes noch die 
Einfachheit hinzugefügt. Wie erklärt sich nun, so fragt 



3. Die Genesis der Erfaliruugsbeg-riffe 69 

AVundt. die eigentümliche Evidenz , die diesen Bestim- 
mungen für unser Denken anhaftet, und die bewirkt hat, 
dass die genannten drei Merkmale auch in dem natur- 
wissenschaftlichen Substanzbegriffe, dem Begriffe der Materie 
stets festgehalten worden sind? Hat das Denken die Fähig- 
keit aus sich selbst, unabhängig von der Erfahrung, Aus- 
sao;en über die Wirklichkeit zu machen? Im Geg-ensatze 
zum Rationalismus verneint unser Philosonh diese Frage 
unbedingt. Die Substanzaxiorae wurzeln, wie er behauptet, 
nicht im reinen Denken, sondern es sind ,,Postulate der 
Anschauung'*, sie folgen nicht aus dem ganz unbestimmten 
'Begriffe des Seienden überhaupt, sondern sie ergeben sich 
erst, sobald man reale Objekte in Kaum und Zeit 
voraussetzt. (L. 1. 544). Denn im (Irunde werden durch 
dieselben, wie in der Logik des Nähereu ausgeführt ist, 
nur die Eigenschaften des Raumes auf die Gegenstände im 
Räume übertragen. Da aber nur die Erfahrung die Statt- 
haftigkeit dieser T^ebertragung erweisen kann, so dürfen 
jene Axiome auch nicht als Sätze von apriorischer Ge- 
wissheit hingestellt werden; erst dadurch, dass der Substanz- 
begriff' sich in der Xaturwissenschaft bewährte, hat er sich 
„aus einem blofs logischen in einen objektiv giltigen Be- 
griff verwandelt". (S. 276.) 

Unfruchtbarer als der Substanzbegriff erweist sich den 
Bedürfnissen des empirischen Erkennens gegenüber der 
spekulative Kausalbegriff. Indem die Mannigfaltigkeit der 
Erscheimmgen und der Wechsel des Geschehens in die 
Sul)stanz verlegt wird, ergiebt sich die Notwendigkeit so- 
viele Substanzen anzunehmen, als die Erfahrung Formen 
des Geschehens darbietet, und es erscheint als die Hauj)t- 
aufgabe der Wissenschaft, diese substanziellen Wesenheiten 
und die allgemeinen Gesetze ihres Wirkens aufzufinden, 
während die Verfolgung ihrer von zufälligen Bedingungen 
abhängigen thatsächlichen Wirkungen mir von unter- 
geordnetem Interesse ist. Die Hypothese der ImpiMideia- 
bilicii in der IMnsik und dii' Theorie der Se(denvermr)<>-en 



70 ' Drittes Kapitel 

in der Psychologie zeigen, wozu diese Anschauung führt, 
wenn sie in die Einzelwisseiischaften übertragen wird. 
Dazu kommt, dass sie das Denken selbst in eine Antinomie 
verwickelt. Eine Substanz, also ein unveränderlich Seiendes^ 
kann nicht Ursache eines in einem bestimmten Zeitpunkte 
einsetzenden Geschehens sein; wenn diese Voraussetzung 
dennoch gemacht wird, so wird dadurch eine Grund- 
bestimmung der Substanz, ihre absolute TJnveränderlichkeit, 
aufgehoben. Als beharrlich existierendes Ding geht ferner 
die Ursache der AVirkung dem Dasein nach vorher, 
während doch anderseits die letztere als notwendige Folge 
der Ursache mit dieser gleichzeitig sein niuss. Die 
Lösung dieser Schwierigkeiten ist nur möglich, wenn man 
auf die anschaulichen Bedingungen der Erfahrung zurück- 
geht und den KausalbegriflF demgemäfs berichtigt. 

Nun ist uns alles Geschehen als eine Aufeinanderfolge 
einzelner Zustände gegeben, jede Veränderung geht aus 
einer anderen Veränderung hervor. Nach dem Denk- 
gesetze, welches in dem Satze vom Grunde seinen Aus- 
druck findet, fassen wir dies Hervorgehen als eine Ab- 
hängigkeitsbeziehung auf und nehmen an, dass jede ein- 
zelne Veränderung durch andere, vorangegangene, bestimmt 
wird, und der Gedanke dieser Bestimmung der zeitlich 
aufeinanderfolgenden Erscheinungen durcheinander ist es, 
der nach Wundt den Kern des Kausalitätsbegriffs bildet. 
Während also im Sinne des „substanziellen Kausal- 
begriff es" die Ursache ein Ding ist und die Wirkung 
eine von ihm an einem anderen Dinge gesetzte A'er- 
änderung, so sind im Sinne des berichtigten „aktuellen 
Kausalbegriffes"Ursache und Wirkung beide Vorgänge, 
Geschehnisse, woraus sofort folgt, dass die AVirkung mit 
der Ursache niemals gleichzeitig sein kann. Sof(>rn die 
betreffenden Vorgänge an beharrlichen Substraten sich 
abspieleji, tritt natürlich der Kiiusalbegriff in A'erbindung 
mit demjenigen der Substanz, aber diese Verbindung ist 
doch erst eine michträgh'che. keine nrs])rünglicbe und 



3. Die Genesis der Erfabnuig-sbegviffe 71 

wesentliche. In der That giebt es. wie wir sehen werden, 
ein Erscheinuno-sgehiet, auf dem der Kausalbej^riff eine 
wichtige Rolle spielt, während zur Anwendung des Suh- 
stanzhegritfs keinerlei Veranlassung vorliegt, nämlich das 
Gebiet des inneren, seelischen Clesohehens: dagegen sieht 
sich im Iiereiche der äufseren Erfahrung das Denken 
überall genötigt, die l>eobachteten Vorgänge als Ver- 
änderuno'en an Ding-en aufzufassen, und hier tritt also der 
Substanzbegriff neben dem Kausalbegriff«- in sein Recht ein. 
Jeder äufsere Vorgang hängt aufser von anderen vorange- 
gangenen Vorgängen gleichzeitig auch von konstanten Be- 
dingungen (von der Natur der an ihm betheiligten Objekte) 
ab, und die Anwendung des aktuellen Kausalbegriffes an 
Stelle des substanziellen führt hier nur zu einer veränderten 
Bewertimg der einzelnen Faktoren des Geschehens. Während 
nämlich unter der ausschliefslichen Herrschaft des letzteren 
jene ()bjekre als die eigentlichen „wirkenden" Ursachen, 
die veränderlichen Bedingungen aber als etwas Nebensäch- 
liches aufgefasst werden, wodurch den Ursachen nur Ge- 
legenheit gegeben wir<l, ihre Wirksamkeit zu entfalten, 
gewinnen jetzt umgekehrt die einen bestimmten Vorgang 
einleitenden Veränderungen die Bedeutung der eigentlichen 
„Ursachen", und alle vorausgehenden 1 mstiinde, von denen 
der betreffende Vorgang mit abhängt, sinken zu blofsen 
„Hcflingungen'" herab. 

Wundt beansprucht übrigens in'cht das Verdienst, den 
aktuellen Kausalbegriff zuerst in die Wissenschaft einge- 
führt zu haben. Thatsächlich war bekanntlich Hume, der 
Vater der kritischen Erkenntnistheorie, der erste, der auf 
die AVidersprüche hinwies, die im Begriffe der wirkenden 
Substanz liegen, und der die Kausalität als gesetzmäfsigen 
Zusammenhang von Vorgängen definierte: ilim schlössen sich 
dann Kant, Scho])enhauer und Mill an. Nur sind diese 
Philosophen fast alle dem entgegengesetzten Fehler ver- 
fallen, dass sie, von abstrakten erkenntnistheoretisclien Xor- 
ausset/uugen ausgehend, es versännitcn. den F(n'derMnu('n, 



72 Drittes Kapitel 

die sich für die Auffassung- des äufseren Geschehens aus 
dem Substanzbeo;i-iffe ergeben, Rechnung zu tragen, und 
deswegen nicht zu einem wissenschaftlich brauchbaren Be- 
griffe der Naturkausalität gelangt. Dagegen stützt sich 
Wundt bei seinen Bestinunungen auf die Praxis des wissen- 
schaftlichen Denkens und sucht seine Aufgabe darin, den 
Wandel der Anschauungen, der sich hier nach Mafsgabe 
der wirklichen Bedürfnisse des empirischen Erkennens all- 
mählich vollzogen hat, in der logischen Theorie zur Gel- 
tung zu bringen, wodurch er vor einseitiger Übertreibung 
des Aktualitätsprinzips bewahrt bleiltt und zu einer schär- 
feren Definition des Ursachbegriffes gelangt, als sie gewöhn- 
lich von den Ijogikern geboten wird. 

Auch seine Lehre über den Ursprung des Kausa- 
litätsgedankens und den logischen Charakter des Kau- 
salgesetzes stimmt weder mit derjenigen Humes noch 
mit der Kantischen überein. Wir sahen ja schon oben, 
dass unser Philosoph den reinen Empirismus ebenso bekämpft 
wie den strengen Apriorismus, kommen aber hier noch 
einmal auf diese Frage zurück, weil gerade dem Kausal- 
problem gegenüber der Gegensatz der Anschauungen seit 
jeher am klarsten zum Ausdrucke gekommen ist. Nun 
behauptet bekanntlich Hume, dass die Vorstellung des 
Kausalnexus durch die öfter wiederholte Wahrnehmung 
derselben Erscheinungsfolge in uns entsteht, also ein reines 
Produkt der Erfahrung ist, während Kant den Kausalbegriff 
als eine Yorstellung apriori aller Erfahrung vorhergehen 
lässt. Nach Wundt ist aber weder das eine noch das 
andere richtig, sondern der Gedanke des Kausalzusannuen- 
hanges entsteht durr^h die Übertragung des logischen Aer- 
hältnisses von (iiiiiid iiiid Folge auf den Thatbestand dei- 
Erfahrung; das Denken liefert also das allgemeine Schema, 
insofern die Begriffe von Ursache und Wirkung sich den 
logischen Kategorien des Grunds und der Folge unterordnen. 
aber die Erfahrnng bestimmt den speziellen Inhalt jenei' 
Begriffe, denn (irnnd nnd l-'olgc müssen an sich nicht not- 



3. Die Genesis der Erfahrungsbegriffe 73 

wendifi' als aiifeiiuiii(lerfolg'eii<le Glieder eines Yorg-anges 
g-edacht werden. Aus der Erfahrung kann der Kausalbeg-riff 
nicht abgeleitet werden, weil ein notwendiger Zusammenhang 
der Erscheinungen uns niemals unmittelbar gegeben ist, 
aber auch nicht aus dem Denken, weil die Zeitlichkeit des 
Greschehens keine rein logische, sondern eine empirische 
Bestimmung darstellt; erst dadurch, dass wir uns bemühen 
den thatsächlichen, äufseren Zusammenhang der Vorgänge 
in einen inneren logischen zu verwandeln, gelangen wir 
zur kausalen Deutung der Erscheinungen. Demgemäfs ist auch 
das Kausalgesetz, d. h. die Behauptung, dass jedes Ereignis 
z\i anderen vorangegangenen in notwendiger, also gesetz- 
mäfsiger Beziehung stehe, weder eine empirische Verall- 
gemeinerung von zweifelhafter Giltigkeit, noch ein Axiom 
der reinen Vernunft, sondern „eine Forderung, die wir 
jeder einzelnen Erfahrung entgegenbringen, weil unser 
Denken nur Erfahrungen sammeln kann, indem es sie nach 
dem Satze des Grundes verbindet", und die Thatsache, 
dass sich überall die Erfahrung derselben fügt, ist „die 
wesentlichste Bürgschaft dafür, dass zwischen unserem 
Denken und den Objekten der Erfahrung eine Beziehung 
besteht, vermöge deren die letzteren ebensowohl den Nor- 
men des Denkens adäquat sind, wie unser Denken sich 
von seinen (Objekten bestimmen lässt". (L. I, 611). Welcher 
Art diese Beziehung ist, und ob durch sie die Erfüllbarkeit 
jener Forderung in allen Fällen garantiert wird, bleibt 
freilich unbestimmt, aber wie Wundt die Aufgab(> (h^- 
Erkenntnistheorie einmal fasst, kann in derselben von 
einer vollständigen Deduktion der objektiven Giltigkeit 
der Denknormen, wie sie Kant versuchte, keine Rede sein, 
denn dies würde voraussetzen, dass wir uns auf einen 
Standpunkt zu stellen vermöchten, der dem aktuellen em- 
pirischen l^rkeiineii vorausgeht, während dies in Wahrheit 
den Thatbestand bildet, den die logische Analyse als ge- 
geben annehmen niuss. 



Viertes Kapitel. 
Die Prinzipien der Naturwissenschaft. 

1. Materie und Kraft. 

Der allo:emoine Substanzbegrift', auf die Gegenstände 
der äufseren Erfahrung angewandt, liefert den naturwissen- 
schaftlichen Grundbegriff der Materie. Hinsichtlich der 
Frage nach dem Wesen der Materie gehen aber schon in 
der ältesten griechischen Naturphilosophie zwei Eichtungen 
auseinander, von denen die eine die Mannigfaltigkeit der 
äufseren Erscheinungen auf eine Yielheit unveränderlicher, 
sich mischender und durchdringender (Qualitäten, die an- 
dere auf die Formen und Bewegungen einer Yielheit ([uali- 
tätsloser Elemente zurückführt. Wundt bezeichnet die eine 
als qualitati ve, die andere als quantitativeElementen- 
lehre. In der neueren Naturwissenschaft ist seit Galilei 
und Descartes die letztere und die auf ihr basierende 
mechanische Naturerklärung zur ausschliefslichen Geltung 
gelangt, obwohl wir auch heute noch nicht im stan<le sind, 
ihre Richtigkeit empirisch zu beweisen. Daraus geht her- 
vor, dass es allgemeine, logische Gründe gewesen sein 
unissen, welche ihr zur Anerkennung verhalfen, ja ihr in 
den Augen vieler geradezu den Wert einer unerschütterlich 
feststehenden und keiner empirischen Bestätigung be- 
dürftigen Wahrheit verschafft haben, und der Erkemitnis- 
theorie erwächst die Aufgabe, diesen Gründen nach- 
zuforschen. 

Ein mehr negatives Argument baben wir schon kennen 
gelernt. Die „subjektive Yeränderliplikeit" der Sinnes- 
empfindungen inar'ht es unmiiglich, „Lieht, Wärme, Ton, 
Geruch u. s. w. in ähnlicher Weise als objektiv gegeben 
vorauszusetzen, wie Raum, Zeit, Bewegung und l'ii(hircb- 



1. Materie und Kraft 75 

dringlichkeif' (S. 272), dies würde jedor!h nicht aus- 
schliefsen, dass wir den materiellen Elementen irgend welche 
anderen, nicht sinnlich wahrnehmbaren Qnalitäten heilegen, 
wie dies ja z. B. auch Herbart gethan hat; es müssen also 
noch andere Gründe hinzukommen, die den räumlich-zeit- 
lichen Bestimmungen einen Yorzug vor allen qualitativen 
überhaupt sichern. In der That zeichnen sich nun jene 
vor diesen durch ihre K o n s t a n iz aus. An die 
Bedingungen der Anschauung ist alle Erkenntnis der Natur 
gebunden, während „die (Qualitäten sich als veränderliche 
und darum für die begriffliche Auffassung zufällige Be- 
standteile bemerklich machen". So ergiebt sich die For- 
derung, die letzteren ganz zu eliminieren, „de]- materiellen 
Substanz die abstrakten Eigenschaften des Raumes, vor 
allem seine Konstanz beizulegen und sodann von hier aus 
auch den ursprünglich regellos schweifenden Kausalbegriff 
auf die räumlichen Wechselbeziehungen unveränderlicher 
Grebilde zu beschränken". (L. II, 1, 281.) Hierzu kommt 
noch eine zweite Erwägung. Mag immerhin den ( )bjekten 
„ein für sich bestehendes qualitatives Sein" zukommen, 
so kann dasselbe den) Subjekt doch niemals unmittelbar 
oreo-eben sein; da die Naturwissenschaft aber nur mit dem 
Gegebenen zu thun hat. so folgt, „dass die Dinge der 
Aufsenwelt überhaupt nur in den aus ihren Beziehungen 
zum Subjekt erschlossenen objektiven Relationen zu ein- 
ander, niemals in ihrem unabhängig von diesen Beziehungen 
für sich bestehenden Sein Gegenstände naturwissenschaft- 
licher Erkenntnis sein kcinnen". (S. 441.) 

lieber die Beweiskraft dieser Argumente«, die in den 
Augen Wundts die mechanische Naturanschauung recht- 
fertigen, wird uum, je nach dem Standpunkte, den man 
selbst einnimmt, verschieden urteilen. Ein Kantianer wird 
es einleuchtend finden, dass der Begriff der Materie sich 
nach den transcendentalen Bedinii'ungiMi der Anschauung 
riclnen muss, und dass demnach die (irundbestinunungen 
dei- Materie nicbt dem zufälligen und wechselnikMi Inbahc 



76 Viertes Kapitel 

der sinnlichen Wahrnehniung; zu entlehnen, sondern aus 
der reinen Anschauung- des Raumes und der Zeit abzuleiten 
sind. Wer dagegen einer mehr spekulativen Richtung- des 
Denkens huldigt, wird eher dem zweiten der angeführten 
Beweisgründe das gröfsere Gewicht beilegen, der es dahin 
gestellt lässt, was die Materie „an sich" ist, und nur be- 
tont, dass das empirische Erkennen es nicht mit dem an- 
sichseienden (metaphysischen) Wesen, sondern lediglich mit 
den Beziehungen der Dinge zu thun hat. In neuerer Zeit 
sind aber von verschiedenen Seiten auch Bedenken teils 
gegen den Begriff der Materie überhaupt, teils gegen seine 
Definition im mechanischen Sinn geltend gennxcht worden, 
die, wenn sie stichhaltig wären, jeden Versuch einer lo- 
gischen Rechtfertigung der mechanischen Naturanschauung 
als verfehlt erscheinen lassen würden. 

Das Objekt der Naturwissenschaft, so wird unter an- 
derem behauptet, seien ausschliefslich die Erscheinungen in 
ihrer unmittelbar gegebenen Beschaffenheit; wer an ihre 
Stelle irgendwelche Vorgänge in einem nicht wahrnehm- 
baren Substrat setze, verlasse den Boden der Erfahrung 
und beschäftige sich mit puren Fiktionen, Gebilden seiner 
Phantasie. Dazu liege aber um so weniger ein Bedürfnis 
vor, als wir in dem Energiebegriff ein Hilfsmittel hätten, 
um auch ohne Zuhülfenahme von Voraussetzungen über 
die Konstitution der Materie den Zusammenhang der Vor- 
gänge theoretisch zu erfassen. Gegen diesen ,,Phänome- 
nalismus'' wendet aber W^undt mit Recht ein, dass die 
Energie eben so gut wie die Bewegung „irgendwo im Räume 
ihren Sitz haben muss", dass also der Energiebegriff den 
Begriff' des Energieträgers nicht überflüssig macht, sondern 
vielmehr erfordert. Ist dies einmal zugestanden, dann 
handelt es sich nur iu)cli darum, ,,oh eine Naturwissen- 
schaft auf Grund der Annahme nniglich sei, dass die 
Aufsendinge (die realen Träger der l']nergie) genau die 
und nur die Eigenschaften besitzen, die wir unmittelbar 
sinnlich wiihrnehnien" (S. 4(52). Nacli (Um' iniabweisharcii 



1. Materie und Kraft 77 



Yerneiniiii<;- dieser Frage kann man sieh dann aber auch 
^Yeiterhin dem Zwange der Beweisgründe nicht entziehen, 
welche die Naturwissenschaft dazu geftihrt haben, zwischen 
den Erscheinungen und der Materie, ihrem Substrat, zu 
unterscheiden. Ton anderer Seite hat man darauf hin- 
gewiesen, dass der mechanische Begriff der Materie zwar 
o-eeio-net sein möge, um die Wirklichkeit im Geiste nach- 
zubilden, dass aber die Materie unmöglich eine objektiv- 
reale Existenz haben könne, denn die Voraussetzung eines 
jeder inneren, (qualitativen Bestimmtheit entbehrenden, nur 
durch Relationen definierten Seins hebe sich selbst auf. 
Dieser Einwand wäre berechtigt, wenn es die Naturwissen- 
schaft darauf abgesehen hätte, das Was der Aufsendinge 
in endgültiger Weise zu bestimmen. Dies ist aber nach 
Wundt durchaus nicht der Fall, vielmehr beschränke sich 
die Naturwissenschaft von vornherein auf die Betrachtung 
der äufseren Relationen der Yorstellungsobjekte. „Sie 
leugnet nicht, dass es innere Eigenschaften der Objekte 
geben möge, die in diesen Relationen nicht zum Ausdruck 
s-elane-en, aber sie überlässt diese letzteren der psycho- 
logischen Betrachtung." 

(xeschähe dies nicht, so könnte der Begriff der Sub- 
stanz ül)erhaupt nicht gebildet werden, denn die in ihm 
vorauso-esetzte Eigenschaft absoluter Beharrlichkeit lässt 
sich nur festhalten, sofern man „von dem inneren (ie- 
schehen, wie es uns in der unmittelbaren Selbstwahr- 
nehmung gegeben ist, ganz und gar abstrahiert". Tn meta- 
physischer Hinsicht ist demnach der Begriff der Materie 
allerdings nur ein provisorischer, aber „er repräsentiert zu- 
gleich die einzige logisch zulässige Form des Substauz- 
begriftes" (S. 460). 

Entl)ehrt die Mat(>rie der Qualitäten, so ist die einzig 
mögliche Veränderung, die einzige Form des Geschehens 
die Bewegung der materiellen Elemente. Durch diese 
Amudime wird zugleich der Widerspruch vermieden, in 
den die ontologischen Anwendungen des Sul»stan/.l»egriffes 



78 Viertes Kapitel 

sich verstricken, dass nämlich die Wubstaii/ einerseits als 
beharrlich gedacht und dabei doch ziig^leich in der ihr zu- 
geschriebenen Wirkuugsfähigkeit mit einem Prinzip der 
Veränderung ausgestattet wird. Denn wenn alle Ver- 
änderung nur Ortsveränderung, Veränderung der äu&eren 
Beziehungen der Elemente zueinander ist, so wird durch sie 
die Konstanz der Elemente selbst in keiner AVeise berührt. 
Im übrigen ist allerdings die Rücksicht auf die zu leistende 
kausale Erklärung des Greschehens auch für die nähere Be- 
stimmung des Begriffs der Materie mafsgebend, denn die 
ffanze naturwissenschaftliche Erkenntnisarbeit wurzelt in 
dem Streben, die Erscheinungen nach Grund und Folge 
zu verknüpfen, und der Begriff' der Materie selbst leitet 
seine Daseinsberechtigung in letzter Linie nur daraus ab, 
dass er für den genannten Zweck unentbehrlich ist. Galt 
für die spekulative Philosophie der Grundsatz : keine Kau- 
salität ohne Substanzialität, so heifst es in der Natur- 
wissenschaft umgekehrt : keine Substanzialität ohne Kau- 
salität, d. h. „Substanzen sind nur insoweit anzunehmen, 
als die kausalen Beziehungen sie fordern, und der Begriff 
der Substanz ist genau auf das zu beschränken, was durch 
die kausalen Beziehungen gefordert wird" (S, H()2). 

Diese Umwandlung des Standpunktes macht sich nun 
vor allen Dingen bei dem Kraftbegriff bemerklich. 
Im Sinne der Naturwissenschaft ist die Kraft nicht „eine 
in der materiellen Substanz verborgene ITrsache", sondern 
der „der Messung zugängliche Druck oder Stofs, den 
ein luirper gegen einen andern ausüben kann'' (S. 284), 
Die Zuriickführuiig gegebeiun- Wirkungen auf Kräfte be- 
deutet also im («runde nichts anderes als die Konstatierung 
eines Abhängigkeitsverhältnisses zwischen zwei selbständig 
messbaren (iröfsen. Ebenso wie der Energiebegriff fordert 
freilich aucb der der Kraft den Substanzbegriff' zu seiner 
Ergänzung, denn jede Kraftwirkung setzt einen Ausgangs- 
und einen Angriffspunkt voraus, deren Massenwert für die 
Wirkunu' mitl)estinnneinl ist. Aber die Suljstanz ist uns 



1. 3Iatei"ie und Kraft 79 

tlocli nur in der Kausalität der Erscheinungen iuiplicite 
gegeben, und daher darf die „Wirksamkeit" der Substanz 
nicht etwa als eine besondere zu ihren übrigen Eigen- 
schaften hinzutretende Bestimmung aufgefasst werden, viel- 
mehr erschöpft sich ihr „Wesen" ganz und gar in den 
Prädikaten, die ihr als der Trägerin aller Kraftwirkungen 
beigelegt werden müssen. Die Begriffe der Materie und 
der Naturkausalitüt sind somit durchaus aneinander g^e- 
bunden, es ist umnciglieh, den einen' unabhängig vom 
andern zu bestimmen, da jeder von ihnen nur unter 
Hinzunahme des andern für den Zweck der begrifflichen 
Verknüpfung der Erscheinungen tauglich wird. 



2 . Die physikalischen Axiome. 

Auf Grund der hier dargelegten Anschauungen über 
die materielle Substanz und ihre Kausalität hat nun Wundt 
den Versuch gemacht, das System der für die kausale 
Interpretatioji der Naturerscheinungen notwendigen und 
hinreichenden Voraussetzungen zu entwickeln. Dieselben 
schliefsen die in neuerer Zeit so vielfach behandelten Axiome 
der Mechanik in sich ein, greifen aber insofern weiter, als 
den mechanischen Prinzipien eine universelle Cxeltung für 
alle Arten des ;iufseren Geschehens l»eigelegt und die Art 
der in der Natur wirksamen bewegenden Kräfte, über die 
die „reine" (abstrakte) ^lechanik keinerlei Annahmen 
macht, näher bestimmt wird. Wundt hczoichiu't deswegen 
diese N'oraussetzungeii als physikalische Axiome und 
stellt deren sechs auf. 

1. Alle Kräfte in der Natur sind l)ewegende Kräfte 
und wirken derart zwischen i'äumlich getreu lUen 'l'eilen 
der .Materie, dass ein materieller Punkt durch eine momen- 
tane Kraft eine geradlinige und gleichförmig andauernde 
(ieschwindigkeit anninnut. 2. Alle Kräfte der Natur sind 
Zentralkräfte, d. h. sie g(dien von bestimmten Puid^^ten des 
Kaumes aus, an denen sich substanzielle Träger der Kräfte 



80 Viertes Kapitel 

(Krat"tpuukte oder Kraftatonie) befinden. 3. Die Summe 
aller potenziellen und aktuellen Kraftwirkungen bleibt 
konstant. 4. Alle Kräfte wirken in der Richtung: der g-eraden 
Verbindungslinie ihres Ausgangs- und Angriffspunktes. 
5. Jeder Wirkung einer Kraft entspricht eine ihr gleiche 
Gegenwirkung. 6. Wenn verschiedene Kräfte gleichzeitig 
auf einen und denselben Teil der Materie einwirken, so ist 
die Wirkung, welche durch diese gleichzeitige Einwirkung 
der Kräfte entsteht, derjenigen gleich, die entstehen würde, 
wenn die Kräfte successiv in beliebiger Reihenfolge ein- 
gewirkt hätten. 

Bei jedem Axiomensysteih kommt es auf Zweierlei an, 
ob es die Voraussetzungen einer Wissenschaft erschöpfend 
zum Ausdruck bringt, imd ob alle Teilsätze sich wirklich 
mit Notwendigkeit aus der Natur der Sache ergeben und 
also den Namen „Axiome" verdienen. In ersterer Hinsicht 
scheint Wundt eher zu viel als zu wenig zu sagen, die 
Zahl seiner Axiome ist gerade das doppelte derjenigen, 
mit der Newton, der Begründer der mechanischen Physik, 
auskommen zu kfinnen glaubte. Nur der fünfte der obigen 
Sätze deckt sich genau mit dem dritten der Newton'schen 
Bewegungsgesetze, dagegen fügt schon das erste Axiom 
dem von Newton an den Anfang gestellten Trägheits- 
prinzip noch verschiedene Bestimmungen hinzu. Es be- 
schränkt sich nicht auf die rein negative Aussage der 
unveränderlichen Fortdauer einer einmal vorhandenen Be- 
wegung, sondern stellt ganz allgemein das Abhängigkeits- 
verhältnis zwischen Bewegung und bewegender Kraft fest, 
von dem Newton in seinem 2. Axiom handelt, und fügt 
dazu noch weiter die Bestimmung, dass jede bewegende 
Kraft zwischen räumlich getrennten T'eilen der Materie 
wirkt, also das Vorhandensein von mindestens zwei materi- 
ellen Elementen voraussetzt. Der sechste der aufgeführten 
Sätze einUich erhebt das Prinzip der Kräftezusammen- 
setzung nach der Regel des Parallelogramms, welches bei 
Newton als Zusatz zum zweiten B('we<iun<>s'>esetz auftritt, 



2, Die pliysikalisclieu Axiome 81 

zum Kano-e eines selbständio-eii Axioms, schliefst aber zu- 
gleich, wenn man die vorhergegangenen Bestimmungen 
über den Sitz der Kräfte berücksichtigt, das wichtige 
physikalische Prinzip ein, dass in einem System materieller 
Elemente keine anderen Kräfte auftreten, als die, welche 
zwischen den Elementen einzeln wirken würden. Treten 
somit schon hier zu den Normen der abstrakten Dynamik, 
welche sich nur auf das Wirken der Kräfte beziehen, 
bestimmte (physikalische) Yoraussetzuügen über den Ur- 
sprung der Kräfte hinzu, so beziehen sich das zweite, 
dritte und vierte Axiom ausschliefslich auf die Beschaffen- 
heit der in der Natur vorkommenden Bewegungsursachen. 
Nach dem zweiten, dem „Prinzip der Zentralkräfte " sind 
alle dynamischen Wirkungen an Paare materieller Punkte 
gebunden, so dass von einem Ausgangs- und einem End- 
punkte der Kraftwirkung gesprochen werden kann. Da 
in Wirklichkeit isolierte materielle Punkte niemals vor- 
kommen, so ist damit zugleich die Aufgabe gestellt, alle 
thatsächlich vorkommenden Wirkungen in Elementar- 
wirkungen der bezeichneten Art aufzulösen, und den eigent- 
lichen Korn des Axioms bildet eben die Behauptung, dass 
dies immer möglich ist. Das vierte verlegt die Elementar- 
wirkuiigeii in die A'erbindungsliuie der betreffenden materi- 
ellen Punkte, lässt also nur Anziehungs- und Abstofsungs- 
kräfte zu und schliefet rotatorisch oder überhaupt in irgend 
einem Winkel zur Verbindungslinie wirkende Kräfte aus, 
so dass nui' noch die Frage ofPen bleibt, von welchen Um- 
ständen die Intensität der Wirkung abhängt. Die grofse 
Mannigfaltigkeit der in dieser Hinsicht möglichen An- 
nahmen wird aber durcli das vierte Axiom, welches die 
Forderung der P^rhaltung der Energie ausspricht, einiger- 
niafeen eingeschränkt, da bekanntlich dieses Prinzij) nicht 
mit jedei- beliebig angenommenen „Kräftefunktion" ver- 
einbar ist. 

A^on eingreifender P>edeutung für die ganze Art der 
Xatiirbetrachtung sind vor allem das 2. und das (i. Axiom. 

König, W. WuiKit. 6 



82 Viertos Kapitel 

Wenn die Toraussetzuno-, dass alle iiufeeren Vorgäni^e Be- 
wegungsvorgänge sind, das Wesen der „mechanischen 
Naturanschauung" im weiteren Sinne des Wortes ausmacht, 
so gewinnt dieser Begriff doch erst durch die hin/Aitretende 
Annahme, dass alle Naturerscheinungen aus der Summa- 
tion der zwischen den Elementen der Materie wirkenden 
Anziehungs- und Ahstofsungskräfte resultieren, jene engere 
Bedeutung, in der er zu den verschiedenen Formen der 
teleologischen Naturerklärung in Gegensatz tritt. Denn 
alles, was geschieht, erscheint jetzt als notwendige Folge 
des Zusammentreffens der materiellen Agentien, welche 
unter gleichen Umständen immer die gleichen Erfolge be- 
stimmen, die sich bei vorhandene)- Kenntnis der elemen- 
taren Wirkungsgesetze vorausberechnen lassen, während 
nach der teleologischen Ansicht die Yorgänge nicht aus- 
schliefslich von den jeweilig gegebenen äufseren Bedingungen 
abhängen, sondern von Kräften höherer Art, die sich nicht 
in Elementarwirkungen auflösen lassen, mit beeinflusst 
werden. 

Fm so dringender erhebt sich nun aber die Frage, 
ob die sämtlichen von Wundt aufgestellten Sätze wirklich 
den Charakter von Axiomen haben, oder ob vielleicht 
einige von ihnen, insbesondere die zuletzt genannten, nur 
Hypothesen darstellen, die auch durch andere ersetzt wer- 
den kömiten, ohne dass dadurch die kausale Interpretation 
der Natur unmöglich gemacht wird. .)a man kann noch 
weiter gehen und Zweifel hegen, ob im Bereiche der Natur- 
wissenschaft überhaupt von Axiomen gesprochen werden 
kann, ob nicht vielmehr alle derartigen allgemeinen Sätze, 
die Prinzipien der Mechanik eingeschlossen, nur bestinnnte 
Erfahrungstbatsaclicn in verallgemeinerter l-'orm /nm Aus- 
druck l)ringen. 

In letzterer Hinsicht gesteht Wundt zu, dass die 
Axiome niclit ein ursprüngliches Besitztum des denkenden 
Geistes darstellen, sondern sich , wie die geschichtliche 
Entwickelnnii- der Naturwissenschaften beweist, erst l>ei der 



2. Die physikalischen Axiome 83 

Bearbeitung der Erfahrung „anfänglich als dunkle Ahnungen 
eines möglichen Zusammenhanges der Dinge'' ergeben 
haben. Aber die Annahme ihres rein empirischen Ur- 
sprungs wird doch, wie er betont, schon dadurch wider- 
legt, dass zur Erklärung eines jeden, auch des einfachsten 
wirklichen Geschehens mehrere der aufgeführten Prinzi- 
pien herangezogen werden müssen ; infolge dessen bleibe 
also diese Erklärung eine vieldeutige Aufgabe, „denn es 
lässt sich stets die Veränderung, die in der Deduktion 
durch die Abänderung einer einzelnen A^oraussetzung her- 
'Toro'ebracht wird, durch einen angemessenen AVechsel der 
anderen Voraussetzungen aufgehoben denken", und es sei 
somit, wenn blofs die Erfahrung inbetracht gezogen werde, 
nicht ersichtlich, warum wir ein System von Erklärungs- 
prinzi])ien vor dem amiern bevorzugen sollten. (S. 472.) 
Wenn trotzdem ein einziges derartiges System schliefslich 
zum Siege gelangt sei, so müssen diesem „von vornherein 
überwiegende logische Motive zur Seite stehen". (S. 439.) 
In der That Haubt nun AVundt zwei derartige Alotive 
aufweisen und aus ihnen die sämtlichen oben aufgestellten 
Axiome rechtfertigen zu kcinnen. Das erste liegt in der 
Eelativität der Bewegung. Ehe über die Ursachen 
von Bewegungen etwas ausgesagt werden kann, müssen die 
Bewegungen nach Richtung und Greschwiiuligkeit bestinnnt 
werden ; dies ist aber nur möglich unter Bezugnahme auf 
ein Körpersystem, von dem wir voraussetzen, dass seine 
Teile sich gleichförmig und geradlinig bewegen. Das- 
selbe nehmen wir dann folgerichtigerweise für alle einer 
dynamischen Hinwirkung nicht unterworfenen Körper an. 
(Trägheitsprinzip.) Da ferner die relative Bewegung zweier 
materiellen Elemente nur in eiiiei- gegenseitigen Annähe- 
rung oder Hntfernuno; bestehen und lieliebig als eiiu^ Be- 
weirunii- des einen oder des andern aufgefasst werden kann, 
so reduziert sich alle Kraftwirkung auf Anziehung und 
Abstofsiing unter gleichmäfsiger Verteilung des Effekts auf 
bei(b" l^hMuente. (A\i(uu 4 und ö.) Durch l'bertragung 



g4 Viertes Kapitel 

des Gesetzes der Zusammensetzung (relativer) Bewegungen 
auf die bewegenden Kräfte ergiebt sich weiter das 6. Axiom. 
Indem nun als zweites logisches Motiv noch die Forderung 
der Einfachheit und Unveränderlichkeit der Sub- 
stanz hinzukommt, gelangen wir dazu, alle Wirkungen 
als von materiellen Elementen ausgehend zu denken 
(Axiom 2) und die Wirkungsfähigkeit als konstante Gröfse 
aufzufassen. (Axiom 3.) 



3. Die physikalischen Hypothesen. 

Die Axiome stellen nur die „allgemeingültigen for- 
malen Eigenschaften der Materie und ihrer Kausalität'" 
fest: zur Erklärung des konkreten Inhalts der Erfahrung 
bedarf die Naturwissenschaft noch weiterer, s])ezieller An- 
nahmen über die Materie und ihrer Kräfte, die sich weder 
durch die Erfahrung noch auch aus den logischen Be- 
dingungen der Erfahrungserkenntnis beweisen lassen und 
sich als permanente Hypothesen ebenso von den 
Axiomen wie von jenen provisorischen Hypothesen unter- 
scheiden, die eine durch Beobachtung und Experiment zu 
bestätigende oder zu widerlegende Yermutung hinsichtlich 
des kausalen Zusammenhangs bestimmter Erscheinungen 
aussprechen. Die Philosophie hat den permanenten Hypo- 
thesen gegenüber eine kritische Aufgabe zu erfüllen, indem 
sie die logischen (lesichtspunkte klarstellt, die in dem 
Streite derselben eine Rolle spielen, und die ins T'n- 
bestimmte schweifende Phantasie in die Grenzen des mit 
den Grundgesetzen des Denkens und der .Vnschauung 
Vereinbaren einschränkt. 

Die Hauptfrage auf diesem Gebiete ist die nach der 
„Konstitution der .Alaterie", welche von den Kontinui- 
tätshy ])othesen und den atomistischen Systemen in 
entgegengesetzter Weise beantwortet wird, indejn den 
ersteren zufolge die ■Materie den Raum kontinuierlich, oline 
Zwischom'rnniie. erfüllt, wälircnd sie im Sinne der Atomistik 



ö. Die phj'sikalisclien Hypothesen 85 

aus diskreten, (luvch Z^Yischenräume getrennten Teilchen 
(Atomen) besteht. Damit verbindet sich dann weiter der 
Geo-ensatz der dynamischen mid der kinetischen Theo- 
rien, von denen die ersteren der Materie in die Ferne 
wirkende Kräfte beilegen, während die letzteren alle Be- 
wegung aus der Umformung oder Übertragung bereits vor- 
handener Bewegungen ableiten. Endlich herrscht innerhalb 
der Atomistik selbst darüber Streit, ob die Atome als 
absolut einfach (ausdehnungslos) oder^ als ausgedehnt zu 
denken seien. So ruht die Naturlehre Descartes auf der 
im kinetischen Sinne durchgeführten Kontinuitätshypothese, 
während seine Gegner, die Newtonianer, den Standpunkt 
der dynamischen Atomistik vertraten, der im 18. Jahrhundert 
der herrschende wurde und es bis zur Mitte des 19. Jahr- 
hunderts blieb, (hl die von Kant aufgestellte dynamische 
Kontinuitätstheorie in der Naturwissenschaft keinen nennens- 
werten Eintiuss erlangte. In der neuesten Zeit ist an Stelle 
der dynamischen Atomistik die kinetische mehr und mehr 
zur Geltung gelangt, indem zugleich die von jener ent- 
wickelte Annahme der absoluten Einfachheit der Atome 
fallen gelassen wurde; gleichzeitig haben aber auch die 
Kontinuitätsvorstellungen durch die Untersuchungen von 
Heimholt/, Thomson und ^laxwell eine AViedercrneuerung 
erfaliren. 

Der Grund der Unsicherheit und des Schwankens, das 
uns die Geschichte der Hypothesenbildung zeigt, liegt, wie 
Wundt hervorhebt, tiarin, dass sich in den einzelnen 
Systemen zwei ungleichartige Tendenzen durchkreuzen. 
Einerseits sucht man den Begriff der Materie so zu be-* 
stimmen, dass eine mfiglichst einheitliche Ableitung aller 
Naturerscheinungen erreicht wii'd; andererseits sollen aber 
auch „die Elemente der Materie in ihren Eigenschaften 
möglichst entspi'echend den Fjigenschaften der sinnlich 
wahrnehmbaren Körper gedacht werden'". (L. TT, 1, 4H8.) 
Die Anhänger der Kontinuitätshypothese und die Vertei- 
diger dci' ausgedehnten niul irgendwie gestalteten Atome 



86 Viertes Kapitel 

glauben an der geometrischen Eigenschaft der stetigen 
Raumerfüllung festhalten zn müssen, weil uns die Kcirper 
in der sinnlichen Anschauung als kontinuierlich ausgedehnte 
gegeben sind, dafür müssen sie aber, um die Erscheinungen 
erklären zu können, nach anderer Richtung hin voii der 
Anschauung abweichen, indem sie den Elementen dyna- 
mische Eigenschaften beilegen, die von denen der wirk- 
lichen Körper ganz verschieden sind. Denn die Eigenschaft 
absoluter Flüssigkeit, welche die Kontinuitätshypnthese 
voraussetzt, existiert in der Wirklichkeit so wenig, wie die 
absolut starren und absolut elastischen Körper der kine- 
tischen Atomistik. AVundt zieht hieraus den Schluss, dass 
das Postulat der Anschaulichkeit nur insoweit berechtio-t 
ist, als gefordert wird, „dass die vorausgesetzten Elemente 
und "Wirkimgsweisen den (lesetzen unserer Anschauung- 
konform seien"; die Xaturwissen^^chaft darf in ihre Hypo- 
thesen keine Bestimmungen aufnehmen, die mit unseren 
Anschauungsformen in Widerspruch stehen, aber es ist ihr 
erlaubt, von den Bestandteilen des Wahrnehmu.ngsinhaltes 
zu abstrahieren, die die für die BegrifFsbildung wesent- 
lichen Eigenschaften begleiten. (L. II, 1. 446.) 

Nun liefe der logische Prozoss, aus dem der Bogrifll' 
der ^laterie hervorging, nur die räumlich-zeitlichen Be- 
ziehungen der Yorstellungsobjekte als objektiv giltige be- 
stehen, und so kfinnen „alle Eigenschaften und Wirkungen, 
die Avir der ^faterie beilegen mögen, immer nur darin ihre 
Rechtfertigung finden, dass sie die räumlich-zeitlichen Be- 
ziehungen . der Teile der Materie zu einander begreiflich 
machen" (S. 445). Demgemäfs tritt AVundt für die dyna- 
mische Atomistik, d. h. für die Auffassung der .Materie als 
eines Systems von „Kraft])unkten" ein, wie sie durch 
Boscovich, Ampere, ('auchy und l'ecliner festgestellt 
wurde, als für die vom logischen (Jesichtspunkte am besten 
legitimierte Hypotiiese ein, oline damit diese Anschauung 
als die allein und endgiltig wahre hinstellen zu wollen. 
Denn da die Erfiihriing beständig neues Material liefert. 



4. Der Zweckbegriff in der Naturwissenschaft §7 

SO ist auch die Aufgabe ihrer logischen A evarbeituug der 
Natur der Hache nach unvollendbar, alle Annahmen über 
die Materie und ihre Kausalität haben also immer nur 
einen relativen Wert und werden „imaginär'*, sofern sie 
weiter gehen, als es der Zweck der Verknüpfung der je- 
weilig gegebenen Summe von p]rfahrungsdaten erfordert, 
und den Begriff der Materie in erschöpfender und ab- 
schliefsender Weise zu fixieren suchen. 



4. Der Zweckbegriff in der Naturwissenschaft. 
Die mechanische Naturanschauung hat sich bekanntlich 
erst nach langen und schweren Kämpfen mit teils roheren 
teils feineren Formen der Teleologie im Verlaufe des 
17. Jahrhunderts Anerkennung errungen, und wenn heute 
Niemand die Allgemeingültigkeit des Prinzips der me- 
chanischen Kausalität zu bestreiten wagt, so ist doch die 
Frage, ob und in welchem Umfange daneben noch ein 
Zweckzusannnenhang in der Natur denkbar ist, noch 
keineswegs endgültig entschieden. Es kann daher gar nicht 
Wunder nehmen, dass in dem hier zunächst interessierten 
(xebiete, der Biologie, sich neuerdings eine starke Reaktion 
gegen die ausschliefslich mechanische Erklärungsweise be- 
merklich macht, die in der zweiten Hälfte des vergangenen 
.lahrhunderts die Alleinherrschaft behauptete. Die in dieser 
Richtung vorliegenden A^ersuche erwecken freilich zum 
Teil die Befürchtung, dass die ganze Bewegung über das 
Ziel hiiiausschiefseii und zu einem liückfall in h"ingst über- 
wundene, unhaltbare Anschauungen führen könnte, weil in 
den beteiligten Kreisen vielfach durchaus unklare Vor- 
stellungen iii)er die Hedeutung des Zweckbegriffes und die 
Bedingungen seiner Anwendbarkeit bestehen. Es liegt 
also hier für den TjOgiker ('in(> dankbare und liervoi'ragend 
zeitgemäfse .Aufgabe vor. 

\'on wesentlichster IJcchMitum^' in der ganzen l'rage 
ist die klare I 'nterscheidnnii- zwiscluMi dem Zweck als 



88 Viertes Kapitel 

.,siibjektiYeni Erkenntnisprinzip'' und dem ., objektiven 
Zweck", dem Zweck als Eealprinzip, von der Wundt in 
seinen bezüo-lichen Erörteruno-en ausg-eht. Jeden kausalen 
Zusammenhang- können wir in unserem Denken in einen 
teleologischen umwandeln, indem wir sein Endergebnis in 
der Yorstellung vorausnehmen; die ^\irkung wird dann 
zum Zweck und die Ursachen erscheinen als die 3Iittel, 
durch die der Zweck verwirklicht worden ist. In gewissen 
Fällen, z. B. bei den Lebenserscheinungen, ist diese Be- 
trachtungsweise besonders naheliegend, weil hier vielfach 
nur die AVirkungen unmittelbar gegeben sind, während die 
Ursachen, aus denen sie entspringen, völlig verborgen 
bleiben. Indem wir dann nach den Mitteln fragen, durch 
die der Organismus die betreffenden Leistungen zu stände 
bringt, dient der ZweckbegrifF der Erforschung des kau- 
salen Zusammenhangs der Lebensvorgänge, aber es erhellt 
zugleich, dass die Zweckbetrachtung hier lediglich eine Um- 
kehrung der kausalen Betrachtungsweise darstellt. Eine 
objektive Bedeutung hat der Zweck nur da, wo die Zweck- 
vorstellung, d. h. die Torstellung des Erfolges, selbst zur 
Ursache dieses Erfolges wird, dies ist aber ausschliefslich 
bei den Willenshandlungen beseelter Wesen der Fall. ,, So- 
weit daher Willenshandlungen auf das äufsere Greschehen 
Einfluss erlangen, ist auch der Zweck nicht blofs eine 
rückwärts gekehrte Kausalbetrachtung, sondern zugleich 
vorwärts gerichtete Bedingung des Geschehens. Dagegen 
bleibt es eine völlig willkürliche und darum erkenntnis- 
theoretisch ungerechtfertigte Annahme, eine kausale Wirk- 
samkeit von Zwecken dort anzunehmen, wo uns Willens- 
handlungen nicht in der Erfahrung gegeben sind.'' (L. 1.649 f.) 
Yon diesem Gesichtspunkte aus lehnt Wundt den 
biologischen Yitalismus, d. h. diejenige Form der Tele- 
ologie, bei der zweckthätig wirkende Kräfte im Organismus 
vorausgesetzt worden, grundsätzlich ab und lässt als die 
einzig berechtigte Art der teleologischen Erklärung nur die 
animistische gelten, die den (frund der organischen 



4. Der Zweckbegriff iu der Naturwissenschaft 89 

Zweckmäfsigkeit darin sucht, ,,(lass alle ( )rg'anisnieii ent- 
weder dauernd oder während einer gewissen Zeit ihrer 
Entwickelung nach Zweckvorstelhmgen handelnde Wesen 
sind.'" (S. 317.) 3Iit dem älteren Animismus eines Ari- 
stoteles, Stahl u. a. hat diese Anschauungsweise allerdings 
fast ebensowenig gemein als mit dem Yitalismus, insofern 
sie nicht, wie jener, abstrakte Zweckideen im Organismus 
wirksam sein lässt, sondern die konkreten tierischen Triebe 
als Erzeuger der organischen Zweckmäfsigkeit ansieht. 
Überdem sind es nach Wundt nur die Erscheinungen der 
generellen, nicht diejenigen der individuellen Entwickelung 
oder gar, wie manche „Neovitalisten'' annehmen, die phy- 
siologischen Lebensthätigkeiten, die eine Zweckerklärung 
erfordern. Die Lebensäufserungen der höheren Organismen 
kommen zum gröfsten Teil rein mechanisch zu stände, d. h. 
sie resultieren aus dem Zusammenwirken der den (Organis- 
mus bildenden materiellen Elemente, deren Eigenschaften 
im Organismus dieselben sind wie aufserhalb, einen tele- 
ologischen ('harakter haben nur die daneben hergehenden 
AVillensthätigkeiteu. Wie die Kausalität des Willens mit 
der mechanischen Naturkausalität vereinbar sei, ist ein auf 
dem Standpunkte der Biologie unlösbares Problem, auf das 
später zurückzukommen sein wird; der Naturforscher hat 
den Einfluss des Willens auf die kfirperliche Organisation 
einfach als Thatsache in Rechnung zu stellen. Dieser 
Einfluss besteht nun überall darin, dass bei öfterer Wieder- 
holung derselben Willenshaudlung „allmählich bleibende 
Veränderungen der nerv()sen Leitungsbahnen und ihrer 
Verbindungen " entstehen, infolge deren die ursprünglich 
gewollten Wirkungen sicii in rein mechanische verwandeln, 
die bei Einwirkung der lietretfenden äufseren Reize ganz 
von selbst eintreten („Mechanisierung der Willenshand- 
lungen"); es liegt also nahe, zu vermuten, dass auch die 
rein mechanischen Reaktionen, (hirch die der Organismus 
sich der rnigebung gegenüber iKdiaujjtet, und die Struktur- 
eigentünilichkeitcn, welc-he dies(> ivcaktiiMicn Ix'din^-en. 



90 Viertes Kapitel 

„aus wirklichen, von einem zwecksetzenden AVillen gelei- 
teten Beweg-ungen entstanden" sind (S. 326), dass der 
Org'anismus das Erzeugnis einer Summe von Willensthätig- 
keiten ist, deren "Wirkungen sieh im Laufe dei' ( Gene- 
rationen gehäuft und befestigt haben. 

Somit stellt sich unser Philosoph in der Frage nach 
dem Ursprung der organischen Formen in direkten Gegen- 
satz zu der „mechanischen" Selektionstheorie Darwins und 
auf die Seite derjenigen, die die Entwickelung auf „innere" 
Ursachen zurückführen. In Wahrheit gründet sich freilich 
auch die Theorie Darwins keineswegs ausschliefslich auf das 
Prinzip der „natürlichen Auslese", da von ihm für das 
Tierreich der Wettstreit um die Nahrung und Fortpflan- 
zungsgelegenheit ausdrücklich als mitwirkender Faktor 
anerkannt wird, so dass im Darwinismus thatsächlich „ani- 
mistische und mechanistische Yorstellungen in eigentihii- 
licher Mischung verbunden sind." Andererseits leiden die 
meisten der Theorien, welche (h'e inneren Ursachen voran- 
stellen, an dem Fehler, dass sie nicht von empirisch nach- 
weisbaren Eigenschaften der Lebewesen ausgehen, sondern 
mit nichtssagenden und zwitterhaften Allgemeinbegriffen 
(Zielstrebigkeit, Bildungstrieb u. s. w.) operieren. Dem 
gegenüber bezeichnet die Willensthätigkeit, auf die Wundt 
sich beruft, eine vera causa, und es kann sich höchstens 
fragen, ob diese Ursache auf allen Stufen des Lebens und 
nicht blofs in den höheren Organismen wirksam ist. Wundt 
begegnet diesem Einwände durch den Hinweis, dass ge- 
rade die Bewegungen der Protozoen unmöglich als (mecha- 
nische) Reflexe angesehen werden können, da die hierzu 
erforderlichen Organisationsbedingungen fehlen; das ganze 
Protozoon erscheine vielmehr „als ein in allen seinen 
Teilen nach Willensimpulsen handelndes Wesen" (S. 325), 
uiul es dürfte bei der stetigen .Abstufung der Lebens- 
erscheiiiung(>n schwer sein, diese Beha\ij)tung zu wider- 
legen, d. h. zwischen den ohne Empfliidung und Willcns- 
regujig verlaufenden lvcaktion(>n und den primitivsten 'i'rieb- 



4. Der Zweckbegriff in der Naturwisseiiscbaft Ol 

äufserung-en eine scharfe Grenze zn ziehen. Zweitens würde 
sodann zu erklären sein, wie der tierische Wille zweck- 
mäfsig-e Aendernnoen der Organisation herbeiführen kann, 
ohne durch eine entsprechende Intellig-enz geleitet zu wer- 
den. Tn dieser Hinsicht weist Wundt darauf hin, dass die 
subjektive Zweckyorstellung und der objektive Zweckerfolg 
sich nicht notwendig zu decken brauchen. Wie wir dies 
bei dem Vorgang der Einübung sehen, ergeben sich Or- 
ganisationsiinderungen als durchaus „unabsichtliche Xeben- 
erfolge" von Willensthätigkeiten, und so sei überhaupt „auf 
jeder Stufe die A'eränderung, in der sich die objektive 
Zweckniäfsigkeit einer organischen Bildung äufsert, durch- 
aus verschieden von den subjektiven Zweckvorstellungen, 
die jene Zweckniäfsigkeit hervorbrachten." Kegelmäfsig 
„überschreitet der objektiv erreichte Zweck das ihm voraus- 
gehende Zweckmotiv, " obwohl 'er „der in den Alotiven ge- 
gegebenen allgemeinen Zweckrichtung angeln'irt." So be- 
währe sich „schon innerhalb der physischen Seite der or- 
ganischen Entwickelung, sofern diese von psychischen 
Kräften bestimmt wird, ein Gesetz, welches dann alle 
geistige Entwickelung beherrscht: das Prinzip der Hetero- 
gonie der Zwecke.'" (S. 828.) 



Fünftes Kapitel. 
Die Prinzipien der Psychologie. 

1. Allo-eme ines. 

"Während die allgemeinen Prinzipien und ^Methoden der 
Naturwissenschaft seit Jahrhunderten feststehen, sind die 
(rrundlagen der Psychologie noch immer schwankend und 
unsicher, und infolgedessen ist auch die Summe des posi- 
tiven psychologischen Wissens his zur Gregenwart eine ver- 
schwindend geringe geblieben. Die innigere Yerbindung 
der Psychologie mit der Xatur Wissenschaft hat hierin 
wenigstens insofern Wandel geschaffen, als sie die Möglich- 
keit eröffnete, seelische Phänomene in exakter Weise zu 
erfassen und zu zergliedern, aber sie liefe doch zugleich 
den Mangel einer gesicherten psychologischen Prinzipieu- 
lehre nur desto fühlbarer werden, denn sehr bald trat 
innerhalb der physiologischen oder experimentellen Psycho- 
logie selbst ein Gegensatz verschiedener Eichtungen hervor, 
die in der Anerkennung der empirisch festgestellten That- 
sachen übereinstimmend doch in der Deutung derselben 
von einander abweichen. Wie sehr daher auch der Betrieb 
der psychologischen Forschung in neuerer Zeit sich dem- 
jenigen der Xaturwissenschaften genähert hat, so steht doch 
die Psychologie hinter ihrer Schwesterwissenschaft immer 
noch insofern weit zurück, als in die Erörterung reiner 
Thatfragen fast innner zugleich prinzipielle Differenzen 
hineinspielen, und für den weiteren Fortschritt in der 
AVissenschaft des Seelenlebens ist eine Verständigung über 
die (i rundbegriffe nicht minder nötig als die in die Breite 
geilende Sammlung empirischen Materials. 

So hat denn auch Wundt sich vielfach nnd eingehend 
mit den |)svchologis('h('n l'riiizipicnfrageii beschäftigt. Schon 



Die Prinzipien der Psychulogie. 1. Allgemeines 93 

in den „Beiträgen zur Theorie der Sinneswahrnehniung-" 
gehen neben den Einzehmtersuchimgen ausführliche Er- 
örterungen über die Methoden der Psychologie einher, und 
die „Philoso])hischen Studien" enthalten eine ganze Keihe 
von Abhandlungen, in denen der Verfasser zu den durch 
die Arbeiten Fechners angeregten Fragen nach der Mess- 
barkeit psychischer Gröfsen und der Bedeutung des Weber- 
schen flesetzes Stellung nimmt und seine Anschauungen 
über die Aufgabe der Psychologie, über den Zusammen- 
hang der psychischen und physischen Vorgänge und übei' 
das Wesen der psychischen Kausalität entwickelt, in um- 
fassenderem Zusammenhange und auf der Grundlage all- 
gemeiner erkenntnistheoretischer Erwägungen werden alle 
diese Dinge in der „Logik" und in dem „System der 
Philosophie" behandelt. 

Es muss freilich bemerkt werden, dass nur verhältnis- 
mäfsig wenige Psychologen den prinzipiellen Standpunkt 
AVundts ohne jeden Vorbehalt sich zu eigen gemacht haben. 
Nach der Ansicht vieler von den jüngeren Vertretern der 
experimentellen Schule sei es dem Altmeister der modernen 
psychologischen Forschung noch nicht gelungen, sich von 
allen überlieferten „spiritualistischen Vorurteilen" los zu 
machen und das Prinzip der physiologischen Bedingtheit der 
psychischen Vorgänge folgerichtig und bis in seine letzten 
Konsequenzen zur Geltung zu bringen und durchzuführen. 
Seine Psychologie trage daher einen dualistischen ( 'harakter, 
indem sie, statt die Analyse der seelischen Erscheinungen 
überall l)is zur Erreichung der letzten sinnlichen Elemente 
fortzus(^tzen, mit Kräften und „Funktionen" der Seele oder 
des Bewusstseins operiere, die nichts weiter seien als ab- 
strakte Bezeichnungeil für zusammengesetzte Vorgänge. 
Die Aufgabe der l^sychologie sei, wie diese Radikalen be- 
haupten, erst dann gelöst, wenn es gelungen wäre, die 
'J'hatsachen des Seelenlebens vollständig physiologisch zu 
erklären, psychologische (besetze im eigentlichen Sinne 
gebe es überhaupt nicht, da die psychischen A'orgänge 



94 Fünftes Kapitel 

nichts Selbständiges, sondern blofse Begleitevscheinnnü(Mi 
physiologischer Vorgänge im Grehirn seien. AVnndt ist 
dieser Auffassung des Wesens und Zieles der physio- 
logischen Psychologie mit aller Entschiedenheit entgegen- 
getreten, indem er betont, dass die Thatsache des Bedingt- 
seins der psychologischen Elementarerscheinungen (der ein- 
fachen Empfindungen und Gefühle) durchaus nicht zu der 
Folgerung führe, dass das geistige Leben seinem gesamten 
Inhalte nach nur KeHex oder Spiegelbild physiologischer 
Prozesse im CTehirn sei, dass vielmehr gerade die durch 
die ])hysiologische Erfahrung unterstützte psychologische 
Analyse zur Anerkennung der Eigennatur und Eigengesetz- 
lichkeit des geistigen Lebens zwinge. Aber der (Jegensatz 
der Anschauungen besteht vorläufig unausgeglichen weiter, 
so dass vom rein historischen Gesichtspunkte aus innerhalb 
der experimentellen Psychologie der (fegenwart eine Spal- 
tung konstatiert und die Gruppe der gemäfsigten Anhänger 
Wundts von der der radikalen Heifssporne unterschieden 
werden muss. Welche von beiden sich dauernd behaupten 
wird, kann erst die Zukunft lehren ; aber es ist doch von 
vornherein zu vermuten, dass, wie auf anderen Gebieten, 
so auch hier die extreme Partei in der einseitigen Ver- 
folgung eines an sich richtigen Grundgedankens über das 
Ziel hinausschiefst, und dass daher eine Reaktion niclit 
ausbleiben wird. Auf alle Fälle muss den Xeumaterialisten, 
die die Psychologie zu eiiUMu l'eilgebiet der l'liysiologio 
machen m(»chten, das Kecht Itestritten werden, sich als die 
wahren und alleinigen Verti'eter der neuen, an die Physi- 
ologie uiul überhaupt an die Naturwissenschaft sich an- 
lehnenden Forschungsmethode zu geberden, wie es auch 
umgekehrt auf einer N'erkeiinung (h>r Sachlage berulit, 
wenn die A'^erteidiger (\er auf metaphysische A'oiaus- 
setzungen sich gründemhMi sj)iritualistisch('n Psychologie 
Einwände, die den N'ersiichcii einer rein physiologischen 
Interpretation des SeelenleluMis gegenüber am Platze sind, 
gegen die exiierimentelle Psychologie iibei'haupt geltend 



•± Das Object der Psychologie 95 

iiuieheii. Wuiult seinerseits wird durch seine MittelsteUung 
zwischen den beiden Extremen gezwungen, seinen Stand- 
punkt nach zwei Seiten hin zu verteidigen, doch ist dieser 
Umstand zugleich geeignet, seinen Darlegungen das leb- 
hafte Interesse aller derer zu sichern, die von der Psycho- 
logie Yernieidung aller unbeweisbaren metaphysischen 
Hypothesen und Übereinstimumng mit den Thatsachen und 
Forderungen der Naturwissenschaft verlangen, und denen 
doch die materialistische Auffassung -der geistigen Vor- 
gänge ihrer Konsequenzen wegen unannehmbar erscheint. 
Es sollen nun im Folgenden die leitenden Ideen der 
Wundtschen Psychologie entwickelt und sodann im niich- 
sten Kapitel ihre Hauptergebnisse^ mitgeteilt werden. 

2. Das Objekt der Psychologie. 
AVir haben schon früher die Lehre, dass Subjektives 
und Objektives nicht zwei verschiedene von einander ganz 
unabhängige Erfahrungskreise, sondern nur verschiedene 
Seiten der ursprünglich einheitlichen Erfahrung darstellen, 
als eines der bemerkenswertesten Ergebnisse der Erkenntnis- 
kritik kennen gelernt. Aus ihr ergiebt sich ohne weiters 
auch die richtige Antwort auf die Frage nach dem (Jegen- 
stande der Psychologie. Diesen bildet nicht das subjektive 
Erleben, sondern der gesamte Inhalt der unuiitrelbaren 
Erfahrung in seiner ursprünglichen, von der Reflexion noch 
unberührten P,es(diaffenheit. Während die Naturwissen- 
schaft nur die objektiven Flemente der Erfahrung unter 
Abstraktion von den subjektiven l)etrachtet, hat die Psycho- 
loiiie die Aufgal»e. ..diese Abstraktion wi(Mler aufzuheben, 
um die Erfahrung in ihrer unmittelbaren Wirklitdikeit zu 
untersuchen. Sie giel>t daher über die Wechselbeziehungen 
der sul.jektiven und objektiven Kaktoren der unmittelbaren 
Frfahrung und über die Fntstidjung der einzelnen Inhalte 
d.M- letzteren und ihres /usammenhangs Rechenschaft.'' 
(l)cf. 12.) Der Unterschied Leider Wissenschaften liegt 



9(j Fünftes Kapitel 

also nicht in der Verschiedenheit ihres Stoffes, sondern in 
derjenigen des (resichtspunktes, unter dem sie den Stoff 
betrachten, indem die eine fragt, welche Bestimmungen 
wir den Erfahrungsinhalten beilegen müssen, um sie als 
unabhängig gegeben zu denken, die andere festzustellen 
sucht, in welchem Zusammenhange sie zur unmittelbaren 
Auffassung gelangen. 

Wir können hier nicht auf die Diskussion eingehen, 
zu der diese Definition Veranlassung gegeben hat, imd 
beschränken uns darauf, ihre Tendenz etwas näher zu er- 
läutern. Diese ist aber wesentlich gegen die durch Locke 
und Kant eingeführte Auffassung der Psychologie als der 
Wissenschaft des inneren Sinnesgebietes gerichtet. 
Nach der Ansicht der genannten Denker giebt es nämlich 
zwei Arten der sinnlichen Wahrnehmung: durch die „äufsern 
Sinne" erlangen wir Kenntnis von der uns umgebenden 
Aufsenwelt, durch den „inneren Sinn" nehmen wir die Zu- 
stände und Vorgänge in uns selbst wahr; wie nun die 
Naturwissenschaft durch planmäfsige Verarbeitung der 
äufseren Sinneswahrnehmungen ein Bild der realen Körper- 
welt gewinnt, so habe ganz analog die Psychologie die 
Data des inneren Sinnes zu sammeln und zu verknüpfen, 
um eine wissenschaftliche Erkenntnis unseres eigenen Selbst 
zu erlangen. Die Vertreter dieses Standpunktes haben 
sich wie AVundt anerkennt, ein uul^estreitbares Ver- 
dienst dadurch erworben, dass sie die Psychologie über- 
haupt auf die Erfahrung hinwiesen, aber durch die Be- 
hauptung,' dass es eine spezifische innere Erfahrung gebe, 
brachten sie die Psychologie in einen falschen Gregensatz 
zui- NaturMnssenschaft, verschlossen ihr d(Mi Weg des 
l^Lxperiments und schräid<ten sie auf die unfruchtbare Me- 
tho<le der Selbstbeobachtung ein. ITeberdem mache die 
schroffe Scheidung der iimern und äufsern Erfahrung den 
thatsächlichen Zusannnenhang beider (Jebiete unerklärlich 
und nötige die Psychologie zur Heranziehung metaphy- 
sischer Hypothesen. Dagegen bringe die Auffassung der 



2. Das Objekt der Psychologie 97 

l*s ychologie als der „Wissens c h a f t de r u n nii 1 1 e 1- 
baren Erfahrung" den doppelten Vorteil, dass sie die 
o-anze naturwissenschaftliche ^Methodik ohne weiteres auch 
der Psycholog-ie verfügbar mache und die Frage nach dem 
Yerhältnis der physischen und psychischen Objekte in 
AYegfall bringe. 

Eine fernere bedeutsame Folgerung aus der auf- 
gestellten Definition ist dann aber das Postulat, dass die 
Psychologie die Erscheinungen so aufzufassen habe, wie 
sie sind. ])ie Naturwissenschaft kann ihre Aufgabe, wie 
wir sahen, nur dadurch hisen, dass sie die sinnlichen Wahr- 
nehmungen auf ein selbst nicht wahrnehmbares Substrat 
bezieht, ihre Erkenntnisweise ist daher eine begriffliche 
und zugleich eine hypothetische. Die Psychologie würde 
ihre Aufgabe vollständig verfehlen, wenn sie ein gleiches 
Verfahren anwenden wollte. „Sie hat den Zusammenhang 
der Erfahrungsinhalte, wie er dem Subjekt wirklich gegeben 
ist", aufzuzeigen, und es wäre daher völlig widersinnig, 
hierbei den Erscheinungen eine nicht gegebene, sondern 
nur gedachte Realität zu substituieren. Der Clebrauch der 
Hypothese ist demnach in der Psychologie zwar nicht 
ausgeschlossen, aber es kann sich dabei immer nur um 
Vermutungen über den Zusanunenhang der Erscheinungen 
selbst, nicht um Annahmen über ihr Substrat handeln. So 
sind z. B. hinsichtlich des Ursprungs der Gemütsbewegungen 
verschiedene Annahmen möglich: man kann sie für primäre 
psychische Vorgänge halten, oder sie aus der Wechsel- 
wirkung der Vorstellungen oder sonstwie sich entstanden 
denken, al)er bei allen derartigen Hypothesenbihhnigen 
bleiben doch die einzelnen Inhalte der Erfahrung völlig 
uid)erülirt und werden niemals auf ein Begriffsobjekt be- 
zogen, das von den Gegenständen der Erfahrung verschie- 
den wäre. Die Erkenntnisweise der Psychologie ist also 
im Gegensatz zur naturwissenschaftlichen eine anscliau- 
liche, und die psychologis(dien Hypothesen müssen sich 
stets an dcf unmittelbaren Ki-fahrnng verifizieren lassen: 

König, \V. Wuiidt. 7 



98 Fünftes Kapitel 

damit ist aber gesagt, dass die Psychologie überhaupt eine 
im strengeren Sinne empirische Wissenschaft ist, als die 
Naturwissenschaft. 

Wie vorher die „Psychologie des inneren Sinnes'", so 
erweist sich von diesem Gesichtspunkte aus die „meta- 
physische Psychologie" als ein Irrweg, und zwar als 
ein Irrweg von ungleich verhängnisvollerer Bedeutung, da 
bei der Auffassung der psychischen Erscheinungen als Zu- 
stände und Thätigkeiten eines nicht unmittelbar gegebenen 
realen Wesens, der Seele, naturgemäfs die Frage nach den 
Eigenschaften der Seele zur Haupt- und die empirische 
Analyse der Erscheinungen zur Nebensache wird. Nim 
lässt sich freilich einwenden, und ist thatsächlich ein- 
gewandt worden, dass der Begriff der Seele in der Psycho- 
logie schlechterdings unentbehrlich sei, da die psychischen 
Erscheinungen ims als ein einheitliches ffanze gegeben 
seien und demnach die Annahme eines realen Einheits- 
grundes notwendig machen, aber damit ist doch noch nicht 
ffesafft, wo dieser Einheitsffiund zu suchen sei, ob in einem 
den Erscheimmgen zu Grunde liegenden und sie erzeugen- 
den Subjekt, einer Substanz, oder in den Erscheinungen 
selbst. Das Erstere behauptet die spekulative Psychologie, 
Letzteres ist die Lehre Wundt's. 



3. Der Begriff der Seele. 
Bei dem Streite um die Seele handelt es sich in letzter 
Linie darum, ob die Thatsachen der unmittelbaren Erfahrung 
einen zwingenden Antrieb zur Anwendung des Substanz- 
begrifFes enthalten oder nicht, und diese Frage wird von 
Wundt "unbedingt verneint. Die unmittelbare Erfahrung 
zeigt, wie er betont, mir ein beständig fliefsendes Ge- 
schehen, nirgends aber ein auch nur relativ beharrendes 
Sein. Selbst „das Beharrlichste, was es in uns giebt, 
unser Wollen" ist vor allem andern nie ruhende Thätig- 
koit (S. 299), ebeii(h'sweg('ii k/iinicn (hiiin auch jene Wider- 



3. Der Begriff der Seele 99 

Sprüche hier fi,ar nicht entstehen, die im Bereiche der 
objektiven oder mittelbaren Erfahrung dazu führen, die 
Substanz als das Beharrende von den Accidenzen als dem 
"Wechselnden zu unterscheiden, im Geg-enteil erweist sich 
vielmehr die Beziehung der geistigen Vorgänge auf ein 
zu Grrunde liegendes Substrat als ein grober Paralogismus. 
r)enn da der Begriff der Substanz nur ein Erzeugnis der 
geistigen Thätigkeit ist, so haben wir offenbar kein Hecht, 
ihn auf unseren Geist selbst anzuwenden ; geschieht dies 
dennoch, so wird offenbar der Standpunkt der äufseren 
AVeltbetrachtung, der die Vorstellungen ohne Rücksicht 
auf ihren geistigen Ursprung nur nach ihrem objektiven 
Inhalte betrachtet, mit dem psychologischen verwechselt, 
für den die Vorstellungen nur als geistige Thätigkeiten 
Bedeutung haben. (L. II, 2, 244.) 

Dem bekannten Argument, die Einheit des BeAvusst- 
seins sei nur unter der Voraussetzung eines einfachen, bei 
allem Wechsel beharrenden Subjekts nniglich, stellt AVundt 
daher die Erwägung entgegen, dass „jene Verbindung des 
])sychischen (Jeschehens, die wir Einheit des Bewusstseins 
nennen", durch die Annahme eines substanziellcn Trägers 
um nichts begreiflicher werde, weil in diesem Träger selbst 
ein einheitlicher Zusammenhang nnmnigfaltiger Zustände 
als bestehend vorausgesetzt werden müsste. l nd die von 
Lotze geltend gemacht(> Ansicht, dass ja die Seele nicht 
als ein von dem psychischen (Jeschehen unterschiedenes 
Seiendes gedacht zu werden brauche, dass vielmehr ihr 
Sein in diesem (Jeschehen sell)st aufgehe, wird (hucii die 
Bemerkung widerlegt, dass eine Substanz, die in der ihr 
iimewohnenden Kausalität ununter8cheidl)ar aufgeht, in 
Wahrheit keine Substanz mehr sei. Nicht günstiger stellt 
sich die Antwort, wenn man iiacli dem Nutzen des Sub- 
stanzbegriffes fiii- die llrkläning des psychischen (Je- 
s(diehens fragt. 

'I'hatsaclien crkliii-en heilst, sie nach B(v.iehungen der 
AI)hängigkeit ordnen. Die .Vnalyse (h's ol)jektiven Ge- 



100 Fünftes Kapitel 

schehens führt nun allerdings dazu, zwischen veränderlichen 
und konstanten Bedingungen jedes einzelnen Vorganges 
zu unterscheiden. Der Verlauf der Ereignisse wird bestimmt 
durch die wechselnden Beziehungen, in welche die materi- 
ellen Elemente treten, und zugleich durch die konstanten 
den Elementen innewohnenden Kräfte ; der substanzielle 
und der aktuelle Kausalbegriff schliefsen sich hier nicht 
aus, sondern ergänzen einander. Auf psychologischem Ge- 
biete dagegen verwickelt die Annahme der substanziellen 
Kausalität das Denken in Widersprüche. Denn ,,da hier 
jede Kraft nicht an eine bestimmte, in ihr zur Aufserung 
kommende Substanz gebunden ist, sondern mit allen von 
ihr verschiedenen Kräften auf ein und dieselbe Substanz 
bezogen wird, so verwandelt sich die Kraft in ein blofses 
Vermögen, in die Fähigkeit der Seele, zu handeln oder 
auch nicht zu handeln, bald von dieser, bald von jener 
ihrer Kräfte Gebrauch zu machen" (S. 282), damit aber 
werden der Substanz selbst die einander ausschliefsenden 
Bestimmungen der Beharrlichkeit und Veränderlichkeit bei- 
gelegt, und die psychologische Erfahrung löst sieh in eine 
Summe einzelner Wirkungen auf, die untereinander keinen 
Zusammenhang haben; denn „für alles, was die Seele thut, 
können frühere Vorgänge höchstens die Rolle von Neben- 
bedingungen übernehmen, sie selbst bleibt erste Ursache" 
(S. 298). Bei Herbart, der eine wirkliche Erklärung 
der seelischen Vorgänge zu geben suchte, habe denn auch 
der Betriff des substanziellen Seelenwcsens nur die Be- 
deutung einer willkürlichen Nebenannahme, denn in Wahr- 
heit entspringen in seiner Theorie die einzelnen A^orgänge 
nicht aus der Thätigkeit einer einzigen, sondern aus den 
AVechselwirkungen vieler Substanzen, der A'orstellungen, 
die ähnlich den Atomen der Naturwissenschaft gedacht 
werden. 

Nach al lodern kommt unser Philosoph zu dem Schlüsse, 
dass der Begriff der substanziellen Seele nichts weiter ist als 
ein fehlerhaftes Analoffon zu dem naturwisseiischaftlicdien 



y. Der Begriff der Seele 101 

Begriffe, der 31aterie, und dass somit der Spiritualismus 
lediglich ein verkappter Materialismus ist. „Die 
innere Kausalität unseres geistigen Lebens ist mit dem 
unveränderlichen Beharren einer Substanz nicht vereinbar" ; 
entweder ist also, wie in der Lotzeschen Psychologie, die 
Beharrlichkeit nur „ein leeres Wort, hinter dem sich ein 
fortwährender Wechsel aller Eig-enschaften verbiro-t'\ oder, 
wenn man mit diesem Begriffe Ernst macht und die that- 
sächlich psychischen Vorgänge als ein der beharrenden 
Substanz „blofs äufserlich anhaftendes Spiel veränderlicher 
Wirkungen" betrachtet, es wird „alles was in unserem 
inneren Erleben Wirklichkeit und Wert besitzt, in einen 
leeren Schein verflüchtigt" (S. 278). 

Anders, wenn man an Stelle des substanziellen den 
aktuellen Begriff der Seele treten lässt. Hiernach ist 
die Seele nicht etwas Dingliches oder Gegenstandliches, 
an dem die Vorgänge sich abspielen, sondern der Inbegriff 
dieser Vorgänge selbst, der „stetige Zusammenhang des 
psychischen Cxeschehens", und die Frage nach dem Wesen 
der Seele reduziert sich, wenn nnm ihr überhaupt noch 
einen Sinn beilegen will, auf die Frage nach den Bedino-- 
ungen dieses Zusannnenhangs. Aber damit ist der Sinn 
des „Aktualitätsprinzi j)s" noch nicht erschöpft. Es 
verbietet nicht nur, dass wir die psychischen Erschein- 
ungen auf ein hinter ihnen stehendes Seiendes beziehen, 
sondern es schliefst noch weiter die Forderung in sich, 
alles Psychische als eine Summe von Ereignissen auf- 
zufassen. Die A'ulgärpsychologie hat eine starke Neigung, 
die Inhalte der umnittelbaren Fjrfahrung, i)isl)esondere die 
Vorstellungen, zu verdiiiglichen, sie ähidich wie die Aufsen- 
dinge als relativ beständige Objekte zu betrachten, und 
Herbart erhob, wie wir schon sahen, den Satz von der 
Unzerstörbarkeit und Ewigkeit der Vorstellungselemente 
geradezu zum Range eines Axioms, auf das er seine Me- 
clianik der Vorstellungen gründete. Wundt sieht in dieser 
Auffassung einen sciiweren Irrtum: es giebt gar nicht Vor- 



102 Füuftes Kapitel 

stellung-en, sondern nur Yorstellungsakte, und es ist also 
falsch, von einer Aufbewahrung der Vorstellungen im Ge- 
dächtnis und einem Wiedererscheinen derselben zu reden, 
während es sich in Wahrheit um eine Erzeugung neuer, 
mit früher vorhandenen mehr oder weniger üliereinstimmen- 
der Vorstellungsinhalte handelt. Kurz „alle psychischen 
Thatsachen sind Ereignisse, nicht (Tegenstände; sie ver- 
laufen wie alle Ereignisse in der Zeit und sind in keinem 
folgenden ^fomente die nämlichen, wie sie in einem voran- 
gegangenen waren." (Gr. 17.) Das psychische Leben 
entspricht durchaus jenem heraklitischen Schema des be- 
ständigen Flusses, in welchem schlechterdings nichts dauert, 
sondern immer neue Erscheinungen die früheren ablösen. 
Das Aktualitätsprinzip ist für die Gestaltung der 
Wundtschen Psychologie von entscheidender Bedeutung, 
denn es leuchtet ohne weiteres ein. dass auf dem Boden 
dieser Voraussetzung die Erklärung der psychischen Vor- 
gänge, ja die ganze Auffassung des Seelenlebens wesent- 
lich anders ausfallen muss, als bei Zugrundelegung der 
entgegengesetzten Annahme. Umso dringlicher erhebt sich 
aber die Frage, ob jenes Prinzip selbst eine blofee Hypo- 
these oder der Ausdruck eines thatsächlichen Sachverhaltes 
ist. AVuiidt behauptet mit Entschiedenheit das Letztere. 
Wenn die Psychologie die Erfahrungsinhalte „in ihrer un- 
mittelbaren, durch keine Abstraktion und Reflexion ver- 
änderten Beschaffenheit'' zum Gegenstande hat, so hat sie 
es eben mit Vorgängen und nicht mit Objekten zu tbun, 
denn die Erfahrung, das Erleben ist ein zeitlich verlaufen- 
der Prozess. Auf der anderen Seite ist leicht ersichtlich, 
dass die falsche Verdinglichung der Vorstellungen lediglich 
darin ihren Grund hat, dass durch eine falsche Analogie 
die Eigenschaften, die die Naturwissenschaft den äufseren 
Naturgegenständen zuschreibt, auf die „Objekte des inneren 
Sinnes", die Vorstellungen, die man als Abbilder der 
äufseren (Tegenstände auffasst, übertragen werden. Natur- 
wissenschaft und Psvchologie lassen sich aber, wie wir 



4. Die psychische Kausalität 103 

oben sehen, nicht koordinieren, da sie die Erfahrungsinhalte 
unter ganz verschiedenen Clesichtspunkten betrachten, und 
so muss auch die Auffassung- der geistigen Phänomene 
sich ganz anders gestalten als die des Naturgeschehens. 
In der physischen Sphäre giebt es kein Entstehen und Ver- 
gehen, aller Wechsel betrifft nur die äufseren Beziehungen 
der Dinge, während diese selbst unveränderlich beharren, 
dagegen zeigt die unmittelbare Erfahrung nirgends Still- 
stand und Ruhe, sondern ein ununterbrochen in fortlaufender 
Reihe wechselndes Erleben: infolgedessen herrscht dort 
mechanische Cfleichförmigkeit, indem unter denselben Be- 
dingungen dieselben Erfolge sich wiederholen, hier dagegen 
giebt es keine unveränderte Wiederholung, sondern nur 
Neubildung, Fortschritt, Entwickelung. 



4. Die psychische Kausalität. 

Demgemäfs gelten nun auch für die psychologische 
Erklärung der Erscheinungen ganz andere Normen, als 
für die naturwissenschaftliche. Die Naturwissenschaft be- 
dient sich des aktuellen Kausalbegriffes in Verbindung mit 
dem substanziellen ; in der Psychologie kann allein die 
aktuelle Kausalität in Frage kommen. „Als Ursache eines 
bestimmten einzelnen Geschehens kann hier unter allen 
Umständen nur ein anderes Geschehen oder eine Summe 
von Ereignissen ohne jede Teilnahme konstanter Objekte 
gedacht werden" (P. ('. 101): „jede psychologische Er- 
klärung besteht in einer solchen einzelnen Kausalbetrachtung, 
und jeder Versuch, eine solche Einzelerklärung durch Zu- 
rückgehen auf weitere Bedingungen zu ergänzen, führt 
entweder abermals auf ähnliche Kausal Verbindungen oder 
auf Ergebnisse zurück, die (wie die Simu'sempfindungen) 
als dem individn(dl(Mi IJewusstsein ni'sprünii-lich gegel)ene 
anerkannt werden müssen" (S. 'MM)). 

Nun lehrt ja freilich die Erfahrung, dass ein einzelner 
psyehsischer Vorgang, z. B. ein Willensakt, sich nicht immer 



104 Fimftes Kapitel 

aus den ihm voraiig-egang-eiion, den aug-enblicklich vor- 
handenen ^Motiven, vollständig ableiten lässt, dass die 
gleichen aktuellen Bedingungen bei verschiedenen Indivi- 
duen verschiedene Folgen nach sich ziehen, ein Umstand, 
dem die Psychologie des gesunden Menschenverstandes 
dadurch Eechnung trägt, dass sie individuell verschiedene 
bleibende „Anlagen" als mitbestimmende Ursachen des 
seelischen Geschehens voraussetzt. Aber diese Anlagen 
wirken doch ert'ahrungsgemäfs nicht in unveränderlicher 
AYeise, „sondern sind selbst fortwährender Veränderung 
durch die hinzutretenden aktuellen Ursachen unterworfen," 
haben also den Charakter von „veränderlichen Zuständen, 
nicht von permanenten Eigenschaften'' und enthalten des- 
wegen keinerlei N^citigung, das Prinzip der rein aktuellen 
Kausalität des psychischen (leschehens aufzugeben oder 
einzuschränken. Im Gegenteil rufen die Anlagen stets die 
Frage nach ihrer Entwickelung oder Entstehung wach, 
und „die Beantwortung dieser kann wiederum nur in einer 
Ableitung aus einzelnen aktuellen psychischen Ursachen, 
also aus Ereignissen und eventuell weiter zurückliegenden 
Anlagen bestehen" (P. C. 106), die dann ihrerseits wieder 
zu einer ähnlichen Untersuchung herausfordern. „Als 
Kollektivbegriff'e '' können also die Anlagen der praktischen 
psychologischen Interpretation ihre Dienste leisten, niemals 
aber darf man sieh dem Glauben hingeben, „dass dadurch 
das handelnde Individuum selbst in ein konstantes, allen 
Einflüssen in unabänderlicher Weise begegnendes Subjekt ver- 
wandelt werde." Die Aufstellungeines konstanten Subjekts 
als beharrender Ursache alles individuellen psychischen Ge- 
schehens ist „eine reine Fiktion", die niemals und nirgends, 
wo man wirklieh den Tersuch macht, j)sychische Vorgänge 
zu begreifen, festgehalten werden kann; vielmehr ist „jeder 
kausalen psychologischen Interpretation, wenn sie nur ein 
wenig in die Tiefe dringt, das handelnde Subjekt keiiu' 
konstante Bedingung, sondern eine Summe von Ursachen 
und Bedingungen, von denen die ersteren in psychischen 



4. Die psycliisclie Kausfilität 105 

Ereio-nissen, die letzteren aber in fortwährend modifizier- 
baren Anlagen bestehen/' (P. C. 105.) 

Kann die psychologische Kausalerklärung-, wie aus 
dem Gesagten hervorgeht, gelegentlich zu einer ins Un- 
endliche sich verlierenden Aufgabe werden, so wird sie 
noch überdem dadurch kompliziert, dass „die nächsten und 
namentlich die entscheidenden Ursachen eines einzelnen 
Geschehens durchaus nicht Ereignisse zu sein brauchen, 
die unmittelbar der Zeit nach dem ' bewirkten Ereignis 
vorangehen, sondern in der Kontinuität der psychischen 
Vorgänge beliebig von dem verursachten Ereignis zeitlich 
entfernt sein können. Nahes und Fernes bilden also in 
gleicher Weise Bestandteile eines Zusammenhanges, aus 
welchem jeder Bestandteil in jedem ^lomente aktuell wer- 
den kann."" (P. C. 103.) Aus diesen verschiedenen Grün- 
den entstehen für die Erforschung des Zusammenhangs der 
psychischen Erscheinungen Schwierigkeiten, wie sie die 
Naturwissenschaft auf ihrem Gebiete nicht kennt; dafür 
erfreut sich aber die Psychologie des Vorteils, dass auf 
psychischem Gebiete „die kausale Beziehung selbst in der 
inneren Wahrnehnnmg gegeben ist'', während sie von der 
Naturwissenschaft überall indirekt erschlossen Averden muss: 
„alle psychische Kausalität ist eine anschauliche, alle phy- 
sische Kausalität ist eine begriffliche''. Eine unmittelbare 
anschauliche Notwendigkeit dafür, dass der stofseiulc den 
gestofsenen Körper bewegt, ist nirgends zu entdecken; diese 
Notwendigkeit entsteht erst aus der begrifflichen Ver- 
knüpfung und Yerarbeitung der Erfahrungen. Dagegen 
ist die Entstehung einer Hinneswahrnehmung aus ihren 
einfachen Elementen, eines Willensaktes aus seinen Motiven 
eine kausale Verbindung, für die wir Bindeglieder gar 
nicht erst zu suchen brauchen, „weil wir diese Inhalte 
selbst in dem ZusainnuMihang unserer inneren Vorgänge 
als kausal verbuiulene uinnirrelbar anscbaulich auffassen". 
(!'. ('. 10!).) 

Diese Thatsache begründet zugleich die Forderung, 



106 Fünftes Kapitel 

(lass die Ursachen eines Erlebnisses anch ihrerseits stets 
dem Inhalte der unmittelbaren Erfahrung angehören müssen. 
Die Voraussetzung unbeMuisster, d. h. nicht unmittelbar 
erfahrbarer psychischer Zustände ist also unzulässig. Zu 
demselben Resultat führt auch die Analyse des Bewusst- 
seinsbegriffes. Dreht sich doch der ganze Streit um das 
„Unbewusste" schliefslich um die Frage, ob das Bewusst- 
sein etwas von den einzelnen Vorgängen oder Zuständen, 
deren wir uns bewusst sind, Verschiedenes, eine blofs zu- 
fällige Bestimmung ist, die auch fehlen kann, oder ob es 
zum Wesen des psychischen Geschehens gehört. AVer 
z. B. annimmt, dass das Bewusstsein unserer „inneren Zu- 
stände" ähnlich wie die Wahrnehnmng äufserer Objekte 
ein Erkenntnisakt ist, der aufser Zusammenhang steht mit 
dem Dasein des Wahrgenonunenen, für den hat der Begriff 
des Unbewussten nichts Widersinniges. Dasselbe gilt,^ 
wenn das Bewusstsein als die Fähigkeit des I^nterscheidens 
definiert wird, da geistige Inhalte gegeben sein können, 
ohne von anderen unterschieden zu werden. Nach Wundt 
sind aber beide Definitionen falsch. Denn sowohl die nach 
„innen'' gerichtete Thätigkeit des Beobachtens, als auch 
die des laiterscheidens setzen voraus, dass wir uns irgend 
welcher Inhalte bewusst sind, machen also nicht das Wesen 
des Bewusstseins aus. Sonach muss dieses selbst als ein 
Grundphänomen aufgefasst werden, das nicht aus ander- 
weiten psychologischen Bedingungen abgeleitet werden kann, 
sondern selbst Bedingung aller besonderen psychischen Zu- 
ständlichkeiten und Thätigkeiten ist. Der Begriff' des Be- 
wusstseins ist eben lediglich ein Ausdruck für die That- 
sache, dass wir überhaupt etwas erfahren oder erleben, 
und vom Bewusstsein abstrahieren heifst also von allen 
irgendwie gearteten inneren Erlebnissen oder Vorgängen 
überhaupt abstrahieren. 

Diese Bedenken richten sich jedoch nur gegen das 
l'nhewiisste im absoluten Sinne; die Statthaftigkeit, ja 
Notwenditikeit der Annahme eines relativ Unbewussten 



ö. Der Voluutarismus 107 

wird auch von AVuiidt nicht bestritten. Ein und derselbe 
Bewusstseinsinhalt kann in verschiedenen „Klarheitsgraden" 
auftreten ; überall also, ,,wo mittelbare Zeugnisse auf das 
Vorhandensein bestimmter psychischer Elemente hinweisen", 
deren wir uns nicht unmittelbar als solcher bewusst sind 
(z. B. der Obertöne eines Klanges), werden wir annehmen 
dürfen, dass dieselben in vermindertem Klarheitsgrade vor- 
handen waren. Insofern ferner das normale Bewusstsein 
einen kontinuierlichen Zusammenhang' untereinander ver- 
knüpfter Zustände darstellt, werden wir auch alle diejenigen 
psychischen Zustände, die mit der Gesamtheit der übrigen 
in keiner innigeren Verbindung stehen (die Empfindungen 
der niederen Tiere, der kleinen Kinder, viele Traumgebilde 
u. s. w.) als relativ unbewusste bezeichnen dürfen. Aber 
in beiden Fällen ist das I nbewusste nur ein Grenzbegriff. 
nicht ein Gegensatz zum Bewussten, denn „es wäre absolut 
nicht einzusehen, wie ein unbewusst bleibender Oberton die 
Klangfarbe beeinflussen sollte, wenn er nicht von Anfang 
an in irgend einem Grade der Bewusstheit vorhanden ge- 
wesen wäre"", und eine Reihenfolge blofs momentaner, der 
Kontinuität ganz entbehrender Zustände würde aufh(»ron 
ein psychisches Geschehen zu sein (S. 5(j(j). 



ö. Der Voluntarismus. 
AVie die Vorgänge der äufseren Natur von der Physik 
ihrer qualitativen Beschaffenheit nach klassifiziert und in 
die Hauptgruppen der Wärme-. Licht-, Schallerschein- 
ungen u. s. w. znsammengefasst werden, so hat man auch 
seit jeher mehrere Arten von seelischen Zuständen und 
Vorffänj'en unterschieden: in der neueren Psvcholo<>ie ins- 
besondere hat die zuerst von Kant aufgest(dlte Einteilung 
des (Jesamtgebietes der seelischen P]rscheinuno-en in die 
drei Provinzen des Vorstellungs-, (xefühls- und AVillens- 
lebens eine gewisse traditionelle Geltung erlangt. Damit 
ist nun aber zugleich die Frage gegeben, in welchem \v\- 



108 Füuftes Kapitel 

hältnis das Yorstelleii, Fühlen und Wollen zu einander 
stehen. Handelt es sich hier um Griindphänomene, die auf 
ebensoviele ursprüngliche, spezifisch verschiedene Kräfte 
oder ,,Yermögen" der Seele zu beziehen sind, oder lassen 
sich diese Erscheinungen aufeinander zurückführen oder 
sonst irgendwie aus einer Ursache ableiten? Die erstere 
Ansicht, die Theorie der Seelenvermögen, wurde schon von 
Herbart in scharfsinniger Weise bekämpft, der dafür den 
Versuch machte, die Vorstellung zum Eange eines psychischen 
Grundphänomens zu erheben und alle anderen seelischen 
Zustände und Vorgänge aus der Verbindung und Wechsel- 
wirkung der Vorstellungen und ihrer Elemente zu erklären. 
Andere Psychologen haben dann gelegentlich auch dem 
Clefühl die gleiche Bedeutung beigelegt. Wundt schliefst 
sich keiner dieser Richtungen an. Wenn er es als einen 
Vorzug der Herbartschen Psychologie anerkennt, dass sie 
eine einheitliche Auffassung der seelischen Prozesse an- 
strebte, so macht er ihr doch den Vorwurf, ,,dass sie die 
Erzeugnisse unserer unterscheidenden Abstraktion an die 
Stelle der Wirklichkeit setzt'' und den Gefühlen und Willens- 
regungen, die doch nach dem Zeugnis der unmittelbaren 
Erfahrung die gleiche Realität besitzen wie die A'orstellungs- 
akte, die reale Existenz abspricht und sie auf blofse formale 
Beziehungen der Vorstellungen reduziert. 

Vorstelluno-, Gefühl und Wille o-ehören also nach Wundt 
gleicherweise zum Thatbestand der Erfahrung, und es ist 
ungerechtfertigt und unmöglich, die eine dieser Erscheinungen 
in die andere aufbisen zu wollen, aber es sind nicht selb- 
ständige Vorgänge, sondern Bestandteile eines (ireschehens, 
die wir nur in der Abstraktion von einander trennen kiiimen. 
Ein blofses Vorstellen existiert so wenig, wie ein aus jeder 
A'^erbindung mit Vorstellungsinhalten gelöstes Fühlen und 
Wollen, wenn auch je nach Umständen bald die eine, bald 
die andere Seite des einheitlichen inneren Erlebens mehr 
hervortritt. Die Vermögenstheorie begeht also den 
Fehler, dass sie die l'rodukte einer psychologischen Ana- 



5. Der Voluntarismus 100 

lyse und Abstraktion zu selbständigen Erfahrungsinhalten 
macht, und der Intellektualismus eines Herbart u. a. fügt 
dazu noch den weiteren, dass er unter dem Einflüsse der oben 
(S. 101) besprochenen falschen Analogie den objektiven Ele- 
menten des Erfahrungsinhaltes (den Yorstellungen ) einen 
höheren Wert beilegt, als den untrennbar mit ihnen verbundenen 
subjektiven. Im Gegensatz hierzu bezeichnet nun Wundt 
seinen eigenen Standpunkt als den voluntaristischen. Der 
Voluntarismus in diesem weitereu Sinne besteht dem- 
nach nicht etwa in der Behauptung, „dass das Wollen die 
einzige real existierende Form des psychischen Geschehens 
sei", sondern er betont nur, „dass es mit den ihm eng 
verbundenen Gefühlen und Affekten einen ebenso unver- 
äufserlichen Bestandteil der psychologischen Erfahrung aus- 
mache, wie die Empfindungen und Yorstellungen, und dass 
nach Analogie des Willensvorganges alle anderen psychischen 
Prozesse aufzufassen seien : als ein fortwährend wechselndes 
Geschehen in der Zeit, nicht aber als eine Summe be- 
harrender Objekte, wie dies meist der Intellektualismus 
annimmt". (Gr. 17.) Es handelt sich also dabei im Grunde 
nur um eine bestimmtere Formulierung von Gedanken, die 
schon in den oben erörterten Prinzipien der Unmittelbar- 
keit aller psychologischen Erfahrung und der Aktualität 
aller psychischen Inhalte eingeschlossen liegen. Denn wenn 
es nach dem ersten dieser Prinzipien unzulässig erscheint, 
bestimmte Bestandteile des psychischen Geschehens aus 
anderen, von ihnen spezifisch verschiedenen ableiten zu 
wollen, so haben nach dem zweiten die Willeusvorgänge, 
bei denen das Merkmal der Aktualität am deutlichsten 
hervortritt, eine „typische, für die Auffassung aller psy- 
chischen A'orgänge mafsgebende Bedeutung". 

Im Verlaufe der psychologischen Einzeluntersuchungen 
gewinnt freilich der Begriff" des Voluntarismus, wie schon hier 
bemerkt sein uuige, noch einen engeren Sinn, insofern sich da- 
bei herausstellt, dass das AVollen alle einzelnen seelischen 
Vorgänge und Zustände durchdringt und ihren ZusanmuMi- 



110 Fünftes Kapitel 

hang- vermittelt, dass alle psychische Kausalität im (Irunde 
Willensthätigkeit ist; endlich werden wir den Yoluntaris- 
mus auch als metaphysische Hypothese kennen lernen. 
Aber diese drei Bedeutungen des Ausdrucks dürfen nicht 
mit einander vermengt werden, wie es gelegentlich ge- 
schieht, indem Einwände, die sich auf die Verwendung 
des AVillensbegrifFes in der ^letaphysik beziehen, gegen 
psychologischen Voluntarismus geltend gemacht werden. 
Bei dem letzteren handelt es sich aber nicht um eine die 
Grenzen der Erfahrung überschreitende Hypothese, sondern, 
wenn man ihn in weiterem Sinne versteht, um eine Fol- 
gerung aus dem Prinzip der Aktualität, und, wenn man 
die engere Bedeutung im Auge hat, um eine psychologische 
Theorie, über deren Giltigkeit oder Ungiltigkeit allein die 
Erfahrunff zu entscheiden hat. 



(j. De r psycho p h y s i s c h e 1* a r a 11 e 1 i s m u s. 
Die psychischen Kausalreihen führen nach zwei Seiten 
hin über die Sphäre des individuellen Bewusstseins hinaus. 
Einmal tbefsen dem Subjekt fortdauernd in Gestalt der 
sinnlichen Eindrücke neue Inhalte zu, für die in den 
früheren Erlebnissen eine IJrsach<.' nicht aufzufinden ist, 
und die deswegen für gew(»hnlich als Wirkungen der 
äufseren Sinnesreize betrachtet worden; sodann schliefsen 
sieh an alle Gefühls- und ^^'illollsregungen äufsere, k("ir])er- 
lichc Vorgänge an, die der gesumle Menschenverstand als 
Wirkun<'-en Jener auffasst. So hat sich ganz von selbst 
die Annahme einer Wechselwirkung des Ijcibes und der 
Seele herausgebildet, der dann die dualistische Metaphysik 
unter Zugrundelegung des substaiiziellcn Begriffes der Seele 
eine hestimmterc Form gegel)en iiat. Indes stehen dieser 
Auffassung der in l>etracht konnnenden 'rhatsachen <lie 
ernstesten Bedenken entgegen. Wenn eine wecliselseitige 
Einwirkung physischer nnd jjsychischer Vorgänge auf ein- 
ander stattfände, so würde es also Wirkungen im Kiirper 



6. Der psychophysische Parallelisnnis 1 ] 1 

geben, die keinerlei physische Ursache haben, und Ursachen, 
die ohne physische Wirkung bleiben, kurz der kausale 
Zusammenhang der iiusseren Vorgänge, speziell der Vor- 
gänge am beseelten Organismus wäre an so und so vielen 
Punkten unterbrochen. Nun haben wir aber allen Ofrund 
anzunehmen, dass dieser Zusammenhang ein fortlaufender 
und lückenloser ist, dass jedes äufsere rreschehen in einem 
anderen ebensolchen Geschehen seine Ursache hat und 
seinerseits weitere äufsere Veränderungen als Wirkungen 
nach sich zieht. In vielen Fällen ist es allerdings unmög- 
lich, die physischen Kausalreihen nach Seite der Ursachen 
.xvie nach der der Wirkungen hin in allen ihren einzelneu 
Gliedern aufzudecken , insonderheit sind uns die Nach- 
wirkungen, welche die Sinnesreize innerhalb des Organis- 
mus hervorbringen, und die physischen Ursachen, welche 
den willkürlichen Muskelkontraktionen zu Grunde liegen, 
so gut wie unbekannt, aber diese Unkenntnis erklärt sich 
hinlänglich aus der so aufserordentlich verwickelten l>e- 
schaft'enheit der physiologischen 1^-ozesse im Centralnervon- 
system und berechtigt uns nicht, das „Prinzip der Ge- 
schlossenheit der Naturkausalität", das zu den 
wesentlichsten und Ix'stliewährten Voraussetzungen der ge- 
samten Naturwissenschaften gehört, in Zweifel zu ziehen. 
(L. 11, 256.) Hierzu konuut als weiteres Argument noch 
die vollständige Unvergleichbarkeit der ])hysischen und 
psychischen Kausalerklärungen. Die Kriterien der Kau- 
salität sind auf beiden (lobieten durchaus vers(diiedene. 
Dort beurteilen wir die ursä(dili(dien lieziebuiigen der Er- 
scheinungen nach Mafsgabe der mechanischen l'rinzipien, 
hier ist alle Kausalität unmittelbar erleljter /usannueidiang: 
daher läfst sich innner nur Physisches aus IMiysischeni und 
Psychisches aus i'sychischem ableiten, und der liegriff eines 
])sychophysischen Kausalnexus bleibt ein ganz leerer und 
l)eschränkt sich auf die Behauptung der regelmässigen Ver- 
bindung zweier ErscIuMnungen (Jj. IT, 2, 25.")). l'nter (Umu 
Drucke dieser Erwän'uniren entstand denn ancli s(di()n auf 



112 Fünftes Kapitel 

dem Boden der Metaphysik die spiiiozistische Theorie des 
Parallelismus, der zufolg-e die physischen und psychischen 
Vorgänge von einander unabhängige Reihen hilden, aber 
so verlaufen, dass jedem (iliede der einen Reihe ein solches 
der anderen entspricht. Diese Lehre ist aber, wie Wundt 
ausführt, für die Psychologie aus zwei Gründen unbrauch- 
bar. Erstens geht sie weit über die Grenzen des durch 
die Erfahrung Geforderten hinaus, indem sie annimmt, dass 
jedem äufseren Geschehen ein geistiger Inhalt entspricht 
und umgekehrt; zweitens beruht sie auf einer einseitig 
intellektualistischen Auffassung des Seelenlebens, indem sie 
dasselbe als einen Inbegriff von Vorstellungen betrachtet, 
die nach Inhalt und Zusammenhang das äufsere Geschehen 
widerspiegeln. 

AVenn somit weder die Theorie der Wechselwirkung 
noch die Hypothese des universellen Parallelismus in der 
Psychologie in Betracht kommen kann, so fragt sich, welche 
Vorstellung der Sache denn hier gelten soll. Diese Frage 
erledigt sich für unseren Autor durch die Erwägung, dass 
die Psychologie als empirische Wissenschaft überhaupt nicht 
die Aufgabe haben kann, über den letzten Grund des Zu- 
sammenhangs körperlicher und geistiger Vorgänge Rechen- 
schaft zu geben; sie wird und muss sich also darauf be- 
schränken, den nackten Thatbestand unter Ausschluss jedes 
metaphysischen Nebengedankens zu konstatieren. Thatsäch- 
lich zeigt nun die Erfahrung weiter nichts als ein regel- 
mäfsiges Koexistieren physischer und psychischer Vorgänge, 
hinsichtlich dessen nur das Eine mit Sicherheit sich be- 
liaupten läfst, dass es nicht eine Folge der ursächlichen 
Bedingtheit der einen durch die andere sein kann, da 
diese Annahme unvereinbar ist mit den obersten Grund- 
sätzen der kausalen Interpretation der Erscheinungen; und 
dieser Thatbestand findet seinen Ausdruck in dem psycho- 
logischen Prinzip des psych ophysiscb en l'arallelis- 
mus. Richtig verstanden ist also di(>s Prinzip nichts weiter 
als „ein empirisches Postulat, zu wclcluMii die Physiologie 



6. Der psychophysische Parallelismus 113 

auf der einen, die Psychologie auf der anderen Seite ge- 
führt werden, sobakl sie es versuchen, an der Hand des 
von der Naturwissenschaft ausgebildeten exakten Kausal- 
hegriffes über die Wechselbeziehung zwischen physischen 
und psychischen Yorgängen im lebenden Organismus Rechen- 
schaft zu geben". Und der Inhalt dieses Postulats ist im 
Grunde ein rein negativer, indem es ausspricht, dass 
psychische und physische Yorgänge nicht zu einander in 
kausale Beziehung gesetzt werden düri'en , sondern dass 
man sich überall damit begnügen mufs, ihre Koexistenz 
zu konstatieren. 

Als ein empirisches Postulat schliefet das Parallel- 
prinzip auch keinerlei positive Behauptung ein hinsichtlich 
des Umfange s, in welchem Physisches und Psychisches 
einander entsprechen, und eben hierdurch unterscheidet es 
sich von der parallelistischen Theorie in der Metaphysik, 
die nur unter der Yoraussetzung des vollständigen Neben- 
einanderherlaufens der beiden Gebiete einen Sinn hat. Hält 
man sich dagegen ausschliefslich an die Erfahrung, so lassen 
sich nur für einen sehr kleinen Bruchteil der äufeeren Yor- 
gänge entsprechende innere nachweisen, während es zunächst 
zweifelhaft bleibt, wie weit neben den Erscheinungen des 
Seelenlebens entsprechende physiologische Prozesse einher- 
gehen. Yon vornherein läfst sich dies nur für die Sinnes- 
empfindungen und die elementaren Gefühls- und Willens- 
regungen behaupten, die zu körperlichen Reaktionen Yeran- 
lassung geben. Denn wenn es ausgeschlossen ist, dass 
jene die Wirkungen der Sinnesreize selbst sind, so müssen 
sie als Begleiterscheinungen derjenigen Gehirnprozesse ge- 
dacht werden, die durch die Sinnesreize nach den Gesetzen 
der physischen Kausalität ausgelöst werden, da die Er- 
fahrung lehrt, dass die Sinnesempfindungen immer nur in 
Folge peripherischer oder centraler Reize auftreten. Und 
ebenso nötigt uns der thatsächliche regolmäfsige Zusammen- 
hang zwischen Gefühlszuständen und Willonsthätigkeiten 
und den entsprechenden kiirperlicbcn Ansth'ncksbewegungen 

Konig, W. Wtindt. 8 



114 Fünftes Kapitel 

zu der Annahme, dass jene mit den physiologischen Ursachen 
der letzteren im Sinne des Parallelprinzips koexistieren. 
Nim zeigt aber die psychologische Analyse der inneren 
Yorgänge, dass in ihnen durchweg sinnliche Empfindungen 
und einfache Gefühle als elementare Bestandteile enthalten 
sind. Die Erinnerungs- und Phantasiebilder, die „von selbst" 
in unserem Bewu&tsein auftreten, lassen sich durch kein 
sicheres Merkmal von den direkten Siuneswahrnehmungen 
trennen, und selbst das Denken ist nur möglich mit Hilfe 
anschaulicher, sinnlicher Yorstellungen, die als Zeichen der 
Begriffe dienen. Umgekehrt sind auch mit den feinsten 
Regungen des Gefühlslebens und den rein nach Innen ge- 
richteten Willensthätigkeiten (z. B. beim Denken) körper- 
liche Aufserungen verbunden. Wer somit das Prinzip des 
Parallelismus für die an der Grenze der physischen und 
der psychischen Sphäre stehenden Erscheinungen des Seelen- 
lebens gelten lässt, wird unvermeidlich auch weiter zu der 
Annahme gedrängt, „dass jedem psychischen Geschehen 
irgend welche physischen Yorgänge entsprechen. " (S. 598.) 
Hierdurch wird nun das genannte Prinzip zugleich zu 
einem wichtigen Hilfsprinzip der psychologischen sowohl 
als auch der physiologischen Forschung. Denn es erlaubt 
„in den vielen Fällen, wo uns bei physiologischen Unter- 
suchungen der Yerlauf einer Kausalreihe in gewissen Glie- 
dern nur auf der psychischen Seite gegeben ist, die psycho- 
logischen Ergängungsglieder zu substituieren, um daraus auf 
die vorauszusetzenden physischen Mittelglieder Rückschlüsse 
zu machen, und hinwiederum in psychologischen Unter- 
suchungen überall da, wo die psychischen Mittelglieder 
fehlen, die physiologischen zu substituieren, um dann an 
einer entfernten Stelle, wo der Prozess wieder psychologisch 
wird, ihn in dieser Form wieder aufzunehmen.'' (P. G. 36.) 
Aber es hat doch auch nur die Bedeutung eines Hilfs- 
prinzips : sowenig der Physiologe den Nachweis des Ge- 
mütszustandes, aus dem eine bestimmte äufsere Handluug 
hervorgeht, als eine Erklärung der Handlung, d. h. der 



<). Der psychophysiscbe Parallelismus 115 

dabei erfolgenden jMuskelkontraktionen gelten lassen wird, 
so wenig- kann der Nachweis der physiologischen Zwischen- 
o-lieder, die zwischen zwei psychische Yorgänge einge- 
schaltet sind, die psychologische Erklärung ihres Zusammen- 
hangs entbehrlich machen. 

Dies ist nun zugleich der Punkt ^ an welchem sich 
die Wundtsche Auffassung des psychophysischen Parallelis- 
mus von derjenigen trennt, die man als den psycho- 
physischen Materialismus bezeichnet. Der psycho- 
phvsische Materialismus (Neumaterialisnms) unterscheidet 
sich von dem gewöhnlichen, älteren Materialismus darin, dass 
er die Empfindung als eine aus physischen Ursachen nicht 
abzuleitende Grundthatsache gelten lässt, aber er leugnet 
wie jener, dass die geistigen Erscheinungen als solche in 
einem ursächlichen Zusammenhange untereinander stehen, 
und betrachtet vielmehr das Seelenleben als ein blofses 
Spiegelbild der physiologischen Vorgänge im Gehirn. Wollen 
wir also den Verlauf der Piewusstseinsvorgänge verstehen, 
so müsse]! wir hiernach unseren Blick auf die ihm zu 
Grunde liegenden physiologischen Prozesse richten; die 
Psychologie vermag die Erscheinungen nur zu beschreiben, 
die Physiologie allein sie zu erklären. 

Zum Beweise dieser Behauptung beruft man sich teils 
auf die umnittelbare Erfahrung, welche nur selten einen 
notwendigen Zusammenhang unserer inneren Erlebnisse er- 
kennen lasse, teils und hauptsächlich auf das Prinzip des 
Parallelismus. Denn wenn allem geistigen (Geschehen 
physiologische Vorgänge entsprechen, und wenn diese 
letzteren in durchgängigem kausalen Zusammenhange untei-- 
einander stehen, so dass jeder einzelne von ihnen durch 
physische Ursachen vollständig bestimmt ist, so sei es aus- 
geschlossen, dass der ontsi)rechende geistige Vorgang seiner- 
seits durch geistige Ursachen bestimmt werde, da wir ja 
sonst eine doj)pelte Hestimmung hätten. Es giebt also, dies 
ist der Schluss, zu dem nuui gelangt, keine psychische 
Kausalität neben der physischen, sondern nur eine phy- 

8* 



116 Fünftes Kapitel 

sische; die inneren Erlebnisse sind blofse „Begleiterschein- 
ungen" physiologischer Prozesse, die von denselben Natur- 
gesetzen beherrscht werden, wie diese letzteren. 

Obwohl die Widersinnigkeit dieser Ansicht schon da- 
raus erhellt, dass ihr zufolge das Bewusstsein, das Empfinden, 
Fühlen und Wollen eine ganz überflüssige Beigabe zu dem 
physischen Lebensprozess wäre, deren Wegfall keinerlei 
Änderung in dem ganzen Verhalten der Lebewesen zur 
Folge haben würde, so ist zu ihrer Widerlegung doch ein 
genauerer Nachweis der in den Voraussetzungen verborgenen 
Fehler notwendig, und es ist unseres Erachtens ein be- 
sonderes Verdienst Wundts, dass er diesen Nachweis in 
überzeugender Weise geführt und dadurch einer Richtung 
der psychologischen Forschung wirksam entgegengearbeitet 
hat, die sich zwar selbst für eine streng wissenschaftliche 
und rein empirische ausgiebt, in Wahrheit aber einen Rück- 
fall in den materialistischen Dogmatismus bedeutet. 

Der erste dieser Fehler besteht aber nach Wundt 
darin, „dass die naturwissenschaftliche Erkenntnis von 
vornherein als die allgemeingültige hingestellt" und 
deswegen der physischen Kausalität der Vorrang vor der 
psychischen zuerkannt wird. Dem psychophysischen Ma- 
terialismus gilt das körperliche Individuum, der Organismus 
zugleich als Träger der psychischen Erscheinungen, und 
da alle Vorgänge im Organismus den Gesetzen der phy- 
sischen Kausalität folgen, so überträgt er diese Annahme 
zugleich auf die psychischen Vorgänge. Den realen Gegen- 
stand der Psychologie bilde aber in Wahrheit nicht das 
physische, sondern das „psychophysische Individuum", d.h. 
der einheitliche Komplex der körperlichen und geistigen 
Vorgänge, der uns in der Erfahrung gegeben ist, und den 
wir nur im abstrahierenden Denken in zwei Bestandteile 
(Leib und Seele) zerlegen. Die Physiologie ziehe nur den 
ersten dieser Bestandteile in Betracht, daraus folge aber 
von selbst, dass sie gar nicht in der Lage sei, über den 
Thatbestand der unmittelbaren Erfahrun«"' in seinem ge- 



6. Der psychophysische Parallelismus 117 

samten Umfange einschliefslich der seelischen Erscheinungen 
Rechenschaft zu geben. 

Die zweite unerwiesene Voraussetzung des psycho- 
physischen ^Materialismus besteht in der Annahme, dass 
alle Thatsachen des Seelenlebens sich rastlos in eine 
kleinere oder gröfsere Summe sinnlicher Empfindungen 
auflösen lassen. Die Empfindung ist ja im Sinne des 
Parallelprinzips dasjenige psychische Phänomen, das stets 
und unmittelbar an gewisse Erregungszustände des Gehirns 
gebunden ist, und auf welches der Begriff einer blofsen 
Begleiterscheinung am vollkommensten passt. Das geistige 
Geschehen wird sich also dann und nur dann den Gesetzen 
der physischen Kausalität vollständig unterordnen lassen, 
wenn es in nichts weiterem besteht, als in einer Aulein- 
anderfolge von Empfindungen. Die Neumaterialisten haben 
daher mit Recht ihr Hauptaugenmerk darauf gerichtet, die 
Wahrheit der sensualistischen Auffassung der psychischen 
Phänomene zu beweisen, wogegen die Lehre von der Selb- 
ständigkeit und Eigenartigkeit der psychischen Kausalität 
den Nachweis erfordert, dass bei allen zusammengesetzten 
psychischen Gebilden und Vorgängen zu den in sie ein- 
gehenden sinnlichen Elementen noch ein Plus hinzukommt. 

Damit spielt sich aber der Streit der beiden entgegen- 
gesetzten Richtungen in das Gebiet der psychologischen 
Spezialforschung hinüber, mit deren Resultaten wir uns im 
folgenden Kapitel näher bekannt machen wollen. Immerhin 
erhellt schon jetzt, dass die materialistische Ansicht auf 
das Prinzip dos psychophysischen Parallelismus sich nicht 
berufen kann. Denn dieses bezieht sich seincMu Ursprünge 
nach nicht auf die Bewusstseinsvorgänge im allgemeinen, 
sondern nur auf die sinnlichen Empfindungen und Ge- 
fühle, lässt also die Möglichkeit oft'en, dass es daneben 
seelische Erscheinungen oder Eigenschaften an ihnen giebt, 
denen auf der physischen Seite nichts ents])richt, und die 
sich also auch nicht physiologisch erklären lassen. In der That 
ist nun nach Wundt die Anwendbarkeit des l'aralltdjjrinzips 



118 Fünftes Kapitel 

in zweifacher Hinsicht beschränkt. Erstens werde uns 
„keine Verbindung physischer Yorgänge über die Art der 
Yerbindung psychischer Elemente je etwas lehren können", 
und zweitens seien „die Wertunterschiede, die wir 
zwischen den yerschiedenen psychischen Gebilden un- 
mittelbar anerkennen, Attribute, die den geistigen Inhalten 
eigentümlich sind, und denen auf der Naturseite die abso- 
lute Wertgleichheit alles Geschehens gegenübersteht". 
(P. C. 44.) Die Vorstellungen und überhaupt alle zu- 
sammengesetzten psychischen Gebilde sind eben, wie AVundt 
im Gegensatz zimi Sensualismus behauptet, mehr als blofse 
Summen oder Aggregate von Empfindungen; das har- 
monische Zusammenklingen zweier Töne z. B. ist weder 
in den beiden Tonempfindungen schon eingeschlossen, noch 
beruht es auf einer dritten hinzukommenden spezifischen 
Harmonieempfindung, sondern es ist ein rein psychischer 
Effekt, eine Beziehungsform der Empfindungen im Be- 
wusstsein, und aus physiologischen Gründen wird sich 
demnach zwar das zeitliche Zusammentreffen der betreffen- 
den Tonempfindungen, nicht aber ihre Harmonie (oder 
Disharmonie) erklären lassen. Dass es ferner für die Wert- 
bestimmungen z. B. für die Prädikate „richtig" und „falsch", 
für Bejahen und Verneinen u. s. \v. keine physiologischen 
Korrelate geben kann, ist an sich klar, da der Gehirn- 
prozess, der einem richtigen Gedanken entspricht, an sich 
durchaus nichts voraus hat vor dem, der einem falschen 
zu Grunde liegt; als Gehirnprozesse sind beide gleich 
wirklich. ' Nähere Erläuterungen hierzu werden sich 
im folgenden ergeben; hier kam es zunächst darauf an, 
die Gesamtansicht unseres Philosophen über das Verhältnis 
von Leib und Seele, von Physischen und i'sychischen 
miiglichst scharf zu bestimmen. Diese hält sich aber, wie 
man sieht, in der ^^itte zwischen dem Spiritualismus, der 
das Seelenleben ausscliliefslich seinen eigenen Gesetzen 
folgen lässt, und dem Materialismus, der es ganz und gar 
den Naturgesetzen unterordnet: Physisches und Psychisches 



6. Der psychophysische Parallelisnnis 119 

bilden iiieht zwei aufsereinanderliegencle und nur an der 
Peripherie sich berührende, sie bilden auch nicht zwei sich 
deckende Kreise, sondern „zwei sich kreuzende Gebiete, 
die nur einen Teil ihrer Objekte gemeinsam haben." (L. 11, 
2, 258.) Es giebt also „psychische Vorgänge, welche in 
erster Linie von den körperlichen Eigenschaften des psvcho- 
physischen Individuums bestimmt sind, und andere in denen 
die geistigen zur überwiegenden Greltung gelangen". (P. 
C. 79.) Soweit ersteres der Fall ist, wird auch das Geistige 
nach den Prinzipien der physischen Kausalität erklärbar 
sein, bei den Vorgängen der letzteren Art dagegen beginnt 
das Geltungsbereich der rein psychischen Kausalität. 



Sechstes Kapitel. 
Die Ergebnisse der Psychologie. 

1. Die psychologischen Beziehungsgesetze. 

Die Inhalte der inneren Erfahrung sind bekanntlich 
durchgehends zusammengesetzter Natur. Jede noch so 
einfache Vorstellung, jeder Gefühlszustand umfasst eine 
Mannigfaltigkeit Ton Bestandteilen, die teils unmittelbar 
als solche unterschieden, teils aus ihren Wirkungen er- 
schlossen werden. Die letzten, einfachen Elemente der 
Vorstellungen bezeichnet man übereinstimmend als Em- 
pfindungen; neben ihnen nimmt Wundt, abweichend 
von der intellektualistischen Psychologie (vgl. S. 108 f.) in 
den einfachen Gefühlen noch eine zweite Kategorie 
psychischer Elemente an, die er als „subjektive'' von jenen, 
den Elementen des „objektiven Erfahrungsinhalts'' unter- 
scheidet. Demgemäfs stellt er auch zwei Klassen (zu- 
sammengesetzter) „psychischer Gebilde" auf, die aus Em- 
pfindungselementen sich aufbauenden Vorstellungen und 
die Gemütsbewegungen, d. h. die Verbindungen von 
einfachen Gefühlen, welche wieder in die zusammengesetzten 
Gefühle, die Affekte und die Willensvorgänge zerfallen. 
Alle diese Gebilde haben natürlich nicht die Bedeutung 
selbständiger Objekte, sondern sind, streng genommen, nur 
Teilerscheinungen in dem zusammenhängenden Flusse des 
inneren Geschehens, die in AVirklichkeit niemals von einander 
getrennt werden können, aber die Thatsache, dass sie sich 
wenigstens begrifHich von einander unterscheiden lassen, be- 
weist doch, dass zwischen den Elementen der Gebilde eine 
engere Vei'knüpfung besteht, auf Grund deren die betreffen- 
den Komplexe von der Gesamtheit der Erfahrungsinhalte als 
-relativ selbständioe Einheiten'' sich abheben. Aber ihre 



1. Die psychologischen Beziehungsgesetze 121 

Selbständigkeit ist doch eben nur eine relative und schliefst 
nicht aus, dass Grebilde niederer Stufe ihrerseits, soweit 
sie umfassenderen Zusammenhängen eingeordnet sind, als 
Komponenten verwickelterer Grebilde betrachtet werden 
können. Es fragt sich nun. welches Gesetz die Entstehung 
zusammengesetzter psychischerEinheiten aus demRohmaterial 
der einfachen sinnlichen Empfindungen und Grefühle be- 
herrscht, welches Band ihre Bestandteile zusammenhält, und 
welcher Art also jene Einheiten sind. Im Sinne der 
materialistischen Psychologie lassen sich alle im Bewusstsein 
vorkommenden Verbindungen dem Schema der Assoziation 
unterordnen. Nach Mafsgabe der im Gehirn bestehenden 
Leitungsbahnen werde die Erregung irgend einer Gruppe 
von Ganglienzellen auf andere dergleichen Gruppen über- 
tragen, und so komme es, dafs sich mit bestimmten Em- 
pfindungen regelmäfsig bestimmte andere verbinden; auf 
ebendieselbe Weise komme dann auch die Verbindung 
zwischen Empfindungen und Bewegungsantrieben sowie 
zwischen den letzteren untereinander zu stände. Die 
psychischen Gebilde sind also nach dieser l'heorie lediglich 
Aggregate, ihre Elemente haben als psychische überhaupt 
keinen Zusammenhang, ein solcher besteht vielmehr nur 
zwischen den entsprechenden physiologischen Vorgängen. 
Ganz anders ist die Auffassung Wundts. Schon durch 
die Beschäftigung mit dem Probleme der Sinneswahrnehmung 
war er zu der Einsicht gelangt, dass die Raumform, auf 
der die Verbindung der Empfindungen zu dem Ganzen einer 
Wahrnehnmngsvorstellung beruht, weder den Siniiesoin- 
drücken selbst anhaftet noch auch als Resultat eines Asso- 
ziationsvorganges erklärt werden kann, sondern als Produkt 
einer „schöpferischen Synthese" aufgefasst werden 
muss, infolge deren die Beziehungen der Gleichzeitigkeit 
und Aufeinanderfolge zwischen den betreffenden äufseren 
Sinnesempfindungen und gewissen dazu tretenden Organ- 
empfiiidungen (den Lokalzeichen) erst den Charakter 
räumlicher Heziehungen gewinnen; und seine weiteren 



122 Sechstes Kapitel 

Forschungeil führten ihn zu dem Schlüsse, dass die gleiche 
Ursache auch der Entstehung aller anderen psychischen 
Grehilde zu Grunde liegt. Entscheidend ist in dieser Hin- 
sicht für unseren Forscher die Thatsache, dass die Eigen- 
schaften der psychischen Gebilde niemals durch die Eigen- 
schaften der psychischen Elemente erschöpft werden, die in 
sie eingehen, sondern dass zu denselben „infolge der Yer- 
bindung der Elemente immer neue Eigenschaften hinzutreten, 
die den Gebilden als solchen eigentümlich sind". (Gr. 109.) 
Eine Gesichtsvorstellung z. B. enthält „nicht blofs die Eigen- 
schaften der Lichtempfindungen und allenfalls noch die 
Stellungs- und Bewegungsempfindungen des Auges, die in ihr 
enthalten sind, sondern aufserdem auch die Eigenschaften 
der räumlichen Ordnung der Empfindungen, wovon letztere 
an und für sich nichts enthalten : ein Willensvorgang besteht 
nicht blofs aus den Vorstellungen und Gefühlen, in die 
sich die einzelnen Akte desselben zerlegen lassen, „sondern 
es resultieren aus der Verbindung dieser Akte neue Gefühls- 
elemente, die dem zusammengesetzten Willensvorgang 
spezifisch eigentümlich sind''. (Ebenda.) Und noch deut- 
licher tritt dasselbe bei den Gebilden höherer Stufe, z. B. 
bei den Erzeugnissen der künstlerischen Phantasie, bei 
den logischen Gedankenverbindungen hervor; hier ist „der 
Ausdruck, den wir in gewissen Fällen diesen intellektuellen 
Gebilden mit den Mitteln der Sprache geben, die schlagendste 
Widerlegung jener atomistischen Auffassung des Seelen- 
lebens, die in diesem nichts erblickt als ein Aggregat von 
Assoziationen zufällig erworbener Vorstellungen. Sowenig 
der logische Sinn eines durch die Sprache ausgedrückten 
Gedankens damit erschöpft ist, dass man mit jedem einzelnen 
Worte die zugehörige Vorstellung zu verbinden weifs, gerade 
sowenig lassen sich die intellektuellen Vorgänge selbst 
als blofse Aggregate einzelner Empfindungen und Vor- 
stellungen begreifen. Was diesen Vorgängen erst ihre 
Bedeutuno- ffiebt. das entsteht vielmehr hier wie dort aus 
den Bestandteilen, ohne dass es doch i ii ihiuMi enthalten 



1. Die psychologischen Beziehungsgesetze 123 

ist." (L. II, 2, 272.) Dasselbe gilt endlich im Bereiche 
des Gefühlslebens von den ästhetischen Wertbestimmungen, 
die sich mit den einzelnen Gefühlsvorgängen verbinden. 
Auch sie sind zwar von der Qualität und der Stärke der zu 
Grunde liegenden einfachen Gefühle abhängig, lassen sich 
aber weder aus den physiologischen Bedingungen des Gefühls 
erklären noch als Ergebnisse einer rein logischen Beurteilung 
der sinnlichen Daten (etwa nach ihrer Nützlichkeit oder 
Schädlichkeit) deuten, sondern stellen ein Plus dar, das zu 
diesen Daten im Bewusstsein hinzukommt. 

So ist die schöpferische Synthese durch alle Erschei- 
nungen des Seelenlebens hindurch zu verfolgen, sie begleitet 
die geistige Entwickelung von ihren ersten bis zu ihren 
vollkommensten Stufen und liefert einen eindringlichen Be- 
weis für die Einheitlichkeit und Gleichartigkeit aller geistigen 
Lebensäufserungen. Sie läfst aber zugleich den fundamentalen 
T^nterschied der geistigen und der Naturkausalität deutlich 
erkennen. Denn für die letztere gilt die Regel, dass das Zu- 
sammengesetzte überall mit der Summe seiner Teile identisch 
ist, der Körper ist eine Summe von Atomen, jeder Vorgang 
eine Summe von Elementarwirkungen ; daher sehen wir 
auch in der äufsern Natur überall (Ueichförmigkeit, Wieder- 
holung, Konstanz, niemals entsteht hier etwas Neues, sondern 
es wiederholt sich nur das Alte in veränderter Zusammen- 
stellung. Dagegen besteht alles seelische Leben in einer 
fortlaufenden Reihe von Neuschöpfungen ; niemals treten 
hier Elemente blofs mechanisch zusammen, sondern sie 
dienen als Material .zum Aufbau zusammengesetzter organ- 
ischer Einheiten, die der Summe ihrer stofHichen Bestandteile 
nicht äquivalent sind, da ja die spezifische Einheitsform 
als etwas Neues hinzukommt. Tnd die Beth;itigung dieser 
organisierenden Funktion ist durch keine Sehranken ge- 
hemmt. Die Erzeugnisse der ])rimitivsten psychischen Syn- 
thesen köimen wieder zu Einheiten liöherer Stufe sicli 
verbinden, bis schliefslich (beim erwachsenen .Menschen) 
die Gesamtheit aller seelischen Inhalte, sowohl der gegen- 



124 Sechstes Kapitel 

wärtigen als der vergangenen, zu dem Ganzen einer ein- 
heitlichen Entwickelungsreihe sich zusammenschlielst. Damit 
bekundet sich aber auf geistigem Gebiete ein „Prinzip des 
Wachstums der Energie", das zu dem in der materiellen 
Welt herrschenden Gesetz der Erhaltung der Energie in 
direktem Gegensatz steht, denn durch jede neue Synthese 
wird der geistige Besitzstand bereichert, indem die verknüpften 
Elemente in ihrer Vereinig-uno: Bedeutuno^en und Werte 
gewinnen, die sie vereinzelt nicht haben. 

Infolge der dargelegten Yerhältnisse gestaltet sich nun 
auch die kausale Erklärung der Erscheinungen in der 
Psychologie ganz anders als in der Naturwissenschaft. 
Während die letztere in der Lage ist nach dem Prinzip 
der Zusammensetzung die Wirkungen eines gegebenen 
Komplexes von Ursachen vorauszubestinnnen, wenn nur 
die Eigenschaften und Kräfte der einzelnen Komponenten 
bekannt sind, muss sich die Psychologie damit begnügen, 
zu gegebenen Wirkungen die Ursachen und Bedingungen 
aufzusuchen, ohne im stände zu sein, jene aus diesen ab- 
zuleiten. Denn „die psychischen Gebilde lassen zwar 
regelmäfsige Beziehungen zu ihren Komponenten erkennen, 
infolge deren aus dem Zusammenwirken dieser Kompo- 
nenten die Entstehung der Gebilde und ihrer neuen 
Eigenschaften begreiflich wird", aber die Eigenschaften 
der Resultanten sind doch nicht vollständig in denen der 
Komponenten enthalten. (L. II, 2, 269). Daher bleibt 
die Methode der Deduktion, die in der Naturwissenschaft 
so fruchtbare Anwendung findet, der Psychologie und 
den von ihr abhängigen Geisteswissenschaften versagt. 

B. Das Prinzip der beziehenden Analyse. 
Der synthetischen, organisierenden Funktion steht eine 
analytische, differenziierende gegenüber, vermiige deren aus 
einem vorhandenen Gebilde einzelne Bestandteile heraus- 
gebol)en und zu einander in Beziehung gesetzt werden. 
Die Analyse bist also die Produkte der Synthese nicht 
etwa wieder auf, aber sie gliedert sie und bringt so die 



1. Die psycholog-ischen Beziehungsgesetze 125 

Bedeutung, welche ihre Bestandteile als Glieder eines 
Ganzen besitzen, zu deutlichem Bewusstsein. Am reinsten 
tritt sie in den intellektuellen Thätigkeiten zu Tage. 

Alles Denken ist seinem Wesen nach ein Vergleichen 
oder, allgemeiner ausgedrückt, ein Beziehen. Nun setzt 
natürlich alles Vergleichen das Vorhandensein von Bewusst- 
seinsinhalten voraus, welche verglichen werden sollen, und 
ebenfalls bestehen zwischen diesen Inhalten an und für 
sich schon (Übereinstimmungen, Unterschiede und sonstige 
Beziehungen, aber damit ist doch das Wissen um diese 
Beziehungen noch nicht gegeben, und es entsteht daher 
die Frage, wie dies psychologisch zu stände kommt. Die 
materialistische Psychologie muss konsequenterweise auch 
das Denken auf ein Empfinden zurückführen, und so 
hat man in der That behauptet, dass das Bewusstsein der 
Übereinstimmung oder Verschiedenheit zweier Empfindungen 
oder Empfindungskomplexe selbst in gewissen Empfindungen 
subjektiven L^rsprungs besteht, welche zu jenen hinzutreten. 
Unerklärt und unerklärlich bleibt dabei nur, woher das 
Gefühl der Thätigkeit rührt, das alle intellektuellen 
Prozesse begleitet, und wie es möglich ist, dass irgend- 
welche Empfindungen im Bewusstsein den Charakter von 
Verhältnisbestimmungen gewinnen. Wundt stellt sich auch 
hier auf einen vollkommen entgegengesetzten Standpunkt^ 
indem er das Vergleichen und Beziehen als einen ursprüng- 
lichen psychischen Vorgang auffasst, der auf nichts anderes 
zurückführbar ist und vielmehr seinerseits allen einzelnen 
Erscheinungen des Seelenlebens zu Grunde liegt. 

Schon bei den einfachsten AVahrnehmungsvorgängen 
wird, wie er betont, aus der Gesamtheit der vorhandenen 
Bewusstseinsinhalte jeweilig ein einzelner (dem gerade die 
Aufmerksamkeit zugewandt ist) hervorgehoben und gegen 
die übrigen abgegrenzt, also zu ihnen in Beziehung gesetzt, 
und ebenso verhält es sich überhaupt bei allen A'orstellungs- 
prozessen : jeder einzclneVorstellungsinhalt wird erst dadurch 
zu einem klar und deutlich vorgestellten, dass wir ihn zu 



126 Sechstes Kapitel 

anderen Inhalten in Beziehung setzen, ihn an diesen 
messen. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet rückt 
miter anderem auch das eig-entümliche Webersche Gesetz, 
demzufolge gleichen absoluten Zunahmen der Reizstärken 
gleiche relative Zunahmen der Empfindungsstärken ent- 
sprechen, in eine neue Beleuchtung. Da wir auch die 
Empfindungsintensitäten nur aneinander bestimmen können, 
so ergiebt sich von selbst, dafs die unmittelbare Schätzung 
derselben immer eine relative sein muss. Das Webersche 
Gesetz drückt also weder, wie Fechner annahm, das Ab- 
hängigkeitsverhältnis zwischen der Empfindung und dem 
entsprechenden Gehirnvorgang, noch das Abhängigkeits- 
verhältnis zwischen diesem und dem physikalischen Reiz 
aus, wie andere behaupten, sondern bezeichnet eine Eigen- 
tümlichkeit des vorstellenden Bewusstseins ; es ist weder 
ein psychophysisches noch ein physiologisches, sondern ein 
psychologisches Gesetz, und zwar ein besonderer Fall des 
allgemeinen Gesetzes der beziehenden Analyse. 

C. Das Prinzip der Kontrastve rstärkung. 
Kommen die beiden besprochenen Gesetze mehr im Be- 
reiche der Vorstellungsthätigkeit zur Geltung, so beherrscht 
ein drittes, das „Gesetz der psychischen Kontraste", wesent- 
lich die Erscheinungen des Gefühlslebens. Es ist diesen 
Erscheinungen eigentümlich, dafs sie sich nach Gegen- 
sätzen ordnen, wie Lust und Unlust, Streben und Wider- 
streben u. s. w. Die Bedeutimg dieser Gegensätze für die 
])sychische Entwickelung besteht aber wesentlich darin, 
dass sie sich durch ihr wechselseitiges A erhältnis ver- 
stärken. (L. n, 2, 282.) Dies zeigt sich vor allen Dingen 
bei dem Übergang der Gefühle und Affekte in entgegen- 
gesetzte Gefühlslagen ; vernu'ige des Zusammenhangs 
zwischen (ilefühlen und Vorstellungen wird dann aber 
auch in sekundärer Weise der Vorstellungsprozess durch 
Kontraste beeinfiusst. Somit stellt auch das Kontrast])rinzip 
in seiner allgemeinen F\issung nur eine charakteristische 
Seite der psychischen Kausalität vor Augen : dass sich 



2. Die Apperzeption 127 

entgeg-engesetzte Kräfte verstärken können, ist eine Eigen- 
tümlichkeit des psychischen Lebens, für welche es in der 
physischen Welt kein Analogen gieht; alle drei Gresetze 
aber weisen schliefslich auf ein und dasselbe in den 
Bewusstseinsvorgängen wirksame Prinzip zurück, und das 
ist die Apperzeption. 

2. Die Apperzeption. 

Der Ausdruck „Apperzeption" hat -in der Wundtschen 
Psychologie eine zweifache Bedeutung; er bezeichnet ein- 
mal einen konkreten psychischen Vorgang, und er be- 
zeichnet zweitens ein allgemeines psychologisches Erklärungs- 
prinzip. Vorbildlich war dabei offenbar im ersten Falle 
der Sprachgebrauch der Herbartianer, die von einer Apper- 
zeption der Vorstellungen reden, im zweiten derjenige Kants, 
der die Erfahrung auf „die ursprüngliche synthetische Ein- 
heit der Apperzeption" zurückführt, obwohl der Wundtsche 
Begriff inhaltlich weder mit dem Herbartschen noch mit 
dem Kantschen übereinstimmt. 

Gehen wir von der konkreten Bedeutung aus, so ist 
unter A. der Vorgang zu verstehen, „durch den irgend ein 
psychischer Inhalt zu klarer Auffassung gebracht wird". 
(Grr. 248). Von der Gresamtheit der Inhalte, die gleich- 
zeitig im Bewusstsein vorhanden sind, perzipiert werden, 
wird, wie die Erfahrung lehrt, immer nur ein kleiner Teil 
klar und deutlich vorgestellt oder apperzipiert, während 
der Rest als mehr oder weniger verschwommene blasse im 
Hintergrunde des Bewusstseins bleibt. Zur Veranschau- 
lichung können die Verhältnisse beim Sehen dienen, wo 
jederzeit eine grosse Menge von Objekten unserem Gesichts- 
feld angehören, aber immer nur einige wenige, im Blick- 
punkte befindliche, deutlich gesehen werden; und wie hier 
der Blickpunkt ein wechselnder ist, in(U>m er von ei nein 
^Peile des Gesichtsfeldes zu (M'nem anderen übergeht, so 
kann sich auch der „innere Blick])unkt" successiv den ver- 
schie(hMieii Teilen des „inneren Blickfeldes" zuwenden. 



128 Sechstes Kapitel 

Es ist klar, dass der Apperzeptionsvorgang sich als 
spezieller Fall dem allgemeinen Gesetz der beziehenden 
Analyse unterordnet, die Frage nach dem Wesen und den 
psychologischen Bedingungen desselben wird somit zugleich 
auch entscheidend sein für die Deutung, welche wir jenem 
Gesetz zu geben haben. 

Folgen wir der Psychologie des gesunden Menschen- 
verstandes, so wäre die Apperzeption als eine Thätig- 
keitsäufserung des Subjekts aufzufassen, das nach 
Belieben die Aufmerksamkeit auf diesen oder jenen Be- 
wusstseinsinhalt richtet. Bei näherer Erwägung zeigt sich 
indes, dass diese Ansicht, welche das Verhältnis zwischen 
einem menschlichen Beobachter und den ihn umgebenden 
Objekten auf die unmittelbare Erfahrung überträgt, auf 
mancherlei Schwierigkeiten stöfst. Selbst wenn man die 
Analogie zwischen den äufseren, sinnlich wahrnehmbaren 
Objekten und den Daten der unmittelbaren Erfahrung 
gelten läfst, so ist doch ein von diesen Daten verschiedener, 
ihnen gegenüberstehender Beobachter in der inneren Er- 
fahrung nicht anzutreffen; unter dem psychischen Subjekt 
k()nnen wir uns gar nichts anderes denken als den In- 
begriff der inneren Zustände und Vorgänge selbst, von 
diesem aber kann man unmöglich sagen, dafs er Ausgangs- 
punkt einer auf die einzelnen Bewusstseinsinhalte gerich- 
teten Thätigkeit ist. Nicht minder bedenklich ist der 
Begriff dieser Thätigkeit selbst, die in willkürlicher Weise 
die Objekte ergreift und sich wieder von ihnen abwendet, 
ohne im übrigen eine Wirkung zurückzulassen. So scheint 
denn der Sensualismus Recht zu behalten, der keinerlei 
psychische Thätigkeit, sondern nur passives Erleben kennt 
und den Unterschied zwischen blofs perzipierten und 
apperzipierten Vorstellungen nicht auf eine Verschiedenheit 
in dem Verhältnis des Subjekts zum Vorstellungsinhalte, 
sondern auf Verschiedenheiten dieser Inhalte selbst zurück- 
führt. Die Vorstellungen, welche im Blickpunkte des 
Bewusstseins stehen, zeichnen sich nach dieser Theorie vor 



2. Die Apperzeption 129 

den übrigen durch ihre gröfsere Intensität und durch 
gewisse mit ihnen verbundene Nebenempfindungen, haupt- 
sächlich Spannungsempfindungen in dem Muskelapparat 
der in Betracht kommenden Sinnesorgane, aus, und es ist 
nur ein bildlicher Ausdruck für diesen Thatbestand, wenn 
wir von einer „Spannung der Aufmerksamkeit" reden. 

Ist diese Erklärung richtig, dann nmss freilich der Be- 
griff" der psychischen Kausalität überhaupt fallen; denn es 
wäre inkonsequent, in dem Falle, wo wir uns am unmittel- 
barsten einer inneren Thätigkeit bewusst sind, die Realität 
dieser Thätigkeit zu leugnen, und sie für andere Fälle 
bestehen zu lassen ; soll also von einer spezifischen psychischen 
Kausalität gesprochen werden, so wird sie vor allem in 
dem Apperzeptionsvorgang nachzuweisen sein. 

In der That hält nun Wundt im Gegensatz zum 
Sensualismus an der Auffassung der Aufmerksamkeit als 
einer psychischen Thätigkeit fest, und indem er diese letztere 
auch mit dem Terminus Apperzeption bezeichnet, gewinnt 
dieser Ausdruck neben seiner ursprünglichen noch die oben 
angedeutete tiefere Bedeutung, welche man vorzugsweise 
im Auge hat, wenn von der Wundtschen Apperzeptions- 
theorie die Rede ist. Dass es ein besonderes, der sinnlichen 
Grundlage entbehrendes Thätigkeitsbewusstsein nicht giebt, 
wird auch von unserem Forscher von vornherein zugestanden. 
Die Aufmerksamkeit ist nicht „irgend etwas Unempfindbares 
und Unfühlbares", sondern ein Zustand, der sich für die 
psychologische Analyse in drei unterscheidbare Momente 
zerlegt: „die Erhebung von Vorstellungen zu grösserer 
Klarheit; Muskelempfindungen, die in der Regel zu dem 
betreffenden Yorstelhino:s2:el»iet gehören : Gefühle, die reo-el- 
mäfeig die Erhebung der Vorstellungen teils begleiten teils 
ihr vorangehen." (M. T. 267.) Die letzteren (subjektiven) 
Elemente zeigen nun aber „neben ihrer Veränderlichkeit 
zugleich einen stetigen Zusammenhang der später kommenden 
und der früher dagewesenen" und liefern so die Grundlage 
für die Vorstellung eines bei allen seinen ^Veränderungen 

K Olli fr, W. Wundt.; " 



130 Sechstes Kapitel 

dauernden Subjekts. 8ie sind ferner nicht zufällig und 
wechselnd der durch die Apperzeption bevorzugten Vor- 
stellung assoziiert, sondern sie stehen in bestimmter Be- 
ziehung zu derselben, damit aber sind die Vorbedingungen 
für den Begriff der Thätigkeit gegeben, denn dieser setzt 
zweierlei voraus: „eine Veränderung in dem gegebenen 
Zustand der Dinge und ein Subjekt, dessen Zustände jene 
Veränderung derart begleiten, dass beide regelmässig auf- 
einander bezogen werden." (Ebenda.) 

Thätigkeit ist ferner nicht gesetzlose Willkür, denn 
jeder einzelne Apperzeptionsakt ist durch vorangehende Be- 
dingungen bestimmt. Auf der niedersten Stufe (der sogen, 
„passiven Apperzeption") sind es die zufällig gegebenen 
äufseren Reize, die durch ihre Intensität oder sonstige 
Bestimmungen die Aufmerksamkeit erregen ; daher tritt 
hier das Moment der Thätigkeit mehr zurück, und es ent- 
steht der Eindruck des passiven Hinnehmens. Dagegen 
ist das Bewusstsein „eines selbstthätigen Erzeugens regel- 
mäisig dann vorhanden, wenn weiter zurückliegende Anlagen 
des Bewusstseins, welche mit Vorerlebuissen zusammen- 
hängen, die ohne direkte Beziehung zu den unmittelbar 
gegebenen Eindrücken stehen, die Richtung der Aufmerk- 
samkeit bedingen. Solche („aktive") Apperzeptionen fassen 
wir dann als Handlungen unseres „Ich" auf, insofern uns 
eben dieses ein Ausdruck für jene Gesamtwirkung ist, die 
unsere früheren psychischen Erlebnisse, ohne deutlich be- 
stimmte Sonderung der einzelnen, auf das ausüben, was 
in einem gegebenen Augenblicke in uns geschieht." 
(M. T. 272.) 

Die zweite Form der Apperzeption überwiegt durchaus 
in allen intellektuellen Prozessen und macht deren eigent- 
liches Wesen aus. Indem hier die apperzipierende Thätig- 
keit nicht durch die dem Bewusstsein sich aufdrängenden 
V^orstelluiigen ausgohist wird, sondern umgekehrt, je nach 
dem vorwaltenden geistigen „Interesse", den logischen und 
ästhetischen Gesichtspunkten, welche in uns wirksam sind, 



2. Die Apperzeption 1;-^! 

der eine oder der andere Bestandteil des Bewusstseinsinhaltes 
zur Apperzeption gebracht wird, ergiebt sich eine Form 
des Vorstelhingsverlaufs, die von dem Schema der Asso- 
ziation dnrchans abAveicht, ja ihm in gewisser Hinsicht 
direkt entgegengesetzt ist. Denn während bei der Asso- 
ziation einzelne Vorstellungen oder Yorstellungselemente 
sich äufserlich, mechanisch, aneinanderreihen, ist bei den 
„apperzeptiven Ye r b i n d u n g e n " ein Gredankeninhalt 
zunächst als (lanzes gegeben, um sich 'dann erst in seine 
Teile zu zerlegen. Dort wird eine Vorstellung auf Grund 
vorhandener physiologischer Dispositionen (vergl. S. 121) 
durch die andere reproduziert, hier beruht der Uebergang 
von der einen zur anderen auf einem durch Zwecke ge- 
leiteten Wahlakt. 

Von den mannigfachen Einwänden, welche gegen die 
hier nur in den Hauptzügen skizzierte Theorie geltend 
gemacht worden sind, mögen wenigstens zwei erwähnt 
werden. Zunächst kann man fragen, ob die Annahme 
einer Beeinflussung der Vorstellungsbildung und des Vor- 
stellungsverlaufs durch die Apperzeption mit dem Prinzip 
des Parallelismus vereinbar sei. Allen Vorstellungen liegen, 
wie wir gesehen haben, sinnliche Empfindungen zu Grunde, 
der Eintritt einer Vorstellung ins Bewusstsein, die Steigerung 
und Hebung einer vorhandenen setzt also voraus, dass ge- 
wisse Empfindungen erregt oder verstärkt werden. Nun 
sind aber alle Empfindungen nach dem Prinzip des Paralle- 
lismus gebunden an physiologische Erregungsvorgänge im 
Gehirn, folglich kann die Aufmerksamkeit den Vorstellungs- 
prozess nur dadurch beeinflussen, dass sie auf die Gehirn- 
thätigkeit einwirkt, was eine Durchbrechung der Natur- 
gesetze bedeuten würde. Wundt hält dem entgegen, dass 
die Apperzeption nicht als ein von aussen kommender 
Eingriff in den Vorstellungsprozess aufzufassen ist, durch 
den der natürliche A'erlauf des letzteren gewissermafscn 
gewaltsam geändert wird, sondern als eine Wirkung, die 
von der Gesamtheit der früheren Erlebnisse, also einem 

9* 



132 Sechstes Kapitel 

Komplex konkreter psychischer Ursachen ausgeht. Die 
Apperzeption ist also insofern von der Assoziation nicht 
der Art, sondern nur dem Grade nach verschieden, und die 
apperzeptiven Vorgänge fallen nicht minder unter das Prinzip 
des Parallelismus wie die assoziativen, nur wird die Auf- 
suchung der physiologischen Bedingungen des einzelnen 
Apperzeptionsakios zu einer unvollendbaren Aufgabe, weil 
in ihm die Nachwirkungen von Kausalreihen enthalten sind, 
die sich rückwärts verfolgt ins Unendliche verlieren. 

Damit erledigt sich zum Teil auch schon der zweite 
Einwand, dass die Apperzeptionspsychologie an einem un- 
haltbaren Dualismus ihrer Erklärungsprinzipien leide, inso- 
fern sie einerseits anerkenne, dafs alle Bewusstseins- 
erscheinungen, hinlänglich analysiert, auf Empfindungen und 
Gefühle als ihre letzten Elemente zurückweisen, die sich 
nach dem Gesetze der Assoziation untereinander verbinden, 
zugleich aber in der Apperzeptionsthätigkeit einen rein 
metaphysischen, der exakten Analyse unzugänglichen 
Faktor einführe, dessen Wirkungen sich mit denen der 
Assoziation durchkreuzen, ja diese unter Umständen auf- 
heben. Schon oben wurde darauf hingewiesen, dass Wundt 
weit entfernt ist die Existenz eines abstrakten, jedes sinn- 
lichen Inhalts baren Thätigkeitsbewusstseins zu behaupten ; 
die Apperzeption ist bei ihm nicht wie bei Kant Funktion 
eines seiner selbst bewussten „reinen" Ich, sondern ein 
psychologischer Vorgang, der ebenso wie jeder andere 
eine Mehrzahl konkreter sinnlicher Bewusstseinsinhalte als 
konstituierende Bestandteile in sich schliefst. Nur darin 
geht Wundt über den Sensualismus hinaus, dass er die 
Auffassung dieses Vorganges als einer Thätigkeit des 
psychologischen Subjekts nicht verwirft, sondern sie als 
berechtigt und den Thatsachen entsprechend anerkennt. 
Die unmittelbare Erfahrung zeigt uns eben, wie er nach- 
zuweisen sucht, auch hier nicht blofs eine Summe gleich- 
zeitiger und aufeinanderfolgender Empfindungen, sondern 
eine Bestimmung späterer Bewusstseinsinhalte durch gleich- 



2. Die Api}erzeption 133 

zeitige und frühere, also ein Verhältnis wirklicher psy- 
chischer Kausalität. Damit versehwindet aber auch der ver- 
meintliche Gegensatz zwischen Apperzeption und Assoziation. 
Die Assoziationen im gewöhnlichen Sinne des Wortes 
unterscheiden sich von den apperzeptiven Verbin- 
dungen nur dadurch, dass bei ihnen ein Vorstellungs- 
element durch eine beschränkte Anzahl anderer gleich- 
zeitiger oder vorangehender bestimmt erscheint, während 
in jedem Apperzeptionsakte die Gesamtsumme der früheren 
Erlebnisse zur Wirkung gelangt; der Begriff der Assoziation 
dagegen, mit dem die sogenannte ^ Assoziationspsychologie'' 
operiert, bezeichnet überhaupt keinen realen psychischen 
Vorgang, sondern beruht auf einer künstlichen Schemati- 
sierung. Der Fall, dass eine Vorstellung eine andere mit 
derselben zwingenden Notwendigkeit nach sich zieht, wie 
in der äufseren Natur die Ursache ihre Wirkung, kann 
schon deswegen gar nicht vorkommen, weil die assoziativen 
Verbindungen sich erst allmählich ausbilden und fort- 
dauernden Veränderungen unterworfen sind. Die Asso- 
ziationsgesetze haben daher keine Ähnlichkeit mit den 
Naturgesetzen, sondern sind an sich nur „leere Möglich- 
keiten". „Wenn die einzelnen Assoziationsformen gegeben 
sind, so kann man nachweisen, wo diese oder jene Form 
eingesetzt hat, wo dieses oder jenes frühere Erlebnis wirk- 
sam geworden ist; aber eine Deduktion, wie wir sie den 
einzelnen Naturerscheinungen gegenüber versuchen, ist von 
vornherein unausführbar.'' (P. C. 88.) Überdom ist zu 
bedenken, dass die Vorstellungen überhaupt nicht un- 
veränderliche Objekte sind, sondern Vorgänge, Akte ; es 
kann also von einer Wiederholung („Reproduktion") der- 
selben Vorstellung gar keine Rede sein. AVas sich 
wiederholt, sind nur die einzelnen Empfindungselemente 
bezw. die entsprechenden elementaren Prozesse. Von diesen 
müssen wir annehmen, dafs sie „in gewissem Sinne er- 
halten bleiben, indem sie Anlagen zurücklassen, die ihre 
Wie(l(M'li()luiig criiKiiilicluMi" ; das Wesentliche bei der 



134 Sechstes Kapitel 

Assoziation besteht aber „in der eig-entümlichen Yer- 
bindung- dieser Bestandteile, die zumeist verschiedenen 
früheren Wahrnehmungen oder auch Wahrnehmungen und 
neuen Eindrücken angehören, zu einem Ganzen. Diese 
Verbindung muss aber bei jedem einzelnen Assoziations- 
akte neu vollzogen werden" (P. C. 86), und sie wird nur 
möglich auf Grund „jener centraleren Einheit unseres 
Bewusstseins, welche wir in der inneren und äufseren 
Willensthätigkeit unmittelbar in uns wahrnehmen. Ohne 
diese konstante Funktion würden unsere Vorstellungen nicht 
einmal ein Bündel sein, sondern zerstreute Glieder ohne ver- 
einigendes Band und darum auch unfähig, irgend welche 
Assoziationen miteinander einzugehen". (Ps. II, 380.) 

Das Wahre an der Assoziationstheorie besteht also 
allein in dem Gedanken, dass der Ablauf der Yorstellungs- 
prozesse Einrichtungen voraussetzt, durch welche die ver- 
o-äno-lichen Einwirkuno^en der äufseren Sinneseindrücke der 
Seele bleibend verfügbar gemacht werden. Aber diese 
Einrichtungen sind doch nur eine Bedingung, nicht der 
alleinige bestimmende Grund jenes Ablaufs ; welche Be- 
standteile des verfügbaren Yorstellungsmaterials jeweilig 
thatsächlich reproduziert werden, hängt von der ganzen 
Vergangenheit und Anlage des Bewusstseins ab. Der 
bestimmende Faktor des Vorstellungsverlaufs ist also durch- 
gehends die Apperzeptionsthätigkeit, der gegenüber die 
Assoziation nicht die Bedeutung einer selbständigen Form 
des psychischen Geschehens, sondern nur die eines Hilfs- 
mittels oder einer elementaren Vorbedinffung- hat. 



8. Das Wollen. 
Der Apperzeptionsbegriff leitet von selbst zu der Frage 
nach dem Wesen der Willensvorgänge überhaupt hinüber, 
denn die aktive Apperzeption stellt sich unmittelbar als 
eine besondere Form der Willensthätigkeit (hir : das Denken 
ist ein nicht nach aussen, sondern nach innen, auf die 



3. Das Wollen 135 

Yorstellung-sinhalte gerichtetes Wollen. Es ist deswegen 
ganz folgerichtig, wenn die Psychologen, die die Apper- 
zeption als psychische Funktion nicht gelten lassen und 
alle Erscheinungen des Yorstellungslehens allein aus dem 
Prinzip der Assoziation abzuleiten suchen, auch die selb- 
ständige Realität der Willensthätigkeit bestreiten. In der 
That ist im Sinne der materialistischen Psychologie ein 
Willensakt nichts weiter als ein Komplex bestimmter Em- 
pfindungen. Die gewollte Bewegung irgend welcher Glied- 
mafsen unterscheidet sich von der nichtgewollten nur 
dadurch, dass ihr in der Regel die Vorstellung des Erfolges 
vorausgeht, und dass sich mit ihrer Ausführung bestimmte 
Empfindungen (der Anstrengung, des Widerstandes u. s. w.) 
verbinden. Die wirkliche Ursache dieser Bewegungen liegt 
aber nicht in unserem AVollen, überhaupt nicht in der 
psychischen Sphäre, sondern in den k(>rperlichen Yorgängen, 
aus denen nach den Gesetzen der physischen Kausalität 
die betreff'enden Muskelkontraktionen hervorgehen. Zwischen 
den rein mechanisch verlaufenden Reflexthätigkeiten des 
Organismus und den eigentlichen AYillenshandlungen besteht 
nach dieser Ansicht kein wesentlicher Unterschied. Auch 
die Willenshandlungen sind, wie dies am eingehendsten 
Spencer zu zeigen gesucht hat, nur kompliziertere Formen 
der physiologischen Reflexe; der Unterschied beider liegt 
nur darin, dass bei den letzteren die Reaktion des Or- 
ganismus unmittelbar durch einen sinnlichen Reiz ausgelöst 
wird, während sich bei jenen zwischen Reiz und Reaktion 
eine mehr oder weniger grofse Zahl von Zwischengliedern 
einschiebt. Auch Herbart vertritt eine rein negative 
Theorie des Willens, indem er den Willen zwar als 
psychologisches (nicht nur physiologisches) Phänomen be- 
trachtet, aber ihn auf Beziehungen und Wechselwirkungen 
der Vorstellungen zurückführt. 

Demgegenüber lehrt Wundt, dass das Wollen als eine 
selbständige und ursprüngliche Thatsache der unmittelbaren 
Erfahrung anzuerkennen sei. Wie l)ei den Ajiperzeptions- 



136 Sechstes Kapitel 

Vorgängen so ist auch in allen andern Fällen das Thätig- 
keitsbewiisstsein seiner Ansicht nach nicht trügerischer 
Schein, sondern es entspricht dem wahren Zusammenhange 
der Dinge, indem es auf die Wirksamkeit psychischer 
Ursachen hindeutet. Nur dürfe man sich den Willen nicht 
als ein abstraktes, ausserhalb des Zusammenhanges der 
konkreten psychischen Vorgänge stehendes Vermögen der 
Auswahl unter verschiedenen vorhandenen Antrieben denken, 
wie dies z. B. bei Lotze geschieht. Diese heterogene- 
tische Theorie sei schon de&wegen unhaltbar, weil sie 
das Wollen bereits als gegeben voraussetze; „wenn wir 
nicht ohne Wahl, das heifst unmittelbar aus inneren Mo- 
tiven heraus wollen könnten, so würde ein mit Wahl 
verbundenes Wollen immer unmöglich bleiben." (M. T. 240.) 
Das Wollen ist also nicht eine Funktion, die zu den Vor- 
stellungen, Gefühlen und den in diesen wurzelnden Trieben 
und Begehrungen erst hinzutritt, sondern es ist in ihnen 
bereits enthalten: insbesondere sind die Gefühle „überall 
die Vorbereitungs- uud Begleiterscheinungen des Willens", 
in denen sich „die Richtung des Willensaktes ankündigt, 
noch ehe derselbe eintritt." (Ebenda 274). Da die Gefühle 
aber ihrerseits mit Vorstellungen untrennbar zusammen- 
hängen, so beruht die ganze Unterscheidung der Willens- 
thätigkeit und ihrer Motive, welche in der heterogenetischen 
Theorie eine so grofse Rolle spielt, auf einer Abstra,ktion ; 
„Motive sind die die Handlung unmittelbar vorbereitenden 
Vorstellungs- und Gefühlsverbindungen". (Gr. 220). Nach 
dieser „autogenetische n Theorie" besteht also zwi- 
schen den Trieben und Begierden einerseits und dem 
Wollen andererseits kein wesentlicher Unterschied. Trieb- 
handlungen entstehen, wenn im Bewusstsein nur ein einziges 
Motiv sich geltend macht, sie sind einfache oder eindeutig- 
bestimmte Willenshandlungen. Treffen dagegen mehrere 
Motive zusammen, die in verschiedene Einwirkungen über- 
zugehen streben, so entstehen die z u s a m m e n g e s e t z t e n 
oder Willkürhandlungen, welche jenen gegenüber nur 



3. Das Wollen 137 

eine höhere Entwickelung-sstufe der Willensthätigkeit 
darstellen. 

Damit erledigt sich von selbst eine Frage, deren Be- 
antwortung der heterogenetischen Willenslehre ausserordent- 
liche Schwierigkeiten bereitet, die Frage nämlich, wie der 
Wille es anfängt, Einfluss auf die Bewegungen des Körpers 
zu g-ewinnen. Denn es ist nicht nur schwer verständlich, 
wie ein innerer Vorgang überhaupt Ursache einer körper- 
lichen Veränderung sein kann, sondern man sieht auch 
nicht recht ein, wie es kommt, dass die Absicht eine be- 
stimmte Bewegung auszuführen gerade die für diesen Zweck 
geeigneten Muskelgruppen in Thätigkeit treten lässt. Diese 
Schwierigkeit besteht indes nur so lange, als man annimmt, 
dass Willensthätigkeit und Körperbewegung ursprünglich 
getrennte Dinge sind, zwischen denen erst nachträglich eine 
Verbindung zu stände kommt. Schränkt man den Begriff 
der Willensthätigkeit auf die Willkür- oder Wahlhandlungen 
ein, so ist die bezeichnete Annahme freilich selbstverständ- 
lich, denn derartige Handlungen sind erst ein verhältnis- 
mäfeig spätes Erzeugnis der psychischen Entwiekelung ; er- 
weitert man dagegen den Begrifl' des W^ollens so, dass er 
auch die ursprünglichsten Triebregungen mit umfasst, so 
erscheint der Zusammenhang zwischen innerem Willens- 
impuls und äusserer Handlung als eine Thatsache, die schon 
im Beginn der Willensentwickelung besteht. Unmöglich 
könnte ja auch, wie Wundt hervorhebt, das wollende Sub- 
jekt „aus der Erfahrung gelernt haben, dass der Körper 
seinen Befehlen gehorcht, wenn es nicht von Anfang an 
einen Einfluss auf seine Bewegungen besessen hätte". 
(Ps. H, 469.) Die Verwandlung unwillkürlicher (automatischer 
oder reflektorischer) Bewegungen in gewollte ist daher ganz 
undenkbar; wie auf anderen Gebieten so muss vielmehr auch 
hier ein stetiger Übergang von einfachen und niederen 
Erscheinungsformen zu höheren angenommen werden. 

Zwischen willkürlichen Bewegungen, Triebbewegungen 
und Reflexen besteht also, darin stimmt Wundt mit den 



138 Sechstes Kapitel 

Materialisten überein, kein wesentlicher Unterschied; aber 
während nach der Ansicht der letzteren die Reflexthätigkeit 
die typische Grundform aller T\ illensthätigkeit ist, leiten 
sich nach Wundt alle jene Bewegungen aus einer Form 
der Bewegung ab, die „in gewissem Sinne die Merkmale 
der A\ illenshandlung und des Reflexes gleichzeitig an sich 
trägt". (Ps. n, 475). In der That treten, wie unser Forscher 
bemerkt, gerade bei den niedersten Wesen die Körper- 
bewegungen von automatischem und reflektorischem Charakter 
durchaus zurück gegenüber solchen Handlungen, die auf 
eine vorausgegangene Empfindung oder Vorstellung und 
einen daraus entstandenen Trieb hinweisen (Ps. 469), und 
es hindert nichts die reinen Reflexthätigkeiten, welche bei 
den höheren Organismen als "Wirkungen einer angeborenen 
Organisation auftreten, als Ergebnisse eines „Rttckbildungs- 
prozesses" zu betrachten, in dessen Verlaufe die ursprüng- 
lich vorhandenen psychischen Zwischenglieder zwischen Reiz 
und Reaktion allmählich ausgeschaltet wurden, und für den 
wir in dem Vorgange der Mechanisierung ursprünglich 
willkürlicher Handlungen durch Übung das Analogen 
haben. (H. 229.) Das Problem des Ursprungs der Willens- 
thätigkeit bleibt allerdings auch so bestehen, aber es ver- 
wandelt sich aus einem psychologischen in ein metaphysisches. 
Die Psychologie hat nur das Hervorgehen der verschiedenen 
Formen der AVillensthätigkeit auseinander zu erklären, Sache 
der Metaphysik ist es, über den Zusammenhang zwischen 
innerlich bewussten "Willensakten und äusseren Handlungen 
Rechenschaft zu geben, eine Aufgabe, die ofi'enbar nur 
einen Teil der allgemeineren Frage nach der Art des Zu- 
sammenhangs zwischen den psychischen und den physischen 
Lebensorscheinungon bildet. 

N'erfolgen wir nunmehr die ))sychologische Entwicke- 
lung der Willensthätigkeit etwas mehr ins Einzelne, so 
haben wir als erste Stufe derselben jene einfachen 
Tri ebbe vvegungen anzusehen, bei denen „ein äufserer 
Eindruck und mit ihm gleichzeitig die von ihm ausgelöste 



3. Das Wollen 139 

Bewegung apperzipiert werden". Ihrer physischen Seite 
nach entsprechen derartige Bewegungen durchaus den 
mechanischen Bedingungen des Reflexes, sie tragen aber 
doch zugleich schon die Merkmale der Willensthätigkeit 
an sich, „weil der Eindruck im Bewusstsein von einer 
mehr oder weniger gefühlsstarken Empfindung begleitet 
wird, - welcher letzteren dann auch die ausgeführte Be- 
wegung entspricht, insofern dieselbe entweder ein Streben 
nach dem einwirkenden Reize oder ein Zurückziehen von 
demselben herbeiführt". (Ps. II, 471.) Als die nächste 
Vorstufe dieser einfachsten Willensäufserungen erscheinen 
die „pantomimischen Affekt Wirkungen", so dass man einen 
Willensvorgang geradezu definieren könnte als einen 
„Affekt, der mit einer pantomimischen Bewegung ab- 
schliesst, die neben der allen pantomimischen Bewegungen 
eigentümlichen Charakterisierung der Qualität und Intensität 
des Affekts noch die besondere Bedeutung hat, dass sie 
äufsere Wirkungen hervorbringt, die den Affekt selbst 
aufheben" (Gr. 218). „Nachdem wiederholt die Trieb- 
bewegung in reflektorischer Weise der Einwirkung eines 
äufseren Reizes gefolgt ist, verknüpft sich die Vorstellung 
ihres äufseren Erfolges mit der die Bewegung einleitenden 
Empfindung zu einer untrennbaren Komplikation, und indem 
sie in dieser Verbindung bald dominierende Bedeutung 
o-ewinnt, erscheint sie dem Bewusstsein als die treibende 
Ursache der Handlung" (Ps. II, 476). Endlich entstehen 
infolge der zunehmenden Vielheit der Willensantriebe, 
die in dem reiferen Bewusstsein gegeneinander wirken, 
wie schon oben dargelegt, die zusammengesetzten 
Willens- oder Willkürhandlungen, und sobald ein 
Kampf solcher einander widerstreitenden Motive deutlich 
wahrnehmbar der Handlung vorausgeht, als spezieller Fall 
der vorigen die W ah 1 bandlungen. Nebenhergehend voll- 
zieht sich dann noeii die wichtige Biff'erenziiernng der 
Willensthätigkeit in äufsere und innere. 

Die ursprünglichsten Lebensäufseruiii^en sind üulsere 



140 Sechstes Kapitel 

Triebhandlungen ; erst die spätere Entwickelung- des Be- 
wusstseins, „welche Wettstreitsphänomene zwischen den 
Willensimpiüsen und damit Willenshemmungen möglich 
macht" (Ps. II, 471), lässt Willensvorgänge entstehen, bei 
denen die abschliessende Willenshandlung nicht eine äufsere 
Bewegung, sondern selbst ein psychischer Yorgang, eine 
Veränderung des Yorstellungsverlaufes ist. Der Willens- 
akt reduziert sich jetzt auf einen Apperzeptionsakt, der 
nun wiederum entweder triebmässig erfolgen oder sich zu 
einem Willkür- bezw. Wahlakte gestalten kann. Im ersteren 
Falle sprechen wir tou passiver, im zweiten von aktiver 
Apperzeption. Da jene in den Assoziationen, diese bei den 
intellektuellen Funktionen vorherrscht, so stellen also diese 
verschiedenen Formen des Vorstellungsverlaufs das Ana- 
logen zu den Trieb- imd den Willkürhandlungen dar. 
Das Hervorgehen der Apperzeptions- aus der Willens- 
thätigkeit wäre aber doch nicht erklärlich, wenn sie nicht 
schon von vornherein in ihr enthalten wäre. In der That 
erscheint für die tiefergehende Betrachtung die Apperzeption 
nicht sowohl als eine besondere Form der Willensthätigkeit, 
sondern als ihr wesentliches Element. „Als Phänomen des 
Bewusstseins betrachtet, besteht nämlich die äufsere Willens- 
handlung in der Apperzeption einer Bewegungsvorstellung." 
„Auf einem je ursprünglicheren Zustande wir das Bewusst- 
sein antreffen, um so untrennbarer erscheinen die Apper- 
zeption der Bewegungsvorstellung und die Ausführung der 
Beweffuno-. Noch das Kind und der Naturmensch, ebenso 
wie sie die wahrgenommene Handlung leicht zur Nach- 
ahmung fortreifst, sind nicht im stände, die lebhafte Vor- 
stellung einer eigenen Bewegung zu vollziehen, ohne dass 
diese auch wirklich einträte" (Ps. II, 470), und erst nach- 
träglich schwächt sich die „impulsive", mit der Ausführung 
verbundene, Apperzeption der eigenen Bewegungen zu einer 
bloss „reproduktiven", zur l)lossen Vorstellung dieser Be- 
wegungen ab. 

So ergiebt sich denn schliefslich, dass Apperzeption 



4. Die abnormen Seelenzustände 141 

und Wille vollständig- identisch sind; und da es, wie wir 
im vorigen Abschnitt gesehen haben, ein Bewusstsein ohne 
Apperzeption nicht giebt, so kann man auch sagen, dass 
das Bewusstsein für uns gar nicht denkbar ist ohne Willens- 
thätigkeit. Denn „alle Verbindung der Vorstellungen ist 
abhängig von der Apperzeption ; selbst die Assoziationen 
können sich nur dadurch vollziehen, dass die Vorstellungen 
vermöge ihrer assoziativen Beziehungen die passive Apper- 
zeption erregen. Ohne Verbindung' der Vorstellungen 
zerfallt aber das Bewusstsein. Noch mehr sind die höheren 
Entwickelungsformen des Bewusstseins an die apperzeptive 
Thätigkeit geknüpft. Das Selbstbewusstsein, wie es in der 
konstanten Wirksamkeit der Apperzeption seine Wurzel 
hat, zieht sich schliefslich auf diese allein zurück, so dass 
nach vollendeter Bewusstseinsentwickelung der Wille als 
der eigenste und in Verbindung mit den von ihm aus- 
gehenden Gefühlen und Strebungen als der einzige Inhalt 
des Selbtsbewusstseins erscheint". (Ps. 11, 467). Damit 
gelangen wir aber zu jener voluntaristischen Auffassung 
der psychischen Phänomene, die oben schon als das End- 
resultat der Wundtschen Psychologie angekündigt wurde. 



4. Die abnormen Seelenzustände, 
das tierische und das kindliche Seelenleben. 
Bisher war ausschliefslich von den Erscheinungen im 
entwickelten, normalen menschlichen Bewusstsein die Rede; 
dass daneben auch die abnormen Bewusstseinszustände des 
Irrsinns, der Hypnose, des Traumes, sowie die Aufserungen 
des kindlichen und tierischen Seelenlebens von der Psycho- 
logie zu berücksichtigen sind, braucht nicht besonders 
hervorgehoben zu worden. In der That ist in den letzten 
Jahrzehnten gerade diesen Gebieten psychologischer For- 
schung ein besonders reges Interesse entgegengebracht 
worden, und zwar nicht allein aus dem (irunde, weil sie 
lange Zeit verhältnismässig vernachlässigt worden waren, 



142 Sechstes Kapitel 

sondern hauptsächlich weil man sich von ihrer Bearbeitung 
eine besondere Ausbeute als allgemeiner psychologischer 
Erkenntnis versprochen hat. 

Wie die pflanzliche und tierische Organisation uns 
erst durch Anwendung der genetischen Betrachtungsweise 
in vielen Einzelheiten vollständig verständlich geworden 
ist, so glaubt man, dass auch auf das Seelenleben des 
Mengchen ganz neues Licht fallen werde, wenn man von 
den primitivsten Erscheinungsformen der seelischen Funk- 
tionen ausgehend dieselben in ihrer allmählich fortschreiten- 
den Ent Wickelung verfolge. Wie ferner die Physiologie des 
normalen körperlichen Lebens durch die Pathologie aufs 
wirksamste unterstützt wird, so scheint zu hoffen, dass auch 
in der Psychologie das Studium der abnormen Erschei- 
nungen wichtige Aufschlüfse über die Ursachen und den 
Zusammenhang der normalen liefern werde. 

In dieser Hinsicht hat besonders die Wiederentdeckung 
<les Hypuotismus im Beginn der achtziger Jahre bei vielen 
die überschwänglichsten Erwartungen erregt. Es hat sich 
seitdem geradezu eine Schule oder Eichtung herausgebildet, 
die darauf ausgeht, die Psychologie auf Grrund der Beob- 
achtungen an Hypnotisierten ganz neu aufzubauen, und 
deren Wortführer behaupten, dass mit der Hypnotismus- 
Forschnng die Ära der experimentellen Psychologie eigentlich 
erst begonnen habe. Die Londoner „Society for psychical 
Research" und die ,,Societe de psychologie physiologique 
in Paris machten von vornherein die Beschäftigung mit 
hypnotischen Experimenten zu ihrer Hauptaufgabe, und 
auf den internationalen Psychologen-Kongressen in Paris 
(1889) und London (1892) bildeten der Hypnotismus und 
was damit zusammenhängt, den Hauptgegenstand. Dabei 
trat übrigens sehr bald ein Unterschied zwischen den mehr 
gemäfsigten und den mehr radilcalen Mitgliedern der Schule 
hervor. Während die ersteren die Hypnose vorwiegend 
als ein methodologisches Hilfsmittel betrachten, welches 
die Möglichkeit verschafft, bekaimte psychische Vorgänge 



4. Die abnormen Seelenzustände 143 

unter uug^ewöhnlichen Bedingungen zu beobachten, glauben 
die letzteren, dass im hypnotischen Zustande ganz neue 
psychische Funktionen und Kräfte zu Tage treten, von 
denen wir für gewöhnlich nichts bemerken, und halten es 
für nötig zu untersuchen, ob dabei nicht auch das „Hell- 
sehen* und andere psychische Fernwirkungen thatsächlich 
stattfinden. Zum Mediumismus und spiritistischen Geister- 
glauben ist von diesem Standpunkte aus dann nur noch ein 
kleiner Schritt. 

Unter diesen Umständen konnte auch Wundt nicht 
umhin, zu der ganzen Frage Stellung zu nehmen, und er 
that dies in einem längeren Artikel über „Hypnotismus 
und Suggestion", der zuerst in den philosophischen Studien, 
dann als selbständiges Schriftchen erschien und in den betei- 
ligten Kreisen begreifliches Aufsehen erregte. Wie er es schon 
früher der materialistisch-sensualistischen Richtung gegenüber 
gethan hatte, so sagte sich jetzt der Begründer der experi- 
mentellen Psychologie auch von der nach der Seite des 
Okkultisnms hin sich entfernenden Gruppe der Hypnotisten 
entschieden los ; denn das Ergebnis, zu dem er in dem 
genannten Schriftchen gelangt, ist kurz dies, dass die Hyp- 
notismus-Psychologie als eine Yerirrung zu betrachten sei. 

Die okkultistische Deutung der an Somnambulen 
gemachten Beobachtungen bekämpft Wundt mit demselben 
Argument, das er schon anlässlich des durch die bekannten 
Experimente ZöUner's angeregten Spiritismus-Streites gel- 
tend gemacht hatte : „Wer an Zauberei glaubt, macht über 
sie Experimente, und wer nicht an sie glaubt, macht in 
der Regel keine. Da aber der Mensch bekanntlich eine 
grofee Neigung hat, was er glaubt bestätigt zu finden, 
und zu diesem Zwecke sogar einen großen Scharfsinn an- 
wendet, um sich selbst zu täuschen, so beweist mir das 
Gelingen solcher Experinumte zunächst nur, dass die, die 
sie machen, auch an sie glauben." Wenn der Okkultismus 
Recht hätte, so sei die uns umgebende Welt eigentlich 
aus zwei völlig verschiedenen Welten zusammengesetzt. 



144 Sechstes Kapitel 

aus der grofsen Welt ewig unveränderlicher Gesetze, in der 
das Grö&te wie das Kleinste harmonisch dem Ganzen sich 
einfügt, und „der kleinen und unyernünftigen Welt der 
hysterischen Medien" ; der unbefangene Naturforscher und 
Psycholog werde keinen Augenblick im Zweifel sein, welche 
von beiden er als die reale anzuerkennen habe. 

Aber auch die methodologische Bedeutung der Hyp- 
nose schlägt W^undt nur gering an. Denn zunächst sei bei den 
hypnotischen Experimenten die willkiirlicheBeherrschung des 
Gegenstandes, die exakte Feststellung der Yersuchsbedin- 
gungen , die das Kennzeichen des eigentlichen Experiments 
ausmacht, unmöglich, sodann sei bei den Hypnotisierten 
die Fähigkeit genauer Selbstbeobachtung, die speziell 
beim psychologischen Experiment unentbehrlich ist, ganz 
aufgehoben oder sehr eingeschränkt. Deshalb könne gar 
nicht daran gedacht werden , aus dem Hypnotismus das 
normale Seelenleben zu erklären, sondern umgekehrt müssten 
die wohlbekannten Thatsachen des normalen Lebens diese 
pathologischen oder doch unter ungewöhnlichen Bedingungen 
entstehenden Erscheinungen aufhellen. 

Yon diesem Gesichtspunkte aus warnt Wundt auch 
vor der Überschätzung des psychologischen Wertes der an 
Tieren und Kindern gemachten Beobachtungen. Denn auch 
hier sei zunächst immer nur eine Summe objektiver Symp- 
tome gegeben, deren psychologische Beurteilung nur „auf 
Grund der mittelst experimenteller Hilfsmittel ausgeführten 
Selbstbeobachtung des reifen Bewusstseins möglich sei" 
(Gr. 352) ; erst in zweiter Linie könne daran gedacht werden, 
aus den so psychologisch analysierten Ergebnissen Rück- 
schlüsse auf die geistige Entwickelung zu ziehen, bei denen 
wir infolgedessen Irrtümern und Missdeutungen sehr leicht 
verfallen . 



Siebentes Kapitel. 
Die Prinzipien der Geisteswissenschaften. 

1. Gegenstand und Aufgabe der Geistes- 
wissenschaften. , 
Die Einteilung der Wissenschaften in die beiden 
Hauptgruppen der Natur- und der Geisteswissenschaften 
erscheint auf den ersten Blick so selbstverständlich, dass 
man es für überflüssig halten könnte, darüber ein Wort zu 
verlieren. Und doch ist es bei näherer Betrachtung durch- 
aus nicht leicht, scharfe Unterschiedsmerkmale zu bezeichnen. 
Immerhin haben die Naturwissenschaften wenigstens in der 
sinnlich wahrnehmbaren Körperwelt ein unzweideutig ge- 
gebenes Objekt, während die geistige Welt, von unseren 
eigenen seelischen Zuständen abgesehen, uns nirgends als 
selbständige und unmittelbar bezeugte Realität entgegen- 
tritt. Wenn trotzdem der gesunde Menschenverstand an 
der Existenz geistiger Zustände und Vorgänge ausserhalb 
des eigenen Bewusstseins nicht zweifelt, so zeigt sich doch, 
dass sie überall an ein körperliches Substrat gebunden 
sind, und die genauere Untersuchung dieses Zusammen- 
hangs liefert den Beweis, dass der Verlauf der geistigen 
Vorgänge zum grofsen Teile durch physische Ursachen 
bestimmt wird. Diese Thatsachen lassen den Zweifel als 
berechtigt erscheinen, ob es überhaupt ein selbständiges 
durch eigene Gesetze beherrschtes geistiges Geschehen 
giebt, und ob nicht vielmehr die sogenannten geistigen 
Erscheinungen nur Bestandteile oder Nebenwirkungen der 
physischen Prozesse sind, in welchem Falle natürlich auch 
der Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften 
vollständig hinwegfällt. Nicht viel anders gestaltet sich 
die Sache, wenn man mit Comte und seiner Schule an- 



König, W Wuiult. 



10 



146 Siebentes Kapitel 

nimmt, class die geistigen Erscheinungen sich von den 
physischen nur durch ihre gröfsere Kompliziertheit unter- 
scheiden. Die Geisteswissenschaften, die hier unter der 
Bezeichnung „Soziologie" zusammengefasst werden, bilden 
nach dieser Auffassung das Schlussglied in der „Hierarchie 
der Wissenschaften", innerhalb deren sich auf Mathematik 
und Mechanik der Reihe nach Physik und Chemie, Biologie 
und Soziologie aufbauen, aber ihre Methoden und Prinzipien 
sind im wesentlichen dieselben wie die der vorangehenden 
naturwissenschaftlichen Disziplinen, insbesondere behält der 
Begriff des Naturgesetzes auch für sie ihre Geltung. 

Indes hat doch weder der Materialismus noch der 
Comtesche Positivismus die Lösung der speziellen ge- 
schichtlichen, sprachwissenschaftlichen, volkswirtschaftlichen 
U.S. W.Aufgaben in nennenswerter Weise zu fördern vermocht. 
Sowenig durch die Yoraussetzung, dass das Bewusstsein 
ein blosser Reflex physiologischer Prozesse im Gehirn ist, 
etwas gewonnen wird für das Verständnis der einzelnen 
Erscheinungen des individuellen Seelenlebens, sowenig 
lassen sich Geschichte, Rechtswissenschaft u. s. w. etwa 
der Biologie als besondere Anwendungsgebiete unterordnen. 
Wie die Vorgänge im Einzelbewusstsein, so sind auch die 
objektiven geistigen Erscheinungen zwar von Natur- 
bedingungen abhängig, aber sie lassen sich doch ihrem 
qualitativen Gehalte nach nicht aus diesen allein ableiten. 
Trotzdem würde der Naturalismus prinzipiell im Rechte 
bleiben, wenn jede Wissenschaft sich notwendig auf eine 
besondere Klasse von Objekten beziehen müsste ; denn da 
es keine reinen Geister giebt, so könnte es hiernach auch 
keine Geisteswissenschaften geben. Dabei wird aber, wie 
Wundt hervorhel)t, völlig verkannt, „dass es in erster 
Tjinie nicht die Verschiedenheit der Objekte, sondern der 
verschiedene Standpunkt der Betrachtung der Thatsachen 
ist, der die Teilung der Wissenschaften bestimmt hat . . . 
Das, was Philologie, Geschichte, Jurisprudenz u. s. w. ver- 
bindet, ist, neben iuideren Merkmalen, die ibnen 



1. Gegenstaiid und Aufgabe der Geisteswissenschaften 147 

allen g-enieinsame psychologische Interpretation, 
und diese ist wieder gemeinsam, weil alle diese Grebiete 
gleich der Psychologie die unmittelbare Erfahrung, nicht 
wie die Naturwissenschaft, die Erfahrung nach Abstraktion 
von dem Subjekt zu ihrem Inhalt haben." (Def. 27.) 
Für die Heranziehung der psychologischen Interpretation 
neben der naturwissenschaftlichen oder, was dasselbe ist, 
für die Anerkennung geistiger Teilinhalte in dem Gesamt- 
komplex der Erfahrungsthatsachen sind aber drei Merk- 
male mafsgebend: die Wertbe Stimmung , die Zweck- 
setzung und die Willensthätigkeit ; insofern aber 
Werte und Zwecke nur unter Voraussetzung von Willens- 
thätigkeiten in Frage kommen können, kann die Scheidung 
der Geistes- und Naturwissenschaften schliefslich auch 
dahin bestimmt werden, „dass die Aufgaben der ersteren 
überall beginnen, wo der Mensch als wollendes und 
denkendes Subjekt ein wesentlicher Faktor der 
Erscheinungen ist, und dass dagegen alle die Er- 
scheinungen, bei denen diese Beziehung zu der geistigen 
Seite des Menschen aufser Betracht bleibt, den Gegenstand 
rein naturwissenschaftlicher Betrachtung bilden''. (L. 11, 2, 18.) 
Diese Grenzbestimmung ist in zweifacher Hinsicht von 
Wichtigkeit. Es werden durch sie ein für allemal die 
Ansprüche jenes Naturalismus zurückgewiesen, der 
auch die geistige Seite der Erscheinungen den allgemeinen 
Prinzipien der Naturkausalität unterordnen zu können 
glaubt, da der Begriff der Willensthätigkeit der Natur- 
wissenschaft durchaus fremd ist; und es wird zugleich der 
Psychologie die Bedeutung einer grundlegenden 
Disziplin zuerkannt, von der alle einzelnen Geistes- 
wissenschaften abhängig sind. 

Letzteres vordient insofern besonders bemerkt zu 
werden, als nach dem Vorgange Comte's vielfach der 
Soziologie für die Mehrzahl der geisteswissenschaftlichen 
Disziplinen eine ähnliche Bedeutung beigelegt wird, wie 
sie die allgemeine Physik für die einzelnen natur- 

10* 



148 Siebentes Kapitel 

wissenschaftlichen Fächer besitzt. Die Soziologie soll die 
allgemeinen Gesetze feststellen, welche das gesellschaftliche 
Zusammenleben der Menschen beherrschen und, insofern 
der Einzelne überall von der gesellschaftlichen Umgebung 
mit abhängt, auch die rein individuellen Bethätigungen 
beeinflussen, und sie soll damit den einzelnen Disziplinen 
Erklärungsprinzipien von universeller Geltung an die Hand 
geben, welche eine einheitliche Verknüpfung scheinbar 
weit auseinanderliegender und zusammenhangsloser That- 
sachen ermöglichen. Gegen diese modische TTeberschätzung 
einer Wissenschaft, welche thatsächlich noch gar nicht 
existiert, ja von deren zukünftigem Inhalte man sich kaum 
eine klare Vorstellung machen kann, verhält sieh Wundt 
durchaus ablehnend. 

Ohne die Existenzberechtigung der Soziologie in dem 
engeren Sinne einer Wissenschaft von der menschlichen 
Gesellschaft zu bestreiten, weist er zunächst darauf hin. 
dass sich die Aufgabe der historischen Wissenschaften 
nur gewaltsam in denselben Rahmen mit hineinzwängen 
lässt; Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften ergänzen 
einander, indem jene den Zusammenhang des sich Ver- 
ändernden, diese die relativ bleibenden Zustände zum 
Gegenstande der Betrachtung machen. Sodann betont er, 
dass die sozialwissenschaftlichen Fragen selbst sich auf 
eine Mehrzahl einzelner empirischer Disziplinen (Völker- 
kunde, Bevölkerungslehre und Staatswissenschaft) verteilen, 
denen gegenüber die allgemeine (philosophische) Soziologie 
„in die nämliche unhaltbare Stellung kommt, wie sie die 
Geschicbtsphilosophie der Universalgeschichte gegenüber 
einnimmt; gerade sowenig wie jene Geschichtsphilosophie, 
die nichts anderes als eine von philoso])hischen Bemerk- 
ungen begleitete Weltgeschichte ist, neben der wirklichen 
Geschichte auf eine selbständige Aufgabe Anspruch machen 
kann, gerade sowenig ist dies bei einer Soziologie der 
Fall, die im einzelnen nichts anders bietet als einen 
Abriss der schon bestehenden allgemeinen Sozialwissen- 



1. Gegenstand und Aufgabe der Geisteswissenschaften 149 

schaften\ (L. II, 2, 446.) Endlich aber, und das ist hier 
die Hauptsache, giebt es nach Wundt besondere, den Natur- 
gesetzen yergleichbare soziologische Gesetze sowenig, 
wie es eigentümliche historische Gesetze giebt. AVenn 
die Aufgaben der Geisteswissenschaften überall da be- 
ginnen, "wo sich menschliche Willensthätigkeit in den 
Erscheinungen wirksam zeigt, so können ihre letzten 
Erklärungsprinzipien keine anderen als psychologische 
sein; irgend welche empirisch festgestellte Gesetzmäfsig- 
keiten, d. h. äufsere Gleichförmigkeiten in Verlauf der 
Vorgänge müssen daher solange weiter analysiert werden, 
bis es gelingt, sie auf bekannte Formen psychischer 
Kausalität zurückzuführen. 

Wenn die Bedeutung der Psychologie als der gemein- 
samen Grundlage aller Geisteswissenschaften, so ein- 
leuchtend sie an und für sich ist, sich doch bei den 
Vertretern der letzteren noch keineswegs allgemeiner An- 
erkennung erfreut, so hat das nach der Ansicht Wundts 
seinen Grund darin, „dass man in der Psychologie bis 
dahin keine sonderliche Hülfe für die besonderen wissen- 
schaftlichen Zwecke glaubte finden zu können, und dass 
man deshalb zwar nicht auf psychologische Begründungen 
verzichtete, aber sich für diese doch mit dem zu behelfen 
suchte, was die allgemeine Lebenserfahrung jedem ohne 
Mühe zur Verfügung stellt^ (L. III, 2, 19). Dazu komme, 
dass die bisherige Psychologie thatsächlich für die Lösung 
psychologischer Probleme „kaum etwas geleistet habe, 
woraus der Einzelforscher auf dem Gebiete der Geistes- 
wissenschaften hätte Nutzen ziehen kr.nnen\ Je mehr 
aber die Psychologie sich aus ihrer falschen Verbindung 
mit der Philosophie und Metaphysik lösen und zu einer 
selbständigen AVissenschaft entwickeln werde, um so besser 
werde sie auch im stände sein, den speziellen Geistes- 
wissenschaften wirkliche Dienste zu leisten. In der That 
hat Wun.lt selbst in seiner Logik der Geisteswissenschaften 
gezeigt, wie num hier ühwaW bei Verfolgung der speziellen 



150 Siebentes Kapitel 

Probleme auf allgemeine psychologische Fragen geführt 
wird, und wie sehr schon bei dem heutigen Stande der 
Forschung die Heranziehung psychologischer riesichts- 
punkte geeignet ist, unsere Vorstellungen über die ^lethoden 
und Ziele der einzelnen Geisteswissenschaften zu klären. 
Trug schon die ^Logik" viel dazu bei, die Einsicht in die 
Unentbehrlichkeit der Psychologie bei den Einzelforschern 
zur Geltung zu bringen, wofür u. a. Eist er s „Prinzipien 
der Litteratur Wissenschaft" einen Beweis bilden, so werden 
erst recht die eingehenden Untersuchungen der „Völker- 
psychologie" alle noch Zweifelnden überzeugen, wie viel 
fruchtbarer die Bearbeitung der betreffenden Probleme sich 
gestaltet, wenn sie sich auf gewisse allgemeine psycholo- 
gische Ergebnisse stützen kann, und man darf wohl er- 
warten, dass in Zukunft auch auf anderen Forschungs- 
gebieten eine engere Fühlung mit der Psychologie gesucht 
werden wird. 



2. Die gegensätzlichen Richtungen innerhalb 
der einzelnen Geisteswissenschaften. 
Den unmittelbarsten Hinweis auf die Psychologie als 
die gemeinsame Grundlage aller Geisteswissenschaften ent- 
hält ein Prinzip, von dem wir schon im gewöhnlichen Leben 
uns bei der Auffassung und Beurteilung geistiger Lebens- 
äufserungen aufserhalb unseres Bewusstseins instinktiv leiten 
lassen, und das Wundt als ,,das Prinzip der subjektiven 
Beurteilung" bezeichnet. „Wo inmier wir Erscheinungen 
aufeer uns wahrnehmen, die wir mit geistigen Vorgängen, 
welche den in uns erlebten ähnlich sind, in Verbindung 
bringen, da ist an und für sich das eigene innere Erlebnis 
der nächste Mafsstab der Beurteilung" (L. IL, 2,28), aber erst 
in der Wissenschaft gestaltet sich das „Hineinversetzen des 
Subjektes in di(> Objekte" zur planmäfsig und bewusst ge- 
übten Methode. So beruht das Verständnis geistiger 
Erzeugnisse irgend welcher Art ganz und gar darauf, dass 



2. Die gegensätzlichen Richtungen etc. 151 

wir die Yorstellungen und Absichten des Urhebers in uns 
reproduzieren; so sucht der Historiker sich in den Seelen- 
zustand der fi-eschichtlichen Persönlichkeiten hineinzuver- 
setzen, um daraus ihre Handhingen zu erklären, so sucht 
endlich der jMytholog- und Ethnolog sich eine Vorstellung- 
von den die Menschen einer vergangenen Zeit bewegenden 
Motiven zu machen, um die Entstehung der mythologischen 
Ideen und der Sitten zu begreifen. 

Dabei liegt niin aber die (Tef'ahr nahe nach zwei 
Seiten hin einer einseitigen Auffassung der Dinge zu ver- 
fallen. Indem wir ,,die bei der subjektiven Beurteilung 
stattfindende Geistesthätigkeit auf die zu beurteilenden 
Erscheinungen übertragen", entsteht die Neigung zu einer 
einseitig inteUektua listischen (rationalistischen) Er- 
klärung der geistigen Vorgänge. Sittlichkeit, Recht, Religion 
werden vom Rationalismus als ,, Erzeugnisse von Zweck- 
mäfsigkeitserwägungen" aufgefasst, weil wir in ihnen Zweck- 
mäfsigkeit finden; und der Historiker sieht oft als Produkt 
planmäfsiger Absicht an, was in AVirklichkeit nur teilweise 
aus logischer Reflexion, zumeist aber aus zusammengesetzten, 
die mannigfachsten Gefühlselemente in sich schliefsenden 
Motiven hervorging. Andererseits entspringt aus der Nicht- 
beachtung „der mit den geschichtlichen Bedingungen 
wechselnden Eigenschaften der ^lenschen" die unge- 
s c h i c h 1 1 i c h e Betrachtungsweise der Zeiten und 
Individuen, die an das Vergangene und Entlegene den 
Mafsstab der riegenwart und der Umgebung anlegt. 

Somit erfordert das Prinzip der subjektiven Beurteilung 
eine Ergänzung durch ein anderes, das freilich ebensogut 
einseitig übertrieben werden kann : ..Das P r i n z i p d e r 
Abhängigkeit von der geistigen rmgebung". 
Verlangte jenes ein Hineinversetzen des urteilendiMi Sub- 
jekts in eine unthn-e handelnde Pei'scinlichkeit, ,,so fordert 
dieses, bei den Einzelnen und ihren Schöpfungen solle vor 
allen Dingen nach dem geistigen .Medium gefragt werden, 
das sie umgiebt, um so viel als m<)glicli ans (1(mi Ein- 



152 Siebeutes Kapitel 

iiüssen dieses [Mediums alles Geschehen verstehen zu 
lernen" (L. II., 2,34). Indem dann daneben noch den 
Naturbedingung-en eine mehr oder weniger tiefe Einwir- 
kung auf die geistigen Yorgänge zugeschrieben wird, ent- 
steht jene Milieu-Theorie, die z. B. an Taine einen so 
scharfsinnigen Vertreter gefunden hat. 

Hier verknüpft sich aber mit dem Gegensatz jener 
beiden Prinzipien zugleich noch ein anderer, nicht minder 
bedeutsamer. Während die Methode der subjektiven Be- 
urteilung die Neigung begünstigt, „objektiv gegebene 
geistige Yorgänge und Erzeugnisse durchgehends auf be- 
stimmte Einzelpersönlichkeiten zurückzuführen", lässt die 
vorwiegende Berücksichtigung der Einflüsse der Umgebung 
die Individuen ganz zurücktreten und als Yollbringer von 
Handlungen erscheinen, die auch ohne sie hätten geschehen 
müssen. So ergeben sich zwei diametral entgegengesetzte Auf- 
fassungsweisen der Erscheinungen, die auf fast allen einzelnen 
Gebieten der geisteswissenschaftlichen Forschung mit ein- 
ander im Streite liegen, und von denen jede den Anspruch 
erhebt, den wirklichen Zusammenhang der Dinge unver- 
fälscht wiederzugeben. Nach der einen, der individu- 
alistischen, entspringen alle objektiv beobachtbaren 
geistigen Wirkungen aus der Wechselwirkung der Indi- 
viduen, neben denen alle anderen Einflüsse nur eine 
sekundäre Bedeutung haben sollen; die Geschichte wird 
gemacht von einzelnen hervorragenden Persönlichkeiten, 
Staat, Gesellschaft, Eecht und Sittlichkeit haben ihren 
Grund in der Interessengemeinschaft und dem übereinstim- 
menden Wollen vieler Einzelnen. Nach der entgegen- 
gesetzten Ansicht ist das Individuum nur Tiäger und 
Vermittler von Wirkungen, deren eigentliche Ursachen 
überindividueller Natur sind, und entweder (von materia- 
listisch gefärbten Theorien) in den äufseren Daseinsbeding- 
ungen oder (von idealistisch gefärbten) in übergreifenden 
geistigen Mächten gesucht werden. 

Obwohl nun AVundt weit davon entfernt ist, mit den 



2. Die gegensätzlichen Richtungen etc. 153 

extremen Yertretern dieser letzteren Anschauungsweise den 
Individuen jeden bestimmenden Einfluss auf die Gestaltung 
der Dinge abzusprechen, so richtet sich doch seine Kritik 
vorwiegend gegen die Ansprüche des Individualismus, der 
im letzten Halbjahrhundert die Geister fast ausschliesslich 
beherrscht und nicht nur den wissenschaftlichen Theorien, 
sondern auch der allgemeinen Welt- und Lebensanschauung 
des Zeitalters seinen Stempel aufgedrückt hat. In der 
That hat ja nun der Individualismus, wie Wundt zugesteht, 
darin Recht, dass die äusseren Daseinsbedingungen immer 
nur durch das Medium der Individualität hindurch wirk- 
sam werden, und dass auch die geistige Umgebung des 
Einzelnen in eine Summe individueller Persönlichkeiten zer- 
fällt, dass also „alles Thun und Denken der Einzelnen, 
auch da wo sie selbst von aussen bestimmt sind, doch immer 
wieder auf Einzelne zurückführt". Aber er übersieht, dass 
die von aussen kommenden geistigen Einflüsse sich häufig 
nicht auf bestinnnte einzelne Persönlichkeiten zurückführen 
lassen; Sprache, Sitte und (rlaube bilden um jeden Menschen 
eine geistige Atmosphäre, die wir vergebens versuchen 
würden, in eine Sunune individueller Einwirkungen auf- 
zulösen. Er übersieht weiter, „dass die Lebensvorgänge 
und Erzeugnisse der Gemeinschaften Eigenschaften besitzen, 
die auf das Engste an ein organisches Zusammenwirken 
einer Vielheit Einzelner geknüpft und infolge dieser Ge- 
bundenheit an die Gemeinschaft Entwickelungsgesetzen 
unterworfen sind, die in erster Linie von dem Leben und 
den Lebensschicksalen der Gesamtheit und nur in ver- 
schwindender Weise von dem Eingreifen bestimmter Indi- 
viduen abhängen". (L. 11, 2, 39.) Richtig betrachtet stellt 
sich also das Verhältnis dos Individuums zur Gesamtheit 
als ein solches der Wechsclbestimmung dar. Die einzelne 
Persönlichkeit ist „in erster Linie Wirkung und Ausdruck 
ihrer Zeit"; aber indem sie auf (irund der von aussen 
empfangenen Anregungen eine selbständige Entwickelung 
durchmacht, entstehen in ihr „neue Kräfte, die auf die 



154 Siebentes Kapitel 

geistige Umgebimg verändernd zurückwirken". (Ij. IT, 
2, 381.) 

Zur vollständigen Widerlegung des individualistischen 
Vorurteils ist es freilich nötig, den tieferen Wurzeln dieser 
Anschauungsweise nachzuspüren. Diese aber liegen in der 
Annahme, dass nur die individuelle Persönlichkeit reell ist. 
Der Materialismus, der das physische Individuum zugleich 
als den Träger der geistigen Erscheinungen betrachtet, 
und der Spiritualismus, der sich die geistigen Erscheinungen 
an eine Yielheit immaterieller Seelenwesen gebunden denkt, 
führen daher beide mit gleicher Notwendigkeit zum Indi- 
vidualismus. Nimmt man dagegen im Sinne des Wundt- 
schen Aktualitätsprinzips (S. 101) an, dass das Wesen der 
Seele in dem unmittelbar erfahrenen Zusammenhange der 
geistigen Erlebnisse bestehe, so hindert nichts, die geistige 
Gemeinschaft vieler Einzelnen ebenso wie die einzelne 
Persönlichkeit als „ein reales Ganzes von selbständigem 
Werte" aufzufassen; nur stellt sie „einen Zusammenhang 
höherer ( )rdnung dar, indem sich in ihr nicht individuelle 
Erlebnisse, sondern Individuen mit bestimmten ihnen ge- 
meinsamen und zugleich in Wechselwirkung stehenden 
psychischen Inhalten zu komplexeren Einheiten verbinden "" 
(L. II, 2. 508). Hierdurch gewinnt die aktualistische Auf- 
fassung des Psychischen, die wir bisher nur als theoretische 
Lehrmeinung kennen lernten, zugleich eine hervorragend 
praktische Bedeutung, indem sie das Hilfsmittel bietet, um 
die individualistischen Lehren von Gesellschaftsvertrag, von 
dem allem positiven Recht vorausgehenden und daher überall 
wiederherzustellenden Naturrecht, von der unbeschränkten 
Selbstregulierung der individuellen Interessen u. s. w. zu 
widerlegen und den immer mehr durchdringenden Grund- 
satz, „dass der Einzelne ebensowohl ein Werkzeug zur Vol- 
lendung der Gemeinschaftszwecke, wie die Gemeinschaft 
für den Einzelnen ein Hilfsmittel zur Erreichung seiner 
individuellen Zweck sei", wissenschaftlich zu legitimieren. 

(xerade so wie in der Naturwissenschaft besteht end- 



2. Die gegensätzlichen Richtungen etc. 155 

lieh auch in den Creisteswissenschaften ein gewisser Gegen- 
satz zwischen kausaler und teleologischer Betrachtungs- 
weise. Erscheint die Anwendung des Zweckbegriffes hier 
insofern prinzipiell berechtigt, als die geistigen Vorgänge 
durchweg auf menschlicher Willensthätigkeit beruhen, so 
wird doch dadurch die kausale Deutung nicht ausgeschlossen, 
da ja das Wollen selbst ein besonderer Fall psychischer 
Kausalität ist, direkt gefordert aber wird sie durch die 
Thatsache, dass die objektiven Erfolge, menschlicher Zweck- 
thätigkeit immer zugleich von äusseren Umständen mit- 
bestimmt werden. 

Demgemäfs hat denn auch die kausale Betrachtungs- 
weise zuerst in den Gesellschaftswissenschaften ein ent- 
schiedenes Übergewicht über die teleologische erlangt, weil 
hier die Einflüsse, die von dem Zusammenwirken einer 
grofsen Zahl von Persönlichkeiten sowie von den Natur- 
bedingungen des menschlichen Daseins ausgehen, am klarsten 
zu Tage treten. „Sie verfällt aber infolge der vorwiegenden 
Rücksicht auf die materiellen Existenzbedingungen ihrer- 
seits leicht in ein Extrem, indem sie, unterstützt durch den 
gleichzeitig verbreiteten psychologischen Materialismus, das 
menschliche Dasein in allen seinen Formen blofs als eine 
verwickeitere Gestaltung der allgemeinen Naturkausalität 
auffasst". (L. II, 2, 50.) Umgekehrt ist die Geschichte von 
jeher das Hauptanwendungsgebiet des Zweckbegriffes ge- 
wesen, wenn auch der Charakter der historischen Teleologie 
im Laufe der Zeit wesentliche Änderungen erfahren hat. 
So trat an Stelle der transcendenten Teleologie, die ein 
aufserbalb des geschichtlichen l*rozesses gelegenes Ziel der 
Entwickelung annimmt, /uniichst (z. B. in der Geschichts- 
philosophie Herders) die A'orsteüung eines dem Entwickelungs- 
prozess seihst immanenten Zieles, welche dann durcii die 
von Hegel hinzugefügte Forderung, dass die treibenden 
Kräfte des geschichtlichen Thebens in den einzelnen konkreten 
Erscheinungen selbst zu suchen seien, sich noch mehr der 
kausalen Betrachtunü-sweise näherte. Ganz zu heseitigen 



256 Siebentes Kapitel 

ist aber auf diesem Gebiete die teleologische Beurteilung- 
nie, „weil jeder historische Zusammenhang die Frage nach 
den erreichten oder noch zu erreichenden Zwecken heraus- 
fordert, hinter einer Summe einzelner Zwecke aber stets 
mindestens ein relativ letztes Ziel angenommen werden 
muss, auf das die Entwickelung ausgeht". (Ij, II, 2, 422.) 
Genauer betrachtet hat also der Zweckbegriff der Geschichte 
einen doppelten Inhalt. „Zunächst trägt jede geschicht- 
liche Erscheinung ihren Wert in sich selber. Wie ein 
croo-ebener staatlicher, wirtschaftlicher und o-eistiger Zustand 
aus unmittelbar vorhandenen Bedürfnissen entspringt imd 
die nämlichen Bedürfnisse zu befriedigen sucht, so ist auch 
jedes Volk, jeder Staat, die Kultur jeder Geschichtsepoche 
um ihrer selbst willen da." Aber diese nächste Zweck- 
auffassung führt doch mit Notwendigkeit zu einer weiteren, 
sobald man nur zugiebt, ,,dass jeder geschichtliche Zustand 
Produkt einer Entwickelung sei und seinerseits wieder zur 
Grundlage anderer aus ihm hervorgehender Entwickelungen 
werde"; denn dann erscheint jede vorangegangene Eut- 
wickelungsstufe zugleich als ein Mittel zur Erreichung der 
folgenden, imd die Frage, ob es einen Fortschritt in der 
Geschichte gebe, gewinnt einen bestimmten Sinn, indem 
sie mit der anderen zusammenfällt, „ob die Errungen- 
schaften der vorangegangenen Kulturstufen eine fortwirkende 
Kraft bewähren, und ob daher der Inhalt der geschicht- 
lichen Erwerbungen zunimmt oder nicht''. (L. II, 2, 428 ff.) 

:-5. Der Begriff des Gesetzes in Avw ({ oisteswisseu- 

schaften. 
Unter den Prinzipienfragen der geisteswissenschaft- 
lichen Forschung, die in den letzten Jahrzehnten von Fach- 
leuten und Logikern erörtert worden sind, nimmt die Frage, 
ob in der Sprachwissenschaft, den Gesellschaftswissenschaften, 
der (ieschichte ebenso wie in den Naturwissenschaften von 
Gesetzen gesprochen werden könne, einen hervorragenden 



3. Der Begriff des Gesetzes etc. 157 

Platz ein. Die Antworten sind freilich zum Teil ganz 
entgegengesetzt ausgefallen. Während die A^ertreter einer 
mehr naturalistischen Auffassung der geistigen Erscheinungen 
es als selbstverständlich hinstellen, dass es auch auf den 
genannten Gebieten möglich sein müsse, die Fülle des 
thatsächlichen Materials einer kleineren oder grösseren 
Zahl allgemeiner Gesetze unterzuordnen, wird dies von 
anderer Seite unter Hinweis auf die an keine Regel ge- 
bundene Freiheit des menschlichen Willens, sowie auf den 
singulären Charakter der geistigen Yorgänge, welche sich 
niemals in gleicher Form wiederholen, schlechtweg l)estritten. 
Soll hier Klarheit geschaffen werden, so ist es vor 
allen Dingen nötig, den Begriff des Gesetzes etwas genauer 
zu bestimmen, als dies gewöhnlich geschieht. Dazu gehören 
aber, wie Wundt ausführt, drei Merkmale. Um von einem 
Gesetz reden zu können, muss „ein regelmäfsiger Zusammen- 
hang logisch selbständiger Thatsachen" gegeben sein; dieser 
Zusammenhang muss ferner „direkt oder indirekt auf ein 
kausales oder ein logisches Yerhältnis hinweisen", endlieh 
soll ein Gesetz „nicht blofs zusammenfassen, was thatsächlich 
gegeben ist, sondern es soll auch die entsprechende Zu- 
sammenfassung künftig zu beobachtender Thatsachen er- 
möglichen". (L. II, 2, 133.) Bei Anwendung dieser 
Kriterien ergiebt sich nun sofort, dass viele sogenannte 
Gesetze diesen Namen in keiner Weise verdienen. So ist 
die Annahme der regelmälsigen Aufeinanderfolge bestimmter 
Entwickelungsstufen in der Geschichte, wie sie bei Hegel, 
Comte und Spencer auftritt, Ergebnis einer rein spekulativen 
Konstruktion, nicht Ausdruck eines erfahrungsmälsig ge- 
o-ebenen regelmäfsigen Zusammenhangs der Erscheinungen, 
während ein grofser Teil der „statistischen Gesetze" (z. B. 
die Gesetze von der Konstanz der Geburts- und Sterblich- 
keitsziffern) nur den Wert von Beschreibungen haben, da 
es sieb bei ihnen nicht um einen Zusannrienhang zwischen 
logisch selbständigen, unterscheidl.arcn Thatsachen 
handelt. Trotzdem kann die Möglichkeit auch im Gebiete 



158 Siebeutes Kapitel 

der Geisteswissenschaften zu Gesetzen zu gelangen, nicht 
bestritten werden, wofür schon der Umstand, dass die 
Sprachwissenschaft und die Wirtschaftstheorie thatsächlich 
solche besitzen, einen hinlänglichen Beweis liefert. „Jene 
kennt eine Anzahl von Gesetzen des Laut- zum Teil auch 
des Bedeutungswandels, diese stellt für die wichtigsten 
Zusammenhänge der Faktoren des wirtschaftlichen Verkehrs, 
wie Preis, Angebot und Nachfrage, Einkommen, Kapitali- 
sierung und Kredit allgemeine Gesetze fest, die, wenn sie 
auch in dem wirklichen Verkehr der 3Ienschen selten rein 
in der von der Theorie geforderten Weise zutreffen, doch 
zweifellos insoweit gelten, als die gemachten Voraussetzungen 
gültig sind." (L. II, 2, 137.) 

Allein, und hierin liegt der Schwerpunkt der Wundt- 
schen Untersuchung, zwischen allen dergleichen Gesetzen 
und den Naturgesetzen besteht doch in zweifacher Hinsicht 
ein wesentlicher Unterschied. Zunächst besitzt keines von 
ihnen eine ausnahmslose Giltigkeit. Dies ist nun zwar 
ebenso der Fall bei den „empirischen Gesetzen" der Natur- 
wissenschaften, d. h. denjenigen Regelmäfsigkeiten, die ein 
bestimmtes Zusammentreff'en von einander unabhängiger 
Umstände zur Voraussetzung haben; aber hier lassen sich 
doch die „störenden" Einwirkungen ihrerseits wieder auf 
allgemeine Gesetze zurückführen, wogegen „auf geistigem 
(Tcbiete die Wirkung von Gesetzen nicht blofs durch andere 
Gesetze, sondern auch durch singulare Einflüsse gestört 
oder aufgehoben werden kann." Am augenfälligsten zeigt 
sich dies bei den sozialen Massenerscheinungen, deren 
Gesetzmäfsigkeit überhaupt erst zu Tage tritt, wenn durch 
Zusammenfassung einer grossen Anzahl von Fällen die 
singulären , jeder Regel spottenden Einflüsse eliminiert 
werden. Der störende Faktor ist eben hier wie überall die nach 
individuellen Motiven handelnde menschliche Persönlichkeit, 
deren Verhalten zwar psychologisch erklärlich, aber nicht 
auf allgemeine Gesetze zurückführbar ist. Das zweite 
Unterschiedsmerkmal liegt darin, dass die sprachlichen. 



3. Der Begriff des Gesetzes etc. 159 

geschichtlichen und sozialen Gesetze durchgehends nur 
empirische sind. Es giebt „keine spezifisch historischen 
Prinzipien, die eine weiter zurückgehende Begründung und 
Deutung nicht zuliefsen", wie dies bei den Grundgesetzen 
der Naturwissenschaft der Fall ist, sondern die geschicht- 
lichen Gesetze „können nur Anwendungen der allgemeinen 
psychologischen Prinzipien auf die besonderen Bedingungen 
der geschichtlichen Entwickelung sein". (L. IT, 2, 385.) 
Ebenso ist die kausale Deutung der empirischen Sozial- 
gesetze „niemals aus ihnen selbst zu gewinnen, sondern 
aus psychologischen, historischen und, wenn es sich um die 
physische Seite des Menschen handelt, aus physiologischen 
und physikalischen Thatsachen". (L. II, 2, 473). Das 
Gleiche gilt endlich auch, wie unmittelbar einleuchtet, von 
den Sprachgesetzen. 

So weisen also auch an diesem Punkte die Geistes- 
wissenschaften auf die Psychologie als ihre Grundlage hin: 
allgemeingiltige Gesetze kann es in ihnen nur insoweit 
geben, als in den Erscheinungen ,, psychologische Motive 
von ganz allgemeingültiger Art" wirksam sind. In diesem 
Sinne glaubt Wundt speziell für die geschichtlichen und 
sozialen Vorgänge und Zustände je drei den fundamentalen 
psychologischen Gesetzen korrespondierende ,, Beziehungs- 
gesetze" aufstellen zu kr)nnen, die er als die Gesetze 
der historischen (sozialen) Resultanten, Relationen und 
Kontraste bezeichnet. Nach dem ersten ist „jeder einzelne 
in einen engeren oder umfassenderen Begriff zu verbindende 
Inhalt der Geschichte die resultierende Wirkung aus einer 
Mehrheit geschichtlicher Bedingungen, mit denen er derart 
zusammenhängt, <lass in ihm die (qualitative Natur jeder 
einzelnen Bedingung nachwirkt, während er doch zugleich 
einen neuen und einheitlichen Charakter besitzt''. Das 
zweite bringt die Thatsache zum Ausdruck, ,,dass jeder 
geschichtliche Inhalt, der den Charakter eines zusammen- 
gesetzten, aber vermöge irgend welcher geistigen Beziehungen 
einheitlichen Ganzen hat, aus Faktoren von verwandtem 



160 Siebentes Kapitel 

geistigen Charakter besteht"; das dritte endlich besagt, 
dass „namentlich in solchen Fällen, wo eine bestimmte 
historische Tendenz einen unter den obwaltenden Bedingungen 
und bei den vorhandenen Anlagen nicht weiter überschreit- 
baren Höhepunkt erreicht hat, nun die in der gleichen 
Richtung fortwirkende Kraft entgegengesetzte Strebungen 
wach ruft". (L. II, 2. 408 ff.) 



Achtes Kapitel. 
Die Metaphysik. 

1. Das Wesen der Yernunfterkenntnis. 
Dem Yerstande und seinen Begriffen stellt Wundt in 
Anlehnung an die Terminologie Kants die Vernunft mit 
ihren Ideen gegenüber. Sache des Yerstaudes ist es, die 
Erfahrungsthatsachen, nötigenfalls nach Vornahme etwa 
erforderlicher Berichtigungen, in einen widerspruchslosen 
Zusammenhang zu bringen und so die Welt zu ,, begreifen"; 
Sache der Vernunft, diesen Zusammenhang zu einem ab- 
geschlossenen System von Gründen und Folgen zu ergänzen 
und so die Welt zu ,, ergründen". Zeigt sich auch in diesen 
Bestimmungen noch eine nahe Übereinstimmung mit Kant, 
so gehen doch die Anschauungen beider Denker über Wesen 
und Wert der Vernunfterkenntnis weit auseinander. Vor 
allem sind bei Wundt Verstand und Vernunft nicht spezifisch 
verschiedene Vermögen, sondern nur verschiedene An- 
wendungsformen oder Stufen der ihrem Wesen nach sich 
immer gleich bleibenden Erkenntnisthätigkeit. Alles Er- 
kennen ist, wie wir gesehen haben (S. 64), ein 
Verknüpfen von Daten nach dem Prinzipe des Grundes. 
Solange nun Grund und Folge beide dem Bereiche der 
Erfahrung angehören, bewegen wir uns auf dem Boden 
der Verstandeserkenntnis, sobald dagegen zu einem Ge- 
gebenen die Gründe aufserhalb der Erfahrung gesucht 
werden, erheben wir uns auf die Stufe der Veruunft- 
erkenntnis. Der Übergang: von der einen zur andern ist 
also ein stetiger und zugleich ein für das DenkcMi un- 
vermeidlicher. Denn „da der Inhalt unserer Erfahrung 
stets ein begrenzter ist, so bleibt der Fortschritt von 

König, W. WniKlt. 11 



162 Achtes Kapitel 

Gründeil zu Folgen und der Rückgang von Folgen zu 
Gründen so lange gleichfalls ein beschränkter, als er nur 
gegebene Erfahrungen in Verbindung setzt". Da nun aber 
die Forderung der Allgeineingültigkeit des Satzes Yom Grunde 
seine Anwendung auf alle möglichen Erfahrungen, nicht 
blofs auf. die wirklich vollzogenen in sich schliefst, so wird 
jener Fortschritt zu einem unbegrenzten, indem für unser 
Denken die Nötigung entsteht, „jedesmal für gewisse An- 
fangs- und Endpunkte der Erfahrungsreihen die zugehörigen 
Glieder aufserhalb der wirklichen Erfahrung zu suchen." 
(S. 180.) Hieraus folgt zugleich, dass die Vernunft nicht, 
wie Kant annimmt, ein Wirkliches höherer Art, das Über- 
sinnliche oder die Dinge an sich zum Objekte hat, sondern 
dass ihr Gegenstand derselbe ist wie derjenige der Ver- 
standeserkenntnis, nämlich die empirische AVirklichkeit; erst 
recht aber muss vom Gesichtspunkte Wundts die Verquickung 
der Vernunftideen mit den Postulaten der Unsterblichkeit 
der Seele, der Freiheit des Willens und der Existenz Gottes 
verworfen werden, da es sich bei diesen um religiöse 
Forderungen handelt, die mit dem Fortschritte der Vernunft 
über die Grenzen gegebener Erfahrung nur äufseiiich und 
nachträglich in Verbindung gebracht werden können. 

Besteht so zwischen Verstandesbegriffen und Ideen 
keine unübersteigbare Scheidewand, so gilt das Gleiche 
auch von den Eifahrungswissenschaften und der Meta- 
physik. Gehen doch die ersteren schon ihrerseits in 
mannigfacher Weise über den unmittelbaren Thatbestand 
der Erfahrung hinaus, indem sie demselben hypothetische 
Annahmen über das Substrat der Erscheinungen hinzufügen; 
und man kann deshalb eher fragen, ob es überhaupt einen 
Sinn hat, die Metaphysik den Erfahruugswissonschaften als 
ein selbständiges Gebiet gegenüberzustellen. In der That ist 
gegen Wundt das Bedenken geltend gemacht worden, dass 
seine Definition der Metaphysik zu einer Alternative führe, 
deren beide Seiten für das Schicksal dieser Wissenschaft 
gleich verhängnisvoll seien. Falls sie nämlich ein System 



1. Das Wesen der Vernunfterkenntnis 163 

wissenschaftlich begründeter Erkenntnisse sein solle, könne 
sie nur durch die empirischen Einzelwissenschaften und auf 
Kosten derselben bestehen ; wolle sie aber eine unabhängige 
Stellung neben und über diesen einnehmen, so könne sie 
nichts anderes bieten als eine Summe mehr oder minder 
willkürlicher Meinungen; denn soweit es überhaupt möglich 
sei, mit irgend einem Grade wissenschaftlicher Gewissheit 
von dem Gegebenen auf nicht Gegebenes zu schliefsen, 
geschehe dies schon innerhalb der Ejnzelwissenschaften, 
überall da aber, wo für derartige Schlüsse keine genügenden 
Anhaltspunkte gegeben seien, höre auch die Möglichkeit 
wissenschaftlicher Feststellungen auf. 

Dem gegenüber leitet Wundt die Existenzberechtigung 
der Metaphysik aus dem Einheitsbedürfnis der Vernunft 
ab: „es ist widersprechend sich der Verbindung des Ein- 
zelnen nach Gründen und Folgen zu überlassen und gleich- 
zeitig die notwendige Voraussetzung, die in dieser Verbindung 
durch das Denken liegt, dass nämlich eine Totalität von 
Gründen und Folgen angenommen werden müsse, zu der 
jede einzelne Verknüpfung als besonderer Teil gehöre, von 
sich abzuweisen." (S. 364.) Die empirischen Einzelwissen- 
schaften gelangen nun niemals zu einer solchen Totalität. 
Wie weit sie auch in der Ergänzung des Erfahrungsinhaltes 
fortschreiten mögen, so wird doch, sofern sie sich auf die 
durch die Erfahrungsthatsachen geforderten und daher mehr 
oder weniger sicheren Schlüsse beschränken, „der Punkt 
des Übergangs zu ausserhalb der Erfahrung gelegenen 
Gründen und Folgen immer nur weiter hinausgerückt, 
niemals kann derseU)e ganz beseitigt werden." (S. 181.) Es 
sei also ein Gebiet „bleibender Hypothesen" anzu- 
erkennen, dessen Ausgestaltung eben Sache der Metaphysik 
sei. Der hypothetische (Charakter aller ihrer Aussagen 
mache sie aber noch nicht zu einer blofsen Begriffsdichtung, 
denn es bleibe für die metaphysischen Voraussetzungen das 
Kriterium bestehen, dass sie mit keinem Bestandteil der 
realen Erkenntnis in Widerstreit geraten dürfen, sondern 

11* 



164 Achtes Kapitel 

sich „als die für unsere jeweilige Erkenntnisstiife ange- 
messenen, dem Einheitsbedürfnisse der Vernunft am besten 
entsprechenden Annahmen erweisen lassen müssen". 

In Übereinstimmung mit den meisten Metaphysikern 
unterscheidet nun Wundt drei Gebiete transcendenter Be- 
grifFsbildungen (Ideen). Indem wir einerseits die Totalität 
aller möglichen äusseren, andererseits diejenige aller mög- 
lichen inneren Erfahrungen in einen einheitlichen Zu- 
sammenhang zu bringen suchen, ergeben sich die kos- 
mologischen und die psychologischen Ideen; indem 
wir endlich einen einheitlichen Grund der äusseren und 
der inneren Erfahrung postulieren, gelangen wir zu den 
ontologischen Ideen. In jedem der drei Gebiete sind 
aber wieder zwei Arten des Fortschritts vom Gegebenen 
zum Nichtgegebenen denkbar, der eine führt zu der Idee 
einer unendlichen Totalität („universeller Regressus"), der 
andere zu der einer absolut unteilbaren Einheit („indi- 
vidueller Regressus"). Ihrem Inhalte nach zerfallen ausser- 
dem die Ideen in „reale" und „imaginäre", je nachdem 
sie sich von den entsprechenden empirischen Begriffen nur 
quantitativ oder auch qualitativ unterscheiden. 



2. Die kosmologischen Ideen 
mögen nur ganz flüchtig berührt werden. Die Stellung- 
unseres Philosophen zu den hier vorliegenden Fragen 
ist wesentlich durch die Erwägung bestimmt, dass die 
unendliche Ausdehnung und ebenso die unendliche Teil- 
barkeit des Raumes und der Zeit nicht notwendig auch 
auf die Materie und das reale Geschehen übertragen werden 
muss. Hinsichtlich der Idee des Weltganzen bestreitet 
er daher die Behauptung Kants, dass sich die räumliche 
und zeitliche Unendlichkeit des Alls mit ebenso guten 
Gründen beweisen lasse wie seine Endlichkeit, und dass 
also die Yernunft sich selbst in eine Antinomie ver- 
wickele. In Wahrheit habe vielmehr jede der beiden 



2. Die kosmologischeu Ideen lß5 

Vorstellungsweisen ihre Berechtigung, weil jede eine For- 
derung der Vernunft zum Ausdruck bringe. Alle Ver- 
knüpfung des Einzelnen ist von der Idee des endlosen 
Fortschritts beherrscht, aber diese Idee für sich allein 
„würde unsere Synthese des Einzelnen niemals zur Ruhe 
bringen'', ihre notwendige Ergänzung bildet daher der Ge- 
danke der (unendlichen) alles Einzelne umfassenden To- 
talität. 

Ebenso verhält es sich auch mit den Ansichten über 
die letzten wirksamen Elemente der Materie und den 
Zusammenhang der Naturvorgänge. „Unsere Voraussetzungen 
über das materielle Substrat der Naturerscheinungen sind 
im selben ^lafse unvollendbar, als die Naturerfahrung selbst 
unvoUendbar ist" (S. 351), es eröffnet sich also auch hier 
ein endloser Fortschritt, nur mit dem unterschiede, dass 
der Fortschritt in Raum und Zeit stetig jede gegebene 
Grrenze überschreitet, während die Hypothesen über Materie 
und Naturkausalität jeweilig bei bestimmten Grenzbegriffen 
stehen bleiben, ohne sie freilich endgiltig festhalten zu 
können. Im ersten Falle überwiegt also die Idee des end- 
losen Fortschritts, im zweiten die der abgeschlossenen To- 
talität, und unser Begriff des Universums, in dem sich beide 
Gesichtspunkte verbinden, „schwebt daher stets hin und 
her zwischen der Idee eines Unendlichen und der eines 
Endlichen, das aber nur eine relative Grenze unseres 
Denkens bezeichnet. Zu der ersteren werden wir gedrängt, 
sobald wir die Welt als eine quantitative Einheit denken, 
bei der wir nur die formale Ordnung des Gegebenen be- 
rücksichtigen, die zweite steht im Vordergründe, sobald 
wir die Welt als ein qualitatives System mannigfacher sub- 
stanzieller und kausaler Elemente ins Auge fassen". (S. 359.) 



3. Die psychologischen Ideen. 
Den Fragen nach den letzten Pjlementen der Materie 
und nach dem materiellen Weltgan/,(>n entsprechen auf 



166 Achtes Kapitel 

psychologischem Gebiete diejenigen nach der individuellen 
Seeleneinheit und nach dem geistigen Kosmos, d. h. der 
Gesamtheit der geistigen Einheiten, mit denen erfahrungs- 
gemäfs das Denken und Wollen des Einzelnen im Zusammen- 
hang steht. Während aber dort der Begriff der 3Iaterie 
schon zum Zwecke der verstandesmäfsigen Erklärung der 
Thatsachen unentbehrlich ist und erst dann den Charakter 
einer (transcendenten) Idee annimmt, wenn eine endgültige 
Bestimmung des Wesens der Materie versucht wird, ist die 
Idee der Seele von vornherein und ausschliefslich Produkt 
eines ins Transcendente hinübergreifenden Gedankenprozesses, 
da sie, wie wir oben gesehen haben, zur kausalen Erklärung 
des geistigen Geschehens weder erforderlich noch auch 
überhaupt brauchbar ist. Immerhin müssen aber wenigstens 
die Ausgangspunkte für den hier in Frage kommenden 
individuellen Eegress in der Erfahrung nachweisbar sein, 
wenn anders die Seele auch nur als metaphysische Idee 
einen Wert haben soll. 

Diese Bedingung ist nun, wie Wundt nachzuweisen 
sucht, bei dem durch Leibniz und Herbart ausgebildeten 
Begriffe der Seele als einer einfachen, immateriellen Sub- 
stanz sowenig erfüllt, dass derselbe vielmehr in direktem 
Widerspruch zu der Erfahrung steht. Denn wie in einem 
absolut einfachen und absolut selbständigen (also von aufsen 
nicht bestimmbaren) Wesen eine Mannigfaltigkeit innerer 
Zustände entstehen solle, sei schlechterdings unverständlich. 
In der That sei auch der substanzielle Seelenbegriff gar 
nicht aus dem Streben nach einer Ergänzung des empirisch 
gegebenen Zusammenhangs der inneren Erfahrungen, sondern 
aus der Forderung der Unvergänglichkeit der individuellen 
Persönlichkeit hervorgegangen. Lasse man diesen der 
theoretischen Betrachtung fremden Gesichtspunkt bei Seite, 
und berücksichtige ausschliefslich die Ergebnisse der psycho- 
logischen Analyse, so zeige sich, dass der einheitliche 
Zusammenhang der inneren Erlebnisse ausschliefslich bedingt 
sei durch die alle einzelnen Bowusstseinszustände durch- 



3. Die psychologischen Ideen 167 

dringende Willensthätigkeit. Nun sei freilich alles 
Wollen an Yorstellung-en gebunden, alles innere Geschehen 
stelle mit anderen Worten eine Vereinigung von Thätigkeit 
und Leiden dar; indem aber von beiden sich wechselseitig 
bedingenden Zuständen das Leiden an diejenigen Bestandteile 
der inneren Erfahrung gebunden sei, die wir auf Objekte 
ausser uns beziehen, kommen wir naturgemäfs dazu, „die 
Thätigkeit unserem Ich unmittelbarer zuzuteilen'' als ihr 
Gegenteil. So bleibe denn als Ergebnis des individuellen 
psychologischen Regresses der reine Wille zurück, den 
Wundt auch, im Anschluss an Kant, als „transcendentale 
Apperzeption" bezeichnet. „Die reine Apperzeption ist 
nirgends in der Erfahrung wirklich anzutreffen", sie ist 
eben blofs eine Vernunftidee, keine Erfahrungsthatsache, 
„gleichwohl ist sie als die letzte nicht weiter zurückzuver- 
folgende Bedingung jeder Erfahrung anzusehen" (S. 379); 
und „es giebt schlechterdings nichts aufser dem Menschen 
noch in ihm, was er voll und ganz sein eigen nennen 
könnte, aufser seinem Willen". 

Bei der Idee der individuellen Willenseinheit kann 
nun freilich die Vernunft nicht stehen bleiben; „das reine 
Wollen würde für sich allein immer inhaltsleer bleiben, 
es setzt also Bedingungen voraus, die aufser ihm liegen, 
und die „man geneigt sein wird, wiederum als Willens- 
thätigkeiten zu denken". Aus dem individuellen eröffnet 
sich so der Zugang zu dem universellen psychologischen 
Fortschritt. 

Auch in dieser Richtung haben die spekulativen 
Systeme der Vergangenheit vorgearlx'itet, ohne jedoch, nach 
der Ansicht unseres Autors, zu einem befriedigenden Er- 
gebnis zu gelangen. Als die beiden hau])tsächlichsten 
Lösungsversuche stehen einander der Intellektualismus eines 
Spinoza und der universelle Voluntarismus eines Schelling, 
Hegel und Schopenhauer gegenüber. Der erstere ist jedoch 
aufser stände, den l)estiindigen Fluss dos geistigen Geschehens 
das Gehen und Kommen der A'orstelhiiii'en in den Indi- 



168 Achtes Kapitel 

vidiien mit der absoluten Ruhe und Veränderungslosigkeit 
des intellectus infinitus zu vereinbaren, in dem sie alle ent- 
halten sein sollen, der letztere, der Bewegung und Thätigkeit 
als Grundbestimmungen des die Individuen umspannenden 
absoluten Geistes aufstellt, vermag die Mannigfaltigkeit 
der produzierten Vorstellungsinhalte nicht aus dem ein- 
heitlichen Willen abzuleiten. Beide Richtungen leiden also 
an dem Fehler, dass sie den Zusammenhang mit der Er- 
fahrung vollständig verlieren. Die Idee des unendlichen 
Verstandes lässt sowenig einen Rückgang zu der empirisch 
gegebenen Beschränktheit und Vielheit der Individuen 
oJBFen, wie diejenige der unendlichen (geistigen) Thätigkeit. 
Wie also der falsche BegrifP der individuellen Seelensubstanz 
zu einem extremen Individualismus führt, für den es einen 
Zusammenhano^ der o^eistig^en Einzelwesen untereinander 
nicht giebt, so münden die genannten Theorien in einen 
abstrakten Universalismus aus, der die Realität der konkreten 
o:eistio:en Erscheinungen verflüchtio^t. 

Es wird also darauf ankommen, den richtigen Aus- 
gangspunkt für den universellen Regressus innerhalb der 
Erfahrung aufzusuchen. Hier findet sich nun „der Wille 
des Einzelnen eingeschlossen in einer Willensgemeinschaft, 
die mit ihm in fortwährender Wechselwirkung steht, so 
dass er, vom Gesamtwillen beeinflusst, selber wieder nach 
Mafsgabe der erreichten individuellen Entwickelung diesen 
bestimmt. So ist der Einzelne zunächst Mitglied eines 
Stammes, einer Familie, einer Berufsgenossenschaft, dann 
bei sich erweiternder Willensentfaltung Glied einer Nation, 
eines Staates, um schliefslich mit diesen höheren Willens- 
einheiten teilzunehmen an einer, freilich in den uns empirisch 
erreichbaren Gestaltungen nur für gewisse allgemeinste 
Interessen sich ausbildenden Willensgemcinscliaft der Kultur- 
völker". Geht man aber in dieser Richtung weiter fort, 
so gelangt man schliefslich zu der Idee „eines mensch- 
lichen Gesamt willens, der, über alle beschränkten 
Willcnssphäron hinausreichend, die gesamte Menschheit in 



3. Die psychologischen Ideen 169 

der bewussten Vollbringung- bestimmter Willenszwecke 
vereinigt." (S. 392.) 

Vom Standpunkte des metaphysischen Individualismus 
aus drängt sich freilich sofort der Einwand auf, ob den Ver- 
bänden der oben angebenen Art eine selbständige Eealität 
beigelegt werden und demgemäfs von einem Gesamtwillen 
gesprochen werden kann, der mehr ist als eine Summe 
von Individualwillen. Dagegen betont Wundt, dass, „wo 
überhaupt ein gemeinsames Wollen sich regt, dieses nicht 
weniger Realität hat als das Einzelwollen selbst. Denn 
alle Realität des Einzelwillens besteht darin, dass der 
Einzelne bestimmte, ihm eigene Willensakte erzeugt; und 
gerade ebenso besteht die Realität des Gresamtwillens eben 
darin, dass die Gremeinschaft bestimmte Willensakte her- 
vorbrino-t." Allerding-s ^eht der Gresamtwille stets aus der 
Koincidenz des Wollens vieler Einzelner hervor, aber dieser 
Umstand nimmt ihm nicht das Geringste an Realität, „so 
wenig wie ein Gebäude deshalb der Wirklichkeit entbehrt, 
weil es einfällt, wenn man die Steine abträgt, die es zu- 
sammensetzen''. Der Begriff des Gesamtwillens setzt also 
keineswegs etwa einen über den Einzelnen stehenden my- 
stischen Gesamtgeist voraus, sondern er ist hinliinglich 
legitimiert durch die Thatsache, dass der Einzelne überall 
in eine geistige, speziell eine Willensgemeinschaft ein- 
geschlossen und „als selbstbewusste geistige Persönlichkeit 
nur mit und in dieser möglich ist" (S. 613). Das isolierte 
Individuum ist ebenso nur Endpunkt eines vom Gegebenen 
zum Nichtgegebenen fortschreitenden Regresses wie die 
allumfassende geistige Gesamtheit; empirisch gegeben ist 
lediglicli eine Stufenreihe engerer und weiterer Willens- 
gemeinschaften, die nach beiden Seiten eine Ergänzung 
durch die A'ornuiift herausfordert. 

Zum Individualismus stellt sich liiernach Wuudt in 
einen weit entschiedeneren und schrofferen Gegensatz als zum 
Universalismus, denn die Auffassung der Gemeinschaft als 
eines blossen Affffreffats von einander unabhängiger Indi- 



170 Achtes Kapitel 

viduen wird von ihm schlechtweg* verworfen, während 
die universalistische Anschauung nur insofern eine Berich- 
tigung erfährt, als das Einzel wollen nicht vollständig in 
den Gesanitwillen aufgelöst und somit negiert, sondern ihm 
als Bestandteil eingeordnet wird; der Gesamtwille ist nicht 
eine Macht, der gegenüber die Einzelwillen verschwinden, 
sondern eine sie umfassende höhere Einheit. Noch ein 
weiteres Unterschiedsmoment kommt aber hinzu, das zugleich 
eine gewisse Verschiedenheit zwischen den Ergebnissen des 
individuellen und des universellen Kegresses hervortreten 
lässt. Der Gesamtwille ist nicht wie der absolute Geist 
des speculativen Idealismus das Ursprüngliche, von dem 
sich alles besondere geistige Sein ableitet, sondern vielmehr 
etwas, das durch das Zusammenwirken der Einzelwillen 
erst realisiert werden soll, er ist nicht Ausgangspunkt^ 
sondern Ziel der geistigen Entwickelung; somit hat auch 
der Gedanke der allumfassenden menschlichen ^Yillens- 
gemeinschaft weniger den logischen Charakter einer Idee 
als vielmehr den eines Ideals. Die empirisch gegebenen 
engeren Formen der Willensgemeinschaft können nicht 
gedacht werden, ohne eine Mehrheit von Individualwillen 
als konstituierende Faktoren vorauszusetzen, es ist aber 
nicht unbedingt nötig, eine alle engeren Willenssphären 
umfassende oberste Willenseinheit hinzuzudenken; unsere 
Zuversicht, dass alle Entwickelung in der Richtung auf 
dieses Ziel verläuft, gründet sich wesentlich auf die Be- 
trachtung des „bisherigen Verlaufs der menschlichen Ent- 
wickelung". (S. .S92.) Steht in dieser Hinsicht das „Ideal 
der Humanität" hinter der Idee der Einzelseele zurück, 
so übertrifft es dieselbe auf der andern Seite insofern, als 
der reine Individualwille empirisch niemals nachweisbar ist, 
während das Humanitätsidoal als etwas in der Zukunft in 
möglichstor Annäherung Erreichbares gedacht wird. Eben 
deswegen aber kann sich auch die theoretische Vernunft 
dabei noch nicht beruhigen. Der Fortschritt von engeren 
zu immer weiteren und umfassenderen Willenssphären, als 



4. Die ontologischeii Ideen 171 

realer Prozess g-edacht, weist auf einen aller Erfahrung- 
vorausgehenden Grund hin, der notwendig ebenso allgemein 
wie die Folge sein muss. Aber dieser Grund, das eigentliche 
metaphysische Prinzip der Entwickelung, bleibt, wie Wundt 
im Gegensatz zur rationalistischen Metaphysik annimmt, 
„an sich völlig unbekannt", ja es ist nicht einmal gesagt, 
dass das Humanitätsideal „die einzige und unbedingt letzte 
Folge aus diesem Grunde sei". (S. 396). 

So entsteht als notwendige Ergänzung des sittlichen 
Ideals die religiöse Idee. „Zunächst verlegen wir den 
Inhalt unseres sittlichen Ideals in den Grund der sittlichen 
Weltordnung: so entsteht die Idee der Vollkommenheit 
Gottes"; indem aber dann die philosophische "Weiterbildung 
der religiösen Vorstellungen die Idee der Unendlichkeit 
hinzufügt, wandelt sich das ursprünglich sittliche Ideal 
„in eine üb er sittliche Idee um, die gleichwohl als der 
letzte Grund des sittlichen Ideals gedacht wird". Ist aber 
die absolute LTnendlichkeitsidee ein Uebersittliches, „so 
bedeutet sie möglicherweise auch ein U eher geistiges, 
sofern wir unter dem Geistigen nur solche Eigenschaften 
und Zustände verstehen können, die den uns im eigenen 
Bewusstsein gegebenen gleichen". (S. 398.) 



4. Die ontologischen Ideen. 
Die Schwierigkeit des ontologischen Problems liegt 
darin, dass zwar der thatsächliche Zusammenhang der 
inneren und der äusseren Erfahrung auf eine Einheit beider 
hinweist, dass aber die Erfahrung keinerlei Anhaltspunkte 
für die positive Bestimmung des Einheitsgrundes beider 
Gebiete enthält. Es stehen daher von vornherein drei 
Wege offen, wir können uns diesen (Jrund als materielles, 
als geistiges oder als indifferentes, freilich auch absolut 
imaginäres Sein denken (Materialismus — Idealismus - - 
trän scend enter Monismus). Eine Entscheidung zwi- 
schen diesen verschiedenen Annabmen ist nur zu gewinnen. 



172 Achtes Kapitel 

wenn es sich zeigen sollte, dass der psychologische oder der 
kosmologische Regress über sich selbst hinausführen, sei es 
nun, dass sie das Postulat eines von beiden Erfahrungs- 
gebieten verschiedenen absoluten Seins erfordern, oder dass 
der eine Weg in den anderen einmündet, „so dass dieser 
die Einheitsidee liefert, die beiden Eeihen gemeinsam ist." 
(S. 402.) Da aber mit der Idee eines weder geistigen noch 
materiellen Seins wissenschaftlich nichts anzufangen ist, so 
bleibt als allein fruchtbare Möglichkeit die zweite übrig: 
„entweder muss die Welt als eine materielle, oder sie muss 
als eine geistige Einheit von uns gedacht werden". Wenn 
sich Wundt thatsächlich für die letztere Lösung entscheidet, 
so sind dabei zwei Reihen von Erwägungen mafsgebend; die 
erste knüpft an das Verhältnis von Wille und Yorstellung 
an, die zweite geht von psychophysischen Thatsachen aus. 
Schon auf der Stufe der Verstandeserkenntnis machte 
sich die Unterscheidung zwischen dem vorgestellten Objekt 
und der vorstellenden Thätigkeit nötig. Da nun diese 
letztere „nach Abzug eines jeden Vorstellungsinhaltes auf 
ein reines Wollen zurückführt, so folgt daraus, dass alle 
Vorstellung von Objekten auf einer Wirkung beruht, die 
das Wollen erfährt, und die mit jedem Wollen verbunden 
ist, weil dieses nur gebunden an die Vorstellungen als seine 
Objekte Wirklichkeit hat". Hierdurch werde es auch ver- 
ständlich, dass die Momente des Leidens und der Thätig- 
keit untrennbar an alles Vorstellen und Wollen geknüpft 
sind: „der Wille leidet, indem er Wirkungen empfängt, 
und er ist thätig, indem ihn dieses Leiden zur vorstellenden 
Thätigkeit anregt". (S. 406.) Der Gegenstand, der die 
leidende Thätigkeit des Wollens anregt, ist aber hierbei 
vorläufig ein blofses X; nur das eine ergiebt sich aus der 
A^ergleichung mit dem Wollen selbst, „dass, was Leiden 
erregt, selbst thätig sein muss". Nun ist uns aber gar 
keine Thätigkeit bekannt, als die unseres Willens; „sollen 
wir daher nicht absolut imaginäre Thätigkeitsformen an- 
nehmen, so k()nnen wir unser eigenes Erleiden überall nur 



4 Die outologischeii Ideen 173 

auf ein fremdes Wollen und demnach jenes Wechselver- 
hältnis von Thun und Leiden auf eine Wechselwirkung 
verschiedener Willen zurückführen, wobei die Wirkuno- 
jedes M^'illens für sich reines Wollen ist, durch die Wechsel- 
bestimmung aber zum wirklichen oder vorstellenden Wollen 
wird/ (S. 407.) 

Zu demselben Resultat gelangt man, wenn man die 
Wechselbeziehungen zwischen physischer Organisation und 
psychischer Funktion sich begreiflich zu machen sucht. 
„Es giebt kein Leben, das nicht an psychische Yorgänge 
gebunden wäre, die mindestens in den Anfängen seiner 
Entwickelung nachweisbar die Zweckrichtung der Organi- 
sation bestimmt haben: und es giebt kein geistiges Ge- 
schehen, das nicht als objektives Substrat eine Organisation 
fordert, die eine Wechselwirkung des individuellen Bewusst- 
seins mit der Aufsenwelt und eine Ansammlung der aus 
dieser Wechselwirkung hervorgegangenen Erfolge zu blei- 
bendem Gebrauche möglich macht". (S. 606.) Die Annahme 
eines Parallelismus der geistigen und der physischen Yor- 
gänge ist nur ein Ausdruck des thatsächlichen Sachverhalts, 
aber keine endgiltige Erklärung desselben, vielmehr handelt 
es sich für die Metaphysik gerade darum, den Grund jenes 
Nebeneinanderherlaufens anzugeben. „Überdem umfasst 
das psychophysische Problem im weiteren Sinne nicht blofs 
jene Bestandteile des individuellen Lebens, die gleichzeitig 
eine physiologische und eine psychologische Seite haben, . . . 
sondern es gehören dazu auch alle diejenigen rein phy- 
sischen Yorgänge im Organismus, die wir, ohne dass ihnen 
selbst irgendwie nachweisbare psychische Elemente ent- 
sprechen, entweder als Yorbedingungen psychischer Yor- 
gänge oder als Wirkungen und Nachwirkungen solcher 
aufzufassen haben," und die also auf alle Fälle in einem 
direkten oder indirekten Zusammenhange mit diesen stehen. 
Wie ein solcher Zusammenhano- zwischen völlig- hcterog-enen 
Gliedern denkbar, das ist die zu beantwortende Frage. 

Der gemeine Dualismus, der die physischen und 



]^74 Achtes Kapitel 

die psychischen Erscheinungen auf zwei Substanzen bezieht, 
„die an sich völlig verschieden, doch fortwährend nach- 
einander sich richten und aufeinander wirken sollen", kommt 
einem Verzicht auf die Lösung des ontologischen Problems 
gleich, „indem er die Eesultate der beiden Gredankenreihen, 
der kosmologischen und der psychologischen, einfach neben- 
einander bestehen lässt". Auch die spinozistische 
Hypothese der Substanz mit den beiden Attributen der 
Ausdehnung und des Denkens giebt nur eine Scheinlösung, 
da die Vereinigung zweier heterogenen Attribute in einer 
Substanz selbst wieder eine Erklärung verlangt. Der Ma- 
terialismus endlich, der die psychischen Erscheinungen 
aus physischen Bedingungen hervorgehen lässt, kann als 
metaphysisches System nicht in Frage kommen. Sonach 
bleibt allein noch die idealistische Annahme übrig, 
dass die materielle Aussenwelt ihrem Wesen nach der 
geistigen Innenwelt gleichartig, d. h. dass sie ein System 
ebensolcher Willenseinheiten ist, wie sie durch den indivi- 
duellen psychologischen Regress als elementare Bedingungen 
des geistigen Lebens nachgewiesen wurden. 

Vom kosmologischen Gesichtspunkte aus ist diese 
Deutung nicht nur zulässig, sondern es wird vielmehr durch 
sie eine Lücke des kosmologischen Ideenkreises ausgefüllt 
und derselbe so erst zum Abschluss gebracht. Wie schon 
für die empirische Naturwissenschaft nur die äufseren Be- 
ziehungen der Objekte in Frage kommen, während das 
eigene Wesen derselben unbestimmt bleibt , so entbehren 
auch die Ideen, mit denen die kosmologische Spekulation 
endet, des eigenen Inhalts: „Die kosmologische Reihe zeigt 
uns die Welt als eine Verkettung der mannigfaltigsten 
Verhältnisse von Gegenständen, die wir in letzte formale 
Einheiten zu zerlegen und in ihrer Koexistenz und Ver- 
bindung ins Unbestimmte zu verfolgen aufgefordert werden, 
über deren eigene Natur, wie sie unabhängig von diesen 
Relationen beschafTen ist, wir aber nichts erfahren. Da 
wir nun unmöglich annehmen können, dass die Objekte 



4, Die ontologischen Ideen 175 

überhaiipt kein eigenes Sein haben, und ein anderes Sein 
als unser Wille uns nirgends gegeben ist, so wird hier 
unweigerlich eine Ergänzung des kosmologischen durch 
den psychologischen Regressus gefordert/ (S. 412.) Das 
Gleiche gilt aber auch von diesem letzteren seinerseits; „die 
psychologische Reihe zeigt uns den Willen als die wirk- 
liche Realität unseres eigenen Seins, doch wie dieses unser 
Sein in Beziehungen zu Objekten aufser ihm treten kann, 
bleibt dabei unbestimmt''. Das Ergebnis ist somit dieses, 
dass eine die Vernunft in jeder Hinsicht befriedigende Vor- 
stellung vom Seienden nur durch die Verknüpfung der 
kosmologischen und der psychologischen Einheitsideen ge- 
wonnen werden kann. „Alles Sein ist nach Anleitung 
der kosmologischen Ideen als eine unendliche Vielheit 
einfacher Einheiten zu denken, die in durchgängigen 
Relationen zu einander stehen. Der Inhalt des Seins aber 
ist nach Anleitung der psychologischen Ideen eine Vielheit 
individueller Willensthätigkeiten, deren Wechselbeziehungen 
die Vorstellungen sind", (ebenda.) 

Damit stellt sich also auch Wundt in Übereinstimmung 
mit der Mehrzahl der grofsen deutschen Philosophen auf 
den Boden des metaphysischen Idealismus, sofern 
man diese Bezeichnung auf alle diejenigen Systeme an- 
wendet, die die Realität des Geistigen nicht nur anerkennen, 
sondern sie zugleich als die wahre und einzige Realität 
betrachten und demgemäfs in dem kosmischen Mechanismus 
nur eine „äufsere Hülle" sehen, „hinter der sich ein geistiges 
Wirken und Schaffen, ein Streben, Fühlen und Empfinden 
verbirgt, dem gleichend, das wii" in uns selber erleben", 
(S. 424.) Um so nötiger aber erscheint es, von vornherein 
die seinem System eigentümlichen, es von anderen Formen 
des Idealismus unterscheidenden Grundgedanken hervorzu- 
heben. Das wichtigste dieser LTnterschiedsmomente ist 
zweifellos die Ablehnung des metaphysischen Substanzbegriffs; 
die Welt ist im Sinne Wundts in ihrem letzten Grunde 
nicht ruhendes Sein, sondern Thätigkeit, Prozess. Leibniz, 



176 Achtes Kapitel 

der zuerst den Begriff der Thätigkeit oder der Kraft zum 
Eange eines metaphysischen Prinzips erhob, fasste doch 
die Kräfte als Attribute von Substanzen auf, denen, auch 
wenn man sich alle Kraftäufserungen wegdenkt, doch noch 
ein Fürsichsein irgend welcher Art zukommt, und diese An- 
schauung ist von den an Leibniz sich anlehnenden monado- 
logischen Systemen im wesentlichen festgehalten worden. 
Nun stehen aber, wie Wund betont, (vgl. S. 77), die Be- 
griffe der Substanz und der Thätigkeit in einem gegen- 
sätzlichen Yerhältnis. Die Substanz als das absolut Beharr- 
liche, Ruhende schliesst alle Veränderung und also auch 
alle Thätigkeit von sich aus, die den Substanzen zuge- 
schriebene Thätigkeit oder Wirksamkeit ist daher auch keine 
wirkliche Thätigkeit, sondern blols Veränderung äufserer Be- 
ziehungen; will man also den Begriff der Thätigkeit in un- 
verfälschter Form festhalten, so muss die Voraussetzung einer 
Substanz, von der sie ausgeht, aufgegeben und das empirisch 
gegebene, scheinbar ruhende Sein als blofse Modifikation 
eines Geschehens gedeutet werden. Diesen Schritt vollzogen 
nach dem Vorgange Kants Fichte, Schelling, Hegel und 
Schopenhauer und ihnen schliesst sich Wundt an, wenn er 
die „Willenseinheiten", auf die der ontologische Regress 
führte, nicht als thätige Substanzen, sondern als „substanz- 
erzeugende Thätigkeiten" definiert. Nun kann aber 
das metaphysische Aktualitätsprinzip selbst in verschiedener 
Weise näher bestimmt werden. Bei dem jüngeren Schelling 
und bei Hegel wird es definiert als ein von den Schranken 
der Individualität befreites Denken, d. h. als ein Denken, 
das nicht, wie das menschliche, an gegebenen Objekten 
sich bethätigt, sondern die Objekte selbst erzeugt. Die 
Welt ist, im Sinne dieser Denker, Selbstentfaltung einer 
absoluten Idee, immanente, aus eigener innerer Notwendig- 
keit erfolgende, Begriffsentwicklung. (Idealismus im engeren 
Sinne, Panlogismus). Dagegen fassen Fichte, der spätere 
Schelling, und am entschiedensten Schopenhauer die 
Wirklichkeit als Produkt oder Erscheinungsform eines 



4. Die ontologiscLen Ideen 177 

AVoile HS auf; sie bestreiten also die ursprünglich logische 
Natur des absoluten Weltgrundes und setzen an Stelle 
der vorstellenden oder denkenden Thätigkeit, die nur in 
Verbindung mit einem ihr immanenten Yorstellungsinhalt 
gedacht werden kann, den Begriff der reinen an sich 
selbst des Inhalts entbehrenden Thätigkeit oder Aktualität, 
zu dem man gelangt, wenn man aus dem empirisch ge- 
gebenen Willensvorgang alle Yorstellungselemente abscheidet. 
Diese Ansicht kann daher (nach dem Vorgänge Paulsen's) 
passend als Voluntarismus bezeichnet werden. 

Auch Wundt führt alle Realität, wie wir sehen, auf 
Willensthätigkeiten zurück, seine Willenslehre unterscheidet 
sich aber doch von der Schopenhauerschen sehr wesentlich 
darin, dass er erstens nicht nur einen universellen Welt- 
willen sondern eine Mehrzahl von Willenseinheiten annimmt, 
wovon sogleich weiter die Rede sein wird, und dass er 
zweitens das Vorstellen nicht als eine in metaphysischer 
Hinsicht bedeutungslose Nebenerscheinung der Willens- 
funktion betrachtet, sondern es als einen notwendigen Erfolg 
der Willensbethätigung abzuleiten und so einen Ausgleich 
zwischen den in ihren extremen Formen unvereinbar einander 
gegenüberstehenden voluntaristischen und intellektualistischen 
Anschauungen herbeizuführen sucht. 

Dass der Wille seinem ursprünglichen Wesen nach 
„blind" sei, ist bekanntlich ein Fundamentalsatz der Schopen- 
hauerschen Metaphysik ; obwohl nun thatsächlich auch 
Schopenhauer den Intellekt nicht entbehren kann (denn der 
Wille soll sich zu einer Erscheinungswelt objektivieren, 
welche nicht denkbar ist ohne eine Intelligenz, der sie 
erscheint), so spricht er ihm doch die metaphysische Realität 
ab, so dass es vollständig rätselhaft bleibt, wie der Wille 
es anfängt sich selbst zu erscheinen. First R. v. Hartmann 
hat diesen Fehler in dem System seines Lehrers verbessert 
indem er dem Willen als dem Realjjrin/ip ein Ideaiprinzip 
an die Seite stellt und beide als Attribute auf eine Substanz 
bezieht. Hiernach ist das Wirkliche weder blofs Willens- 

K<>ni!,', \V. WuikU. 12 



\ 7§ Achtes Kapitel 

äufserung noch blofs Vorstellung, sondern Wille und Vor- 
stellung zugleich. Wundt nähert sich dem Intellektualismus 
nicht in gleichem Mafse. Indem er daran festhält, dass 
„das eigene Sein der Objekte Wollen ist", kommt er zu 
dem Schlüsse, dass die Vorstelluno- nur „aus der Wechsel- 



bestimmung der EinzeTwillen hervorgehen kann". Damit 
ist vor allen Dingen gesagt, dass es ein Vorstellen nur 
innerhalb der einzelnen Individuen giebt ; das Wirkliche ist 
nicht an sich selbst Vorstellung, d. h. Bestandteil eines 
umfassenden idealen Zusammenhanges, wie der absolute 
Idealismus und in Übereinstimmung mit ihm auch E. v. 
Hartmann behauptet, sondern es wird zum Vorstellungsin- 
halt erst infolge der Wechselbestimmung der Willensein- 
heiten, es giebt keine überindividuelle Intelligenz „die alles 
Seiende in der Form der Vorstellung in sich enthält, sondern 
nur v iele individuelle Intelligenze n, deren jede ein Bruchstück 
der AVeit abbilde.t". Dessenungeachtet ist aber das Vorstellen, 
wie Wundt betont, nicht „minder real-^ als das Wollen; 
Wollen und Vorstellen sind gleich unmittelbar und immer 
mit einander gegeben, „denn das Wesen der Willensein- 
heiten besteht ganz und gar in ihrer Wechselbestimmung, 
indem ohne die letztere jene aufhören würden thätig zu sein 
und damit überhaupt aufhören würden zu sein". (S. 410.) 
Mit dieser Ijösung des in Rede stehenden Problems 
wird nun zugleich ein anderer durch die ganze Greschichte 
der ontologischen Spekulation sich hindurchziehender Gegen- 
satz ausgeglichen, derjenige des Monismus und des Plu- 
ralismus. Der Pluralist löst die Welt in eine Vielheit 
von einander unabhängiger Einzelwesen auf, der Monist 
betrachtet umgekehrt die empirisch gegebenen Einzeldinge 
als unselbständige Glieder eines Ganzen. Für die orstere 
Ansicht, die an licibniz und Herbart ihre hauptsächlichsten 
Vertreter gefunden hat, bildet nun aber die Erklärung des 
thatsächlich bestehenden Zusammenhangs alles Einzelnen eine 
unüberwindliche Schwierigkeit, denji es ist nicht ersichtlich, 
wie zwischen einer Mehrheit selbstfindii'er Einzelwesen 



4. Die oiitologischen Ideen 179 

Beziehungen zu stände kommen sollen. Die monistische 
Weltanschauung-, die den Systemen eines Fichte, Schellintr, 
Hegel und Schopenhauer zu Grunde liegt, lässt umgekehrt 
die Gliederung- des ursprünglichen einheitlichen Seins in 
eine Vielheit relativ selbständiger Individuen unbeg-reitiich 
erscheinen. Auch hier ist also eine Synthese geboten, wenn 
anders der offene Widerspruch zwischen den Resultaten 
des philosophischen Denkens und der Erfahrung vermieden 
werden soll, und so sehen wir in der That/lie bedeutendsten 
Systematiker der Gegenwart, Lotze, Hartmann und Wundt 
gleichmässig bemüht zwischen dem Monisnnis und dem 
Pluralismus zu vermitteln und einen Standpunkt zu gewinnen, 
der den einheitlichen Zusammenhang alles Einzelnen be- 
greiflich macht, ohne dass den Einzelwesen ihre relative 
Selbständigkeit abgesprochen zu werden braucht. 

Für Wundt ergiebt sich, wie schon angedeutet, die 
Synthese ganz von selbst aus dem Begriffe der Willens- 
thätigkeit. T)a alles reale Wollen einen Vorstellungsinhalt, 
also Wechselwirkung mit einem fremden Wollen voraus- 
setzt, „so hat also jede Willenseinheit nicht an sich selbst, 
sondern allein an ihren Wechselbeziehungen zu anderen 
ihren (pialitativ bestimmten, sie von anderen Einheiten 
unterscheidenden Inhalt" (S. 412), und es ist ebenso un- 
möglich, sich die Willenseinheiten isoliert, aus ihrem Zu- 
sammenhange losgeb'ist zu denken, wie es unmöglich ist. 
ein reales Ganze zu denken, ohne viele sich wechselseitig- 
bestimmende Individuen als seine konstituierenden Bestand- 
teile vorauszusetzen. 

Thatsächlich gegeben ist uns weder die Einheit 
alles Seienden noch das absolut einfache Individuum, 
son(k^rn ausschliefslich (»ine Vielheit zusammengesetzter In- 
dividuen. Nun wird zwar unsere Vernunft nach zwei 
Seiten hin über die Ph-fahrung hinausgetrieben: Das Zu- 
sammengesetzte fni'(bM-t die Zerlegung in Bestandteile her- 
aus, und der Zusammenhang des Vielen n<»tig-t zur Auf- 
suchung der umfassench'n luiheren Einheit, der Begriff des 

12* 



180 Achtes Kapitel 

einfachen Individuums ist aber doch ebenso wie der der 
Totalität alles Seienden nur eine Vernunftidee, Endglied 
eines spekulativen Eegresses, und es ist deshalb falsch, 
den einen oder den anderen Begriff an den Anfang- zu 
stellen, um daraus die gegebene Wirklichkeit zu erklären, 
statt umgekehrt von dieser auszugehen, um zu sehen, wie 
weit sie eine spekulative Ergänzung erfordert. Hiergegen 
beruft sich nun zwar der monadologische Pluralismus auf 
die innere Erfahrung, welche dazu nötige, das vorstellende 
Subjekt (bezw. das Selbstbewusstsein) als unteilbare reale 
Einheit anzuerkennen, und auch Wundt wurde, wie wir 
sahen, durch den individuellen psychologischen Eegress auf 
den Begriff der transcendentalen Apperzeption als den 
letzten Grund der Einheit aller geistigen Vorgänge ge- 
führt. Aber das, was für die psychologische Betrachtung 
als letzte Einheit erscheint, braucht dies, wie er betont, 
nicht auch im ontologischen Sinne zu sein. Überdem ist 
„die Einheit der empirischen Seele nicht die einer unteil- 
baren Thätigkeit, sondern die einer geistigen Organisation, 
die nicht nur der körperlichen Organisation analog, sondern 
mit ihr eins ist, da eine Seelenthätigkeit ohne die Vielheit 
der Organe und ihrer Funktionen unmöglich ist". (S. 379.) 
Wie nun die physiologische Einheit des lebenden Körpers 
erfahrungsgemäfs aus dem Zusammenwirken einer Vielheit 
relativ selbständiger Elemente (der (Organe, Zellen) ent- 
springt, die ihrerseits Komplexe noch einfacherer Bestand- 
teile (der Moleküle und Atome) sind, so werden wir auch 
anzunehmen haben, dass unser individueller Wille nicht 
letzte Willenseinheit, sondern bereits ein CTesamtwille ist, 
der aus dem Zusammenwirken einer Mehrzahl untergeordneter 
Willensindividuen resultiert. 

Von diesem Gesichtspunkte aus l)etrachtet tritt nun 
auch das Verhältnis von Leib und Seele in eine neue 
Beleuchtung; denn es können jetzt „alle jene Bestandteile 
des Lebens, die em})irisch nur als physisclie nicht als 
psychische Hilfsmittel desselben nachweisbar sind, nieta- 



4. Die ontologisclien Ideen 181 

physisch als niedere Bewusstseinseinheiten aiifg-efasst werden, 
die einem Oentralhewiisstsein untergeordnet, von ihm ab- 
hängig und auf dasselbe von Einfluss sind, ohne aber an 
dessen Zusammenhang teilzunehmen". (S. 606.) Das Her- 
vorgehen der bewussten Willenshandlungen aus ursprünglich 
mechanisch ablaufenden ReHexthätigkeiten und die Rück- 
verwandlung der ersteren in letztere, wird jetzt erst be- 
greiflich, insofern es sich dabei nicht um eine „Yergeistigung 
des Mechanischen" und eine „Mechanisierung des Geistigen", 
sondern nur um eine Aufnahme niederer Formen des 
geistigen Geschehens in höhere, bezw. ein Zurücktreten der 
höheren in niedere handelt ; und das Gleiche gilt von den 
Erscheinungen der generellen Entwickelung, welche, wie 
oben dargelegt wurde, vom rein empirischen Standpunkte 
aus betrachtet, sich als ein psychophysischer Vorgang dar- 
stellt. Den Elementarorganismus werden wir hiernach auf- 
zufassen haben als „Träger eines einzigen Bewusstseins 
niederster Form". Während nun bei der Pflanze zahlreiche 
einfache Bewusstseinseinheiten isoliert nebeneinander be- 
stehen, führt bei den Tieren „die eintretende Arbeits- 
teilung der Organe zur Entstehung einer durch das Nerven- 
system vermittelten Einheit des Gesamtkörpers, und das 
Nervensystem selbst gliedert sich allmählich in eine Stufen- 
ordnung von Organen", denen ebenso viele einander unter- 
und übergeordnete komplexe Willenseinheiten entsprechen. 
Der Fortschritt der Entwickelung kommt dabei dadurch 
zu Stande, dass das Centralbewusstsein sich mehr und mehr 
auf das Centralorgan zurückzieht, während der grösste 
Teil der ursprünglicli willkürlichen Lebensthätigkeiten in 
der Form triebartiger Reaktionen den iiiederiMi ( 'entren 
zufällt. 

Frweist sich so die Annahme einer Stufe iiord nung 
von AVil lensi ndi viduen in psychologischer und natur- 
philosophischer Hinsicht als eine höchst frucbtbare Idee, 
so gewinnt sie noch weiter dadurch an liedeutung, dass 
sie die biologische und geschichtliche Entwickelung in 



182 Achtes Kapitel 

Verbindung bringt und die für die empirische Betruehtungs- 
weise auseinanderfallenden Gebiete der Natur und des 
Geistes in „Bestandteile einer einzigen Geistesentwickelung" 
verwandelt. Denn dort wie hier handelt es sich um die 
Herausbildung höherer Willenseinheiten aus niederem ; der 
persönliche Individualwille, der, wenn nur die geistige Welt 
berücksichtigt wird, den letzten individuellen Ausgangs- 
punkt der Entwiekelung zu bilden scheint, ist „ein blofses, 
allerdings durch seine Stellung ausgezeichnetes l'bergangs- 
glied, das von den letzten geistigen Einheiten zu ihrer 
aller Vereinigung in einer idealen Einheit hinüberleitet''. 
Die Natur ist „Vorstufe'' des Geistes, insofern sie die 
physischen Grundlagen schafft, deren das geistige Leben 
bedarf, aber das Xatürliohe ist doch zugleich dem Geistigen 
wesensverwandt, insofern „alles was in den höheren Ein- 
heiten zur Entfaltung kommt, in den Grundeigenschaften 
der letzten Einheiten, im Wollen und in der durch die 
Wechselbestimmung der Willen entstehenden Empfindung 
vorgebildet ist". Endlich zeigt sich, dass auch der formale 
Charakter der physischen und der geistigen Entwiekelung 
derselbe ist, denn in beiden Fällen handelt es sich um eine 
„organisierende Thätigkeit", vermöge deren niedere Willens- 
einheiten einer höheren dienstbar gemacht werden; wie sieh 
im menschlichen Gesamtleben „der persönliche Individual- 
wille dienend einem Gesamtwillen einfügt, so beherrscht 
schon der niederste persönliche Wille ungezählte Willens- 
elemente". (S. 427 f.) 

So . laufen schliefslich in dem E n t w i c k e 1 u n gs- 
gedanken fast alle Fäden der Wundtschen Metaphysik 
zusammen, die man deswegen mit gutem Grund als eine 
evolutioiiistische bezeichnet hat. Freilich ist der Begriff 
des Evolutionismus ein so vieldeutiger, dass mit einer der- 
artigen Benennung an sich noch nicht viel gesagt ist. Die 
Systeme eines Leibniz, eines Schelling und Hegel, eines 
Spencer, in denen sämtlich der Entwickelungsgedanke eine 
hervorragende Rolle spielt, haben sicher nur wenig nrit 



4. Die ontologischeii Ideen 183 

eiiiaiidor gemein, und die Eutwickelungslehre unseres Autors 
weicht wieder von den einschlägigen Anschauungen aller 
dieser Denker in wesentlichen Punkten ab. 

Am ffrössten ist vielleicht der Abstand zwischen \yundt 
und Spencer. Ist, wie dieser annimmt, das Wesen der 
Dinge unerkennbar, so hat auch der Entwickelungsbegriff 
nur eine phänomenale Bedeutung, er ist nichts weiter 
als eine Denkformel, ein Schema, dem sich alles Geschehen 
bequem subsumieren lässt, und das uns eine einheitliche 
Auffassung der Erscheinungswelt eruKiglicht. Sodann sind die 
wesentlichen Merkmale des Spencerschen Entwickelungs- 
beffriffs aus der äufseren Erfahrung abstrahiert ; indem 
derselbe Begriff dann auch auf die inneren, geistigen Er- 
scheinungen angewandt wird, gewinnt die Entwickelungs- 
lehre dieses Philosophen einen durchaus naturalistischen, 
ja im gewissen Sinne materialistischen Charakter, der 
besonders in der Leugnung jedes in den Vorgängen wirk- 
samen Zweckes, und dem Streben nach einer rein mecha- 
nischen Erklärung der Entwickelungsergebnisse zu Tage 
tritt. Geht man dagegen mit Wundt von der Voraussetzung 
aus, dass die Wirklichkeit ein System von Willenseinheiten 
und alles Geschehen Willensthätigkeit ist, so gewinnt der 
Entwickelungsbegriff reale Bedeutung, denn die Willens- 
thätigkeit bewährt sich in allen ihren Aufserungen als eine 
organisierende Funktion, zugleich erscheint alle Entwicke- 
lung, auch die in der äufseren Natur als ein im Grunde 
geistiger l^-ozess. und an Stelle des Kausalbegriffes wird 
der Zweckbegriff zur obersten metaphysischen Kategorie, 
da das Streben nach einem Ziele zur Natur des Willens 
gehört. 

Die liier hervorgehobenen Punkte sind nun zugleich 
diejenigen, in denen sich Wundt mit Leibniz sowohl als 
mit Schelling und Hegel berührt. Auch die Theorie von 
der Stufenordnung der Individuen erinnert an bekaimte 
Leihnizsche Ideen. Diese Uebereinstimmung konunt aber 
kaum in Betracht gegenüber dem tiefgreifenden Unterschiede, 



184 Achtes Kapitel 

(lass Leibiüz infolge seiner pluralistischen Grundansicht 
nur eine individuelle, keine universelle Entwickeluno- 
kennt, während bei Wundt wie bei Schelling und Hegel 
gerade auf die letztere der Hauptnachdruek fällt. Dafür 
tritt diesen letztgenannten Denkern gegenüber ein anderer, 
nicht minder wichtiger DifFerenzpunkt hervor. Bei Schelling 
und Hegel ist die Entwickelung nicht als zeitlicher Prozess. 
sondern als überzeitliches (intelligibeles) Verhältnis zu 
verstehen; die Evolution des absoluten Weltgrundes zu 
einer Vielheit auseinanderhervorgehender und einander 
teleologisch bedingender Entwickelungsstufen gehört ganz 
der metaphysischen Sphäre des Ansichseins, nicht der phy- 
sischen der räumlich und zeitlich bestinnnten Erscheinungen 
an. Zu der naturwissenschaftlichen Entwickelungslehre hat 
daher dieser rein transcendente Evolutionismus keinerlei 
Beziehung. Wundt nimmt gerade umgekehrt die empirisch 
gegebenen Entwickelungsreihen zum Ausgangspunkte; der 
universelle Entwickelungsprozess ist nichts weiter als die 
von der Vernunft geforderte Totalität aller jener Reihen, 
er reicht also zwar über die Grrenzen der uns zugänglichen 
Erfahrung hinaus, bleibt aber innerhalb der Zeit, und wir 
<lürfen nicht nur, sondern müssen alles einzelne empirisch 
gegebene Geschehen als integrierenden Bestandteil desselben 
auffassen. 

Daraus erwachsen nun freilich in spekulativer Hinsicht 
Schwierigkeiten, die für den transcendenten Evolutionisnms 
nicht bestehen. Denn einmal fragt es sich, wie das ein- 
heitliche und zielmäfsige Zusammenwirken der vielen 
Willenseinheiten zu stände kommt, ohne das eine Ent- 
wickelung nicht denkbar ist. Die Sache wäre begreiflich, 
wenn die vielen Individualwillen von vornherein einem sie 
beherrschenden (xesamtwillen untergeordnet wären, aber 
dies ist (hK'h nur in beschränktem Mafse der Fall; that- 
sächlich gegeben ist zunächst eine Vielheit relativ unab- 
hängiger Individuen, und erst im Laufe des Entwickelungs- 
prozesses sell)st konmit es zur Bildung hciherer und iunner 



4. Die onotologisclien Ideen 185 

höherer Willensgemeiiischaften. Sodann wird, wenn man 
die geistige und die physische Entwickelungsreihe zu 
■einem einheitlichen Granzen zu verknüpfen sucht, auch die 
Idee des Endzieles, dem dieses Ganze zustrebt, immer 
nebelhafter. „Die kosmologische Unendlichkeitsidee über- 
schreitet, nach welcher Eichtung wir sie auch verfolgen 
mögen, weit die Grenzen, die unseren von der Erfahrung 
aus erreichbaren Gedanken geistiger Gemeinschaft gezogen 
sind", und so „sehen wir uns hier mit unserem sittlichen 
Menschheitsideal, so wertvoll und so unerlässlich es sein mag, 
zuletzt vor einen Abgrund gestellt, über den keine Brücke 
zu führen scheint. Mögen wir es noch so weit bringen in 
der Organisierung der uns umgebenden Natur, schliefslich 
hehalten die unerbittlichen und der Wirksamkeit mensch- 
lichen Willens, selbst wenn dieser zu einer einzigen Einheit 
zusammengefasst würde, unendlich überlegenen kosmischen 
Mächte die letzte Entscheidung." (S. 428.) Müssen wir 
also, um die Möglichkeit einer Weltentwickelung überhaupt 
zu verstehen, einen „den zu erreichenden Erfolgen adäquaten 
Grund", eine der Vielheit vorausgehende und in ihr wirk- 
same Einheit voraussetzen, so lässt sich doch diese Idee 
eines letzten Weltgrundes nicht näher bestimmen, weil wir 
den im Fortschritt der Entwickelung sich vorbereitenden 
idealen Enderfolg, aus dem auf die Beschaffenheit jenes 
Grundes zurückzuschliessen wäre, nicht kennen, und es 
eröffnet sich daher hier an den Grenzen der Vernunfter- 
kenntnis ein Gebiet, auf demder Glaube in sein IJccht tritt. 



5 . Die r e 1 i g i t") s (' n Ideen. 
Die bisher gewonneiuMi Ergebnisse bestimmen die 
Stellungnahme unseres Philosophen zu den Grundfragen 
der Religionsphilosoj)hie; unter diesen steht aber wieder 
an erster Stelle die Frage nach den (xrundlagen der Ge- 
wissheit in i'eligiösen Dingen. Kühen die religiösen l'ber- 
yxMi":un<i-(Mi in letzter liinie, im Sinne des Offen barunirs- 



186 Achtes Kapitel 

glaubens, auf bestimmten Erfahnmgsthatsachen , oder, im 
Simie des theologischen Rationalismus, auf logischen 
Beweisgründen? Nach Wundt ist weder das Eine noch 
das Andere der Fall, Die primitive Yorstellungsweise, dass 
die Gottheit durch direktes Eingreifen in den Naturlauf 
oder in die menschlichen Schicksale sich offenbare, sei un- 
haltbar ; aber auch die Beweise für das Dasein Gottes seien 
völlig wertlos, denn indem diese versuchen, Gott als die 
transcendente Ursache der gegebenen Weltordnung zu er- 
schliessen und also „den religiösen Ideen inmitten der Welt- 
erkenntnis und als Bedingungen zu ihr eine Stelle zu 
sichern, können sie naturgemäfs immer nur zu Begriffen 
führen, die selbst wieder den Charakter von Verstandes- 
begriffen besitzen." Der Gott des Kationalismus ist also 
in Wahrheit nicht absoluter Weltgrund, sondern selbst ein 
Bestandteil der Welt und steht überdem in keiner Be- 
ziehung zu dem thatsächlichen Inhalte des religiiisen Be- 
wusstseins. Vernunftideen sind eben überhaupt nicht be- 
weisbar: ^man kann sie aufzeigen als letzte Voraussetzungen, 
zu denen unser Denken gelangt, wenn es den in der Er- 
fahrung beo-innenden Fortschritt von Folgen zu Gründen 
über jede gegebene Grenze hinaus fortsetzt, aber man kann 
sie nicht als notwendige Folgen aus gegebenen Prä missen 
beweisen." (S. 431.) So bleibt nur die Begründungsweise 
des Gottesglaubens übrig, die Kant als den moralischen 
Beweis bezeichnet hat: „die Gottesidee besteht in der For- 
derung eines Grundes zu dem als letzte Folge aller mensch- 
lichen Entwickelung vorausgesetzten sittlichen Menschheits- 
i(l<'al und in der Erweiterung der Idofs relativen Unendlich- 
keit jener Folge zu einer absoluten Unendlichkeit." 

In zweiter Linie erhebt sich sodann die Frage nach 
dem genaueren Inhalte der Gottesidee. Abgesehen von 
den wenigen allgemeinen Bestimmungen, die aus der 
Beziehung zum sittlichen Menschheitsideal entspringen, 
handelt es sich hier hauptsiichlich darum, wie das 
Verhältnis (Jottes zur Welt zu denken sei. Für Wundt 



5. Die reliariösen Ideen 187 

steht es fest, dass der Welt g- rund umnüg-lich als völlig 
losgelöst' vom Weltinhalt gedacht werden kann: „Wie 
vielmehr überall der Grund in der Folge nur daduroh ^\"irk- 
sam ist, dass er selbst in sie eingeht, so ist auch die 
Grottesidee nur durchführbar, wenn Gott als W^eltwille, die 
Weltentwickelung als Entfaltung des göttlichen Wollens 
und Wirkens gedacht wird". Die Gottesidee geht so über 
in „die Idee eines höchsten Weltwillens, an dem die Einzel- 
willen teilnehmen, und neben dem ihnen doch eine eigene 
selbständige Wirkungssphäre zukommt, ähnlich wie sie eine 
solche neben den beschränkten empirischen Formen des 
Gesamtvvillens besitzen." (S. 484.) Hiernach ist der Supra- 
n atura lis mus, der der Gottheit eine ausser- und über- 
weltliche Existenz zuschreil)t, ebenso zu vorwerfen, wie der 
Pantheisuius, der (lott und Welt identifiziert, und an Stelle 
beider der Panentheismus zu setzen, der die endliche em- 
pirische Welt als eine unvollständige Manifestation des un- 
endlichen Weltgrundes betrachtet. In diesen rein abstrakten 
Begrift"sl)estimmungen findet indes das „religiöse Gemüt" 
noch keine Befriedigung: „es will einen bestimmten, vor- 
stellbaren Inhalt, die allgemeinen Ideen eines Weltgrundes 
und eines Weltzweckes verkfirpern sich ihm daher in kon- 
kreten Glaul)ensvorstellungen über Gott und über den Zweck 
des eigenen Daseins wie des Seins aller Dinge". Hier setzen 
dann die positiven Religionsanschauungen ein, welche 
aufzufassen sind als „Umwandlungen an sich notwendiger 
transcendenter Vernunftideen in Vorstellungen". (S. 668.) 
Diese Umwandlung ist bei der geistig-sinnlichen ISI'atur 
des Menschen ganz unvermeidlich, und sie ist zugleich not- 
wendig, wenn anch'is die religiösen Ideen Jene sittliche 
Wirkung ausüben sollen, die auf ihrem unmittelbaren 
Zusammeidiang mit dem sittlichen Lebensideal beruht. FiS 
wäre daher, nach der Ansicht unseres Autors, ein (>benso 
vergebliches als zweckwidriges Bemühen, wenn man die 
])Ositive K'eligion durch Philosophie ersetzen wollte. Auf- 
gabe der Philosophie kami es nicht sein, Keligion zu schatten. 



188 Achtes Kapitel 

sondern sie zu begreifen, d. h. den Ursprung der religiösen 
Oefühle und Vorstellungen nachzuweisen und „die religiösen 
Elemente in eine die gesamten Bestandteile des menschlichen 
Denkens enthaltende Weltanschauung einzuordnen". (S. 5.) 
Andererseits darf aber auch nicht vergessen werden, dass die 
Vorstellungen und Kultformen der positiven Religionen nur 
die Bedeutung von Symbolen haben. „Jede Anschauung, 
die ihnen neben dieser inneren Wirkung auf das religiöse 
(iefühl noch eine äufsere Wunderkraft beilegt, bedeutet einen 
Rückfall auf die primitive Stufe des Zauberglaubens und ar- 
beitet daher an der Entsittlichung der Religion," (S. 670.) 
Diese Erwägung findet insbesondere auch auf den Un- 
sterblichkeitsglauben Anwendung. Auch dieser „wird 
im selben Sinne wie alle religiösen Anschauungen zunächst 
nur als eine Vorstellungsform betrachtet werden dürfen, in 
welcher der Mensch die Idee des unvergänglichen Wertes der 
sittlichen flüter seinem flemüte nahe bringt; diese Idee 
schliefst aber die Überzeugung von der Unvergänglichkeit 
des Geistes in dem Sinne in sich, dass, weil der Gfeist 
selbst nur als unablässiges Werden und Schaffen zu denken 
ist, jede geistige Kraft ihren unvergänglichen Wert in dem 
Werdeprozess des Geistes behauptet". (S. 678.) Dagegen 
ist die Lehre von der persönlichen Fortdauer nach dem 
Tode, die übrigens mit dem substanziellen sowenig wie 
mit dem aktuellen Seelenbegriff vereinbar sei, da eine avis 
allen ihren Verbindungen gelöste einfache Seele der Be- 
dingungen entbehrt, auf denen die Erhaltung des Selbst- 
t)ewusstseins beruht, nach der Ansicht Wundts lediglich 
<'in Ausfluss des egoistischen Hedonismus: „denn nicht 
darum wird hier die l nvergänglichkeit des Geistes als eine 
persönliche Fortdauer gedacht, weil für uns nur in der 
Form des pers(>nlichen Wirkens ein geistiges Sein und 
Geschehen denkbar ist, sondern allein deshalb, weil man 
meint, dass nui- auf diesem Wege das unbegrenzte subjek- 
tive Glücksbedüi'fnis seine IJefriediguno- finde." (S. 672.) 



Neuntes Kapitel. 
Die Ethik. 

1. Die Crrun (Ilagen der Ethik. 

Es hat sich im vorigen Kapitel an verschiedenen 
Stellen gezeigt, dass die Gestaltung des metaphysischen 
und des religiösen Ideenkreises von sittlichen Forderungen 
und Idealen in bedeutsamer Weise mitbestimmt wird. Die 
Metaphysik weist somit auf die Ethik als ihre notwcndig-e 
Ergänzung- hin ; freilich werden wir sogleich sehen, dass 
die Ethik ihrerseits ohne Zuhülfenahme metaphysischer 
Voraussetzungen nicht durchgeführt werden kann, dass 
also das Abhängigkeitsverhältnis beider ein gegensei- 
tiges ist. 

Die eigentliche Kardinalfrage der Ethik ist die nach 
der Quelle der sittlichen Begriffe und Ideale ; je nach ihrer 
Beantwortung werden dann auch die Ansichten über den 
Sinn und die Giltigkeitsbedingungen der ethischen Urteile 
verschieden ausfallen. Hier liegen nun fast seit Beginn der 
wissenschaftlich-ethischen Reflexion die entgegengesetzten 
Systeme des Empirismus und des Apriorismus oder Intui- 
tionismus mit einander im Streite. Nach dem letzteren, das 
in der Neuzeit hauptsächlich durch Kant vertreten worden 
ist, bilden die allgemeinsten sittlichen Begriffe des Guten 
und Bösen, ganz ebenso wie die Kategorien, einen ursprüng- 
lichen Besitz unserer Verminft, die uns in dem kategorischen 
Imperativ, in der Stinune des Gewissens, eine unerschütter- 
liche, ein für allemal feststehende Norm aller sittlichen 
Beurteilung an die Hand giebt. Wenn der nachkantische 
deutsche Idealismus zwar den strengen Begriff' des kategori- 
schen Imperativs fallen liefs, so hielt doch auch er an dem 



190 Neuutes Kapitel 

allgemeinen Gedanken fest, dass das Sittliche eine besondere 
Form des Yernmiftgemäfsen sei. Dagegen lehrt der Em- 
pirismus, der besonders in England ausgebildet worden ist, 
dass die sittlichen Begriffe überall erst auf Grund gegebener 
Yerhältnisse entstanden und demgemäCs ihrem Inhalte nach 
so veränderlich sind, wie die menschlichen Lebensbedin- 
gungen selbst. Der Apriorismus entwickelt sich naturgemäss 
leicht zum Rigorismus, der ohne Rücksicht auf die Mannig- 
faltigkeit der äufsereu Yerhältnisse und der inneren Antriebe, 
unter denen der Mensch handelt, alles mit einem Mafse 
misst; dagegen artet der Empirismus leicht zu jenem sitt- 
lichen Relativismus oder Skeptizismus aus, der irgend ein 
objektiv giltiges sittliches Wertmafs überhaupt nicht an- 
erkennt. 

Der Standpunkt Wundts hält auch in der vorliegenden 
Frage die ^Utte zwischen den Extremen. Der Apriorismus 
wird von ihm verworfen, weil die Erfahrung die Yeränder- 
lichkeit der sittlichen Begriffe zu deutlich zeige, und weil 
es psychologisch unmöglich sei, dass der Mensch durch 
ein „reines'", von allen Gefühlsmotiven unabhängiges Pflicht- 
gebot in seinen Handlungen bestimmt werde. (S. 494.) 
Aber auch der Empirismus findet keine unbedingte Billi- 
gung, weil er den inneren Zusammenhang zwischen den 
äufserlich so abweichenden Erscheinungsformen des sitt- 
lichen Bewusstseins, die fortschreitende Entwickelung der 
sittlichen Anschauungen in der Menschheit übersieht, die 
uns nötigt auf ein Ziel zu schliefsen , dem diese ganze 
Bewegung zustrebt. Die Sittengebote sind also weder als 
Bestandteile einer in sich selbst ruhenden sittlichen Gesetz- 
gebung aufzufassen, die in starrer [Tnveränderlichkeit ewig 
weiter besteht, während sonst in allem geistigen Leben 
unablässige \'eränderung herrscht, noch auch als zufällige 
Produkte wechselnder Umstände, sondern als gesetzmäfsige 
Erzeugnisse der universellen geistigen Entwickelung, von 
welcher der o:eschichtliche Werdegang der Menschheit nur 
einen Teil bildet. Der Kntwickelungsgedanke bildet dem- 



1. Die Grundlagen der Ethik 191 

nach auch in der Ethik unseres Philosophen das leitende 
Prinzip, ja man darf wohl vermuten, dass er für das 
ethische Grebiet zuerst konzipiert und von da aus erst in 
die Metaphysik übertrafen worden ist. 

Die evolutionistisehe Crrundanschauung- bestimmt ins- 
besondere auch die Methode der Ethik. AYie wir 
mir durch Erfahrung von der Thatsächlichkeit einer sitt- 
lichen Entwickelung Kenntnis erlangen, so werden wir auch 
bei der Feststellung des Sinnes und Zieles dieser Ent- 
wickelung, also bei Aufsuchung der Prinzipien der Sittlich- 
keit von der Erfahrung auszugehen haben. Dass man die 
letztere ganz und gar ignorieren und die ethischen Prin- 
zipien unmittelbar aus der praktischen Yernunft schöpfen 
oder aus allgemeineren metaphysischen Sätzen deduzieren 
zu können glaubte, war der Fehler der spekulativen 
^lethode: ebenso falsch ist aber, nach AVundt, die empi- 
ristische Voraussetzung, dass jene Prinzipien durch blofse 
Beobachtung, sei es der objektiven Erscheinungsformen 
des sittlichen Lebens, sei es der subjektiven Bedingungen 
des sittlichen Handelns, aufgefunden werden kcinnen. Die 
objektive Methode führe notwendig dazu, dass man, 
„um nicht der erdrückenden Vielgestaltigkeit sittlicher 
Thatsachen zu erliegen", in einseitiger Weise nur irgend 
einen speziellen Kreis von Erscheinungen berücksichtigt; 
die subjektive, psychologische leide an dem Vorurteil, dass 
alle Aufserungen des sittlichen Lebens aus den Bedingungen 
des individuellen Bewusstseins zu begreifen sein sollen. 
Daraus gehe hervor, dass die Ethik der spekulativen Ver- 
arbeitung der Fjrfahrungsthatsachen nicht entraten könne. 
Empirie und Spekulation müssen sich also vereinigen; 
Sache der ersteren ist es, einen nuiglichst erscln'ipfenden 
Überblick über den Thatbestand des sittlichen Lebens zu 
schaffen, Sache der Spekulation ist es, „die Prinzipien zu 
li(^fern, von denen aus wir die Thatsachen der sittlichen 
Welt unserem Verständnis niiher bringen können". Es vcr- 
hcält sich eben im Gebiete der lOthik scdiliefslich ebenso, 



192 Neuntes Kapitel 

wie in dem der objektiven Naturerkenntnis; die Erfahrung 
kann zwar und wird überall auf gewisse Postulate hin- 
weisen, die unentbehrlich sind, um die Thatsachen im 
Zusammenhang zu begreifen, aber „da derartige Postulate 
nicht selbst Erfahrungsthatsachen sind, so können sie auch 
durch die empirische Methode nur vorbereitet, nicht 
wirklich entdeckt" und klar gestellt werden. 

Die planmässige Verknüpfung des empirischen und 
des spekulativen Verfahrens charakterisiert die Wundtsche 
Ethik in formaler Hinsicht und macht sich schon in der 
äufseren Anlage des umfangreichen Werkes bemerkbar. 
Etwa ein Drittel des Ganzen ist der Betrachtung der „That- 
sachen des sittlichen Lebens", d. h. der Vorstellungskreise 
und Daseinsformen, in denen sittliche Anschauungen mehr 
oder weniger deutlich zum Ausdruck kommen, gewidmet; 
ein zweiter Abschnitt verfolgt „die Entwickelung der sitt- 
lichen Weltanschauungen", die ja im weiteren Sinne auch 
noch ein thatsächliches Material für die ethische Forschung 
darstellen; im dritten endlich werden „die Prinzipien der 
Sittlichkeit" festgestellt und so die Grundlagen gewonnen 
für die Erörterung und Würdigung der „sittlichen Lebens- 
ffebiete", die den vierten und letzten Abschnitt ausfüllt. 

Auffällig könnte es erscheinen, dass psychologische Fragen^ 
wie die nach der sittlichen Bedeutung der Gefühle, nach dem 
Unterschiede der sinnlichen und der sittlichen Triebfedern 
des Willens, nach dem Wesen und den Bedingungen des 
sittlichen Gefallens und Missfallens, die von manchen Ethikern 
an die Spitze ihrer Untersuchungen gestellt werden, in der 
Darstellung Wundts nur einen untergeordneten Platz ein- 
nehmen. Aber Wundt hält es, wie schon hervorgehoben 
wurde, für einen verhängnisvollen Irrtum, anzunehmen, dass 
die ganze sittliche Welt aus den Bedingungen des indivi- 
duellen Bewusstseins vcrstä]idli(di sein müsse. Wie alle 
Aufserungen geistigen Thebens, so nnterliegen natürlich auch 
die sittlichen Thatsachen der psychologischen Beurteihuig 
und Erklärung, aber da diese Thatsachen ihrem Wesen 



1. Die Grimdlagen der Ethik 193 

nach über das subjektive Bewusstsein hin ausreichen, wofür 
schon die Existenz des Gewissens einen zureichenden Beweis 
liefert, so bilde nicht die Individual- sondern die Völker- 
psychologie die „Vorhalle zur Ethik". Demgemäfs sind 
denn auch die Untersuchungen des ersten Abschnitts grofsen- 
teils völkerpsyehologischer Art. Bei dem noch ganz unfer- 
tigen Zustande dieser Disziplin konnte natürlich an eine 
erschöpfende und abschliefsende Beantwortung der ein- 
schlägigen Fragen von vornherein nich,t gedacht werden 
und es sich wesentlich nur darum handeln, zu zeigen, wie 
die Ergebnisse der Völkerpsychologie im ethischen Interesse 
zu verwerten sind. Immerhin glaubt Wuudt aus dem vor- 
liegenden Material einige Schlüsse von allgemeinerer Be- 
deutung ziehen zu können. 

So findet er durch das Studium der Urbedeutungen 
und des Bedeutungswandels der in den verschiedenen 
Sprachen vorhandenen Ausdrücke für sittliche Begriffe die 
Annahme bestätigt, dass die sittlichen Ideen weder ein ur- 
sprüngliches Besitztum des menschlichen Geistes noch eine 
späte, auf einige Kulturvölker beschränkte Erfindung sind, 
sondern dass sie sich aus ursprünglich „gleichartigen 
Keimen" nach „übereinstimmenden Gesetzen" entwickelt 
haben. Er weist ferner nach, „dass das sittliche Gefühl, 
auf einer je früheren Stufe wir es antreffen, um so voll- 
ständiger mit dem religiösen in seinen Äusserungen zu- 
sammenfällt'' (E. 102), so dass es ebenso verfehlt sein 
würde, die Sittlichkeit aus der Religion wie diese aus 
jener abzuleiten. Alle Sittengebote haben ursprünglich 
den Charakter religiöser Vorschriften ; andererseits werden 
aber doch die Götter nach Al)zug der Zuthaten der mytho- 
logischen Phantasie entweder, wie im Ahnen- und Heroen- 
kultus, als ideale Vorbilder menschlichen Handelns, oder, 
wie in den meisten höheren Religionen, als Ixopriisentanten 
einer über die sinnliche Welt erhabeiuMi idealen Welt- 
ordnung gedacht. 

Ähnlich wie Sittlichkeit und KeligitMi hal)en auch Sitt- 

Könif?, W. VVuikU. 



■[94 Neuntes Kapitel 

lichkeit und Sitte eine gemeinsauie Wurzel. Die Gresanit- 
heitder in den primitiven Volks- oder Stamniesgemeiuschaften 
herrschenden Normen des willkürlichen Handelns hat sich 
überall erst naehträg-lieh in sittliche Gebote einerseits, 
Sitten- und Rechtsvorschriften anderseits gesondert, und 
dieselben Ursachen, die den Einzelnen veranlassen, sich 
den Vorschriften der Sitte unterzuordnen, liegen also ur- 
sprünglich auch dem sittlichen Verhalten zu Grunde. Wenn 
von Seiten darwinistischer Ethiker hierauf die Theorie ge- 
o-ründet worden ist, dass die sittlichen Ordnungen ebenso 
wie die Sitten als verfestigte Gewohnheiten des Handelns 
aufzufassen und der Hauptsache nach auf dieselbe Weise 
zu erklären seien wie die tierischen Instinkte, nämlich als 
Ergebnisse eines passiven Anpassungs- oder Auslesevorgangs, 
der diejenigen Verhaltungsweisen der Individuen begünstigt, 
die dem Bestände der Gemeinschaft förderlich sind, so ver- 
weist Wundt demgegenüber auf den tiefgreifenden Unter- 
schied zwischen Instinkt und Sitte. „Der Instinkt ist 
mechanisch gewordene, die Sitte generell gewordene Ge- 
wohnheit des Handelns", ihre Entwickelung setzt also ge- 
schichtliches Leben, „Verbindung des individuellen mit dem 
allgemeinen Denken" voraus, wovon bei den Tieren keine 
Rede ist. Er bestreitet aber weiter auch, dass das Schutz- 
bedürfnis, welches durch die Sitte in den meisten Fällen 
thatsächlich befriedigt wird, als die Ursache ihrer Ent- 
stehung anznsehen sei, und stellt statt dessen die Hypothese 
auf, „dass fast alle und insbesondere alle bedeutsameren 
Ijebensformen auf eine dem späteren Bewusstsein ent- 
schwindende religiöse Wurzel zurückführen" (E. 110), dass 
die Sitten im Ursprünge Kultushandlungen bedeuten. 

Wie weit dies im einzelnen zutrifft, werden erst die 
genaueren sittengesohiehtlichen l 'ntersuchungon entscheiden 
können, die dei' zweite Band der Viilkerpsychologie voraus- 
sichtlich l)iingen wird. In jedem Falle aber haben wir im 
Sinn«' unseres Autors Sitte und Sittlichkeit nicht als l'rodukte 
der äufseren l)aseinsl)edingungen, sondern als Wii'kungen 



1. Die Grundlagen der Ethik 195 

innerer, ^-eistiger Anlagen und Kräfte der nienschliohen 
Natur aufzufassen, unter denen die in jedem menschlichen 
Bewusstsein anzutreffenden Ehrfurchts- und Neigungs- 
gefühle die erste Stelle einnehmen. „Auf den ersteren 
beruht zunächst das religiöse, auf den letzteren das soziale 
Leben des Menschen. Beide Crrundtriebe aber treten dann 
in die mannigfaltigsten Verbindungen und gewinnen so 
einen sich wechselseitig verstärkenden Einfluss auf die von 
ihnen abhängigen Lebensgestaltungen." . (E. 264.) Neben 
diesen psychologischen Motiven kommt dann aber bei der 
Entwickelung von Sitte und Sittlichkeit noch ein allgemeines 
Clesetz des geistigen Lebens in Frage, das von Wundt als 
das „Gresetz der Heterogonie der Zwecke" be- 
zeichnet wird. 

Er versteht darunter „die allgemeine Erfahrung, dass 
in dem gesamten Umfange freier menschlicher Willens- 
handlungen die Bethätigungen des Willens inuner in der 
Weise erfolgen, dass die Effekte der Handlungen mehr 
oder weniger weit über die ursprünglichen Willensmotive 
hinausreichen, und dass hierdurch für künftige Handlungen 
neue Motive entstehen, die abermals neue Effekte hervor- 
bringen". (E. 266.) So hat, um die Sache an einem greif- 
baren Beispiele zu erläutern, das Yerkehrsbedürfnis der 
Neuzeit sich eine Summe von Hilfsmitteln geschaffen, deren 
Benutzung dann aber eine weit über den Eahnien des ur- 
sprünglich Beabsichtigten hinausgehende A^erän(hM"ung der 
Verkehrsverhältnisse zur Folge gehabt hat; und in analoger 
Weise vollzieht sich auch im Bereiche des geistigen und 
speziell des sittlichen Lebens die Entwickelung durchgehends 
in der Art, dass die Erfolge den Motiven vorauseilen, dass 
durch l)ereits vorhandene, aber ursprünglich anderen Zwecken 
dienende Formen des Handelns neue Lebenszwecke vor- 
bereitet werden. Das (Jesetz, welches, wie man sofort sieht, 
einen besonderen Anwendungsfall des allgemeineren Prin- 
zips der schöpferischen Synthese (vgl. S. 121) darstellt, er- 
klärt also einerseits die wachsende Mannigfaltigkeit der 

13* 



196 Neuutes Kapitel 

menschlichen Lebensformen, andererseits aber anch das Auf- 
steigen von niederen zu höheren Stufen der Sittlichkeit : 
„Achill, der aus Eache die Troer verfolgt, kämpft, ohne 
es selbst zu wollen, für die Seinen, indem er aber nicht 
um jenes selbstsüchtigen Motivs, sondern um der Hilfe 
willen, die er den gefährdeten Grenossen leistet, Ruhm und 
Ehre davonträgt, wird schon dem Kämpfenden dieser Zweck 
allmählich zum ]\Iotiv." 

Mehr als irgend eine andere Thatsache des sittlichen 
Lebens fordert nun aber das Gesetz der Heterogonie zu- 
gleich eine spekulative Ergänzung der ethischen Erfahrung. 
Die Inkongruenz zwischen Zweck und Motiv beweist, 
dass die geistig -sittliche Entwickelung nicht das Werk 
der Individuen ist; es entsteht also die Frage, welche 
metaphysischen Voraussetzungen in Bezug auf das Ver- 
hältnis des individuellen Wollens zum Gesamtgeschehen 
gemacht werden müssen, wenn dieser Sachverhalt begreiflich 
sein soll, und es ergiebt sich weiter die Aufgabe, die 
nicht im Bewusstsein der Einzelnen enthaltenen objek- 
tiven sittlichen Zwecke zu bestimmen. Für die 
Lösung des ersten dieser beiden Probleme sind natürlich 
die Ergebnisse der allgemeinen Metaphysik mafsgebend, 
auf die die Ethik sich hier zu stützen hat. Die Hetero- 
gonie der Zwecke bleibt rätselhaft, wenn der Individualis- 
mus Eecht hat, der nur den Individuen Realität zugesteht, 
denn für diesen „giebt es keinen geistigen Zusammenhang, 
kein allgemeines geistiges Leben und keine allgemeinen 
geistigen Zwecke aufser solchen, die vielen zufällig zu- 
sammenlebenden Individuen gemeinsam sind". (Fj. 455.) Sie 
wird verständlich, wenn wir die oben entwickelte univer- 
salistische Auffassung des Geistigen annehmen, nach der 
das individuelle Seelenleben überall und ursprünglich 
Bestandteil eines umfassenden geistigen Geschehens ist, 
aus dem es nicht losgelöst gedacht werden kann, ohne 
seine Realität vollständig einzubüfsen ; denn dann ist es 
denkbar, dass im geistigen Gesamtleben 'rviel)kräfte, Fnt- 



1. Die Gruudlageu der Ethik 197 

wickekiugstendenzea wirksam sind, die über die Sphäre 
des Einzelbewusstseins und des Individuahvillens hinaus- 

" Die Stellungnahme in dieser Frage ist aber nicht blofs 
von theoretischer, sondern auch von praktischer Bedeutung. 
Denn wenn dem Einzelnen die absolute Selbständigkeit einer 
metaphysischen Substanz abgeht, so können auch die Ideale 
und Zwecke des individuellen Strebens an sich nur einen 
relativen Wert haben, un.l es ergiebt sich die Forderung, 
die Ziele des Einzelwillens in Harmonie zu bringen mit 
denen des universellen Entwickelungsprozesses, an dem alle 
Einzelnen teilnehmen. Die Ethik als System sittlicher 
Normen ordnet sich somit ganz und gar der Metaphysik 
unter. Hiergegen erhebt sich nun aber sofort ein Be- 
denken, das schwer genug erscheint, um auch die zu 
arunde liegende Voraussetzung zu erschüttern. Entbehrt 
das Individuum der metaphysischen Selbständigkeit, ist es 
nur Glied und ( )rgan des Gesamtgeistes, muss es dann nicht 
jederzeit ganz von selbst das thun, was ihm nach Mafsgabe 
seiner Stellung im Ganzen zu thun zukommt, und ist es 
also nicht ebenso überflüssig als thöricht ihm besondere 
Normen seines Verhaltens vorzuschreiben? Es ist gar nicht 
einzusehen, was die Ethik neben der Metaphysik noch für 
eine Aufgabe haben soll, wenn die Begriffe des „Sollens" 
und des "„Seins- sich decken. In der That geht denn auch 
bei Hegel" dem kühnsten Vertreter des universalistischen Ge- 
dankens, die Ethik vollständig in der Geschichtsphilosophie 
auf. Der gesunde Menschenverstand wird sich freilich stets 
legen eine derartige Verflüchtigung des Begriffes der sub- 
jektiven Moralität sträuben, und er wird dabei anschcMuend 
von der Erfahrung selbst unterstützt. Nichts hindert ja den 
Einzelnen sich ein Ziel zu setzen, welches er will; wenn 
wir in irgend etwas frei sind, so sind wir es sicher m der 
Entscheidung für dieses oder jenes Lebensideal, und die 
Vereinbarkeit oder Unvereinbarkeit dieses Ideals mit einem 
möglicherweise bestehenden Weltzwecke wird zwar mafs- 



198 Neuutes Kapitel 

o-ebeiul sein für seine Erreichbarkeit oder Unerreichbarkeit^ 
nicht aber für unsere Schätzung- desselben. 

Dem ersten dieser Einwände begegnet Wundt durch 
den Hinweis, dass die Einheit der Individuen eine werdende^ 
nicht aber eine tirsprünglich bestehende ist. Dem Indi- 
yidualwillen steht ^der Gresamtwille nicht als ein einziger 
und unteilbarer, sondern als eine Stufenordnung einheit- 
licher Willeusnuichte gegenüber". Schöpft nun atich das 
individtielle Bewusstsein zunächst „ganz und gar aus dem 
Schatze der ihm von aussen zugeführten, ihm mit seiner 
Umgebung gemeinsamen Ideen", so verarbeitet es diese 
doch allmählich selbständig, „und es entwickeln sich in 
ihm Willensinipulse, die zwar in der allgemeinen Willens- 
richtung vorgebildet, nicht aber zureichend zusammen- 
gefasst sind, um als aktuelle Kräfte wirksam zu wer- 
den". So beruhen „Familie, (remeinde, Berufsverbandy 
Schule, Bildung'ss'emeinschaft und Staat auf einer Wechsel- 
Wirkung von Individual- und Gesamtwillen", wobei die In- 
dividualwillen vermöge der ihnen zukonmienden Eigenschaft 
„energischer und selbstbewusster Konzentration" schliesslich 
„die ursprüngliche schöpferische Kraft des Geistes" reprä- 
sentieren. (E. 460 f.) Fällt aber dem Individualwillen 
überall in dem Entwickelungsgange des universellen Geistes 
die Initiative zu, so hat es auch einen Sinn, Normen für 
die individuelle Willensthätigkeit aufzustellen, und die 
Ethik bleibt neben der Methaphysik bestehen. Somit handelt 
es sich nur noch um die Frage, was uns veranlassen kann, 
die universellen Zwecke auch zu unseren individuellen 
Zwecken zu machen ; hier ist aber vor allen Dingen erst 
einmal festzustellen, welches jene universellen oder ob- 
jektiven sittlichen Zwecke sind. 



2. Die sittlichen Zwecke. 
Sowohl die Aussagen des natürlichen Bewusstseins als 
die Lehren der philosophischen Moralsysteme gehen in 



2. Die sittlichen Zwecke 199 

Bezug- auf dieseu Puukt weit auseinander. Die autori- 
tativen Systeme lehnen eine Rechenschaft über den Zweck 
des sittlichen Handelns, die zug-leich eine Beg-ründung- der 
Sittengesetze bedeuten würde, überhaupt ab : das Sitten- 
gesetz muss befolgt werden, weil es durch eine höhere 
Autorität, sei diese eine äussere (Gott), oder eine innere 
(die praktische Vernunft) gegeben ist. Die teleologischen 
Systeme, welche eine derartige Begründung versuchen, 
scheiden sich nach Wundt wieder in eu da monistische 
und evolutionistische, je nachdem' angenommen wird, 
dass das sittliche Handeln „auf die Verwirklichung un- 
mittelbar zu realisierender Güter" ausgehe, oder dass ,,das 
individuelle Handeln den integrierenden Bestandteil einer 
sittlichen Eutwickelung bilde", und dass also „nicht der 
unmittelbare Effekt der Handlung, sondern das Endziel 
jener Eutwickelung der eigentliche oder mindestens der 
letzte Zweck jeder einzelnen sittlichen That sei". (E. 409.) 
Da auch die autoritativen Systeme thatsächlich alle 
in mehr oder minder ausgesprochener AVeise eine teleo- 
logische Rechtfertigung der sittlichen Xormen anstreben, 
so handelt es sich im Grunde nur um die Entscheidung 
zwischen Eudämonismus und Evolutionismus. Von diesen 
beiden ist der Eudämonismus sowohl in der gewöhnlichen 
Lebensanschauung wie in der wissenschaftlichen Ethik zu 
allen Zeiten vorherrschend gewesen. Klingt es nicht ganz 
selbstverständlich, dass alles menschliche Streben das Glüclv 
in der einen oder anderen Form zum Endziele hat? Zur 
wissenschaftlichen Begründung dieser Lehre wird dann in 
der Regel noch die Psychologie herangezogen, welche 
zeige, dass der menschliche Wille gar nicht anders kiinne, 
als stets die Tjust zu suchen und die Unlust zu vermeiden, 
ihre Hauptstütze aber hat sie in der individualistischen 
Auffassung des geistigen Lebens, die nur individu(>ll»' 
Zwecke kennt und alle Dinge ausschliefslicb danacit be- 
wertet, ob sie dorn Einzeldasein fiirderlicb sind o(Um' nicht. 
Die roheste Form des Eudämonismus, ih'i- l'goisiiius kann 



200 Neuntes Kapitel 

allerding-s als ethischer Staiulpiinkt kaum in Frag-e 
kommen, denn wer sein eig'enes Ich in den Mittelpunkt 
der Welt stellt und als einzig- niafsgebende Rücksicht nur 
die auf das Selbst^yohl gelten lässt, der leug-net im Grunde 
die Existenz sittlicher Normen des menschlichen Handelns. 
Um so verbreiteter ist in der Gegenwart der universelle 
Eudämonismus oder Utilitarismus, der das gröfstmögliche 
Glück möglichst Vieler als sittlichen Endzweck hinstellt. 
Aber dieser hebt entweder, wie Wundt durch seine treffende 
Kritik nachweist, sich selbst auf, oder er führt zum indi- 
viduellen Eudämonismus (Egoismus) zurück. „Jedes Indi- 
viduum ist ja in Bezug auf seine Fähigkeit, Glück und 
Schmerz zu empfinden, eine Wiederholung des andern. 
Worin aber soll nun der besondere Wert dieser Wieder- 
holung der nämlichen Lustempfindung in möglichst vielen 
von einander getrennten Individuen bestehen?" (E. 428.) 
Entweder also hat das individuelle Glück an sich einen 
absoluten Wert, dann kommt natürlich für jeden zunächst 
sein eigenes in Betracht, oder es hat keinen, dann wird 
dies auch bei noch so vielfacher Wiederholung nicht 
anders. Ebenso unhaltbar erweist sich aber bei näherer 
Prüfung der individuelle Evolutionismus, die Lehre 
von der Selbstvervollkommnung oder der harmonischen Aus- 
bildung der eigenen Persönlichkeit; denn „die Selbstver- 
vollkommnung ist an sich kein ethisches Prinzip", sondern 
ein rein formaler Begriff', der einen bestimmten Inhalt erst 
gewinnt, wenn der individuellen Ausbildung ein bestimmtes 
Ziel gesteckt wird. Somit bleibt als einzig möglicher 
Standpunkt nur der universelle Evolutionismus übrig, 
der den letzten Zweck überhaui)t nicht im Bereiche des 
vergänglichen Einzeldaseins, sondern in dem geistigen 
Gesamtleben sucht. „Mag das Einzeldasein noch so reich 
beglückt und vollkommen sein, es ist ein Tropfen im 
Meer(i des Lebens. Was können sein Glück und sein 
Schmerz für die Welt bedeuten?" (E. 500.) Wahrhaft 
wertvoll sind allein die objektiven geistigen Schöpf- 



2. Die sittlichen Zwecke 201 

ung-eii, „an denen zwar das Einzelbewusstsein teilnimmt, 
deren Zweckobjekt aber nicht der Einzelne selbst, sondern 
der allgemeine Geist der Menschheit ist", der gemäfs dem 
Prinzip der fortschreitenden Zunahme der geistigen 
Energiesumme zu immer reicherer Bethätigung sich ent- 
wickelt. Zwar wird es inuner „nur einer verschwindenden 
Zahl bevorzugter Sterblicher vergönnt sein, unmittelbar 
nach allgemein humanen Zwecken zu streben und sie zu 
erreichen, aber in der Form indirekter Zwecksetzungen 
verschiedener Ordnung ist es für jeden, selbst den 
Niedrigsten möglich". (E. 502.) 

Der einzelnen sittlichen Persönlichkeit bleibt also ihre 
Bedeutung vollständig gewahrt, und es wird zugleich ein 
objektives Kriterium für die sittliche Beurteilung des indi- 
viduellen Thuns gewonnen. Nicht darin besteht hiernach 
die individuelle Sittlichkeit, dass wir das eigene Interesse 
dem fremden hintenansetzen, sondern darin, dass wir es 
den allgemeinen Zwecken der menschlichen Gemeinschaft 
unterordnen, wie umgekehrt die „Auflehnung des Individual- 
Avillens gegen den Gesamtwillen" das "Wesen der Unsittlich- 
keit ausmacht. Sittlich ist also nicht, wie die Anhcänger 
des Utilitarismus zumeist annehmen, die uneigennützige 
(„altruistische") Handlung als solche, sondern nur insofern, 
„als die altruistische Richtung des Handelns eine extensivere 
Wirkung des sittlichen Willens möglich macht, die den ge- 
meinschaftlichen sozialen und humanen Zwecken zu gute 
kommt", und als ferner „jedes unegoistische Handeln eine 
{ -harakterprobe ist, an der wir den allgemeinen Wert der in- 
dividuellen Persönlichkeit messen''. (E. 41)S.) 

In ihrer Anwendung auf die besonderen A^erliältnisse 
des individuellen und sozialen Lebens zeigt luitürlich die 
Wundtsche Ethik, wie in dem letzten Abschnitte hervor- 
tritt, mannigfache Berührungspunkte mit dem Utilitarismus. 
Beiden gilt ja das Gesamtwobl im allgemeinen Sinn(» des 
Wortes als sittlicher Endzweck, sie legen also auf die sozial- 
ethischen Eonlci-ungen das Hauptgewicht, während die antike 



202 Neuntes Kapitel 

wie auch die christliche Ethik nur Pflichten des Einzehien 
gegen sich selbst und gegen den Nächsten kennen; aber 
dabei besteht doch der grosse Unterschied, dass im Sinne 
des Utilitarismus das Gesamtwohl nur eine Summe vieler 
Einzelwohlfahrten, bei Wundt dagegegen etwas über den 
Einzelwohlfahrten Stehendes ist. Wonach bemisst sich, so 
fragt Wundt mit Rücksicht hierauf, unser sittliches Urteil 
über Menschen und Völker, die einer längst entschwundenen 
Vergangenheit angehören ? „Nicht nach dem Glück, das sie 
selbst genossen, auch nicht nach dem Glück, das sie ihren 
Zeitgenossen verschafft, sondern allein nach dem, was sie 
für die gesamte Entwickelung der Menschheit in alle Zukunft 
hinaus geleistet haben." (E. 501.) Alles endliche Dasein 
ist vergänglich ; solange man daher das Glück des Einzelnen 
als Endzweck ansieht, habe man eher Grund mit dem Pessi- 
mismus das ewige A^ergessen, die Vernichtung alles Seins, 
die zugleich eine Erlösung von dem Schmerz bedeutet, als 
das Wünschenswerte aufzufassen. Zur freudigen positiven 
Thätigkeit können wir nur gelangen, wenn wir eine Er- 
gänzung der endlichen Beschränktheit nicht in der Form 
der subjektiven Glücksgefühle sondern in Gestalt objektiver 
geistiger Werte suchen, „die aus dem gemeinsamen Geistes- 
leben der Menschheit hervorgehen, um dann wieder auf das 
Ein zelleben veredelnd einzuwirken, nicht damit sie sich hier 
in eine objektiv wertlose Summe von Einzelglück verlieren, 
sondern damit aus der schöpferischen Kraft individuellen 
Geisteslebens neue objektive Werte von noch reicherem 
Inhalte entstehen." (E. 501.) 

Stellt sich Wundt mit diesen Ansichten zu der herr- 
schenden individualistischen und utilitaristischen Richtung 
des ethischen Denkens in einen scharfen Gegensatz, so 
nähert er sich auf der andern Seite, wie er selbst in der 
Vorrede betont, in i)emerken8werter Weise der Ethik des 
auf Kant gefolgten spekulativen Idealismus. Die Ueber- 
cinstimmung der theorethischen Anschauungen über das 
Wesen des Geistigen liefs ja diese Annäherung von vorn- 



2. Die sittlichen Zwecke 203 

herein erwarten, aber man kann deswegen doch nicht sagen, 
dass sie sich aus dem theoretischen Gebiet auf das ethische 
einfach übertragen habe ; vielmehr liegt die Sache so, dass 
die ethische Reflexion auf eigenen Wegen zu denselben 
Ergebnissen gelangt wie die theoretische Spekulation und 
diese so bestätigt. Das Einzige, was wir ohne ^\ iderspruch 
als Selbstzweck denken können, ist das universelle geistige 
Leben in seiner fortschreitenden Entwickelung, hierauf müssen 
also alle anderen untergeordneten mensctlichen Zwecke be- 
zogen werden. Im besonderen ergiebt sich aus diesem 
Grundsätze, dass die verschiedenen Formen menschlicher 
Gemeinschaft nicht als A^eranstaltungen zur Förderung des 
Wohles der Individuen sondern als Mittel zur Erreichung 
des letzten Zweckes, somit den Individuen gegenüber als 
Selbstzweck zu betrachten sind, denn alle geistige Ent- 
wickelung zielt hin auf die Zusammenfassung der vielen 
Einzelwillen zu immer höheren Formen des Gesamtwillens. 
Damit geht nun freilich der Ethik der Yorteil ver- 
loren, dass dem individuellen Streben ein greifbares und 
bekanntes Ziel gewiesen werden kann, denn die Pmt- 
wickelung des geistigen Lebens geht ihrer Natur nach ins 
Unendliche, wir können uns keinen Zustand denken, in 
dem dieselbe zum definitiven Abschluss käme, und die kos- 
mologische Bedingtheit des geistigen Lebens der Mensch- 
heit beweist, dass dieses selbst nur einen Bestandteil eines 
umfassenderen Entwickelungsprozesses bildet (vgl. S. 185). 
Aber das wirkliche Leben in seinen empirisch gegebenen 
Gestaltungen lässt doch wu'nigstens Annäherungen an ein 
ideales Ziel erkennen und trägt insofern ,,die Bürgschaft 
einer wirklichen Ilnvergänglichkeit seiner h'tzten ethischen 
Zwecke in sich''. (E. 500.) Es ist also keine Gefahr 
vorhanden, dass für den idealistischen Evolutionismiis die 
sittlichen Zw^ecke und damit auch die sittlichen Normen 
schliesslich ins Nebelhafte verschwiuunen. aber allerdings 
kann auf diesem Standpunkte nicht daran gedacht werden, 
die Moral in Gestalt einer Summe positiver Vorscdiriften 



204 Neuutes Kapitel 

ein für allemal zu kodifizieren. Das „eigenste Wesen des 
Sittlichen ist unaufhörliches, nie rastendes Streben", eine 
einmal erreichte sittliche Stufe kann niemals als blei- 
bender Zweck betrachtet werden, wenn wir auch not- 
wendig darauf angewiesen sind, die nächsten sittlichen 
Zwecke nach Mafsgabe der jeweilig erreichten Entwicke- 
luno-sstufe zu bestimmen. 



3. Die sittlichen Motive. 

Ebenso verschieden wie die Frage nach den sittlichen 
Zwecken wird von den Systematikern auch die nach den 
Beweggründen beantwortet, die den Menschen zum sitt- 
lichen Handeln bestimmen. Nach der Lehre des ethischen 
Apriorismus ist mit den Sittengeboten auch der Antrieb 
zu ihrer Befolgung in der ,, Vernunft" gegeben; der 
Imperativ der Pflicht und die sinnlichen Neigungen werden 
hier als durchaus heterogene und meistens einander ent- 
gegengesetzte Willensmotive angesehen. Die empiristischen 
Ethiker berufen sich entweder auf eine (egoistische) Über- 
legnng, welche den Einzelnen zu der Einsicht führen soll, 
dass das sittliche Verhalten zugleich für ihn selbst das vorteil- 
hafteste ist, oder sie nehmen an, dass neben den egoistischen 
auch altruistische (re fühle und Triebe dem Menschen ur- 
sprünglich innewohnen und ihn zu uneigennützigen Hand- 
lungen bestimmen. 

Auch Wundt stellt sich auf den Standpunkt der Ge- 
fühlsethik, insofern er entschieden betont, dass jeder Willens- 
akt unmittelbar aus Gefühlen hervorgeht; ,,der Mensch 
handelt nicht das eine Mal nach unmittelbarem Gefühl, ein 
anderes Mal nach Reflexion, sondern innner nach Ge- 
fühlen". (E. 510.) Er erkennt ferner an, dass es zwei 
(irundgefühle sind, die sich als sittliche Motive in uns be- 
thätigen, das Selbstgefühl und das Mitgefühl, aber, und 
hierin weicht er von der gewcihnlichen Ansicht ab, er ninmit 
eine Stufenordnung der Motive an je nach den Vorstel- 



3. Die sittlichen Motive 205 

luncren, an welche die betreffenden Gefühle geknüpft sind. 
und" lässt in diesem Sinn den Unterschied zwischen snm- 
lichen und Verstandes- bezw. Yernunftmotiven gelten. Heine 
Theorie stellt sieh hiernach als ein Yermittelungsversueh 
zwischen den extremen Formen der reinen Vernunft- und 
der reinen Gefühlsmoral dar, die sich beide bei näherer 
Prüfung als unhaltbar erweisen. Denn wenn die erste es 
nicht zu erklären vermag, wie die Vernunft es anfängt, die 
Herrschaft über den ursprünglich durch smnhche Trieb- 
federn bestimmten Willen zu gewinnen, so erscheint auf 
dem Standpunkte der Gefühlsmoral der Fortschritt von 
altruistischen Triebhandlungen zum bewussten sittbchen 
Thun die Ausbildung überzeugter und selbstbewusster sitt- 
licher Charaktere, die sich nicht von den einander wider- 
streitenden egoistischen und altruistischen Trieben nach 
Zufall bald hierhin, bald dahin drängen lassen, sondern die 
Triebe beherrschen, ganz unbegreiflich. Diese Schwierig- 
keit entspringt aber doch im Grunde wieder nur aus der 
individualistischen Isolierung der einzelnen Subjekte, welche 
auch das Mitgefühl als einen lediglich subjektiven Affekt 
erscheinen lässt, der, obwohl er im einzelnen Falle uneigen- 
nützige Handlungen zur Folge hat, doch das Individuum 
nicht wahrhaft über sich selbst hinausführt; sie verschwindet, 
sobald man mit Wundt annimmt, dass der IndividualwiUe 
von vornherein und seiner Natur nach zugleich Element 
eines Gesamtwillens ist, in dem die Zwecke des Ganzen 
als Motive wirksam sind. 

Das Mitgefühl steht also nach AVundt mit den 
egoistischen Gefühlen nicht auf einer Linie, sondeTn es 
hat, wenn man so sagen darf, eine metaphysische Wurzel, 
insofern sich in ihm „die unmittelbare Einheit des eigenen 
Ich mit dem fremden^' ausdrückt. „Der Lebensretter, der 
mit eio-ener Gefahr ein fremdes Kind den Flammen ent- 
rcMfst "sieht vielleicht im Augenblicke der That nichts vor 
sieh' als den unmittelbaren, ganz sein Hewusstse.n 
fesselnd.M, Findruck. Zum Inhalt dieser Vorstellung steht 



206 Neuntes Kapitel 

der Affekt, der ihn zur Handlung- fortreifst, in gar keinem 
Verhältnis. Jedes Einsetzen der eigenen für die fremde 
Persönlichkeit ist nur begreiflich aus einem Gefühl un- 
mittelbarer Einheit des eigenen Ich mit dem anderen, 
welches im entscheidenden Moment die rettende That ebenso 
unmittelbar erzwingt, als handelte es sich um das eigene 
Leben/ (S. 519.) Nun braucht aber dieses Einheitsbe- 
wusstsein nicht auf der Stufe des Gefühls stehen zu bleiben, 
sondern es kann sich zu klarer Einsicht entwickeln, und 
in dem Mafse als dies geschieht, verwandelt sich das 
instinktartige sittliche Handeln in ein freies und bewusstes, 
an Stelle der triebartig wirkenden „Wahrnehmungsmotive" 
treten „Verstands- und Vernunftmotive". Indes könnte doch 
diese ganze Entwickelung nicht stattfinden, wenn nicht 
auch die Wahrnehmungsmotive „vermöge der Anticipati- 
onen des Gefühls'* bis zu einem gewissen Grade schon 
Vernunftmotive wären, d. h. wenn in ihnen nicht bereits 
r,der unmittelbare Zusammenhang der Einzelhandlungen 
mit der Unendlichkeit der sittlichen Welt" als eigentlicher 
Bestimmungsgrund wirksam wäre. ,,Denn die Maxime, 
dass jeder seinem eigenen Interesse dient, wenn er das 
(lesamtwohl fördert, ist als allgemeingültige Formel von 
zweifelhafter Wahrheit und als Gefühlsmotiv beinahe un- 
brauchbar. Mindestens kann sie als letzteres erst zur 
Geltung kommen, nachdem die Unterordnung des Einzel- 
Avillens unter den Gesamtwillen eingetreten ist und 
Wirkungen geäufsert hat, auf die jene empirische Maxime 
sich gründen lässt.'* (S. 520.) Umgekehrt wirken aber 
auch die Vernunftmotive immer nur in Gestalt von Ge- 
fühlen auf den Willen. „Da die letzteren aber weder in 
der unmittelbaren Wahrnehmung noch in der Reflexion 
über die nächsten empirisch erreichbaren Zwecke, sondern 
in der \'oraussetzung idealer Zwecke ihre Quelle haben, 
so ktinricii wir sie als Idealgefühle bezeichnen. Schon auf 
»h'ii fiiihesten Stufen sittlicher Entwickelung verrät sich 
ihre Existenz, denn sie sind an jene religiösen Vorstell- 



3. Die sittlichen Motive 207 

ung;en gebunden, die der wirklichen eine ideale Welt 
g-eg-enüberstellen." (S. 521.) 

Die oben aufgeworfene Frage, was das Individuum 
veranlassen kann, den objektiven Weltzweck auch zu 
seinem subjektiven Zweck zu machen, erledigt sich somit 
jetzt dahin, dass es dazu eines besonderen Willensaktes 
oder Entschlusses gar nicht bedarf. Denn jener Zweck 
ist von vornherein auch im individuellen Wollen wirksam 
und gewinnt mit der fortschreitenden Entwickelung des 
Bewusstseins immer mehr Macht, weil der Wille nur die 
Wahl hat, sich selbst zu negieren, oder sich mit Bewusst- 
sein imd Absicht in den Dienst des gemeinsamen Greistes- 
lebens der Menschheit zu stellen, in dem er sich einge- 
schlossen findet. 



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Frommanns Klassiker der Philosophie. 

Herausgegeben von 

Prof. Dr. Richard Falckenbei'g in Erlangen. 

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jeder Band nur M. 2. — brosch., M. 2.50 gebd. 

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sätze Ton bleibendem Werte aus der Feder der Professoren Fr. Paulsen, Max Weber, 
H. Herkner, Theobald Ziegler, Alois Riehl, von Pfarrer Fr. Naumann, 
KarlJentsch, Chr. Schrempf und anderen hcrvorrng^cnden Mitarbeitern. 



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Schriften von Christoph Schrempf: 
Drei Religiöse Reden. 76 s. Brosch. M. 1.20. 
NatürUches Christeutum. 

Vier neue religiöse Reden. 112 S. Brosch. M. 1.50. 

Ueber die Verkündigung des Evangeliums an d. neue Zeit. 

40 S. Brosch. M. —.60. ' 

Zur Pfarrersfrage. 52 S. Brosch. M. -.80. 
An die Studenten der Theologie zu Tübingen. 

Noch ein Wort zur Pfarrersfrage. 
30 S. Brosch. M. —.50. 

Eine Nottaufe. 56 s. Brosch. m. —.75. 
Toleranz. 

Rede geh. in der Berl. Gesellschaft für Eth. Kultur. 
32 S. Brosch. M. —.50. 

Zur Theorie des Geisteskampfes. 

56 S. Brosch. M. —.80. 
Obige 8 Schriften Chr. Schrempf s kosten anstatt M. 6.65, wenn 
gleichzeitig bezogen, nur M. 3. — . 

Menschenloos. 

Hiob » Ödipus » Jesus * Homo sum . . 
152 5. Brosch. M. 1.80. Geb. M. 2.60. 

Martin Luther 

aus dem Christlichen ins Menschliche übersetzt. 

188 S. Brosch. M. 2.50. Geb. M. 3.50. 



Das moderne Drama der Franzosen 

in seinen Hauptvertretern. 

Mit zahlreichen Textproben aus hervorragenden Werken von Augier, 
Dumas, Sardou und Pailleron. 

Von Prof. Dr. Joseph Sarrazin. 

2. Aufl. 325 S. Brosch. M. 2.— . Geb. M. 3.—. 



Fr. Frommanns Verlag (E. Hauff) in Stuttgart. 



Schiller iu seinen Dramen. 

Von Carl Weitbrecht, Prof. a. d. techn. Hochschule Stuttgart. 
314 S. Brosch. M. 3.60. Eleg. geb. M. 4.50. 

Ein bedeutendes and schönes Buch zugleich, getragen von jenem sittlichen Pathos, 
das allein Schillers Person und Lebenswerk gerecht zu werden vermag und dabei In seiner 
Darstellungsweise darauf angelegt, dem Leser einen wirklichen ästhetischen Genuas zu be- 
reiten. (Dtsche. Litteraturztg.) 

Diesseits Ton Weimar. 

Auch ein Buch über Goethe. 

Von Carl Weitbrecht, Prof. a, d. techn. Hochschule Stuttgart. 

320 S. Brosch. M. 3.60. Eleg. geb. M 4.50. 

Ein köstliches Buch , das man von Anfang bis Ende mit immer gleichbleibendem 
Vergnügen liegt. Der Titel will sagen, dass es sich hier um den jungen Goethe handelt 
vor seiner üebersiedelung nach Weimar. (Pädagog. Jahresbericht.) 

Schwarmgeister. 

Tragödie. 
Von Carl Weitbrecht. 

125 S. Brosch. M. 1.80. 



Das Frommannsche Haus und seine Freunde. 

Von F. J. Frommann. 

3. Ausgabe. 191 S. Brosch. M. 8.—. 



Goethes Charakter. 

Eine Seelenschilderung 
von Robert Saitschick. 

150 S. Brosch. M. 1.80. 

I. Lebenskämpfe, n. Eigenart. III. Welt und Seele. 

Wir zählen Saitschioks Schrift zn den wertvollsten Essays, die über Goethe g»> 
schrieben wurden. (Beil. z. Allg. Ztg.) 



Versuch über die Ungleichheit der Menschenracen. 

Vom Grafen Gobineau. 

Deutsche Ausgabe von Ludwig Schemann. 

Erster Band .S24 S. Brosch. M. 3.50. Geb. M. 4.50. 

Zweiter Band 388 S. Brosch. M. 4.20. Geb. M. 5.20. 

Dritter Band 440 S. Brosch. M. 4.80. Geb. M. 5.80. 

Vierter Band 424 S. Brosch. M. 4.50. Geb. M. 5.50. 

Gobineau hat stolz und gross es auegesprochen, er habe zuerst die wirkliche noch 
unerkannte Basis der Geschichte aufgedeckt. Schwerlich möchte er sich mit seinem 
Glauben überhoben haben I . . . Der „Nationalitäten"-, d. h. eben der Kacen-Qedaiike durch- 
zieht das moderne Völkerlebcn heute mehr denn je, und keiner kann sich mehr der Em- 
pflndung erwehren, dass alle modernen Nationen vor eine Entscheidung, eine Prüfung ge- 
stellt Hind, was sie al'< Nationen — d. b, eben nach ihrer Racen-Änlage, ihren Mischungs- 
bestandteilen, dem Ergebnisse ihrer Racenmischungen — wert seien, inwieweit sie dunkel 
geahnten, vlelleiobt mit Vemichtong drohenden Stürmen der Zukunft gewachsen sein werden. 



Fr. Frommanns Verlag (E. Häuft) in Stuttgart. 

Handbuch der natürlich-menschlichen 

Sittenlehre 

für Eltern und Erzieher. 
Von Direktor Dr. A. Döring. 

431 S. Brosch. M. 4,—. Eleg. geb. M. 5.—. 

I. Der Stoff des ethischen Unterrichts. 1. Der Inhalt der aittlichen Fordernnp 
2. Das Zustandekommen des SIttUchen. U. Die dem ethüchen Unterrichte voran^ehendp 
sittliche Erziehung. " 



Herbart, Pestalozzi 

und die heutigen Aufgaben der Erziehungslehre. 

Von Prof. Dr. P. Natorp in 'Marburg. 

157 S. Brosch. M. 1.80. 

I. Herbarts allgemeine Bedeutung. II. Herbarts Ethik. III. Herbarts Psycho 
logie. Einteilung seiner Pä-Iagogik. „Regierung». IV. „Unterricht" i.nd Zucht"- Er 
ziehender Unterricht». V. Das Zeitalter Pestalozzis. VI. Allgemeine Grundlagen "der 
Erziehungslehre Pestalozzis. VII. Pestalozzis Qrundansicht über die soziale Bedinetheit 
der Erziehung. Die „Abendstunde". VIH. Ethik und Sozialphilosophie nach den Nach 
forschungen". Religion. " 

Sozialpädagogik. 

Theorie der "Willenserziehung auf der Grundlage 

der Gemeinschaft. 

Von Prof. Dr. P. Natorp in Marburg. 

360 S. Brosch. M. 6.—. 

I. Fundamentalphilosophische Voraussetzungen. U. Grundlinien individualer und 
sozialer Ethik. IIL Organisation nnd Methode der Willenserziehnng. 



Rodbertus. 

Von Karl Jentsch. 

259 S. Preis brosch. M. 3.—. Eleg. gebd. M. 3.80. 

I. Lebensgeschichte. II. Die Lehre. 1. Antike Staatswirtschaft. 2 Die Volks- 
Wirtschaft der Gegenwart. 3. Die Staatswirtschaft der Zukunft. III. Die Bedeulnn- des 
Mannes, " 

P. J. Proudhon. 

I-eben und Werke. 
Von Dr. Arthur Mülberger. 

248 S. Brosch. M. 2.80. Eleg. geb. M. 3.60. 

.oKo ,0«°®' '^'''"'"- 1809-1848. IL Der Kämpfer. 1848-1852. III. Der Denker. 

Gnt nnd Geld. 

Volkswirtschaftliche Studien eines Praktikers. 

Von Gustav Müller. (Ncw-York). 

292 S. Brosch. M. 2.40. Eleg. geb. M. 3.20. 

V»rhr.„n•^,^^'■v^?!''''*?"\• "\?^' Kapital. III. Der produktive und der unproduktive 
Verbrauch. IV. Der Lohn. V. Der Gewinn. VI. Die Rente. VII. Der Wert VIII Das 
Geld. IX. Die Produktivität der Nationen. X. Der Welthandel XI Frelhaude 1 und 
ZoUechntz. XII. Die Krlsis. XUI. Die Grenzen des Reichtums ^'- *"'^'"»<'''' '^°<' 



Fr. Frommanns Verlag (E. Häuft) in Stuttgart. 



Politiker und Nationalökonomen. 

Eine Sammlung biographischer System- und Charakterschilderungen 

herausgegeben von 

G. Schmoller und O, Hintze 

Professoren an der Universität Berlin. 

I. Machiayelli 

von 

Richard Fester 

Professor an der Universität Erlangen. 

214 S. Brosch. M. 2.50; Geb. M. 3.—. 
Plan und Mitarbeiter des Unternehmens. 

Eine neue Durchforschung und eine aus dem lebendigen Geist 
moderner Weltauffassung und Wissenschaft entspringende Würdigung 
der politischen und sozialen Systeme, die im Laufe der letzten vier Jahr- 
hunderte die denkenden Köpfe und das Leben der Völker beherrscht 
haben, ist eine heute vielfach empfundene Aufgabe. Zur Lösung der- 
selben erschien die Form der Biographie die geeignetste. 

Hervorragende Gelehrte und Schriftsteller haben sich zu mono- 
graphischen Darstellungen grosser Politiker und Nationalökonomen ver- 
einigt. Es wurde dabei der schriftstellerischen Individualität, der 
Neigung der einzelnen Forscher volle Freiheit gewährt, in der Auswahl 
wie in der Behandlung der Gegenstände. 

Die Sammlung will nicht einseitigen, wissenschaftlichen oder 
politisch-sozialen Parteiidealen dienen. 

Als Leser denken wir uns nicht bloss und nicht in erster Linie 
Fachgelehrte, sondern gebildete Männer und Frauen aus allen Lebens- 
kreisen, vor allem auch Studierende aller Fakultäten. Die Sammlung 
will einerseits dazu beitragen, die Wissenschaft vom Staats- und Ge- 
sellschaftsleben zu fördern; sie will aber andererseits auch dem prak- 
tischen Bedürfnis dienen, die politische und soziale Bildung unserer 
Nation zu klären und zu vertiefen. 

Ihre Mitarbeit bei diesem Unternehmen haben bisher zugesagt oder 
doch in Aussicht gestellt: 



Prof. Dr. V. Bezold in Bonn 
Dr. Gaupp in London 
Prof. Dr. Gothein in Bonn 
Prof. Dr. Grünberg in Wien 
Prof. Dr. Ilashaeh in Kiel 
Prof. Dr. lUntze in Berlin 
Prof. Dr. Marcks in Leipzig 
Prof. Dr. Oldenberg in Marburg 
Prof. Dr. Fribram in Wien 
Prof. Dr. Eathgen in Marburg 
H. Rippler in Berlin 
Prof. Dr. Schäfer in Heidelberg 
Prof. Dr. Schmoller in Berlin 
Prof. Dr. Waentig in Greifswald 
Darstellungen von Cavour, Roon, Moltke, Lassalle, Fr. List und 
andern grossen Staatsmännern und Natioualökonomeu werden folgen. 



für Bodinus. 
Gladstone. 
Vico. 
Turgot. 
Adam Smith. 
Friedrich d. Gr. 
Dahlmann. 
K. Marx. 
Cromv/ell. 
Niebuhr. 
Bismarck. 
Treitschke. 
Friedr. Wilhelm I. 
St. Simon. 



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